Der Siemens-Rechner 2002 fand erst einen Käufer, als die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihn mit Mitteln aus dem Verteidigungsetat bestellte; später zahlte der Bund für Datenverarbeitung bis zu die Hälfte der Projektkosten. Die Forschung entstand dort, wo ein Abnehmer gesichert oder vom Staat vorfinanziert war. Der zweite Anlauf über Nixdorf im PC-Geschäft zeigt, dass das allein nicht erklärt, was folgte: Wo die Architektur bei Intel und Microsoft lag, half auch ein Abnehmer kaum noch. Ob sich daraus ein Muster ergibt, ist vorläufig offen.
Wer heute über Siemens und Computer spricht, denkt an Software, Automatisierung, Industrieprogramme. Dass der Konzern bis in die 1990er Jahre selbst Rechner baute und verkaufte, erst als eigene Sparte, dann über Siemens Nixdorf und zuletzt über das Gemeinschaftsunternehmen mit Fujitsu, ist im Konzernbild von heute kaum noch präsent. Es lohnt, die Anfänge dieses Geschäfts in den 1950er und 1960er Jahren noch einmal genau anzusehen, denn sie zeigen, unter welchen Bedingungen bei Siemens Forschung zu Geschäft wurde. Das Material dafür liefert das achte Kapitel von Michael Eckerts und Maria Osietzkis Buch Wissenschaft für Macht und Markt. Kernforschung und Mikroelektronik in der Bundesrepublik Deutschland, das den ersten volltransistorisierten Siemens-Rechner, den „2002″, und seine Förderung nachzeichnet.
Ein Dienstposten für ein neues Feld
Im März 1954 beschloss die Konzernleitung von Siemens & Halske, das Gebiet der Nachrichtenverarbeitung „intensiv zu bearbeiten“. Die Begründung war defensiv: Wer das Feld vernachlässige, so die Sorge, riskiere, dass neue Firmen der Datenverarbeitung ins angestammte Gebiet der Nachrichtenübertragung eindringen. Im Juni 1954 richtete das Zentrallaboratorium dafür eine Dienststelle mit der Bezeichnung ZL 66 ein. Zugleich knüpfte man Kontakte zur Technischen Hochschule München, wo Hans Piloty, Professor für Nachrichtentechnik, und sein Sohn Robert einen eigenen Rechner bauten, die „Programmgesteuerte Elektronische Rechenanlage München“, kurz PERM. Siemens band Hans und Robert Piloty vertraglich an sich und holte sich damit Wissen, das im Haus noch fehlte.
Entscheidend war der Wechsel vom Elektronenrohr zum Transistor. Wer Rechner mit Röhren gebaut hatte, besaß dort einen Erfahrungsvorsprung, und dieser Vorsprung verlor an Wert. „Der Transistor schafft Chancengleichheit“, heißt es in einer zeitgenössischen Einschätzung, die das Buch zitiert. Für Siemens kam hinzu, dass Bauelemente und Schaltungsverfahren der Übertragungstechnik und der neuen Datenverarbeitung sich glichen. Der Rechner war für das Haus also kein Fremdkörper, sondern eine Verlängerung der Nachrichtentechnik mit neuen Mitteln.
Ein Rechner ohne Käufer
Der erste Transistorrechner, ein „Klein-Rechner“ aus dem Herbst 1955, fand keinen Markt. Er lief ab September 1956 im Labor und diente anderthalb Jahre als Testgerät für die eingesetzten Transistoren. Bis März 1957 hatte Siemens keinen einzigen Auftrag für einen Elektronenrechner verbucht, obwohl Gespräche mit Interessenten wie der Bundesbahn und dem Deutschen Wetterdienst geführt worden waren.
Der Auftrag kam aus einer anderen Richtung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft, legte 1956 eine Sonderaktion für Großgeräte auf, weil die Hochschulen nach der ersten Welle amerikanischer Elektronenrechner Bedarf anmeldeten. Gespeist wurde die Aktion aus Sondermitteln des Bundes. Die Gesamtförderung der DFG stieg dadurch von 26 auf 56,4 Millionen DM, und die Mittel stammten aus dem Etat des neu gegründeten Verteidigungsministeriums. Aus der Sicht der Hochschulen war der Großgeräteantrag Wissenschaftsförderung, aus der Sicht des Staates auch Industriepolitik: Die Autoren beschreiben die DFG hier als Instrument einer Technologiepolitik, die an einer nationalen Selbstversorgung mit Rechenanlagen interessiert war. Im März 1957 erteilte die DFG Siemens den Auftrag für drei Rechner, die den Namen „2002″ bekamen.
Das Verteidigungsministerium trat bei Siemens damals nur als Geldquelle im Hintergrund auf. Zum nennenswerten Mittelempfänger und Auftragnehmer des Ministeriums wurde der Konzern nach Angabe der Autoren erst in den späten 1960er Jahren.
Der Kunde, der ausblieb – und die Kunden, die blieben
Siemens gewann damit einen Einstieg, aber keinen Markt. 1961 verlor der Konzern den Wettlauf um die Technische Hochschule München. Die DFG-Kommission, so wurde einem Siemens-Vertreter mitgeteilt, sehe unter den vier Münchner Interessenten keinen, der für den Siemens-Vorschlag eintrete. Dabei hatte Siemens 40 Prozent Nachlass auf den Listenpreis geboten eine laufende Modernisierung der Anlage und die kostenlose Einweisung des Personals zugesagt. Der Auftrag ging an Telefunken, dessen jüngeres Gerät TR 4 dem 2002 technisch überlegen war. Bayerische Ministerien hatten zuvor versucht, den Auftrag zu Siemens zu lenken, doch die Entscheidung lag allein bei der DFG-Kommission.
Geblieben waren die „Pionierkunden“ an anderen Hochschulen, darunter Aachen und Berlin. Die Vertriebsabteilung hatte schon 1958 die Anweisung, die Institute systematisch anzusprechen, und die Hochschulen dienten zugleich als Schaufenster: Als der 2002 an das Aachener Rechenzentrum übergeben wurde, erschien dazu ein Zeitungs…
