Ein Institut, das 1943 mitten im Krieg gegründet wurde, um die wirtschaftliche „Neuordnung“ besetzter Gebiete wissenschaftlich zu untermauern, gilt heute als eines der angesehensten Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands. Zwischen beiden Zuständen liegt keine Zäsur, sondern eine sehr lange Kette kleiner Anpassungen – personell wie methodisch. Die 75-jährige Geschichte des RWI zeigt, wie viel Kontinuität sich hinter dem Anspruch verbirgt, unabhängige, evidenzbasierte Wirtschaftsforschung zu betreiben.
Wenn wissenschaftliche Institutionen ihre Jubiläen feiern, entstehen in der Regel wohlwollende Rückblicke. Dass das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sich zu seinem 75-jährigen Bestehen 2018 eine unabhängig verfasste, auch unbequeme Passagen nicht aussparende Institutsgeschichte in Auftrag gab, ist bereits bemerkenswert. Bemerkenswerter ist, was diese Geschichte freilegt: Ein Institut, dessen Gründung untrennbar mit der nationalsozialistischen Expansionspolitik verwoben war, entwickelte sich über Jahrzehnte hinweg – ohne klaren Bruch, dafür mit beträchtlicher personeller Kontinuität – zu einer Einrichtung, die heute nach internationalen wissenschaftlichen Standards forscht.
Vom Konjunkturbeobachter zum Kriegsinstrument
Die Vorgeschichte beginnt harmlos: 1926 richtete das Berliner Institut für Konjunkturforschung (der Vorläufer des heutigen DIW) unter Ernst Wagemann eine Außenstelle in Essen ein, die „Abteilung Westen“. Getragen von der Ruhrindustrie, sollte sie Konjunkturschwankungen im bedeutendsten Industrierevier des Landes systematisch erfassen. Ein regionaler Beobachtungsposten, wie ihn viele Industrieregionen dieser Zeit einrichteten.
Mit dem Übergang zur nationalsozialistischen Lenkungswirtschaft verlor diese Beobachtungsfunktion ihren Gegenstand: Wo der Staat den Konjunkturzyklus außer Kraft setzt, gibt es nichts mehr zu prognostizieren. An die Stelle der Konjunkturforschung trat Raum- und Strukturforschung – und 1943, mitten im Krieg, die formale Verselbständigung als Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung. Diese Gründung war kein Verwaltungsakt am Rande, sondern eingebettet in die nationalsozialistische Großraumideologie: Das Institut sollte die wirtschaftliche „Neuordnung“ der besetzten Westgebiete – Niederlande, Belgien, Nordfrankreich – wissenschaftlich vorbereiten. Es lieferte Gutachten zur Versorgung des Ruhrgebiets durch niederländische Landwirtschaft und zum Einsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Arbeitern. Die Institutsleitung war entsprechend integriert: Wagemann NSDAP-Mitglied seit 1933, sein Essener Statthalter Walther Däbritz seit 1937, Wagemann selbst 1944 von Göring zum Bevollmächtigten für empirische Wirtschaftsforschung im Reichsforschungsrat ernannt.
Es fällt schwer, diesen Befund zu relativieren, und die Institutsgeschichte tut das auch nicht: Die empirische Wirtschaftsforschung des RWI war, direkt oder indirekt, integraler Bestandteil des NS-Herrschaftssystems und der Kriegswirtschaft.
Der schleichende statt abrupte Bruch
Was danach kommt, überrascht vielleicht mehr als die NS-Verstrickung selbst: Es gibt 1945 keinen radikalen personellen Neuanfang. Wagemann verliert zwar seine Berliner Position, bleibt aber formell bis 1947 RWI-Präsident, entzieht sich der Entnazifizierung zunächst durch Umzug, wird 1948 als „entlastet“ eingestuft – auch weil ihm seine internationale Reputation und die Beschäftigung von Widerstandskämpfern im Institut zugutegehalten werden – und wandert nach Chile aus, bevor er später zurückkehrt. Däbritz wird 1945 entlassen, aber bereits 1947 als geschäftsführender Direktor reaktiviert und bleibt bis 1955 die zentrale Figur des Instituts. Rolf Wagenführ, der während des Kriegs die Planstatistik leitete, wechselt in Besatzungszonen-Behörden und steigt später zum Generaldirektor des heutigen Eurostat auf.
Dieses Muster – Entlassung, Entnazifizierungsverfahren, Wiedereinstieg in verantwortlicher Position – war in westdeutschen Institutionen der Nachkriegszeit keine Seltenheit. Für die Wissenschaftsgeschichte der empirischen Wirtschaftsforschung bedeutet es aber etwas Konkretes: Die methodischen und organisatorischen Routinen, die im NS-Institut entwickelt wurden, gingen nicht verloren, sondern wurden von denselben Personen in die Nachkriegsforschung übertragen. Ob sich daraus ein allgemeines Muster für die Kontinuität wirtschaftswissenschaftlicher Institutionen in Westdeutschland ableiten lässt, bleibt anhand eines einzelnen Falls freilich eine vorläufig korroborierte, keine verifizierte These.
