Die Schwächen des deutschen Innovationssystems

Von Ralf Keuper

In den Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder belegt Deutschland in den meisten Fällen die vorderen Ränge[1]Daten und Fakten zum deutschen Forschungs- und Innovationssystem. Dennoch mehren sich die Zweifel an der Leistungs- und Zukunftsfähigkeit des deutschen Innovationssystems, wie zuletzt in Gestalt der Kritik an den Fraunhofer-Gesellschaften. Gemessen am Input (Fördergelder) sei der Output (gemessen an erfolgreichen Ausgründungen oder “Sprunginnovationen”) zu gering[2]Die Fassade des makellosen Rufs beginnt zu bröckeln.

Ein nationales Innovationssystem ist ein Netzwerk öffentlicher und privater Institutionen in Staat und Wirtschaft, die gemeinsam das Ziel verfolgen, Innovationen zu initiieren, fördern und verbreiten[3]Innovationssysteme im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Heutzutage sind wissens- und datenbasierte Produkte und Dienstleistungen die Treiber der Wirtschaft. Auf diesem Gebiet ist die deutsche Wirtschaft unterrepräsentiert. Die Stärke der deutschen Industrie liegt in den hochwertigen Technologien, z.B. Kraftfahrzeugbau, Chemie und Maschinenbau. Im Bereich der Spitzentechnologien, z.B. EDV, Elektronik und Pharma, rangiert die deutsche Industrie auf den hinteren Plätzen[4]Daten und Fakten zum deutschen Forschungs- und Innovationssystem. Das Land der Dichter und Denker tut sich besonders schwer mit der Herstellung immaterieller Wirtschaftsgüter.

Die digitale Transformation der vergangenen 20 Jahre führte zu einer steigenden Bedeutung immaterieller Produktionsfaktoren. Der Anteil von Investitionen in immaterielle Produktionsfaktoren an der Bruttowertschöpfung stieg zwischen den Jahren 1995 und 2016 in Deutschland und den USA um etwa 2 Prozentpunkte und in Frankreich um etwa 4 Prozentpunkte an. … Trotz des steigenden Anteils von Investitionen in immaterielle Produktionsfaktoren an der Bruttowertschöpfung liegt dieser in Deutschland, insbesondere im Dienstleistungssektor, noch deutlich unter demjenigen in anderen Volkswirtschaften[5]Den Strukturwandel meistern. Jahresgutachten Sachverständigenrat 2019/2020.

Die Fixierung der deutschen Industrie auf die Produktion materieller Güter erweist sich als struktureller und strategischer Nachteil[6]Deutschland in der Strukturkrise. Die Leiden der Industrie. Neue Technologie, wie die Elektromobilität, wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen und besonders leistungsfähige Computerchips (EdgeAI-Chips), setzen der deutschen Industrie zu. Trotz vergleichsweise hoher Aufwendungen für die Forschung haben deutsche Unternehmen und die mit überwiegend öffentlichen Geldern geförderten Forschungsinstitute auf den genannten Feldern entweder den Anschluss verpasst oder einen großen Rückstand.

Problem: Forschungsgesellschaften 

Die deutschen außeruniversitären Forschungsgesellschaften wie die Fraunhofer Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und Helmholtz-Gesellschaft sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen, ohne dass sich das in Innovationen mit durchschlagender Wirkung bemerkbar gemacht hätte, wenn man mal von MP3 absieht. Das liegt sicherlich auch daran, dass das Geschäftsmodell der Forschungsgesellschaften im Einwerben öffentlicher Fördergelder besteht. Da ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Projekts bzw. danach, ob hier das Rad nicht noch mal erfunden wird, zweitrangig. Nicht selten konkurrieren die verschiedenen Institute einer Forschungsgesellschaft in Projekten untereinander – wie aktuell beim Schaufensterprojekt Sichere Digitale Identitäten. Ganz zu schweigen von den Animositäten der Institute untereinander. Kenner der Szene bemängeln überdies, dass die Forschungsgesellschaften sich zu sehr am Mainstream orientieren, was dazu führt, dass Projekte, die sich irgendwie mit KI beschäftigen, wie Pilze aus dem Boden schießen. Überdies seien in den Instituten überwiegend Forscher tätig, deren Hauptmotivation darin bestehe, möglichst viel zu publizieren; ein Trend, der von dem Personalmanagement der Institute noch gefördert wird. Echte Innovationen, die sich in der Praxis bewähren, d.h. zu marktfähigen Produkten und Prototypen führen, sucht man ebenso vergeblich wie Forscher mit unternehmerischem Instinkt, die nicht nur Ergebnisse auf dem Papier erzielen wollen.

Künstlicher Forschungsdschungel – Verzettelung 

An vielen Stellen wird in Projekten an den gleichen Problemen gearbeitet, ohne dass es zu einem Austausch kommt. Das liegt zu weiten Teilen an der dezentralen Forschungslandschaft in Deutschland. Hier kann die Übersicht selbst für Insider schnell verloren gehen: Fraunhofer Gesellschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gesellschaft, DFG, DLR usw. Ganz abgesehen von den universitären Einrichtungen. Bereits im Jahr 2010 forderten die Autoren von Das deutsche Forschungs- und Innovationssystem Ein internationaler Systemvergleich zur Rolle von Wissenschaft, Interaktionen und Governance für die technologische Leistungsfähigkeit die Forschungsaktivitäten zu bündeln.

