Mit Open Source Software zu mehr Sprunginnovationen?

Von Ralf Keuper

Deutschland fehlt es, so der Chef der Agentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna, an Innovationen mit dem Potenzial neue Branchen entstehen zu lassen, wie seinerzeit das Auto. Eine große Chance für die nächste Sprunginnovation aus Deutschland, so Laguna, der auch Chef der Open-Xchange AG ist, bietet Open Source Software. Eine vertrauenswürdige Datenökonomie sei nur mit offenen Systemen möglich – wie mit Open Source Software (Vgl. dazu: Expertengespräch. Im Zeichen der Datensouveränität).

Ist Open Source Software tatsächlich so entscheidend?

Jedenfalls legen einige Beiträge, die in letzter Zeit veröffentlicht wurden, diese Vermutung nahe:

Allerdings, so Adrian Bridgewater in The Impact Of The Tech Giants On Open Source hätten die großen Technologiekonzerne wie IBM, Microsoft und Google auch hier eine dominante Rolle übernommen. Microsoft übernahm Github, IBM verleibte sich Red Hat ein. Die Öffnung von Google & Co. der OS-Community gegenüber kommt auch daher, dass die Unternehmen so den Kontakt zu einer großen Zahl fähiger Softwareentwickler herstellen und diese an sich binden wollen. Das Engagement von BigTech im Open Source sehen Insider nicht nur kritisch. Von den Projekten Bootstrap (twitter) und Presto (facebook) hätte die ganze Community profitiert. Gleiches gelte für Kubernetes von Google.

Indes, nicht alle teilen die Begeisterung für Open Source Software. Die Stadt München, die vor Jahren spektakulär von MS auf Linux wechselte, will nun wieder MS einsetzen (Vgl. dazu: LiMux: München gibt Open-Source-Projekt auf). Die Gründe sind vielfältiger Art, jedoch ist Linux in Sachen Benutzerfreundlichkeit nicht jedermanns Sache. Auch mit der viel gelobten demokratischen Praxis bei Linux sei es nicht so weit her (Vgl. dazu: Woran ist Limux in München gescheitert?). Überdies werden die Kosten für Wartung und Weiterentwicklung sowie für die Einführung von OS-Applikationen deutlich unterschätzt. Der ehemalige Münchener OB Chrisitan Ude, hält die Entscheidung, von Linux auf MS zu wechseln, dagegen für falsch (Vgl. dazu: “Es gab bei Limux keine unlösbaren Probleme”). Abzuwarten bleibt, ob CERN mit seiner Entscheidung, von MS auf OS zu wechseln, glücklich wird.

Dass es durchaus unterschiedliche Ansichten über die Vorzüge von OSS gibt und warum die Vertreter der Freien Software sich davon distanzieren, schildert Richard Stallman in dem Beitrag Warum „Open Source“ das Ziel Freie Software verfehlt. Zweifel an an der Zuverlässigkeit von OSS wurden u.a. im Rahmen des Heartbeat-Bugs öffentlich. Probleme bereitet das Free-Rider – Phänomen (Vgl. dazu: The Internet Was Built on the Free Labor of Open Source Developers. Is That Sustainable?). Die eigentliche Profiteure sind alte Bekannte:

Google, Microsoft, Amazon, IBM, Facebook, TenCent, Baidu, Red Hat, and Intel employees are the most active open source contributors by a large margin. Each of these companies is for-profit and brings in tens of billions of dollars in revenue each year from products that are based on open source code … The question raised by independent developers, however, is not whether major tech companies are contributing to open source. Rather, it is whether these companies are contributing enough, and whether these contributions are going to the right projects.

Weitere Kritik übt der Beitrag 5 Reasons Why Open Source DAM Software is Bad (and why you deserve better).

Die OS-Community tendiert, wie eigentlich alle Gemeinschaften mit einer besonderen Mission, zu einer geschlossenen Weltsicht, wovon ich mich selber vor einiger Zeit überzeugen konnte (Vgl. dazu: Ein offener Standard für dezentrale digitale Identitäten: Bericht vom ID4me Summit). Die Blockchain-Technologie löste zu dem Zeitpunkt unter den meisten Anwesenden Kopfschütteln aus. Das bedeutet nicht, dass OSS einiges zum besseren Management Digitaler Identitäten beitragen kann. Mit Blick auf die Diskussion um Selbstverwaltete Digitale Identitäten besteht hier allerdings noch ein Graben, wenngleich die Blockchain in gewisser Weise selber in die Kategorie OSS fällt.

Kurzum: OSS ist gewiss ein wichtiges Element für die Entwicklung möglichst sicherer und souveräner IT-Systeme. Der größte Erfolg in dem Bereich aus Deutschland ist jedoch SAP – und das ist klassisch proprietär. Seitdem ist kein vergleichbares Softwareunternehmen hierzulande entstanden. Eine Verkürzung der Diskussion auf OSS bzw. auf die OSS-Philosophie wird dem Problem mangelnder Innovationen in Deutschland bei weitem nicht gerecht. OSS ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil – es ist bereits in die Marktreife eingetreten, große Technologiekonzerne geben den Takt vor – das hat mit Souveränität nicht allzu viel zu tun. Wenn OSS tatsächlich so innovativ ist, dann müssten die ersten Sprunginnovationen Made In Germany schon längst das Licht der Welt erblickt haben.

Warum sollte es jetzt anders sein?

