Ottobrunn bei München ist heute vor allem als Sitz von Isar Aerospace bekannt. Der Ort hat in der deutschen Luft- und Raumfahrtgeschichte allerdings bereits einmal eine größere Rolle gespielt, lange bevor der Begriff New Space existierte. Ludwig Bölkow verlegte dorthin 1958 sein Ingenieurbüro, gründete 1965 die Bölkow GmbH und fusionierte sie 1968/69 mit Messerschmitt und dem Hamburger Flugzeugbau zur Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB) – zeitweise mit fast 40.000 Beschäftigten der größte deutsche Luft- und Raumfahrtkonzern. Bölkow ließ dort 1969 auch den ersten deutschen Satelliten, Azur, bauen. Diese Vorgeschichte lohnt einen Blick, wenn heute vom „Beginn einer neuen Ära“ die Rede ist – denn sie wirft die Frage auf, wessen Ära an genau diesem Ort bereits zu Ende gegangen ist, und warum.


Der Aufstieg: MBB als Systemintegrator

Bölkow war kein Start-up-Gründer im heutigen Sinn. Er baute in gut zwei Jahrzehnten einen Konzern, der Hubschrauber (Bo 105), Flugkörper, Satellitentechnik und Anteile an der europäischen Raumfahrtkooperation unter einem Dach vereinte – mit eigener Systemintegrationskompetenz, eigener Serienfertigung (Donauwörth) und einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Unternehmenskultur (MBB experimentierte in Ottobrunn bereits in den 1950ern mit gleitender Arbeitszeit). MBB war nicht Zulieferer eines fremden Architekten, sondern selbst Architekt: Es entwarf, integrierte und verantwortete komplette Systeme, von der Panzerabwehrrakete bis zum Hubschrauberrotorkopf, der in seiner Grundkonstruktion bis heute im MBB/Kawasaki BK 117 fliegt.

Der Bruch: Konsolidierung statt Fortschreibung

Diese Systemintegrationsmacht ging der deutschen Raumfahrtindustrie nicht durch Marktversagen verloren, sondern durch europäische Konsolidierung. MBB ging Anfang der 1990er Jahre in der Daimler Aerospace AG (DASA) auf, diese wurde Teil von EADS, heute Airbus. Für Trägerraketen bedeutete das: Das europäische Ariane-Programm wurde und wird von einem französisch geführten Konsortium (heute ArianeGroup) als Hauptauftragnehmer verantwortet; deutsche Beiträge – die Ariane-6-Oberstufe bei Airbus in Bremen, die Strukturbauteile von MT Aerospace (inzwischen vollständig von OHB übernommen) – sind Komponenten- und Zulieferbeiträge zu einem fremd architektierten Gesamtsystem, kein eigener deutscher Trägerraketenentwurf. Bremen zählt heute rund 12.000 Beschäftigte in über 140 Luft- und Raumfahrtunternehmen und -instituten; OHB, Deutschlands einziger börsennotierter Raumfahrtkonzern, beschäftigt rund 2.900 Menschen – beachtliche Zahlen, aber die eines Zulieferer- und Satellitenclusters, nicht die eines eigenstän…