Die horizontale Koordination zwischen Politikfeldern und Ministerien sollte gestärkt werden. Die Beispiele von Koordinationsräten auf höchster Ebene, bei denen die Beteiligung auf Premierminister-Ebene ein Beitrag dafür ist, dass regierungsweite Prioritäten in die FTI-Politik einfließen, könnte die Entwicklung von Programmen und Koordinationsaktivitäten über Grenzen einzelner Ministerien oder bestimmte Technologien hinweg unterstützen. Eine einfachere Lösung könnte sein, agenturübergreifende Initiativen, wie die Nano-technology Initiative der USA, oder abteilungsübergreifende Task-Forces einzurichten.

Die Einrichtung einer zentralen Innovationsagentur hätte nach Ansicht der Autoren mehrere Vorteile, darunter:

Klare organisatorische Teilung zwischen Einheiten, die bestimmte Programme implementieren, und den Einheiten, die deren Evaluation übernehmen. Es werden organisatorische Einheiten gebraucht, die bewerten, ob Programme noch ihr Ziel erfüllen und ob diese Ziele angesichts der aktuellen politischen Fragen immer noch relevant sind.

Mit der Agentur zur Förderung für Sprunginnovationen (SprinD) geht die Bundesregierung einen kleinen Schritt weit in die beschriebene Richtung. In ihrem Gutachten 2020 bezieht die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) zur Aufgabenstellung von SprinD klar Position:

Die Expertenkommission vertritt nachdrücklich die Auffassung, dass die Geschäftsleitung ein Höchstmaß an Unabhängigkeit von politischer Steuerung und Ressortdenken erhalten und vor allem die thematische Ausrichtung der SprinD GmbH selbst bestimmen sollte.

Einen nicht unterschätzenden Anteil an der Entstehung des Forschungsdschungels und der Verzettelung haben neben den Forschungsinstituten die diversen Beratungshäuser und natürlich auch die Unternehmen.

GAIA-X

Zu dem mit viel Vorschusslorbeer bedachten Dateninfrastruktur-Projekt GAIA-X äußert sich die Expertenkommission eher zurückhaltend optimistisch.

Die mit der geplanten Dateninfrastruktur GAIA-X intendierten Effekte können nach Einschätzung der Expertenkommission nur dann erzielt werden, wenn GAIA-X rasch realisiert wird, ein kritisches Mindestmaß an Kapazität aufweist und eine hohe Nutzerfreundlichkeit gewährleistet.

Bislang ist für Außenstehende nicht zu erkennen, ob und inwieweit bei GAIA-X die genannten Kriterien erfüllt werden. Die Erfahrungen in der Vergangenheit mit vergleichbaren Projekten legen eine gewisse Skepsis nahe.

Deutschlands Rolle in der Datenökonomie 

Die Volkswirtschaft, die in Zukunft in der Lage ist, die meisten Daten zu produzieren, auszuwerten und in neue Produkte und Dienstleistungen zu transformieren, wird sich an die Spitze setzen. So ließe sich der Tenor des Beitrags Which Countries Are Leading the Data Economy? zusammenfassen. Künftig werde man die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft an dem Gross Data Product (GDP) messen. Damit die Volkswirtschaft große Mengen an Daten produzieren und auswerten und wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückleiten kann, ist eine entsprechende Infrastruktur erfolgsentscheidend. Der Breitbandausbau ist daher von hoher Bedeutung. Deutschland belegt unter den Datenökonomien lediglich den 13. Platz[7]Deutschlands Rolle in der Datenökonomie.

Gemeinsame Datenräume

In letzter Zeit werden Forderungen nach dem Aufbau branchenbezogener, sektorenübergreifender und europäischer Datenräume[8]Rechts­rah­men für euro­päi­sche Daten­räumelauter. Entscheidend sei der Zugang zu den Daten und deren Nutzung, so Viktor Meyer-Schönberger und Thomas Ramge in ihrem neuen Buch Machtmaschinen.

Die Stärken der deutschen Wirtschaft und des Innovationssystems werden u.a. in der Technologie-Roadmap „Next Generation“ Elektronische Komponenten und Systeme deutlich. Beispielhaft dafür ist die Mikrosystemtechnik. Weniger günstig sieht es dagegen in der Batterie- und Chipherstellung aus. Bei den Batterien ist vor allem Tesla ein Innovationsführer, bei den Chips der neuen Generation sind es Nvidia, Intel und Apple. Apple ist, so wie Tesla, bestrebt, bei den Kerntechnologien – wie den Computerchips[9]Apple debuts M1, the first in a family of Mac-specific ARM processors – unabhängig(er) zu werden. Mit der geplanten Übernahme von ARM wird Nvidia auf dem Markt für AI-Chips eine dominierende Rolle übernehmen[10]Nvidia/ARM: Auf dem Weg zum neuen Computing-Paradigma (Edge-AI).

Bei den Schlüsseltechnologien ist Deutschland eher schlecht aufgestellt. Die Frage ist nun, welche Defizite des deutschen Innovationssystems diesen Zustand herbeigeführt haben. Wie kann es sein, dass ein Land mit einer  – an sich – so leistungsfähigen Forschungslandschaft auf so vielen wichtigen Feldern den Anschluss verpasst hat oder sich einen fast uneinholbaren Rückstand eingehandelt hat? Mehr Forschung wie bisher wird daher an dem Zustand wenig zum Besseren ändern – im Gegenteil.