Zuerst erschienen auf Identity Economy

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Der Blockchain-Faktor. Wie die Blockchain unsere Gesellschaft verändern wird

Von Ralf Keuper

Das Potenzial der Blockchain-Technologie in all ihren Facetten darzustellen, ohne dabei den Boden der Realität zu verlassen, ist ein gewagtes Unterfangen, das, wie die Vergangenheit allzu oft gezeigt hat, selten gelingt. Wenn die Thematik allerdings von mehreren fachlich versierten Betrachtern unabhängig voneinander beleuchtet wird, dann steigt die Erfolgsaussicht. So auch in dem Buch Der Blockchain-Faktor. Wie die Blockchain unsere Gesellschaft verändern wird, herausgegeben von Philipp Sandner, Andranik Tumasjan und Isabell Welpe.

Zuallererst stellt sich die grundsätzliche Frage, ob eine Technologie alleine ausreicht, um die Gesellschaft zu verändern. Die Geschichte liefert zahlreiche Beispiele für Erfindungen, die ihrer Zeit zu weit voraus waren. Am besten stehen die Chancen dann, wenn eine Technologie eine Antwort auf gesellschaftliche Umbrüche ist. Was das betrifft, so Horst Treiblmaier in seinem Beitrag Die Auswirkungen der Blockchain auf Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, bringt die Blockchain-Technologie alle wesentliche Erfolgsmerkmale mit sich, da sie das Internet um einen wesentlichen Faktor ergänzt – vom Transfer von Daten (Internet of Information) hin zum Transfer von Werten (Internet of Value). Anders als Informationen dürfen Werte nicht kopierbar und beliebig reproduzierbar sein. Ein Weg, die Nicht-Reproduzierbarkeit der Werte auf der Blockchain zu sichern, besteht in sog. Tokens. Nur wenn die Rechtssicherheit bei der Übertragung von Werten auf der Blockchain gegeben ist, ergibt das Internet der Werte einen Sinn. Die Übertragung der analogen in die digitale Welt kann nach Ansicht von Thomas Dünser in Das liechtensteinische Blockchain-Gesetz: Rechtliche Grundlagen für die Token-Ökonomie nur über die Rechte gelingen. Folglich muss es möglich sein, das Eigentum an einem Auto unter Verwendung eines Tokens übergehen zu lassen, der dieses Recht repräsentiert.

Maschinenökonomie

Wenn Tokens dafür sorgen, dass Rechte an materiellen und immateriellen Vermögenswerten verifiziert werden können, dann lässt sich dieses Prinzip auf nahezu alle Bereiche der Wirtschaft anwenden. Am vielversprechendsten ist die sog. Maschinenökonomie. Maschinen, deren Rechte und Identitäten eindeutig belegbar sind, sind in der Lage, selbständig Aufträge auszuführen und zu initiieren. So kann eine Maschine ein andere für deren Leistung bezahlen (M2M-Payments). Sebastian Gajek und Kerstin Eichmann bringen in Daten sind das neue Gold – Wenn IoT auf Blockchain trifft dazu einige Beispiele. Die derzeitigen Zahlungssysteme sind für die Ausführung von Mircopayments im Cent-Bereich nicht geeignet. Die nötige offene Payment-Infrastruktur könnte aus einer Zusammenarbeit von Großunternehmen und Fintech-Startups entstehen. Maschinen könnten ein eigenes Bankkonto bzw. eine eigene Wallet bekommen. Die Kreditwürdigkeit der Maschine würde u.a. anhand der Bilanz bewertet. Jedes Gerät erhält eine eindeutige Identität. Smart Contracts übernehmen die Transaktionsabwicklung.

Dezentralisierung des Finanzsektors

Die Banken setzen bei der Zahlungsabwicklung Standards ein, die, wie SWIFT und SEPA, den Anforderungen an Überweisungen in Echtzeit nicht gerecht werden. Überdies handelt es sich um proprietäre Standards, die von Banken für andere Banken entwickelt wurden, so Peter Grosskopf in Wie Blockchain und Zentralisierung den Finanzsektor verändern werden. Durch den Einsatz von Blockchain-Wallets könnten Echtzeitzahlungen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg Realität werden. Schon heute können Protokolle wie Ripple bis zu 1.500 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Auch in einer dezentralen Welt bleibt der Bedarf an Verwahrungsstellen digitaler Werte bestehen. Dezentralsierung bedeutet nicht P2P; sie ist durchaus mit der Entstehung von Hubs vereinbar. Banken könnten solche Hubs sein, z.B. für die Bereitstellung von Hardware Wallets und Security Devices.

Kryptowährungen

Der Hype um Bitcoin hat sich zwar nicht ganz erledigt, jedoch nähern sich die Erwartungen zunehmend den Erfahrungen der Finanzwelt an, so der Tenor des Beitrags Quo Vadis, Bitcoin? – Kryptowährungen auf Sinnsuche von Felix Holtermann. Das derzeit wahrscheinlichste Szenario sei, dass Bitcoin die Rolle einer Reservefunktion, eines sicheren Hafens für das Finanzsystem übernimmt. Denkbar sei, dass Bitcoin eine ähnliche Funktion ausübt wie seinerzeit das Kaurigeld, das aus den Gehäusen der Kaurischnecken hergestellt wurde. Kaurigeld war leicht zu transportieren und zu horten, die Zahl der Schneckenhäuser war begrenzt; sie konnten auch nicht nachgemacht bzw. gefälscht werden. Zwar wird der Run auf Bitcoin mit der Zeit nachlassen; verschwinden werde Bitcoin jedoch nicht; zumindest nicht so schnell.

