BMW streicht 8.000 Stellen in Verwaltung und Entwicklung und verlagert die Wertschöpfung für den chinesischen Markt vollständig nach China. In Teilen der Kommentierung gilt das als Beleg dafür, dass München anders als Wolfsburg und Stuttgart die Lektion gelernt habe. Bei näherem Hinsehen spricht einiges für eine andere Lesart: Die China-Lokalisierung ist weniger ein Plan zur Rückkehr an alte Erfolge als die organisatorische Anerkennung, dass diese Rückkehr nicht mehr erwartet wird.
Eine Deutung, die sich schnell verbreitet hat
Seit dem Sommer steht fest, dass BMW bis Ende 2027 weltweit rund 8.000 Stellen abbauen wird. Der Abbau soll ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen und über ein freiwilliges Abfindungsprogramm, Altersteilzeit und natürliche Fluktuation erfolgen. Betroffen sind vor allem die sogenannten indirekten Bereiche, also Verwaltung, Forschung, Entwicklung und Management; die Produktion ist ausgenommen. Ab 2028 sollen die Maßnahmen jährlich rund eine Milliarde Euro einsparen. Von den weltweit etwa 154.000 Beschäftigten arbeiten rund 84.000 in Deutschland, ein großer Teil davon am Stammsitz München.
Auf dem Kapitalmarkttag Ende September hat der neue Vorstandsvorsitzende Milan Nedeljković, der im Mai die Nachfolge von Oliver Zipse angetreten hatte, die strategische Einbettung dieses Abbaus vorgestellt. Kern ist eine Regionalisierung: eigene Modelle für Europa, die USA und China, und für China die Verlagerung praktisch der gesamten Wertschöpfungskette ins Land selbst. Entwicklung, Einkauf, Produktion und Vermarktung sollen dort künftig von lokalen Managern verantwortet werden.
In der Kommentierung hat sich daraus rasch eine Deutung gebildet: BMW zeige mit dem Abbau in Management und Verwaltung, dass es anders als Volkswagen und Mercedes-Benz die Lektion gelernt habe. Die Lösung vom chinesischen Markt sei ein weiteres Indiz dafür, und deshalb habe BMW die besseren Chancen. Diese Deutung hält einer Prüfung nur in Teilen stand.
Nachzügler, nicht Vorreiter
Zunächst stimmt die Chronologie nicht. BMW galt lange als der letzte große deutsche Autobauer ohne drastisches Sparprogramm. Mercedes-Benz hatte bereits 2025 mit seinem Programm „Next Level Performance“ Abfindungsangebote an Zehntausende Beschäftigte in indirekten Bereichen gerichtet. Das Muster, die Fertigung zu schonen und den Abbau in Verwaltung und Entwicklung zu konzentrieren, ist in der Branche also eingeführt. BMW folgt ihm, es hat es nicht erfunden.
Zudem ist die verbreitete Zusammenfassung „Management und Verwaltung“ ungenau. Ausdrücklich betroffen ist auch die Entwicklung. Ein Stellenabbau in der Entwicklung lässt sich nicht ohne Weiteres als Ausweis gelernter Lektionen lesen. Er kann ebenso eine Verlagerung von Entwicklungsarbeit bedeuten, und genau das legt die China-Strategie nahe.
Ein Detail fällt allerdings zugunsten von BMW ins Gewicht. Am Rande des Kapitalmarkttags teilte das Unternehmen mit, bis Mitte 2027 die Zahl der „Bereiche und zugeordneten Managementfunktionen“ um 20 Prozent zu verringern. Zunächst betrifft das die vergleichsweise hohe Ebene der Bereichsleiter; die Wirkung soll aber auch auf darunterliegende Managementebenen ausstrahlen. Nedeljković begründete das mit dem Satz, die Münchner Organisation sei schlicht zu groß. An dieser Stelle unterscheidet sich BMW tatsächlich von den Wettbewerbern: Eine Führungsebene wird ausdrücklich beziffert, statt in der Sammelkategorie der indirekten Bereiche aufzugehen. Die Bedeutung sollte man gleichwohl nicht überschätzen. Ein zahlenmäßig großer Stellenabbau ist nach Angaben des Unternehmens damit nicht verbunden. Gestrichen werden in erster Linie Strukturen und Funktionen, nicht notwendigerweise die Personen, die sie bisher ausgefüllt haben.