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | 1 Kommentar

Was Tesla von anderen Automobilherstellern unterscheidet

Von Ralf Keuper

Derzeit wird – mal wieder – eifrig darüber diskutiert, was Tesla von den meisten anderen Automobilherstellern, insbesondere den deutschen, unterscheidet. Für den Automobilexperten Ferdinand Dudenhöfer ist der größte Vorteil von Tesla das Tempo[1]Autopapst über E-Autos: „Der größte Wettbewerbsvorteil von Tesla ist nicht die Batterie, sondern…“ .

Klassische Autobauer sind Tanker. Bei Tesla ist Elon Musk in vielen Details zu Hause. Da geht es Schlag auf Schlag. Tesla ist kein Tanker, sondern eine Art Schnellboot mit einer Organisation, die ausschließlich auf Elon Musk und damit hohes Innovationstempo zugeschnitten ist.

Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Person von Elon Musk; ein Unternehmer und Self-Made-Milliardär, der bereit ist, hohe Risiken einzugehen und dabei sein eigenes Vermögen einbringt. Anders dagegen die deutschen Automobilhersteller, deren Anteilseigner auf die Maximierung ihrer Dividende bedacht sind und im Schumpeterschen Sinn eher Rentiers als echte Unternehmer sind. Das persönliche Risiko der Vorstandschefs und Vorstände von VW, Daimler, BMW & Co. ist sehr überschaubar.

Hinzu kommen noch weitere Merkmale. Anders als die etablierten Hersteller, deren Abläufe nach wie vor auf den Verbrennungsmotor abgestellt sind und die typischen Eigenschaften von Großkonzernen aufweisen, konnte Tesla von vorne, ohne Altlasten, starten. Beispielhaft dafür ist der Vergleich zwischen Tesla und Ford:

In jedem Ford gab es Dutzende von Computersystemen von unterschiedlichen Zulieferern, die alle miteinander kommunizieren und wie ein einheitliches System funktionieren mussten. Mit der Zeit war eine ungeheure Komplexität entstanden und eine Vereinfachung schien zu diesem Zeitpunkt fast unmöglich – zumal ein Unternehmen wie Ford kontinuierlich Hunderttausende Autos pro Jahr produzieren musste und es sich nicht leisten konnte, eine Umbauphase einzulegen. Tesla dagegen hatte ganz von vorn begonnen und konnte seine eigene Software zum Zentrum des Model S machen(in: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX).

Die Mehrzahl der Autohersteller folgte in den letzten Jahrzehnten dem Gebot des Outsourcing. Vertikalisierung galt als rückständig[2]Tesla: Vertikale Integration ist Wertintegration. Tesla zeigt nun, dass dies nicht so ist. Die Batterieproduktion und -entwicklung ist bei Tesla ein Kerngeschäft.

Ein weiterer Unterschied:

Musk hatte etwas erreicht, das die anderen Autohersteller versäumt hatten oder nicht schaffen konnten: Er hatte Tesla zum Ausdruck eines Lebensstils gemacht. Das Unternehmen verkaufte nicht einfach Autos. Es verkaufte ein Image, ein Gefühl, an der Zukunft teilzuhaben, und eine Beziehung. Apple hatte dasselbe Jahrzehnte zuvor mit dem Mac und dann wieder mit iPod und iPhone getan. Selbst Kunden, die keine religiöse Zuneigung zu Apple hegten, wurden in sein Universum gesaugt, wenn sie ihre erste Hardware gekauft und Software wie iTunes heruntergeladen hatten(ebd.)

Diese Sicht- und Herangehensweise ist den deutschen Herstellern fremd[3]“Es wird blutig”: Ex-Audi-Entwicklungschef attackiert die deutsche Autoindustrie.

Ein weiteres Merkmal ist die einheitliche Feldtheorie des Elon Musk:

SolarCity lässt sich als entscheidender Teil der einheitlichen Feldtheorie von Elon Musk verstehen. Jedes seiner Unternehmen hängt kurz- wie langfristig gesehen mit den anderen zusammen. Tesla produziert Batteriepacks, die SolarCity an Endkunden verkauft. SolarCity liefert die Solarmodule für die Tesla-Ladestationen, sodass Tesla den Fahrern kostenloses Aufladen anbieten kann. Neue Model-S – Besitzer entscheiden sich oft konsequent für den Musk’schen Lifestyle und rüsten ihr Haus mit Solarmodulen auf. Auch Tesla und SpaceX unterstützen sich gegenseitig. Sie tauschen Wissen über Materialien, Fertigungsverfahren und die Feinheiten des Betriebs von Fabriken aus, in denen die beiden Unternehmen so viel in Eigenregie entwickelt und produzieren (ebd).

Die Vision des “Integrierten Technologiekonzerns”, wie sie Edzard Reuter und Alfred Herrhausen bei Daimler realisieren wollten, war da dagegen eine Kopfgeburt von Technokraten. Daran hat sich nicht viel geändert. Bestenfalls “Modellplatonismus”.

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Biografien, Managementliteratur, Sachbücher | Schreib einen Kommentar

Die Geschichte von Audi

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc., Wirtschaftsgeschichte | Schreib einen Kommentar

Internet, Glasfaser und Neue Medien: Wie Deutschland den Anschluss verlor

Von Ralf Keuper

In den letzten 30 Jahren haben Deutschland und Europa mit zusehen müssen, wie große US-amerikanische und zuletzt auch chinesische Technologiekonzerne das Internet unter ihre Kontrolle brachten und eine neue Form der Ökonomie, die Plattformökonomie, begründet haben. Im gleichen Zeitraum haben sich deutsche Hersteller aus der Konsumelektronik zurückgezogen. Die Verbreitung mit Glasfaser ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unterdurchschnittlich. Bei der Versorgung mit 4G bzw. LTE rangiert Deutschland noch hinter Albanien[1]Fast so gut wie Albanien. Für eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ein bescheidenes Ergebnis.