Staatliche Digitale Währungen

Momentan wird in Finanzkreisen intensiv darüber diskutiert und spekuliert, ob ein Digitaler Euro schon bald das Licht der Welt erblicken könnte. In Euro on distributed ledgers – Gibt es bald staatliche Währungen auf der Blockchain? spielt Manuel Klein dieses Szenario durch. Eine Central Bank Digital Currency (CDBC) wäre eine Alternative zum Giralgeld der Banken. Liquiditäts- und Gläubigerrisiken wären damit ausgeschlossen. Dennoch bleiben einige Herausforderungen bzw. offene Fragen: Sollen CDBCs zinstragend sein oder einer Art zinslosem Bargeld entsprechen? Soll es Token-/Value-based und von Person zu Person übertragbar sein oder von Bankkonto zu Bankkonto transferiert werden können? Soll es sich dabei um eine 100%ige Deckung handeln, wie beim Vollgeld?

Rechtssystem

Unser derzeitiges Rechtssystem ist noch nicht auf das Internet der Werte vorbereitet. Allerdings, so Richard Brunner in Wie Blockchain unser Rechtssystem verändern wird, bedeutet das nicht, dass es unmöglich ist, die beiden Seiten sinnvoll aufeinander abzustimmen. Zwar erfüllt die Erzeugung privater Schlüssel für Blockchain-Transaktionen nicht die Voraussetzungen für die Bereitstellung digitaler Signaturen, da für ihre Erstellung keine zertifizierte Software verwendet werden muss; jedoch sei es sehr wahrscheinlich, dass die Blockchain die strengen Anforderungen erfüllen wird. Als erste dürften die Gerichte und Patentämter die Blockchain in mehreren Schritten als geeignete Methode zur Sicherung von Beweismitteln und digitalen Signaturen einsetzen. Im nächsten Schritt können dann die Geschäftsabläufe in der Wirtschaft darüber abgewickelt werden. Bis es so weit ist, wird noch einige Zeit vergehen.

Schlussbetrachtung

Das Buch wird der komplexen Thematik – nach heutigem Stand – auf ganzer Strecke gerecht. Weder wird das Potenzial der Blockchain in Superlative gekleidet, noch wird sie als vorübergehender Hype abgetan. Es zeigt sich, dass noch an vielen Stellen gearbeitet werden muss, damit die Blockchain das Internet der Werte erschaffen und dann Gesellschaft und Wirtschaft verändern kann. Sofern in Zukunft die Wirtschaft und Gesellschaft dezentraler organisiert werden, da die Komplexität ansonsten nicht mehr zu bewältigen ist, wird fast schon zwangsläufig der Bedarf für eine entsprechende unterstützende Technologie entstehen. Bis dahin müssen die verschiedenen gesellschaftliche Teilsysteme einen Anpasssungsprozess durchlaufen, bei dem die wichtigsten Tauschmittel – Geld und Vertrauen – eine Schlüselfunktion und Vorreiterrolle übernehmen werden.

Kurzum, das Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich einen möglichst unverstellten Blick auf die Thematik verschaffen und eigene Überlegungen daran anschließen wollen.

Zuerst erschienen auf Bankstil

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A Day in the Life of a Software Engineer in London

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Endspiel für die deutsche Automobilindustrie

Von Ralf Keuper

Die Lage muss schon ernst sein, wenn der VW-Chef sich zu einer “Brandrede” veranlasst sieht und darin fordert, das Unternehmen müsse sich möglichst rasch in einen Digitalkonzern verwandeln, wenn es die Zukunft noch erleben will (Vgl. dazu: Die Brandrede von VW-Chef Herbert Diess im Wortlaut “Volkswagen steht mitten im Sturm”). Und wenn dann noch der Personalchef von Daimler dem Land Baden-Württemberg den Rat gibt, nicht mehr so wie in der Vergangenheit auf die Automobilbranche zu setzen und selbst Bob Lutz seine Bedenken gegen Tesla aufgibt und im Autonomen Fahren den Untergang für die Automobilindustrie erkennt, dann brennt die Erde wohl wirklich.

Bei Opel, dem einstmals größten deutschen Autobauer und Pionier der Massenproduktion hierzulande, ist der Absatz um 35 Prozent eingebrochen. Derweil betont der Aufsichtsratschef von Daimler trotzig, dass man bei Daimler eher E-Autos produziert habe als Tesla. Um so schlimmer, denn erst Tesla bzw. Elon Musk hat das E-Auto massentauglich gemacht. Sein Mut wird belohnt. Die deutsche Automobilindustrie war sich ihrer Schlüsselstellung für die Wirtschaft über Jahrzehnte bewusst. In dieser Haltung wurde sie von Politik und Medien bestärkt. Der Diesel-Skandal war in seiner Dimension nicht mehr von der Deutschland AG zu managen. Statt sich neuen Antriebstechniken zuzuwenden und die Prototyp-Phase hinter sich zu lassen, beschränkte sich die Automobilindustrie auf die Optimierung des Bestehenden. Die Autos wurden immer größer, die PS-Zahl stieg bzw. steigt. Aktueller Ausdruck dieser Strategie ist der SUV. Die Freude am Fahren war und ist das oberste Ziel. Dass Autos demnächst nur noch als Fortbewegungsmittel von Punkt A nach B fungieren und die Insassen sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen, als mit dem Fahrvorgang, ist für viele Automobilingenieure in Deutschland wohl noch immer ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke.

