Zuse KG, Triumph-Adler, Olympia, Kienzle, Nixdorf, Philips Data Systems, Anker – sieben Namen, ein wiederkehrendes Muster: früh erkannte Digitalisierung, spät oder falsch vollzogene Architekturentscheidung, teurer Untergang. Nur ein Unternehmen aus derselben Konstellation entkam der Falle – indem es aufhörte, mitspielen zu wollen. Eine vierte, den sieben Fällen historisch noch nicht zur Verfügung stehende Option zeigt sich erst ein Jahrzehnt später, in derselben Stadt, in der alles begann.
Eine Erzählung, die zu gut klingt, um wahr zu sein
Es gibt eine beliebte Version der Geschichte von Triumph-Adler: ein Traditionsunternehmen, das die Digitalisierung früher erkannte als fast jeder andere deutsche Hersteller, das für einen historischen Moment sogar die genetische Blaupause der Personal-Computer-Revolution – die MITS-Altair-Technologie – in den Händen hielt, und das trotzdem an der Übermacht von IBM, an häufigen Eigentümerwechseln und an einer falschen Betriebssystementscheidung zugrunde ging. Es ist eine tragische, in sich geschlossene Erzählung. Sie hat nur einen Fehler: Sie hält der Prüfung nicht stand, sobald man die Eigentümerkette, die Zeitlinien und die Nachbarfälle genauer betrachtet. Und genau das lohnt sich – nicht um eine bessere Anekdote zu erzählen, sondern um zu verstehen, welche Konstellation tatsächlich am Werk war und warum sie sich, mit erstaunlicher Regelmäßigkeit, in mindestens sechs weiteren deutschen Unternehmen wiederholte.
Triumph-Adler: die Fallstudie mit den meisten Windungen
Die Eigentümerkette allein ist schon lehrreich. 1957 kaufte Max Grundig die Aktienmehrheit der Triumph-Werke und fusionierte sie mit einer Beteiligung an den Adlerwerken zur Triumph-Adler-Büromaschinen-Vertriebs-GmbH. Als Grundig Ende der 1960er Jahre seine Aufmerksamkeit und sein Kapital auf das margenträchtigere Farbfernsehgeschäft verlagerte, verkaufte er Triumph-Adler an den amerikanischen Mischkonzern Litton Industries – eine reine Kapitalallokationsentscheidung, kein Krisenverkauf des Objekts selbst. Unter Litton expandierte Triumph-Adler tatsächlich erfolgreich ins Computergeschäft: Die TA-100-Serie (1969) und die TA 10 (1971) waren Achtungserfolge, und binnen zehn Jahren stieg der Umsatz auf das Zehnfache, mit einem Marktanteil von 19 Prozent bei professionellen Mikrocomputern in Deutschland – dem höchsten aller Wettbewerber. Das ist eine wichtige Korrektur der gängigen Erzählung: Die 19-Prozent-Zahl, die in vielen Darstellungen als Ausgangspunkt des Niedergangs unter Volkswagen figuriert, war tatsächlich das Resultat der Litton-Ära – ein Wachstumserfolg, kein Verfallssymptom.
Der eigentliche Bruch kam erst später, und er kam über einen Umweg. Volkswagen übernahm Triumph-Adler nicht aus eigenem Antrieb als Wunschziel, sondern als Ausweichoption. Im Herbst 1978, mit reichlich Kapital aus dem erfolgreichen Golf-Anlauf, warb VW intensiv um die Paderborner Nixdorf Computer AG – ein florierendes, vollständig im Familienbesitz befindliches Unternehmen. VW wollte 50 Prozent, Heinz Nixdorf gestand höchstens 25 Prozent zu; die entscheidende Verhandlungsrunde platzte am 23. November 1978 öffentlichkeitswirksam („Abfuhr am Bußtag“, titelte der Spiegel), und sechs Tage später sicherte sich die Deutsche Bank die von Nixdorf verweigerte Beteiligung. Erst danach übernahm VW Triumph-Adler – und verlor im Verlauf dieses Engagements mehr als 1,5 Milliarden Euro. Das verschiebt die Kausalität: Nicht Unkenntnis der Branche allein erklärt das VW-Engagement, sondern ein möglicher Gesichtsverlust-Druck nach einer öffentlich gescheiterten Werbung um das eigentlich attraktivere Ziel.
Die eigentliche technologische Weichenstellung – der Kauf des KISS-Systems von der Firma sks (Steinmetz Krischke Systemtechnik), aus dem die Alphatronic-Serie hervorging – fiel bereits 1979/1980, also vor der Markteinführung des IBM-PC im August 1981. Das ist entscheidend für die Bewertung: Es handelte sich nicht um eine Fehlentscheidung angesichts eines bereits sichtbaren Signals, sondern um eine Entscheidung unter echter Unsicherheit, getroffen zu einer Zeit, als CP/M der De-facto-Standard für 8-Bit-Bürocomputer war. Erst 1984, mit dem hybriden 8088-Modell P30/P40, versuchte Triumph-Adler die 16-Bit-IBM-Kompatibilität nachzuholen – drei Jahre zu spät. 1986 verkaufte VW das Unternehmen an Olivetti.
Ein Mythos, der der Prüfung nicht standhält: Pertec und Altair
Ein Element der gängigen Erzählung verdient besondere Skepsis. 1980 erwarb Triumph-Adler die Mehrheit an der Pertec Computer Corporation, die zuvor die Firma MITS übernommen hatte – jenen Hersteller des Altair 8800, auf dem Bill Gates und Paul Allen ihr erstes Programm schrieben. Die populäre Version lautet, Triumph-Adler habe damit „die genetische Blaupause der PC-Revolution“ besessen und ihren Wert nicht erkannt. Tatsächlich hatte Pertec den Altair bereits Mitte 1978 – anderthalb Jahre vor der Triumph-Adler-Übernahme – wegen der Konkurrenz durch Apple II und TRS-80 eingestellt. Der ursprüngliche Kauf von MITS durch Pertec 1976 beruhte zudem auf einem Irrtum: Pertec glaubte, damit auch die Rechte an Microsoft BASIC zu erwerben, was sich als Fehlschluss erwies und zu einem Rechtsstreit mit Microsoft führte. Als Triumph-Adler Pertec übernahm, war die „Altair-DNA“ also bereits ein abgewickelt…