Wie konnte es so weit kommen? Waren sich die handelnden Personen in Politik und Wirtschaft der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht bewusst?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass man sich in der Politik zu Beginn der 1980er Jahre sehr wohl darüber im Klaren war, wie wichtig neue Kommunikationstechnologien und neue Medien für die Wirtschaft und Gesellschaft sein werden. Noch unter der Regierung Schmidt/Genscher wurden wichtige Weichenstellungen vorgenommen, wie mit dem Systemversuch zur Erprobung von Breitbandkommunikation – BIGFON.

Dieser Schwung muss zumindest bis zum Jahr 1985 angehalten haben. Der Bericht der Bundesregierung über die Lage der Medien in der Bundesrepublik Deutschland (1985) — Medienbericht ’85 kam zu Einschätzungen und Prognosen, die man heute als weitsichtig bezeichnen kann.

Beispiele:

Die deutsche Volkswirtschaft braucht für ihre weitere Entwicklung und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit eine moderne leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur. Die Entwicklung im Bereich der Telekommunikation hat sich beschleunigt und befindet sich derzeit im Umbruch: Von der Analogtechnik zur Digitaltechnik, von den Einzelnetzen zum integrierten Netz, vom Kupferkabel- zum Glasfasernetz. …

Der steigende Einsatz der Informationstechnik in der Fertigung und bei Dienstleistungen sowie die steigende Zahl von informationstechnischen Produkten führen zu Produktivitätszunahmen und Nachfrageverschiebungen. Volkswirtschaften, die diesen Strukturwandel aktiv aufgreifen, setzen starke Wachstumsimpulse frei. Wer durch innovative Nutzung der Informationstechnik an Wachstumsmärkten teilnehmen kann, hat im internationalen Wettbewerb gute Chancen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wegfallende Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen und bestehende Arbeitsplätze durch Modernisierung zukunftssicherer zu machen.

Bereits damals gingen die Autoren davon aus, dass es zu einer Medienkonvergenz und zu der Entstehung eines Breitbanduniversalnetzes kommen würde.

Mit der Einbeziehung der bisher noch getrennt von der Individualkommunikation verlaufenden Weiterentwicklung der Breitbandverteilerdienste kann technisch die letzte Integrationsstufe zu einem künftigen Breitbanduniversalnetz vollzogen werden. Dieser Schritt wird zusätzlich zur Forderung nach Preiswürdigkeit der Glasfasertechnologie maßgebend durch die Angebotsbreite und -vielfalt elektronischer Massenmedien und individueller Informationsabrufdienste bestimmt. …

Die neuen Textkommunikationsformen als elektronische Abruf(Zugriffs-) und Kommunikationsdienste erlauben es, elektronisch gespeicherte Informationen weltweit für jeden Interessenten zu dem von ihm gewählten Zeitpunkt nach individueller Auswahl sekundenschnell zugänglich zu machen. Diese zukunftsträchtige Entwicklung hat mit Bildschirmtext und Videotext als Prototypen dieser neuartigen Dienste ihren Anfang genommen. Weitere Textkommunikationsdienste können folgen, sobald Breitband-Kabelnetze, Satelliten sowie verbesserte Speicher- und Übertragungstechniken die Voraussetzungen geschaffen haben.

Über die Schlüsselrolle der Glasfasernetze:

Erst der wirtschaftliche Glasfasereinsatz von Teilnehmer zu Teilnehmer wird die Voraussetzung für eine geeignete Infrastruktur breitbandiger Individualkommunikationsdienste (z. B. Bildfernsprechen) schaffen. Die Deutsche Bundespost ist im Rahmen ihrer dienstleistungsorientierten Aufgabenstellung bereit, das wirtschaftliche Risiko des Netzaufbaus mitzutragen. Sie unterstützt hiermit auch die Bestrebungen der Fernmelde- und Geräteindustrie, technologisch am Weltmarkt konkurrenzfähige Telekommunikationssysteme und Komponenten zu entwickeln.

Technische Innovationen sollten durch offene Standards und Schnittstellen gefördert werden:

Die Bundesregierung hat in ihrem „Regierungsbericht Informationstechnik”in fünf Bereichen ein auf fünf Jahre angelegtes ressortübergreifendes Maßnahmenbündel zur Förderung von Innovationen definiert. Eine zentrale Aufgabe in diesem Maßnahmenbündel ist die Belebung des Wettbewerbs im Inland durch freien Handel, durch Standardisierung und Offenlegung von Systemschnittstellen, durch innovationsfördernde Beschaffungsmaßnahmen des Staates sowie durch Bereitstellung von Risikokapital und Förderung von Unternehmensgründungen.

Noch einmal zur Medienkonvergenz bzw. zu den Medien der Kooperation. Man sah die Entstehung großer, weltweit agierender Technologiekonzerne voraus:

Die Internationalisierung des Angebots auf dem inländischen Tonträgermarkt wird auch künftig eher wachsen — vornehmlich wohl zugunsten weltweit operierender Großunternehmen. Der sich andeutende Trend zu multifunktionalen Lösungen für kommunikationstechnische Aufgaben spricht auf weite Sicht dafür, daß die Grenzen, die einer engeren Verflechtung mit audiovisuellen Medien bei der Nutzung von Geräten und Programmen noch entgegenstehen, spürbar an Durchlässigkeit gewinnen dürften.