Die deutsche Automobilindustrie hat ihr Schicksal von dem Verbrennungsmotor abhängig gemacht. Schließlich handelt es sich um eine deutsche Erfindung, auf die man zu Recht stolz sein kann und darf. Jedoch hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Wachablösung des Verbrennungsmotors durch den Mikrochip vollzogen, deren Auswirkungen erst jetzt so richtig in der Automobilindustrie ankommen. Das Auto ist letztlich ein mobiles Kommunikationsgerät, das so viel Daten wie kaum ein anderes Gerät produziert. Diese Daten wiederum sind es, welche Google & Co. dazu treiben, ihre Aktivitäten auf den Automobil- bzw. den Mobilitätssektor auszudehnen. Wer Zugang zu den Daten hat, die im Auto produziert werden, kann diese wiederum dazu verwenden, bestehende Services und Produkte zu verbessern und neue zu entwicklen. Die großen Technologiekonzerne verfügen dabei über einen strategischen Vorteil, den die Automobilkonzerne wohl nicht mehr aufholen können. Die Technologiekonzerne sind mit ihren Smartphones, ihren Betriebssystemen und Sprachassistenten aus dem digitalen Alltag der Menschen und Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Ihr Ansatz ist branchenübergreifend; egal ob Unterhaltung, Banking/Payments, IoT oder Automobil. Letztlich geht es um die darüber liegende Daten- und Informationsschicht.

Hermann Haken unterscheidet in seinem Konzept der Synergetik zwischen langlebigen und kurzlebigen Ordnern/Größen, welche den Ordnungs- bzw. Gesamtzusammenhang eines informationsverarbeitenden System beeinflussen. Die langlebigen sind es, welche den Gesamtzusammenhang eines Systems bestimmen und die kurzlebigen versklaven. Die langlebigen Ordner/Größen verfügen über die für die Steuerung eines komplexen Systems relevanten Informationen.

Stand heute reicht die digitale Souveränität der deutschen Automobilhersteller bei weitem nicht aus, um dem Sog von Apple, Google, Amazon, Alibaba & Co. zu entgehen. Da helfen, so wie schon bei Kohle und Stahl, auch keine Subventionen mehr. Der Versuch, mit Biegen und Brechen ein Autoland bleiben zu wollen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die Optimierung des Bestehenden, die Konzentration auf die Anwendung reicht angesichts des Strukturwandels nicht mehr, da dessen Auswirkungen und Ursachen branchenübergreifend sind und sich daher nicht mehr von einer Branche mit Unterstützung der Politik in die gewünschten Bahnen lenken lässt. Es sind schlicht zu viele Umweltfaktoren, welche gleichzeitig die Automobilbranche unter Druck setzen. Der Wandel in ein Technologieunternehmen alleine wird nicht reichen. Die deutsche Automobilindustrie verdankt ihren Aufstieg genialen Ingenieuren und Unternehmern wie Daimler, Benz, Borgward, Porsche, Opel und anderen. In den USA und Asien sind ebenfalls Unternehmer, wie Elon Musk und Jeff Bezos, die Treiber. Persönlichkeiten dieses Formats sucht man in den Aktiengesellschaften hierzulande vergebens. Bislang ging es ohne. Künftig jedoch nicht mehr.

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“Die Netflix-Revolution. Wie Streaming unser Leben verändert” von Oliver Schütte

Von Ralf Keuper

Immer mehr Zuschauer nutzen das Filmangebot von Netflix, Amazon und weiterer Streaming-Plattformen. Das alte klassische, lineare Fernsehen befindet sich dagegen auf dem Rückzug (Vgl. dazu: Das lineare Fernsehen ist in zehn Jahren tot – glauben viele junge Erwachsene & Das Endspiel des linearen Fernsehens hat begonnen & Studie: Streaming wird drastische Folgen für TV-Sender haben). Dieser tiefgreifende Wandel der Medienlandschaft begann spätestens mit dem Kauf von YouTube durch Google. Der Pionier der Branche ist jedoch Reed Hastings, Gründer von Netflix. Kein anderes Unternehmen hat die Seh- und Kaufgewohnheiten der Zuschauer in den letzten Jahren so beeinflusst wie das Unternehmen aus dem kalifornischen Los Altos. Netflix ist damit der prominenteste Treiber der Streaming-Revolution, wie Oliver Schütte in Die Netflix-Revolution. Wie Streaming unser Leben verändert darlegt.

Mittlerweile drängen auch andere Konzerne in den lukrativen Markt, wie Disney mit Disney+, Apple mit Apple TV+ und Warner mit HBO Max. Disney und Warner haben den Vorteil, dass sie auf einem großen Filmbestand zurückgreifen können. Netflix bekommt den Einstieg der neuen Akteure durch den Auslauf der Lizenzvereinbarungen für Filme von Warner und Disney zu spüren. Mit seinen Eigenproduktionen kann Netflix die Lücke zumindest in Teilen schließen. Europäische Anbieter wie Bertelsmann/RTL, die sich überwiegend dem linearen Fernsehen verbunden fühlen, hinken der Entwicklung weit hinterher. RTL plant den Aufbau eigener Streamingplattformen, wie mit TV Now (Vgl. dazu: Mehr Exklusiv-Inhalte: So will RTL seine Streaming-Plattform ausbauen). Dennoch geht Schütte davon aus, dass RTL versuchen wird, die Serien und Produktionen seiner linearen Sender (RTL, RTL II und Vox) auf der Plattform zu verwerten. Da die Kosten für einigermaßen hochwertige exklusive Eigenproduktionen auf TV Now zu hoch sind, werde RTL diese zunächst auf dem eigenen Pay-TV-Sender RTL Crime und später im frei zugänglichen RTL-Programm verwerten (Vgl. dazu: RTL will sein Streamingangebot weiter ausbauen). Der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Streamingplattform durch die öffentlich-rechtlichen Sender soll nach den Vorstellungen des ZDF und der ARD ein Gegengewicht zu YouTube schaffen. Dabei wird gerne auf das Beispiel des Airbus verwiesen. Demgegenüber gibt Schütte zu bedenken:

Wer um die schwierigen Entscheidungswege in einem solch komplizierten Konstrukt weiß, wird ahnen, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bevor die Vision Realität wird – wenn es überhaupt zu einer Gründung kommen sollte. Ein sehr langer Zeitraum in einer Branche, die sich gerade im eigenen gewaltigen Umbruch befindet und in der innerhalb eines Jahres drei große amerikanische Akteure den Markt betreten.