Keine Unabhängigkeit, sondern eine Neuverteilung der Abhängigkeit
Die zweite Hälfte der Deutung, BMW mache sich von China als Markt unabhängig, findet in den Plänen keine Grundlage. Ihr Ursprung liegt vermutlich in einer anderen Ankündigung: BMW will in einigen Jahren kaum noch Fahrzeuge nach China exportieren. Das ist aber keine Abkehr vom Markt, sondern die Kehrseite der Lokalisierung. Was in China verkauft wird, soll dort auch entstehen. Der China-Bereich im Konzern soll größer werden, BMW sucht dort derzeit neue Entwickler. Unabhängiger wird nicht BMW von China, sondern die Münchner Zentrale und die deutschen Werke vom China-Geschäft und das China-Geschäft von München. Für die heimischen Standorte bedeutet das den schrittweisen Wegfall eines Absatzkanals, der jahrelang zur Auslastung beigetragen hat.
Daraus folgt ein Einwand gegen die Beweisführung selbst. Stellenabbau in der Münchner Entwicklung und Aufbau von Entwicklungskapazität in China sind plausibel zwei Seiten derselben Verlagerung. Wer beide als voneinander unabhängige Indizien für eine gelungene Neuaufstellung zählt, zählt einen Befund doppelt.
Auch die Abhängigkeit im engeren Sinn bleibt bestehen. Nedeljković selbst lehnt neue EU-Zölle auf chinesische Fahrzeuge ab und wirbt stattdessen für Preisvereinbarungen zwischen Brüssel und Peking. Als Begründung nennt er die Gefahr, dass China im Gegenzug die Lieferung von Batteriezellen einschränken könnte, auf die die europäische Autoindustrie angewiesen ist. Ein Unternehmen, das sich von China gelöst hätte, müsste so nicht argumentieren.
Ein Markt, auf dem kein Fuß mehr zu fassen ist
Bleibt die Frage, wie die Lokalisierung selbst zu lesen ist. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im zweiten Quartal 2026 hat BMW in China rund ein Drittel weniger Fahrzeuge abgesetzt als im Vorjahresquartal, obwohl die Fahrzeuge dort inzwischen um mehrere zehntausend Euro günstiger angeboten werden. Wenn selbst Preisnachlässe dieser Größenordnung den Absatz nicht stabilisieren, liegt das Problem nicht mehr beim Preis. Es liegt bei der Frage, warum ein chinesischer Käufer überhaupt einen BMW wählen sollte.
Wer Entwicklung, Einkauf und Vermarktung für einen Markt vollständig in diesen Markt verlagert, sagt damit implizit auch: Das am Stammsitz entwickelte Produkt passt dort nicht mehr. Insofern ist die Lokalisierung zunächst ein Eingeständnis, und zwar eines, das in der Kommunikation vom Kapitalmarkttag eher als Aufbruch präsentiert wurde.
Was Lokalisierung nicht zurückkaufen kann
Schwerer wiegt ein zweiter Punkt. Der Preisaufschlag, den deutsche Premiumhersteller in China über Jahre erzielen konnten, beruhte nicht allein auf technischer Qualität. Er beruhte auf einem Statussignal, das an Herkunft und den Ruf deutscher Ingenieurskunst gebunden war. Dieses Signal ist inzwischen zu chinesischen Anbietern gewandert, etwa zu Huawei mit der Marke Aito, zu Xiaomi oder zu BYD, die ihre Fahrzeuge vor allem über Software, Vernetzung und Bedienerlebnis definieren und damit den Anspruch an ein hochwertiges Auto neu gesetzt haben.
Ein BMW, der in China von chinesischen Teams für chinesische Kunden entwickelt und mit chinesischen Zulieferern gebaut wird, nähert sich diesen Anbietern an. Genau dadurch schwächt er jedoch das Merkmal, das den Aufschlag einst gerechtfertigt hat. Lokalisierung kann Kosten senken und Entwicklungszyklen beschleunigen. Verlorenes Prestige kann sie nicht zurückkaufen. Im günstigen Fall wird BMW in China zu einem guten Anbieter unter vielen, mit den Margen eines Anbieters unter vielen.
Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Ansatz ohnehin nicht. Volkswagen verfolgt unter dem Leitsatz „in China, für China“ seit Jahren dieselbe Richtung. 2023 erwarb der Konzern eine Beteiligung von fünf Prozent an dem chinesischen Elektroautohersteller Xpeng und vereinbarte eine langfristige Entwicklungskooperation. Zentrale Rolle spielt dabei die Volkswagen Group China Technology Company in Hefei, die gemeinsam mit Xpeng eine eigene, in China konzipierte Elektronikarchitektur entwickelt hat. Seit März 2026 läuft dort mit dem ID.UNYX 08 das erste gemeinsam entwickelte Modell vom Band, ein zweites ist im Vorverkauf. Volkswagen ist BMW auf diesem Weg also um mehrere Jahre voraus. Wenn Volkswagen dennoch als Nachzügler gilt, lässt sich BMW mit derselben Strategie schwerlich als der Lernfähigere ausweisen.