Warum die Strategie in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten nicht konsequent weiterverfolgt wurde, ist unklar. Ein Grund dürfte die Wiedervereinigung gewesen sein, welche einen Großteil der Ressourcen gebunden hat. Die Prioritäten der Bundesregierung waren andere. Es bleibt abzuwarten, ob Politik und Wirtschaft aus ihren Fehlern gelernt haben Sollten sich die Versäumnisse im Firmenkundengeschäft (B2B) wiederholen, sieht es eher schlecht für die europäische Wirtschaft aus. GAIA-X kann nur der Anfang sein.

Veröffentlicht unter Wirtschaftsgeschichte | 1 Kommentar

Die vernetzte Fabrik #1

Von Ralf Keuper

Die vernetzte Fabrik gewinnt an Konturen. Es sieht ganz danach aus, als würden die Versprechen des Computer Integrated Manufacturing (CIM)1)und anderer Vorläufer von Industrie 4.0 und der Smart Factory in Erfüllung gehen.

In dem Beitrag The Connected Factory (Part 1/3), der auf dem Blog der International Data Spaces Association (IDSA) vor wenigen Tagen erschien, wird die Entstehungsgeschichte der vernetzten Fabrik näher erläutert.

Veröffentlicht unter Beiträge aus Zeitschriften, Blogs etc. | Schreib einen Kommentar

Die moderne Plattformgesellschaft – “Technostruktur” reloaded

Von Ralf Keuper

Für viele ersichtlich, haben wir die Industriegesellschaft verlassen, um uns nun in der Plattformgesellschaft wiederzufinden. Die Wirtschaft wird in zunehmendem Umfang von großen digitalen Plattformen, wie Google, Apple, Amazon und Alibaba geprägt. Die Branchengrenzen heben sich langsam aber sich auf. Ein Hersteller von Automobilen kann in relativ kurzer Zeit seine Produktion auf Medizinprodukte umstellen. Möglich ist das dank 3D-Druck und additiver Fertigung[1]VW will Hersteller von Medizintechnik unterstützen. Insofern ist es nur eine Frage der Zeit, bis Google & Co. im großen Stil in die Produktion von Gütern aller Art – irgendwann auch von Investitionsgütern – einsteigen.

Jetzt könnte man einwenden, das habe es auch in der Vergangenheit in Gestalt großer Mischkonzerne – wie ITT und GE – gegeben. Die japanischen Keiretsu beherrschten weite Teile der Wirtschaft in Japan. Und nicht zu vergessen: Die Deutschland AG. So weit richtig – nur: In alle diesen Konstellationen war die Preisfindung über den Markt im Großen und Ganzen intakt, d.h. kein noch so großes Unternehmen konnte das Verhalten der Kunden in die gewünschten Bahnen lenken und die Preise in seinem Sinne beeinflussen, wie heutzutage Amazon. Zwar gab es auch früher schon Informationsasymmetrien; so groß wie heute waren sie jedoch noch nie. In der Vergangenheit brachten Marktplätze, so wie heute viele Plattformen, Angebot und Nachfrage zusammen. Die Informationen, die dabei anfielen, wurden an keiner Stelle zentral erfasst. Was die Kunden gekauft haben, auf welchem Weg sie zu dem Käufer gefunden haben, wie und wieviel sie bezahlt haben, wo sie sich zuvor aufgehalten haben – das alles wusste weder eine Bank, ein Händler noch ein Unternehmen. Amazon und Alibaba sind dazu grundsätzlich in der Lage. Hinzu kommt, dass der Betreiber des Marktes nicht wie seinerzeit neutral ist – er ist häufig selber Anbieter von Waren, die auch seine Kunden im Programm haben. Mehr noch: Er kann sogar die Preise seiner Kunden unterbieten und seine Angebote an prominenter Stelle platzieren. Auf die Dauer entsteht auf den digitalen Plattformen und Ökosystemen eine Art Planwirtschaft.

Auch das ist nicht neu. Bereits die großen Industriekonzerne versuchten, so John Kenneth Galbraith in Die moderne Industriegesellschaft, die Marktkräfte und ihre Überraschungen so weit wie möglich zu neutralisieren bzw. in ihrem Sinne zu beeinflussen. Diese Aufgabe, die der industriellen Planung, so Galbraith, fiel der Technostruktur und ihren Angehörigen zu. Bereits in den 1950er Jahren vollzog sich, so Galbraith, der Machtübergang von der Einzelperson des Unternehmers auf die Organisation. Die wahre Macht in den Großbetrieben liege in den Händen einer Gruppe, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zur Entscheidungsfindung und -ausführung signifikant beiträgt – die Angehörigen der Technostruktur:

Erfolg kann man in der Technostruktur nur erzielen, wenn man es auf einem der Gebiete, die mit Planung, Technologie, Organisation oder der Nachfragesteuerung zu tun haben, zur Meisterschaft bringt.

Das wären heute vor allem diejenigen, die als Data Scientists und Softwareentwickler für das Training bestehender und neuer KI-Algorithmen zuständig sind. Ziel ist es, wie bereits erwähnt, mittels industrieller Planung den Markt zu steuern.