Der Erfolg von Netflix & Co. verdankt sich nicht nur technologischen Faktoren, sondern hat seine Ursache auch in modernen Produktions- und Managementmethoden. Beispielhaft dafür ist die Rolle des Showrunners, die ursprünglich von NBC eingeführt und von HBO verfeinert wurde. Der Showrunner trägt die Verantwortung für eine ganze Serie. Die Stoffe werden dabei in einem Writer’s Room von mehreren Autoren unter Anleitung des Showrunners entwickelt. Der Showrunner selber verfasst häufig nur zwei oder drei Episoden. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit besteht darin, den Stil der Serie festzulegen und zu überwachen. Die Regisseure haben sich daran zu halten. Bekanntes Beispiel eines Showrunners ist David Weiner, Erfinder und Showrunner von Mad Men. Zwar arbeiten auch die deutschen Sender inzwischen mit der Rolle des Showrunners, wobei dessen Autonomie jedoch umgangen wird:

In Deutschland ist es allerdings unmöglich, dass nicht die Regisseure und Redakteure der Sender den Hut aufhaben. Die Strukturen haben sich in den letzten Jahren so verfestigt, dass eine Änderung nur sehr schwer durchzusetzen ist. Darum wird die neue Arbeitsweise in Wirklichkeit bei uns nur halbherzig durchgesetzt.

Schütte ist der Ansicht, dass das Streaming die Individualisierung verstärken werde. Das Gemeinschaftserlebnis, wie sie das lineare Fernsehen in seinen Hochzeiten noch zu vermitteln verstand, wird zur Ausnahme. Davon betroffen sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender.

Obwohl wir in Zukunft in einem globalen Filmdorf leben werden, bedeutet das nicht, dass alle Zuschauer dieselben Vorlieben teilen. Es werden, so Schütte, sog. “Taste Communities” entstehen, d.h. weltumspannende Gemeinschaften, die sich durch ihren Geschmack definieren. Kurzum:

Mit den Streamingplattformen werden wir alle in unterschiedlichen globalen Dörfern leben, die vor allem vom Algorithmus der Streamingdienste bestimmt werden.

Der Einsatz von KI und Big Data führt nach Ansicht von Schütte dazu, dass wir unsere Wahlfreiheit einbüßen – so wie im alten linearen Fernsehen, wo die Sendeanstalten darüber bestimmten, was wir wann zu sehen bekommen. Bei allen Vorteilen, die Streamingplattformen uns bieten, sollten wir uns nicht in die passive Rolle drängen lassen, so Schütte. Wir müssten die Kontrolle behalten.

Wie das genau geschehen soll, sagt Schütte nicht. Trotz dieses Mankos ist das Buch sehr zu empfehlen.

Weitere Informationen:

Wie Streaming in den 2010er Jahren alles veränderte

The Truth Behind Netflix’s Incredible Success

Zuerst erschienen auf Medienstil

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German and Israeli Innovation – The Best of Two Worlds

.. Medium-sized Mittelstand firms, and the hidden champions in particular, are strongly exposed to global markets in which rapid innovation is an increasingly indispensable factor for survival. However, studies have shown that innovative activity has been on the decline in the Mittelstand for a number of years. Several technologies (e.g., the internet of things (IoT), artificial intelligence (AI) and machine learning, and Industry 4.0) and, indeed, the broader field of digitalization are all becoming vital parts of doing business. However, the potential for collaboration is still mostly untapped. A window of opportunity therefore presents itself to combine the best of two worlds by connecting the German Mittelstand and the Israeli startup ecosystem.

Israel’s startup ecosystem is among the world’s most developed. With supportive government initiatives stretching back to the early 1990s, the world’s highest research and development (R&D) spending level relative to the gross domestic product (GDP), and increasing private venture capital funding, it has long since cemented its status as a global innovation hub. Today, many of the scene’s 6,000-plus startups are maturing, seeking markets beyond the country’s borders and partners that can boost their international profile. Israel is transforming itself from a startup nation to a scale-up nation, looking abroad for specific collaboration projects for the technologies and products it has developed. Moreover, many of the country’s agile high-tech startups offer technologies or services in areas that fill gaps in Mittelstand companies’ own innovation profiles, such as cybersecurity, machine learning and big data. …

Quelle / Link: German and Israeli Innovation – The Best of Two Worlds

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Der Abgasskandal und die Vertrauenskrise im Automobilmarkt – Ursachen, Lösungen und Auswirkungen auf den Verbraucher

