Eine kürzlich erschienene Analyse der Boston Consulting Group zur Verteilung des durch Künstliche Intelligenz erzeugten Wertes trifft auf mehrere Befunde, die sich in den vergangenen Monaten unabhängig voneinander verdichtet haben: die Konzentration der KI-Industrie auf wenige Rechtsräume, den beobachtbaren Umbau der Software-Ökonomie von Lizenz- zu Infrastrukturlogik, die stille, aber folgenreiche Allokation von Rechenkapazitäten, die Europas Position in dieser Architektur bereits vorentscheidet – sowie zwei ältere, an der Bankenbranche entwickelte Beobachtungen zur Verflüchtigung von Dienstleistungsbeziehungen und zur Verschiebung der ökonomischen Zentren in Plattformstrukturen. Gemeinsam ergibt sich ein Bild, das über die einzelne Studie hinausweist: Es geht nicht mehr darum, ob KI Wert schafft, sondern darüber, welche Schicht diesen Wert dauerhaft abschöpft – und wer dabei zusehen muss.
I. Was Compute meint
Der Begriff Compute bezeichnet in dieser Debatte nicht ein einzelnes Produkt, sondern eine ganze Schicht physischer und infrastruktureller Voraussetzungen: die Chips, auf denen KI-Modelle trainiert und ausgeführt werden (vor allem spezialisierte Prozessoren wie GPUs und KI-Beschleuniger), die Rechenzentren, in denen diese Chips zu Clustern zusammengeschaltet sind, sowie die Energieversorgung, Kühlung und Netzwerkanbindung, die diese Cluster erst betriebsfähig machen. Wer über Compute verfügt, verfügt damit über die Fähigkeit, KI-Modelle zu trainieren oder Anfragen an bestehende Modelle zu beantworten – eine Fähigkeit, die zunehmend selbst zur knappen Ressource wird, unabhängig davon, wie gut das jeweilige Modell ist. Genau diese Trennung zwischen Modellqualität und Zugang zu Rechenkapazität ist der Grund, warum Compute in den im Folgenden diskutierten Analysen als eigenständige, strukturell bedeutsame Schicht behandelt wird – und nicht als bloßes technisches Beiwerk der eigentlichen KI-Anwendung.
II. Was unter der KI-Dividende zu verstehen ist
Die BCG-Analyse verwendet den Begriff der KI-Dividende, um den ökonomischen Mehrwert zu bezeichnen, den der Einsatz von KI in einem Sektor erzeugt – etwa durch geringere Produktionskosten, höhere Produktivität oder neue Erlösquellen. Entscheidend ist dabei nicht die Höhe dieses Mehrwerts, sondern seine Verteilung: Wer eignet sich die Dividende an – Aktionäre, Beschäftigte, Konsumenten, oder eine vorgelagerte Schicht wie der Compute-Anbieter? Diese Verteilung ist nach der BCG-Analyse keine Naturkonstante, sondern das Ergebnis von fünf strukturellen Faktoren: Aufgabensubstituierbarkeit (wie leicht KI menschliche Tätigkeit ersetzt), Marktkonzentration (wie viel Verhandlungsmacht Anbieter gegenüber Kunden behalten), Datendefensibilität (ob ein Datenvorteil sich gegen Nachahmer verteidigen lässt), Rechenintensität (wie viel der Wertschöpfung an die Compute-Schicht abfließt) und regulatorische Reibung (wie sehr Regulierung die Umverteilung verlangsamt oder kanalisiert).
Der Sektorvergleich der Analyse macht die Konsequenzen dieser Faktoren sichtbar: In Finanzdienstleistungen, einem oligopolistisch strukturierten und stark regulierten Markt, verbleibt die Dividende überwiegend bei den Aktionären. Im Einzelhandel, mit seiner Hyperkompetition und geringen Markteintrittsbarrieren, wird sie binnen weniger Jahre fast vollständig an Konsumenten durchgereicht. Die KI-Dividende ist also kein einheitlicher Betrag, der zu verteilen wäre, sondern eine sektorspezifische Größe, deren Empfänger sich aus der jeweiligen Marktstruktur ergibt – und genau diese Struktur-statt-Technologie-Logik verbindet den Begriff mit der im Folgenden diskutierten Frage, wer die Compute-Schicht kontrolliert.
III. Der neue Rentensammler
Die zentrale These der BCG-Analyse lautet, dass die Compute-Schicht in der gegenwärtigen Investitionswelle eine Rolle einnimmt, die es in dieser Form vorher nicht gab: die eines permanenten Zwischenakteurs, der an praktisch jeder KI-gestützten Transaktion mitverdient – unabhängig davon, welches Unternehmen am Ende die Rechnung an den Kunden stellt. Die Analogie der Autoren zu den Elektrizitätsversorgern des frühen 20. Jahrhunderts trifft die Struktur präzise, greift aber möglicherweise zu kurz: Elektrizität war ein homogenes Gut mit weitgehend austauschbaren Anbietern innerhalb eines regulierten Rahmens. Die Compute-Schicht der KI-Ökonomie ist dagegen hochkonzentriert und kaum reguliert – ein Unterschied, der die Rentenposition der wenigen Akteure, die diese Schicht kontrollieren, eher verstärkt als relativiert. In den Kategorien der KI-Dividende ausgedrückt: Die Compute-Schicht profitiert von hoher Rechenintensität in fast jedem Sektor gleichzeitig, unabhän…