Wenn der Markt mit fortschreitender Technologie und der damit verbundenen Spezialisierung immer unsicherer wird, dann wird auch die industrielle Planung immer schwieriger, es sei denn, auch der Markt wird in die Planung einbezogen. Ein guter Teil dessen, was Firmen als Planung betrachten, besteht einfach darin, den Einfluss des Marktes zu verringern oder gar ganz auszuschalten.

Amazon ist diesem Ziel schon recht nahe, ebenso wie Alibaba. Die für die Planung nötigen Informationen bekommen sie häufig frei Haus von den Nutzern (Privatpersonen und Unternehmen). Ein Zustand, der für die alten Großkonzernen nicht mal im Ansatz im Bereich des Möglichen lag – auch nicht bei der legendären ITT, wo die Planung beachtliche Blüten trieb[2]“Weltmacht ITT – Die politischen Geschäfte eines multinationalen Konzerns” von Anthony Sampson.

In der heutigen Plattformgesellschaft haben die Marktkräfte immer weniger Einfluss. Das bekommen in besonderer Weise die kleinen und mittleren Betriebe, aber auch Großkonzerne wie Daimler und VW ebenso wie die Banken zu spüren. Letztere Gruppe hat in der alten Deutschland AG und eigentlich bis heute erfolgreiche Lobbyarbeit betrieben, ohne jedoch dabei den Erfolg von Tesla wie überhaupt die Verbreitung von Elektroautos aufhalten zu können. Diese Form der Planung funktioniert nicht mehr. Hier sind große Plattformen eindeutig im Vorteil.

Wenn wir unseren kontinentaleuropäischen Wirtschaftsstil (Dezentralisierung, soziale Marktwirtschaft, Mittelstand, Kultur) retten wollen, dann geht das nicht mehr auf dem gewohnten Weg. Branchenübergreifende Zusammenarbeit ist zwingend ebenso wie der Aufbau eigener, offener Ökosysteme, die sowohl Zentralisierung wie Dezentralisierung in Einklang bringen. Technologisch kann das durch den verstärkten Einsatz von Open Source und der Blockchain unterstützt werden. Von mindestens ebenso großer Bedeutung ist die Schaffung eines echten digitalen EU-Binnenmarktes sowie die Durchsetzung von Standards für den Datenaustausch wie generelle die Erhaltung der digitalen Souveränität.

Zuerst erschienen auf Identity Economy

Veröffentlicht unter Sonstiges | Schreib einen Kommentar

Gemeinsame Betriebssysteme der Automobilhersteller: Die letzte Revolution in der Automobilindustrie

Von Ralf Keuper

Die deutschen Automobilhersteller werden durch den Erfolg von Tesla unter Zugzwang gesetzt. Ein Warnruf war vor einigen Wochen die Meldung, wonach Tesla der Konkurrenz in Sachen Elektronik um 6 Jahre voraus sei[1]Ist Tesla sechs Jahre voraus?.

Die nächste Revolution in der Automobilindustrie 

Was sich in den letzten Jahren vollzogen hat, lässt sich durchaus als die nächste Revolution in der Automobilindustrie beschreiben. Die letzte setzte mit der Einführung von Total Quality Management, Kaizen und anderen Methoden des Lean Management, die ihren Ursprung in Japan hatten, ein[2]“Die zweite Revolution in der Autoindustrie” von James P. Wormack, Daniel T. Jones und Daniel Roos. Die aktuelle wird getrieben von der Elektronik und dem verbreiteten Einsatz von Software und Sensorik, ohne die Autos schon seit langem nicht mehr fahrbereit sind. Neu hinzu gekommen sind die Vernetzung der Automobile mit der Außenwelt, so dass, wie heute bei den Computerprogrammen wie MS Office, Updates automatisch eingespielt werden können, Infotainment-Systeme sowie autonom fahrende Autos.

Herzstück der Elektronik von Tesla ist die zentrale Steuerungseinheit Hardware 3. Die Einheit arbeitet mit zwei von Tesla selbst entwickelten Mikroprozessoren.

Der Aufwand auf Seiten der etablierten Hersteller, ihre Softwaresysteme an die autonome Fahrweise anzupassen, sprengt derzeit den Rahmen, da dadurch die bestehenden Lieferketten betroffen sind[3]Warum Tesla 6 Jahre Vorsprung auf die Konkurrenz hat. Sind die Zulieferer überhaupt in der Lage, entsprechende Lösungen bereitzustellen? Ließen sich die Komponenten evtl. viel besser von anderen Anbietern, womöglich bislang unbekannten, beziehen? Hier kommt das Dilemma zu Tragen, das der kürzlich verstorbene Clayton Christensen als die Abhängigkeit vom Value Network bezeichnete. Über die Jahren und Jahrzehnte haben die Hersteller und Zulieferer eine gemeinsame Sicht auf den Markt entwickelt. Wenn dann auf einmal neue Anbieter auftauchen, die Produkte mit ähnlichen Merkmalen, jedoch mit völlig anderen Technologien und Herstellern auf den Markt bringen, werden die Schwächen des bestehenden Wertschöpfungsnetzwerkes offensichtlich.