Der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) hat beim Center of Automotive Management (CAM) eine Kurzstudie zur Vertrauenskrise im Automobilmarkt in Deutschland in Auftrag gegeben. Hintergrund sind die Manipulationen der Abgaswerte bei Dieselmotoren, die Volkswagen im September 2018 gegenüber der US-Umweltbehörde zugab. Die Manipulation weitete sich zum Dieselskandal aus, der später auch andere Autohersteller einbezog. Der Dieselskandal hat insbesondere in Deutschland erhebliche Auswirkungen sowohl auf die Automobilindustrie, auf Politik und Öffentlichkeit sowie auf die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Ziel des Gutachtens ist es, thesenartig die Entwicklungen auf dem Automobilmarkt vor dem Hintergrund des Dieselskandals zu skizzieren und verbraucherrelevante Auswirkungen zu prüfen. Im Besonderen soll dabei herausgearbeitet werden, welche spezifischen Rahmenbedingungen zu den massenhaften Manipulationen an der Abgasreinigung von Fahrzeugen durch den Volkswagen-Konzern und andere Hersteller führen konnten und wie sich die enge Verknüpfung von Politik und Automobilwirtschaft auf die Einhaltungen von Umweltvorschriften ausgewirkt hat. Darüber hinaus werden einige Implikationen und Schlussfolgerungen aus dem Abgasskandal vor dem Hintergrund der Transformation der Automobilindustrie gezogen.

Quelle / Link: Der Abgasskandal und die Vertrauenskrise im Automobilmarkt – Ursachen, Lösungen und Auswirkungen auf den Verbraucher

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How big tech is dividing San Francisco communities | FT

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Technik in der Commerzbank von 1870 bis heute

Von Ralf Keuper

Ohne den Einsatz der Technik wäre das moderne Bankwesen, wie es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, undenkbar. Heute durchringt die Technik nahezu alle Lebensbereiche; häufig unter dem Schlagwort “Digitalisierung” zusammengefasst. Die Entwicklung der Banken hin zu Technologieunternehmen und Softwarehäusern lässt sich besonders gut an der Geschichte der Commerzbank ablesen, wie sie in dem Buch Technik in der Commerzbank von 1870 bis heute beschrieben wird.

Die ersten großen technologischen Innovationen mit Auswirkungen auf das Banking waren neue Kommunikationsverfahren und Medien wie Eisenbahn, Postkarte, Briefmarke und Telegrafie, wodurch die Abstimmung der Banken untereinander und damit die Transaktionsabwicklung deutlich beschleunigt werden konnten. Ein weiterer Schub setzte mit der Verbreitung moderner Büromaschinen (Additionsmaschinen, Schreibmaschinen, Rechenmaschinen) ein. Mit der Einführung des Hollerithverfahrens und der Lockkartentechnik begann die moderne Datenverarbeitung ihre Schatten vorauszuwerfen.

Wie viele andere Banken auch, übernahm die Commerzbank die gängigen Verfahren und Geräte, die zum Zweck der beschleunigten Kommunikation und rationellen Buchhaltung nötig waren. Das geschah vor allem auch durch die Übernahme kleinerer Banken, wie des Bankhauses J. Dreyfus & Co. in Frankfurt, das bereits über Fernsprechanschlüsse verfügte. Beschafft wurden die Geräte von verschiedenen Herstellern. Die Additionsmaschinen wurden von Burroughs, die Buchungsmaschinen und Schreibmaschinen von Mercedes und die Kasssenquittierungsmaschinen von Anker eingekauft.

Nach dem 2. Weltkrieg setzte sich in den Banken die Lochkartentechnik endgültig durch. Als erste Bank Deutschlands setzte die Dresdner Bank im Jahr 1958 die erste vollwertige Datenverarbeitungsanlage ein. Die nötige Hardware stammte von IBM und Bull. Um einem Wildwuchs an inkompatiblen Lösungen und Maschinen vorzubeugen, vereinheitliche und zentralisierte die Commerzbank die Datenverarbeitung. Dafür wurde in Frankfurt eine Zentrale Organisationsabteilung gegründet, deren Leiter der damals 32jährige Wolfgang Starke war, der in den 1980er Jahren als Geschäftsführer des Deutschen Sparkassen-und Giroverbands noch Schlagzeilen machen sollte. Um die fortschreitende Technisierung in ihren Folgen für das Bankgeschäft besser abschätzen zu können, rief die Commerzbank zusammen mit der Bayerischen Vereinsbank, der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und weiteren Instituten im Jahr 1966 den Arbeitskreis Bankautomation ins Leben. An die Commerzbank ging der Auftrag, die Einsatzmöglichkeiten von Magnetbändern in der Datenverarbeitung zu prüfen. Im Jahr 1968 testete die Commerzbank in der Lübecker Filiale als erste deutsche private Bank einen Geldautomaten.

Zur Bedienung des Automaten benötigten die Kunden einen Schlüssel, eine Ausweiskarte und eine Lockkarte. Mit dem Schlüssel wurde zunächst eine kleine Tür geöffnet, dann musste man die Ausweiskarte in einen Schlitz einstecken und anschließend die Lochkarte in einen zweiten Schlitz einführen. Nach einer Prüfzeit von 16 Sekunden kam aus einen dritten Schlitz ein Hundert-Mark-Schein.

Mit der Einführung des Eurocheque-Verfahrens im Jahr 1969 konnten die europäischen Banken den Vorstoss der US-amerikanischen Kreditkartenunternehmen abwehren.

