BMW hat in Niederbayern die Serienproduktion von Batterien der sechsten Generation gestartet, und die Landespolitik spricht von einem Freudentag. Wer genauer hinsieht, findet ein Montagewerk, das vor allem Beschäftigte umschichtet, während die Zellen von chinesischen Zulieferern kommen. Der Fall zeigt im Kleinen, wo in der Batteriekette heute die Wertschöpfung liegt.
Im niederbayerischen Irlbach-Straßkirchen, benannt nach den beiden Gemeinden, auf deren Gebiet es liegt, hat BMW die Serienproduktion von Hochvoltbatterien aufgenommen. Von dort aus sollen die deutschen Fahrzeugwerke beliefert werden, zunächst das Münchner Werk mit dem neuen i3. Rund eine Milliarde Euro hat der Konzern investiert. Zwischen Baubeginn und Vorserie lagen weniger als zwei Jahre. Ministerpräsident Markus Söder sprach beim symbolischen Start von einem „Freudentag“ und einem starken Bekenntnis zum Standort. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sah ein Symbol für den Mut, die Transformation der Autoindustrie aktiv zu gestalten.
Die Berichterstattung zum Produktionsstart enthält allerdings selbst einen Hinweis, der diese Lesart dämpft. Von den derzeit rund 1.000 Beschäftigten kommen die meisten aus nahegelegenen BMW-Werken. Viele von ihnen waren dort bereits in der Fertigung der fünften Batteriegeneration tätig. Das Werk sichert also Arbeitsplätze, indem es eine auslaufende Tätigkeit durch eine neue ersetzt. Ein nennenswerter Beschäftigungszuwachs ist damit nicht verbunden. Auch die geplante Aufstockung auf 1.600 Beschäftigte dürfte zu einem guten Teil aus dieser Umschichtung gespeist werden.
Wichtiger ist, was hinter dem Wort „Batteriewerk“ steht. In Irlbach-Straßkirchen werden keine Batteriezellen hergestellt. Für die sechste Generation setzt BMW erstmals auf großvolumige Rundzellen, also zylindrische Zellen anstelle der bisherigen prismatischen Bauform. Diese werden nach dem Cell-to-Pack-Prinzip direkt, ohne Zwischenstufe aus Modulen, zu einbaufertigen Batteriepaketen zusammengefügt. Der niederbayerische Standort ist somit ein Montagewerk. Die Zellen selbst liefern CATL und Eve Energy, zwei chinesische Hersteller, die BMW bereits 2022 mit einem zweistelligen Milliardenbetrag mit dem Bau von Zellfabriken beauftragt hat. Teile davon entstehen in Europa, etwa im ungarischen Debrecen. Die Zellchemie, die Fertigungstechnik und die Skaleneffekte bleiben jedoch bei den Zulieferern.
Der Sprung von 75 auf 108 Kilowattstunden Kapazität und die kürzeren Ladezeiten, die BMW als Technologiesprung hervorhebt, beruhen zu einem erheblichen Teil auf dieser zugekauften Zelltechnik. Was in Niederbayern geleistet wird, ist Integration: Packarchitektur, Qualitätssicherung, Anbindung an die Fahrzeugwerke. Das ist keine Nebensache. Es ist aber auch nicht der Teil der Kette, in dem sich die technologische Führung in der Elektromobilität derzeit entscheidet.
Hinzu kommt, dass Irlbach-Straßkirchen kein Sonderfall ist. BMW baut nach dem Prinzip „Local for Local“ fünf solcher Montagestandorte, jeweils in der Nähe seiner Fahrzeugwerke: neben Niederbayern in Debrecen, im chinesischen Shenyang, in San Luis Potosí in Mexiko und in Woodruff bei Spartanburg in den USA. Die Wahl Niederbayerns folgt damit vor allem der Logistik zu Dingolfing und München. Als besonderes Bekenntnis zum Standort Deutschland lässt sich diese Netzwerkentscheidung nur begrenzt lesen.
Auch das von Aiwanger gelobte Tempo hat eine Vorgeschichte. Der Bau war lange umstritten, und erst ein Bürgerentscheid in Straßkirchen im September 2023 machte den Weg frei. Die schnelle Errichtung danach ist eine echte Leistung. Sie folgt jedoch auf eine Phase, in der das Projekt politisch keineswegs gesichert war.
Das eigentlich positive Signal steckt in einem Nebensatz: Weil die Nachfrage nach dem i3 hoch ist, soll der Hochlauf schneller erfolgen als geplant. Ob sich diese Nachfrage über die Startphase hinaus hält, wird sich erst über mehrere Quartale zeigen.
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, das sich als vorläufige These formulieren lässt. In China lokalisiert BMW, ohne dort an frühere Erfolge anknüpfen zu können. In Deutschland wird ein Werk als Heimatbekenntnis gefeiert, dessen Kernkomponente von chinesischen Herstellern stammt. Beide Bewegungen deuten darauf hin, dass sich die Gestaltungsmacht in der Batteriekette vom Fahrzeughersteller zum Zellproduzenten weiter verschiebt. Der deutsche Standort behält die Montage. Ob das für die nächste Technologiegeneration genügt, ist fraglich.
Ralf Keuper
Quellen
- electrive.net: BMW sieht Bau von Batterie-Montagewerk in Niederbayern im Zeitplan (30.04.2025) – https://www.electrive.net/2025/04/30/bmw-sieht-bau-von-batterie-montagewerk-in-niederbayern-im-zeitplan/
- electrive.net: Bestätigt: BMW setzt auf Rundzellen von CATL und Eve Energy (09.09.2022) – https://www.electrive.net/2022/09/09/bestaetigt-bmw-setzt-auf-rundzellen-von-catl-und-eve-energy/
- electrive.net: BMW plant wohl Batterie-Montagewerk in Niederbayern (18.01.2023) – https://www.electrive.net/2023/01/18/bmw-plant-wohl-batterie-montagewerk-in-niederbayern/
- elektroauto-news.net: Wo BMW seine E-Auto-Batterien entwickelt und produziert – https://www.elektroauto-news.net/news/bmw-e-auto-batterien-produktion