Gemeinsame Betriebssysteme als Ausweg 

Doch nicht genug damit, dass Tesla den Markt aufräumt. Eine weitere Bedrohung für die etablierten Hersteller sind die anderen Technologiekonzerne, die schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielen, selber in die Automobilproduktion einzusteigen. Das weniger “aus Freude am Fahren”, sondern vielmehr deshalb, da Autos enorme Mengen von Daten produzieren, welche sich wiederum für die Verbesserung eigener Services verwenden lassen. Google und Apple sind mit ihren Betriebssystemen in den Autos angekommen[4]Das Android-Auto nimmt BMW und Daimler einen entscheidenden Trumpf)). Von hier aus, so die Befürchtung bei den Herstellern, können sie weitere Aktionen zur Übernahme der Datenhoheit in den Autos … Continue reading.

Eine Allianz mit Daimler soll nun für Abhilfe sorgen[5]Daimler flirtet mit BMW und VW. Ziel ist die Entwicklung eines gemeinsamen Betriebssystems. Daimler arbeitet bereits mit BMW an einem Betriebssystem. Sollte Daimler mit VW zusammengehen, würde das zwangsläufig das Aus für die Kooperation mit BMW bedeuten, da das Kartellamt diese Form der Marktkonzentration verhindern würde. Einige Experten sind vorsichtig optimistisch, was die Erfolgschancen der Kooperationen zwischen den Herstellern betrifft. Allerdings müssten die Betriebssysteme eine ähnliche Funktionsbreite und Nutzerfreundlichkeit aufweisen, wie die Kunden sie von Apple und Google gewohnt sind [6]Autoexperte zu Daimler und BMW:„Wir sehen einen Kampf der Welten“. Andere wiederum halten den Vorsprung von Google, Tesla und Apple für nicht mehr einholbar.

Daimler, VW und BMW – alleine viel zu klein für die Plattformökonomie

Die Automobilhersteller müssen die für sie ungewohnte Erfahrung machen, dass sie für die Plattformökonomie viel zu klein sind. Das weniger mit Blick auf die Beschäftigtenzahlen und den Umsatz, als vielmehr bezogen auf die eigene Digitale Souveränität und den Zugang zu den Daten im Internet. Hier dominieren Google, Apple, Alibaba, facebook, Tencent & Co. mit ihren Betriebssystemen und Ökosystemen die Schnittstelle – dem haben VW, Daimler & Co. auch auf lange Sicht kaum etwas entgegenzusetzen. Daran ändern Übernahmen, wie die von Diconoium durch VW, nichts.

Bestenfalls durchwachsene Aussichten

Die Aussichten für die deutschen Hersteller sind angesichts der beschriebenen Lage, bestenfalls noch durchwachsen. Nicht umsonst sah sich VW-Chef Diess zu einer “Brandrede” veranlasst. Gut möglich, dass VW & Co. demnächst von Google & Co. “versklavt” werden, wie derzeit schon die Banken[7]Banking trifft Synergetik, oder: Wer bestimmt den Ordnungszusammenhang?. So wie sich über das Banking eine neue Informationsschicht gelegt hat, so wird auch die Automobilindustrie von dieser neuen Schicht erfasst. Branchengrenzen zerfließen. Künftig steht weniger das Fahren an sich im Vordergrund, sondern die (intermodale) Mobilität. Deshalb wäre es kartellrechtlich relativ unbedenklich, wenn BMW, Daimler und VW ein gemeinsames Betriebssystem entwickeln. Eigentlich sollte die gesamte europäische Automobilindustrie daran mitarbeiten.

Und selbst dann wird es noch sehr eng. Die nächste Revolution in der Automobilindustrie könnte daher die letzte sein.

References

1 Ist Tesla sechs Jahre voraus?
2 “Die zweite Revolution in der Autoindustrie” von James P. Wormack, Daniel T. Jones und Daniel Roos
3 Warum Tesla 6 Jahre Vorsprung auf die Konkurrenz hat
4 Das Android-Auto nimmt BMW und Daimler einen entscheidenden Trumpf)). Von hier aus, so die Befürchtung bei den Herstellern, können sie weitere Aktionen zur Übernahme der Datenhoheit in den Autos starten. Mit dem Smartphone verbinden bereits viele einen höheren Status als mit dem Automobil eines Premiumherstellers. Was läge da näher, als eigene Betriebssysteme zu entwickeln?

Daimler mit VW und BMW wiederum mit Daimler 

Die deutschen Hersteller haben den Ernst der Lage erkannt. Wenn die Entwicklung so anhält, dann sind sie irgendwann nur noch Zulieferer von Google, Apple, Tencent, Alibaba, Baidu und Amazon. VW versucht mit dem eigenen Betriebssystem ID.3 zu punkten. Jedoch kommt es hier immer wieder zu Verzögerungen und Qualitätsmängeln, weshalb der Leistungsumfang deutlich geringer ausfällt, als ursprünglich geplant. Neueste Bericht legen die Vermutung nahe, dass die Lage noch schlimmer ist, als bisher angenommen bzw. berichtet ((Software-Probleme: VW ID.3 „weit entfernt von Marktreife“?

5 Daimler flirtet mit BMW und VW
6 Autoexperte zu Daimler und BMW:„Wir sehen einen Kampf der Welten“
7 Banking trifft Synergetik, oder: Wer bestimmt den Ordnungszusammenhang?
Veröffentlicht unter Sonstiges | Schreib einen Kommentar

“Wohlstand und Armut der Nationen” von David Landes (Teil 1)

Von Ralf Keuper

Woher kommt es, dass einige Nationen über Jahrhunderte einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erleben und reich werden, während andere mit einem vergleichbaren Potenzial in Armut verharren? Welche Faktoren sind dafür verantwortlich?

Der renommierte Wirtschaftshistoriker David Landes ging diesen Fragen in seinem Buch Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind nach.

