Bethel Henry Strousberg gilt als Gründerzeit-Hasardeur, dessen „System“ 1875 zusammenbrach. Die Quellenlage zeigt ein anderes Bild: Ein industriell durchdachter Konzern aus Bergbau, Hütten, Lokomotivbau und Bahnen wurde nicht durch schlechte Fabriken zerstört, sondern durch eine Kreditbasis, die nur bei laufender Börsen- und Bankenlaune trug. Der Moskauer Prozess von 1876 endete mit einem Freispruch vom Bestechungsvorwurf und der Ausweisung. Zwischen beiden Befunden liegt die eigentliche Frage: Was passiert mit einem Unternehmer, dessen Produktionsseite funktioniert, während ihm die Finanzierungsseite entgleitet?
Der Mann, der alles kaufte
Strousbergs Ausgangsidee war unspektakulär. Wer Eisenbahnen baut, verbraucht Schienen, Kohle, Eisen, Waggons und Lokomotiven in großen Mengen, und wer diese Bedarfe bündelt, spart. Als Generalunternehmer kaufte er Material langfristig ein und drückte die Preise. Die Zeitgenossen nannten ihn „den Mann, der alles kauft“, und sie verstanden dabei kaum, was hinter dem Spitznamen steckte.
Aus der Einkaufsstrategie wurde eine Konzernstruktur. Er erwarb die Dortmunder Hütte, die Neustädter Hütte, das Hochofenwerk Othfresen, Zechen und Erzgruben sowie die Hannoversche Maschinenfabrik, die spätere Hanomag. Was er bei Rohstoff und Vorprodukt einsparte, sollte im eigenen Haus bleiben, nicht bei Zwischenhändlern. Joachim Borchert beschreibt diese Konzeption in seiner Biografie „Der europäische Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg“ als vertikal gegliederte Industrie, in der sich die einzelnen Stufen gegenseitig auslasten.
Der Lokomotivbau in Hannover zeigt, dass die Konstruktion mehr war als Theorie. Die Fabrik wurde in kurzer Zeit zu einem der größten Lokomotivhersteller Deutschlands, baute in Serie und arbeitete mit Montageabläufen, die Zeitgenossen später mit Fordschen Fließbändern verglichen. Auch die Arbeiterstadt in Linden mit Reihenhäusern für 143 Familien gehört zu diesem Bild. Strousberg sicherte sich damit Facharbeiter in einer Region, in der sie knapp waren. Wer solche Werke aufbaut, denkt in Produktionsketten und nicht in Kursgewinnen.
Das Geld kam aus einer anderen Quelle
Die industrielle Logik hatte eine Schwachstelle: Sie musste finanziert werden, und zwar in einer Zeit, in der Kapital für Infrastruktur nur über Börse und Banken zu haben war. Strousbergs Antwort war das Aktienmodell. Er übernahm als Generalunternehmer den Bau und erhielt dafür Aktien der Bahngesellschaften, die er bei günstiger Börsenlage verkaufen konnte. Kritiker sahen darin das Kernstück des „Systems“. Wikipedia und die Preußische Allgemeine Zeitung betonen, dass das Aktienkapital über den tatsächlichen Baukosten angesetzt gewesen sei.
Die Kritik kam 1873 im preußischen Landtag. Der liberale Abgeordnete Eduard Lasker griff das „System Strousberg“ und dessen Finanzierungspraktiken öffentlich an. Die Regierung setzte daraufhin eine Untersuchung ein, und Handelsminister Itzenplitz, der Strousberg gefördert hatte, verlor sein Amt.
Borchert verweist auf den Bericht dieser Untersuchung, den das Haus im November 1873 erhielt. Der Bericht sah den Vorwurf des „…

