Im vorigen Beitrag („Wie Siemens zu seiner Halbleiterforschung kam“) ging es um die Pretzfelder Halbleitergruppe der frühen 1950er Jahre. Ihr Leiter Eberhard Spenke sicherte das Labor, indem er für Siemens einen Weg fand, der zum Konzern passte: Silizium für die Leistungselektronik, ein Feld, auf dem die Amerikaner keinen uneinholbaren Vorsprung hatten und auf dem der Konzern Kunden kannte. Dieser Beitrag fragt, was drei Jahrzehnte später aus der Halbleiterkompetenz des Hauses wurde, und er beginnt mit einem Satz, der aus dem Siemens der 1980er Jahre stammt und bis heute stimmt.

Der damalige Vorstandsvorsitzende Karlheinz Kaske betonte, so berichtete die Computerwoche, das eigentliche Ziel des Konzerns sei nicht die Produktion von Speicherbausteinen. Wichtiger sei es, die Submikron-Strukturen zu beherrschen, damit Siemens in den 1990er Jahren zunehmend Logikbausteine für den Markt und für die eigenen Produkte und Systeme herstellen könne. Das war ein richtiger Riecher. Die Fähigkeit, immer kleinere Strukturen zuverlässig zu fertigen, entschied in den folgenden Jahrzehnten darüber, wer bei Prozessoren und anderen Logikchips mithalten konnte. Und sie ist genau die Fähigkeit, die dem Konzern heute fehlt.

Die These dieses Beitrags, vorläufig formuliert: Kaskes Ziel war richtig, sein Lehrstoff war es nicht. Das Speicherchipgeschäft sollte etwas vermitteln, das es nicht vermitteln konnte, weil der Lehrstoff selbst die Mittel verzehrte, die das Lernen hätten tragen sollen.


Der Aufholversuch von 1984

Wer die Lage Mitte der 1980er verstehen will, muss sehen, dass Siemens nicht von einer Spitzenposition aus startete. Im November 1984 eröffnete der österreichische Bundeskanzler in Villach die damals modernste Halbleiterfabrik des Konzerns. Der Rückblick von Infineon Austria nennt das den Startschuss für das große Aufholrennen: Villach sollte im Verbund mit München und einer neuen Fabrik in Regensburg zur Speicherhauptstadt Europas werden. Intern hieß das Vorhaben „Projekt Mega“. Es war eingebettet in das Megaprojekt von Siemens und Philips, das 1984 mit Unterstützung der niederländischen und der westdeutschen Regierung aufgelegt wurde. Ziel war, den Rückstand gegenüber den amerikanischen und japanischen Wettbewerbern zu verringern.

Die Zahlen für Regensburg zeigen die Größenordnung. Die Computerwoche nannte 1,7 Milliarden Mark Investitionen, 800 Millionen Mark für Forschung und Entwicklung und 240 Millionen Mark staatliche Subvention, Beträge für ein einziges Projekt. Zugleich schrieb sie nach Insiderinformationen, dass Siemens im Speichermarkt schon lange vor dem Regensburger Start keine Kostendeckung mehr erreicht habe, und dass IBM weiter sei: Sie baue bereits die zweite Generation von Megabit-Chips in ihre Großrechner ein. Das Milliardenprojekt, hieß es weiter, werde keinen Profit abwerfen, sondern diene nur dem Einstieg in eine neue Technik für Logikchips.

Das ist der Kern der Konstruktion. Die Speicherfabrik war als Schule gedacht. Sie sollte Sauberkeit, Ausbeute und Strukturfeinheit lehren, und die Früchte sollten später in Logikchips für Siemens-Systeme fließen. Ein Lehrstoff, der dauerhaft unterhalb der Kosten verkauft wird, ist aber teuer, und seine Kosten sind nicht die des Lernens, sondern die des Marktes.

Die Kette der Partner

Wie wenig sich dieser Markt beeinflussen ließ, zeigt die Folge von Partnerschaften. Tech Monitor fasste unter Berufung auf einen Bericht des Wall Street Journal zusammen: 1984 die Partnerschaft mit Philips, 1986 eine zweite, um aufzuholen, 1990 eine dritte, 1991 eine weitere, und in den ganzen Jahren Verluste im Speichergeschäft. Das Einstiegswissen für den Megabit-Chip stammte aus einer Lizenz des japanischen Konzerns Toshiba. Für den 16- und 64-Megabit-Chip arbeitete Siemens mit IBM zusammen, die Fertigung der 16-Megabit-Bausteine lief ab Ende 1991 im IBM-Werk Corbeil-Essonnes bei Paris an. 1992 kam Toshiba in die gemeinsame Entwicklung des 256-Megabit-Chips im IBM-Werk East Fishkill im US-Bundesstaat New York dazu. Ein im Bericht zitierter Analyst, der die Strategie grundsätzlich stützte, bemerkte, es sehe so aus, als werfe man gutes Geld schlechtem hinterher.

Man kann das als geschickte Risikoverteilung lesen. Man kann es auch als Zeichen sehen, dass Siemens an der Entwicklungsfront nicht mehr …