Von besonderem Interesse sind dabei China und die islamischen Staaten. Diese waren dem Westen über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende in der (angewandten) Wissenschaft sowie in der Technik weit voraus. Im Mittelalter jedoch erlahmte plötzlich der Erfindungsreichtum und die Abenteuerlust in Ländern wie China und Persien. Als hätte Europa auf diesen Zeitpunkt gewartet, starten Länder wie England, Frankreich und Spanien ihren Eroberungsfeldzug, der in der Geschichte seinesgleichen sucht. Als Erklärung gibt Landes an:

  1. Die jüdisch-christliche Achtung vor Handarbeit
  2. Die jüdisch-christliche Unterwerfung der Natur unter den Menschen
  3. Der lineare Zeitbegriff der jüdisch-christlichen Tradition
  4. Der freie Markt

Zu Punkt 4, den er für den entscheidenden hält, bemerkt Landes:

In Europa hatte das Unternehmertum freie Hand. Innovation kam zum Zuge und zahlte sich aus; die Herrscher und etablierten Interessengruppen waren nur begrenzt imstande, die Innovation zu verhindern oder davon abzuschrecken. Der Erfolg gebar Nachahmung und Wettstreit, außerdem ein Bewusstsein von Macht, das auf lange Sicht Menschen fast in den Rang von Göttern erhob.

Aber auch unter den europäischen Staaten verlief die Entwicklung unterschiedlich. Mit der Zeit verloren Spanien und Portugal den Anschluss an England, Frankreich und den Niederlanden. Die üppig fließenden Einnahmen in Form von Gold, die aus den südamerikanischen Kolonien flossen, führten zu einer Selbstgenügsamkeit und Trägheit, die auf Dauer den Tatendrang, der nötig ist, um die einmal erreichte Stellung zu halten, erlahmen ließen.

Spanien wurde arm, weil es zuviel Geld hatte. Die Nationen, in denen die Arbeit getan wurde, bildeten gute Gewohnheiten aus und pflegten sie, und ihr Streben ging dahin, neue Methoden zur rascheren und besseren Bewältigung der Aufgaben zu entwickeln. Die Spanier hingegen frönten ihrem Hang zu Hochfahrenheit, Müßiggang und Lustbarkeiten .. . Damit standen sie nicht allein. Überall in Europa ehrte man den vornehmen Lebensstil und verachtete die körperliche Arbeit, allerdings nirgendwo so sehr wie in Spanien, weil eine von Konfrontation und Krieg geprägte Gesellschaft eine schlechte Schule für Geduld und harte Arbeit ist, zum Teil aber auch deshalb, weil die Handwerke und Verrichtungen der Industrie und Landwirtschaft im spanischen Bewusstsein schon lange mit verachteten Minoritäten wie den Juden und Muslimen verknüpft waren.

Etwas anders war die Situation in Italien.

Italien war auf das große Mittelmeer fixiert, steckte darin fest. Es wurde auch durch alte Strukturen gelähmt: Die Herrschaft der Zünfte lastete auf den Handwerken und machte es ihnen schwer, sich neuen Anforderungen des Geschmacks anzupassen. Die Arbeitskosten blieben hoch, weil das Handwerk weitgehend auf städtische, zunftmäßig organisierte Werkstätten beschränkt blieb, in denen erwachsene Handwerker beschäftig wurden, die einen jahrelangen Gesellendienst hinter sich hatten.

Im zweiten Teil: Der Aufstieg der Wissenschaft und der Berufe. Amerika erobert die Weltmärkte.

Veröffentlicht unter Sachbücher, Wirtschaftsgeschichte | Schreib einen Kommentar

Zeitreise: So wurde 1996 Jahren das Internet erklärt! – Dokumentation von NZZ Format

Veröffentlicht unter Wirtschaftsgeschichte | Schreib einen Kommentar

Management in turbulenter Zeit

In turbulenter Zeit wird die Bilanz wichtiger als die Gewinn- und Verlustrechnung; das heisst, das Management muss weniger um hohe Gewinne als um finanzielle Stärke bemüht sein und auf jeden Fall das Mindestmaß an Liquidität kennen, das das Unternehmen zur Erhaltung seiner Existenz benötigt. Die entscheidende Frage lautet also: Wie hoch ist das Arbeitskapital, mit dem unsere Firma eine neunzig- oder hundertzwanzigtätigige Krise überdauern kann? Nach diesem Zeitpunkt setzt dann zwar eine neue »Normalsituation« ein. Während der Krise muss allerdings die Gesellschaft in der Lage sein, sich ohne externe Hilfe über Wasser zu halten – oder aber sie riskiert einen Zusammenbruch. In unserer unruhigen Zeit kommt ein Unternehmen nicht umhin, sich darüber Gedanken zu machen, was es im Falle einer Krise, einer Kreditklemme oder einer plötzlichen Deflation tun könnte und würde. Daher muss sich die Unternehmensleitung mindestens ebenso um die Finanzkraft, Zahlungsfähigkeit und Liquidität kümmern wie um den Umsatz und die Marktstellung oder um die Innovation und die Gewinne. Liquidität ist zwar an sich kein Eigenziel, aber in unsicheren Zeiten wird sie zu einer Restriktion, die für das Überleben eines Betriebes entscheidend sein kann.

Quelle: Management in turbulenter Zeit, Autor: Peter F. Drucker

Veröffentlicht unter Managementliteratur, Sachbücher | Schreib einen Kommentar