Schadensbegrenzung statt Wachstumsstrategie
Fairerweise ist zu fragen, ob es eine bessere Alternative gegeben hätte. Ein Rückzug wäre ebenfalls teuer. BMW betreibt im nordostchinesischen Shenyang über das Gemeinschaftsunternehmen BMW Brilliance Automotive seit 2003 Fahrzeugwerke, die zusammen den größten Produktionsstandort des Konzerns weltweit bilden. Im Februar 2022 übernahm BMW für rund 3,6 Milliarden Euro die Mehrheit von 75 Prozent und verlängerte den Joint-Venture-Vertrag bis 2040. Schon damals entstand die große Mehrheit der in China verkauften Fahrzeuge vor Ort. Der damalige Vorstandsvorsitzende Oliver Zipse verband den Schritt mit der Erwartung, die Erfolgsgeschichte in China werde sich gemeinsam mit dem Gemeinschaftsunternehmen fortsetzen. Vier Jahre später sind diese Kapazitäten gebundenes Kapital in einem Markt, auf dem BMW kaum noch Fuß fasst. China bleibt zudem trotz aller Schwäche der größte Automarkt der Welt. Die Lokalisierung lässt sich deshalb auch als rationale Schadensbegrenzung lesen: als Versuch, eine bestehende Investition und ein schrumpfendes Geschäft wenigstens kostendeckend zu führen.
Unter dieser Lesart wäre die Strategie vernünftig, aber eben kein Signal für eine Rückkehr an frühere Erfolge. Die Erwartungen des Konzerns selbst passen dazu. Für 2026 rechnet BMW im Autogeschäft nur noch mit einer operativen Marge von 1 bis 3 Prozent, nachdem zuvor 4 bis 6 Prozent angepeilt waren. Die angestammte Bandbreite von 8 bis 10 Prozent soll erst zu Beginn des nächsten Jahrzehnts wieder erreicht werden. Die Aktie fiel nach dem Kapitalmarkttag zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit 2020 und hat seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent verloren. Ein Analyst bezeichnete BMW unter Nedeljković als „Show-Me-Story“, also als Unternehmen, das den Beweis erst noch erbringen muss. Der Kapitalmarkt rechnet BMW den behaupteten Vorsprung jedenfalls noch nicht zu.
Woran sich die Lesart messen lässt
Die hier vertretene Deutung, die Lokalisierung sei eher Warnsignal als Wendepunkt, ist eine These und kein gesicherter Befund. Sie lässt sich jedoch an einem überprüfbaren Kriterium messen: daran, ob BMW in China künftig noch einen nennenswerten Preisaufschlag gegenüber vergleichbaren chinesischen Fahrzeugen durchsetzen kann.
Einen ersten Hinweis wird die Neue Klasse liefern, die neue Elektroauto-Plattform des Konzerns, insbesondere die Preisgestaltung des iX3 beim Marktstart in China. Stabilisiert sich der Absatz dort nur über weitere Preissenkungen, wäre die Lesart vorläufig korroboriert. Gelingt es BMW dagegen, mit lokal entwickelten Modellen wieder Preise oberhalb der chinesischen Konkurrenz zu erzielen, müsste sie revidiert werden.
Bis dahin spricht mehr dafür, die China-Lokalisierung als das zu lesen, was sie organisatorisch ist: die Übergabe eines Marktes an eine eigenständige Einheit, deren Aufgabe weniger die Rückeroberung als die Verwaltung eines Bedeutungsverlusts sein dürfte. Mit gelernten Lektionen hat das wenig zu tun, eher mit dem nüchternen Eingeständnis, dass eine bestimmte Epoche deutscher Premiumhersteller in China zu Ende gegangen ist.