Die nächste Evolutionsstufe in der Bank-IT setzte mit dem Siegeszug der Terminals und der Personal Computer ein. Die ersten Personalcomputer wurden 1979/80 in der Commerzbank eingesetzt. Anfang der 1980er Jahre kamen die Kontoauszugsdrucker und Automatischen Kassentresore dazu. Die Commerzbank ging dazu über, eigene Programme, u.a. für die interne Steuerung zu entwickeln, wie das bankeigene Finanz-Informations-System FIS oder das Planungs- und Steuerungssystem PUST. Über das Dialogsystem DAISY konnten die dazu berechtigten Kundenberater die verschiedenen Kundendaten in einer Maske abfragen.

In den Filialen setzte man auf die Integrierte Kundenberatung. Die Schalter wurden abgeschafft und durch Beratungstische ersetzt. Durch die Abkehr von der Spartenorientierung sollte das Cross-Selling gefördert werden.

Die Commerzbank entwickelte sich bereits in den 1980er Jahren nach eigener Aussage zu einem Softwarehaus. Ausdruck dessen waren neben den bereits genannten Anwendungen, das weltweite Cash-Management-System CORBA sowie COPAZ, eine Lösung für den Auslandszahlungsverkehr. Ende der 1980er Jahre setzte ich der Name “Electronic Banking” als Sammelbegriff für die elektronische Datenverarbeitung im Firmenkundengeschäft durch. Dank des eigenentwickelten Wertpapierinformations- und Abwicklungssytems Cowias war die Commerzbank lange Zeit unter den deutschen Banken marktführend. Als einziges System war Cowias während der Börsencrashs 1988, 1997 und 2001 in der Lage, Orders an der Börse zu platzieren, wohingegen die anderen Banken wegen Überlastung ihren Dienst einstellen mussten.

Das Internet sorgte dafür, dass die Banken sich erneut mit einem neuen Kommunikationsverfahren auseinandersetzen mussten. Mit Comhome bot die Commerzbank bereits 1994 Telefonbanking an.

Das Angebot beinhaltete die Wahlmöglichkeit zwischen einem mehrfrequenzgesteuerten Sprachausgabesystem und einem persönlichen Gespräch mit einem Berater oder Beraterin. Kunden konnten bequem rund um die Uhr Kontostände und -umsätze abfragen, Schecks bestellen, Geheimzahlen ändern und weitere Informationen abrufen.

Im selben Jahr ging die Tochtergesellschaft comdirect bank GmbH in Quickborn an den Start. Schon 1996 zählte die Bank 75.000 Kunden, wovon 30.000 das beratungsfreie Wertpapiergeschäft nutzten. Die Kunden konnten ihre Bankgeschäfte über einen internetfähigen PC abwickeln. Später entwickelte sich die Comdirect zu einer Vollbank, die auch Kreditkarten, Tagesgeld und Wertpapierkredite anbot.

Die Möglichkeit, über das Internet Waren bestellen und Preise vergleichen zu können, legte den Grundstein für das wachsende Marktsegment E-Commerce. Die Commerzbank sah sich bereits auf dem Weg zu einer “E-Commerz-Bank”. Um ihre Ambitionen zu unterstreichen, gründete die Commerzbank 1999 die Commerz NetBusiness AG (CNB). Die neue Einheit sollte eng mit den Firmenkunden zusammenarbeiten und Bankdienstleistungen vermitteln. Hierfür beteiligte sich die CNB an CAConnect, einem Anbieter von elektronischen Einkaufsportalen für Geschäftskunden (E-Procurement) und Newtron, einem Spezialisten für elektronische Branchen-Marktplätze im internationalen Handel von Vor- und Fertigprodukten.

Die Zeit danach war geprägt von dem Zusammenschluss der Commerzbank mit der Dresdner Bank. Die Integration der IT-Systeme erwies sich als große Herausforderung. Die Ressourcen in der IT wurden fast vollständig von dem Integrationsprojekt in Anspruch genommen. Erst ab 2013/2014 konnte sich die Bank verstärkt den neuen Entwicklungen im Banking, wie Fintech, zuwenden. Ein Ergebnis ist die Gründung des main incubators. Als erste Bank in Deutschland führte die Commerzbank die photo-TAN zur Freigabe von Aufträgen im Onlinebanking ein.

Schlussbetrachtung

Die Technikgeschichte der Commerzbank von 1870 bis heute gibt einen guten Überblick über die wesentlichen Entwicklungsstufen in der Bankautomation. Bis in den 1990er Jahre waren die Banken auf der Höhe der Zeit. Auf jede Herausforderung auf technologischem Gebiet gaben sie immer noch rechtzeitig die passende Antwort. Um das Jahr 2000 herum verloren die Banken jedoch die Tuchfühlung. Die Bemühungen im Bereich Online-Banking und E-Commerce waren letztendlich halbherzig. Sicherlich ist die comdirect ein Erfolgsmodell und auch die Beteiligung an der M-Bank in Polen zeugt von einem guten Spürsinn für künftige Entwicklungen, ebenso wie die Gründung des main incubators. Dennoch: Die Grenzen der Unternehmensstrategie werden immer offensichtlicher. Da wäre zunächst einmal die langsame Abkehr von der Filialstrategie, die Einstellung von Copernikus sowie die vollständige Integration der comdirect in die Commerzbank ebenso wie der geplante Verkauf der m-Bank.

In dem Interview mit dem ehemaligen IT-Vorstand der Commerzbank, Frank Annuscheit, das im Buch enthalten ist, wird die eigentliche Problematik deutlich. Künftig, so Annuscheit, müssen die Banken in der Lage sein, gleichzeitig die Alt-Systeme zu erneuern bzw. abzulösen und am Frontend neue Services und Applikationen auszurollen.