Von der Deskription zur Kausalanalyse
Die methodische Entwicklung des Instituts liest sich fast wie ein Zeitraffer der deutschen empirischen Wirtschaftsforschung insgesamt. Unmittelbar nach 1945 herrscht Kontinuität zur deskriptiv-historischen Tradition: Statistik sammeln, aufbereiten, der Wirtschaftspraxis vor Ort zur Orientierung bereitstellen – zeitweise trug das Institut sogar das Adjektiv „praktisch“ im Namen. Eine ausgeprägte Theorieorientierung fehlt in dieser Phase weitgehend, was weniger ein RWI-spezifisches als ein gesamtdeutsches Defizit der Nachkriegs-Volkswirtschaftslehre war.
Das ändert sich erst mit Wilhelm Bauer Anfang der 1950er Jahre, der moderne, aus den USA importierte Theoriekonzepte – Nachfrageelastizitäten, volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – ins Institut trägt. Ab 1954 folgt die Erprobung der Input-Output-Rechnung nach Leontief. In den 1960er bis 1980er Jahren wird die Methodik zunehmend mathematisiert: ökonometrische Verbrauchsforschung, eigene Konjunktur- und Strukturmodelle, organisatorische Trennung in Konjunktur- und Strukturabteilung.
Den eigentlichen Bruch mit den überkommenen Routinen markiert erst die Ära Christoph M. Schmidt ab 2002: Der Fokus verschiebt sich von der Beschreibung von Sachverhalten zur Analyse von Kausalitäten, insbesondere zur Wirkung politischer Interventionen. Die Publikationspraxis wird von hauseigenen Reihen auf internationale, referierte Fachzeitschriften umgestellt, die Forschung mikroökonomisch fundiert. Zwischen der deskriptiven Nachkriegsforschung und der heutigen Programmevaluation liegen damit nicht wenige Jahre, sondern ein halbes Jahrhundert schrittweiser Anpassung.
Der nächste Bruch: 2026
Die im Buch beschriebene Ära endet, formal betrachtet, ein zweites Mal nach 2018 – diesmal nicht durch Krieg oder Zusammenbruch, sondern durch einen geordneten Wechsel in ein höheres Amt derselben Wissenschaftsorganisation. Christoph M. Schmidt, seit 2002 Präsident und Architekt des methodischen Bruchs hin zur kausalitätsbasierten Politikevaluation, wurde im Dezember 2025 zum Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft gewählt und übergab das RWI-Präsidentenamt zum 30. Juni 2026 – nach 24 Jahren. Bemerkenswert ist, dass die Institutswebsite zum jetzigen Zeitpunkt keinen Nachfolger im Präsidentenamt ausweist: Schmidt firmiert als „ehemaliger Präsident“, die operative Führung liegt bei Vizepräsident Thomas K. Bauer, dem administrativen Vorstand Stefan Rumpf und dem seit 2024 amtierenden erweiterten Vorstandsmitglied Kerstin Schneider.
Anders als die Brüche von 1943 und 1945 ist dieser Übergang kein politisch erzwungener, sondern ein selbstgewählter, lange vorbereiteter Karriereschritt – und doch schließt er, mit einer Zeile aus „Hotel California“, die Schmidt selbst bei seiner internen Verabschiedung zitierte, ein Kapitel, das die längste und methodisch prägendste Amtszeit der Institutsgeschichte war. Ob und wie das RWI diese Zäsur an der Spitze künftig selbst in seine eigene Geschichtsschreibung einordnet, bleibt abzuwarten.
Was daraus folgt
Die RWI-Geschichte eignet sich schlecht für eine einfache Erzählung – weder für die triumphale „Vom Saulus zum Paulus“-Variante noch für die pauschale Belastungserzählung, die jede spätere Leistung unter Kontinuitätsverdacht stellt. Interessanter als beide Extreme ist der Befund selbst: Institutionen, die heute als Garanten evidenzbasierter Politikberatung auftreten, tragen ihre Vorgeschichte nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als graduell überschriebene Schicht mit sich. Wer die methodische Autorität solcher Institute beurteilen will, kommt an dieser Schichtung nicht vorbei – unabhängig davon, wie weit der heutige Forschungsstand von den Anfängen entfernt scheint. Der jüngste Führungswechsel 2026 zeigt zudem, dass sich diese Schichtung nicht auf die NS- und Nachkriegszeit beschränkt: Auch scheinbar reibungslose institutionelle Übergänge hinterlassen Spuren, deren Einordnung erst mit zeitlichem Abstand gelingt.
Ralf Keuper
Quellen:
- Pierenkemper, Toni; Fremdling, Rainer: Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Deutschland. 75 Jahre RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. 1943–2018, De Gruyter Oldenbourg, 2018 (Open Access): https://doi.org/10.1515/9783110570557
- Adamski, Jens: Rezension zu Pierenkemper/Fremdling, in: H-Soz-Kult, 23.05.2019: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27655