Ralf Keuper
Quellen
- Euronews: BMW streicht 8.000 Stellen: Abfindungsprogramm in Millionenhöhe – https://de.euronews.com/business/2026/07/29/bmw-8000-stellen-abfindungsprogramm-in-millionenhohe
- ad-hoc-news: BMW-Sparkurs: 8000 Arbeitsplätze bis Ende 2027 gestrichen – https://www.ad-hoc-news.de/wirtschaft/bmw-sparkurs-8000-arbeitsplaetze-bis-ende-2027-gestrichen/69895916
- WirtschaftsWoche: BMW-Kapitalmarkttag: Neuer CEO baut Konzern radikal um – https://www.wiwo.de/unternehmen/auto/bmw-kapitalmarkttag-neuer-ceo-baut-konzern-radikal-um/100258636.html
- Handelsblatt: BMW: So stellt Milan Nedeljkovic den Konzern für die Zukunft auf – https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-so-stellt-milan-nedeljkovic-den-konzern-fuer-die-zukunft-auf/100256441.html
- Handelsblatt: Autohersteller: Neues Margenziel bis 2028 – https://handelsblatt.com/unternehmen/industrie/autohersteller-neues-margenziel-bis-2028-so-will-bmw-aus-der-krise-kommen/100258539.html
- onvista: Analyst: BMW will mit weniger Modellen und stärkerer Lokalisierung aus Krise – https://onvista.de/news/2026/09-30-analyst-bmw-will-mit-weniger-modellen-und-staerkerer-lokalisierung-aus-krise-0-20-26558900
- finanzen.net: BMW stellt Anleger auf längere Durststrecke ein – https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/selbstzuender-bmw-aktie-mit-gewinnen-nervositaet-der-anleger-wegen-kapitalmarkt-aussagen-legt-sich-kein-diesel-mehr-im-3er-laengere-durststrecke-15959389
- Börse Express: BMW Aktie: Chef fordert höhere China-Preise – https://www.boerse-express.com/news/articles/bmw-aktie-chef-fordert-hoehere-china-preise-948470
- sharedeals: BMW-Aktie vor wichtigem Termin – https://www.sharedeals.de/bmw-aktie-vor-wichtigem-termin-kommt-jetzt-die-ueberraschung/
- Investor Verlag: BMW Aktie: Kursziele nach dem Kapitalmarkttag – https://www.investor-verlag.de/aktien-und-aktienhandel/deutschland/bmw-aktie/bmw-aktie-kursziele-nach-dem-kapitalmarkttag/
- Der Aktionär: BMW-Aktie: Es geht los… – https://www.deraktionaer.de/artikel/mobilitaet-oel-energie/bmw-aktie-es-geht-los-20408514.html
- autohaus.de (dpa): Bis Mitte 2027: BMW schrumpft Topmanagement um ein Fünftel – https://www.autohaus.de/nachrichten/autohersteller/bis-mitte-2027-bmw-schrumpft-topmanagement-um-ein-fuenftel-3911004
- t-online (dpa): BMW schrumpft Topmanagement um ein Fünftel – https://www.t-online.de/finanzen/aktuelles/id_101459990/bmw-schrumpft-topmanagement-um-ein-fuenftel.html
- Bietigheimer Zeitung (dpa): BMW schrumpft Topmanagement um ein Fünftel – https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.autoindustrie-bmw-schrumpft-topmanagement-um-ein-fuenftel.3b81e04c-0406-4956-933c-36b0455433d6.html
- Volkswagen Group: Meilenstein der „In China, für China“-Strategie – https://www.volkswagen-group.com/de/pressemitteilungen/meilenstein-der-in-china-fuer-china-strategie-das-erste-gemeinsam-von-volkswagen-und-xpeng-entwickelte-auto-rollt-vom-band-20218
- Investing.com: Volkswagen startet Vorverkauf für zweites Xpeng-Modell in China – https://de.investing.com/news/stock-market-news/volkswagen-startet-vorverkauf-fur-zweites-xpengmodell-in-china-93CH-3675714
- Trending Topics: Volkswagen produziert mit XPeng erstes E-Auto für chinesischen Markt – https://www.trendingtopics.eu/volkswagen-xpeng-china/
- electrive.net: BMW-Partner Brilliance soll Ausstieg aus Joint Venture BBA erwägen – https://www.electrive.net/2024/01/15/china-bmw-partner-brilliance-soll-ausstieg-aus-joint-venture-bba-erwaegen/
- bimmertoday: BMW übernimmt Mehrheit an China-Joint-Venture BBA – https://www.bimmertoday.de/2022/02/11/bmw-ubernimmt-mehrheit-an-china-joint-venture-bba/
- bmwblog: BMW Increases Share In Joint Venture With Brilliance In China To 75% – https://www.bmwblog.com/2022/02/11/bmw-increases-share-in-brilliance/