Weitere Informationen:

Banking in der Retrospektive: Als die Commerzbank Pionier bei der Automatisierung war

Zuerst erschienen auf Bankstil

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Franz Simon Meyer: Der Bankier als Chronist und Literat

Von Ralf Keuper

Es kommt sehr selten vor, dass sich Bankiers als Chronisten ihrer Zeit und Literaten erweisen. Biografien ehemaliger Bankiers pflegen für gewöhnlich nach wenigen Jahren der – häufig wohlverdienten – Vergessenheit anheim zu fallen. Zu den wenigen Ausnahmen zählen Carl Fürstenberg und Felix Somary.

Der Bankier Franz Simon Meyer, der im 19. Jahrhundert in Rastatt und Baden-Baden tätig war, ist dennoch ein Sonderfall. Franz Simon Meyer lebte von 1799 bis 1871. Seit seinem 16. Lebensjahr hielt Meyer über 55 Jahre seine Gedanken, Zeitbeobachtungen und Erlebnisse in zahlreichen Manuskripten fest. Herausgekommen ist ein in dieser Form wohl einzigartiges Werk, das von Sebastian Diziol in jahrelanger Arbeit zusammengestellt und in zwei Bänden unter dem Titel Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens veröffentlicht wurde.

Im ersten Band “Die Jugendjahre des Franz Simon Meyer” (1816 – 1828) schildert Meyer seine Lehrzeit, die ihn in die Schweiz, nach Paris und England führte. Paris stand damals noch unter dem Einfluss der Revolutionsjahre und der Regierungszeit Napoleons. In England trat Meyer eine Welt entgegen, die sich zum Teil fundamental von der französischen und badischen Gesellschaft jener Zeit unterschied. Die Industrialisierung, die später auf dem Kontinent Einzug halten sollte, war hier bereits weit fortgeschritten. In den Fabriken von Manchester, Liverpool, Leeds und Sheffield konnte Meyer sich einen Eindruck von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen verschaffen, die sein Heimatland ebenfalls verändern würden.

Über die Auswirkungen der Dampfmaschine war sich Meyer schon relativ klar:

Boulton, der die ersten Dampf Maschinen verfertigte, eine Erfindung, die vielleicht später eine größere Umwälzung auf der Erde hervorbringen dürfte, als die Entdeckung des Schießpulvers.

Die Ausdehnung des Welthandels zusammen mit Spekulationsgeschäften in Staatspapieren und Bergwerken führte 1826 zu einer Überhitzung der Wirtschaft, in deren Folge viele Bankhäuser zugrunde gingen, wie Carli und Co in Augsburg, Gebrüder Benneke in Berlin oder Meerwein & Co in Karlsruhe. Das Bankhaus Meyer bliebt davon weitgehend unberührt, was der umsichtigen Führung des Hauses unter dem Vater von Franz Meyer zu verdanken war. Dieser hatte u.a. ein Kreditersuchen des Vaters des späteren österreichischen Außenministers Fürst Metternich höflich aber bestimmt abgewiesen.

Der erste Band ist noch erfüllt vom jugendlichen Elan des Verfassers. Die Zukunft erscheint ihm allen politischen Wirrnissen jener Zeit zum Trotz als vielversprechend. Seine Aufzeichnungen sind eine Mischung aus Reisebericht, Sittengemälde und Reportage. Auf diese Weise bekommt der Leser einen Eindruck von den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen in den damals führenden Ländern Europas kurz vor dem Einsetzen der Industrialisierung und dem Aufkommen der Massengesellschaft sowie des Nationalstaats.

Im zweiten Band “Franz Simon Meyer in Zeiten der Revolution 1829-1849” begegnet uns der Geschäftsmann, Ehemann und Vater, der sich einmal im Jahr die Zeit nimmt, die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres schriftlich festzuhalten. Kaum ein Jahr ist dabei, in dem nicht ein naher Angehöriger oder Freund zu Grabe getragen wird. Darunter seine erste Ehefrau, die im Alter von nur 26 Jahren verstarb. Der Ton wird gesetzter. Der Schwung der frühen Jahre, wie er für den 1. Band kennzeichnend ist, lässt von Jahr zu Jahr spürbar nach. Der Alltag mit seinen Sorgen und Nöten nimmt den Bankier und Ehemann voll in Anspruch. Die Geschäfte in Rastatt und Baden-Baden laufen gut. Als Bankier ist Meyer konservativ und umsichtig. Zu seinen Kunden pflegt er einen persönlichen und zum Teil auch intensiven Kontakt. Seine Urteilskraft wird dadurch jedoch nicht beeinträchtigt, was nicht heisst, dass er nicht auch mal Geld verloren hat. Viel mehr erfährt man nicht. Meyer nimmt regen Anteil am Geschehen in der Welt. Er zeigt sich für seine Zeit bestens informiert über die Ereignisse in den europäischen Nachbarländern ebenso wie die im damaligen deutschen Reich. Die Revolution von 1848 trifft bei Meyer auf wenig Verständnis. Als Bewohner einer Stadt, die ein wichtiger Militärstützpunkt ist, hält er, ganz Kind seiner Zeit und Vertreter seines Standes, an dem obrigkeitsstaatlichen Regierungs- und Gesellschaftsmodell fest.

Wer etwas über die Zeit von 1820 bis 1850 aus der Hand eines Augenzeugen erfahren will, der ein hoch talentierter Literat und Bankier war, sollte zu den Aufzeichnungen von Franz Simon Meyer greifen. Sie stehen durchaus in einer Reihe mit den Tagebüchern des Herzogs von Croÿ und denen von Samuel Pepys.

Zuerst erschienen auf Bankstil

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