Roland Berger sieht für Europa bis 2040 eine Chance auf drei Billionen Euro Marktanteil an den globalen Zukunftstechnologien – vorausgesetzt, Finanzierung, Marktreife und Ansiedlung außereuropäischer Unternehmen gelingen. Die Bedingung ist dabei der eigentliche Befund, nicht die Fußnote: Sie beschreibt eine Gegenwart, in der Europas reale Stärke sich auf die langsamer wachsenden Technologiefelder konzentriert, während es in den wertmäßig entscheidenden Märkten zurückliegt – und in der die Diagnose zwar zutrifft, die Kategorien dahinter aber seit Jahren zur selben, wirkungslosen Verordnung führen.


Die Unternehmensberatung Roland Berger hat mit der Studie „Winner takes most: The global technology race to 2040″ (Kurztitel: „The 2040 Technology Gameplan“) eine Analyse vorgelegt, die in der Berichterstattung fast durchgängig als gute Nachricht für Europa gelesen wird: 30 identifizierte Technologietrends, die von heute 2,5 Billionen auf über 20 Billionen Euro globales Marktvolumen bis 2040 wachsen sollen. Davon gelten 14 als besonders relevant, mit einem gemeinsamen Marktvolumen von rund 16 Billionen Euro bis 2040 – mehr als die Hälfte davon entfällt allein auf KI-Systeme, Halbleiter und Rechenzentren. Für Europa sieht Roland Berger über drei mögliche strategische Pfade die Aussicht, davon einen Anteil von rund drei Billionen Euro zu erobern. Als Felder, in denen der Kontinent bereits heute eine global führende Position hält, nennt die Studie fünf: Microgrids, Quantentechnologien, CO₂-Abscheidung (CCUS), Biomaterialien und – mit Einschränkung auf komplexe Segmente – Medizintechnik.

Die Zahl ist real, die Studie seriös, die Auswahl der Stärkefelder plausibel. Trotzdem lohnt ein zweiter Blick auf das, was zwischen Schlagzeile und Studieninhalt verlorengeht – und, nach Einsicht in die von Roland Berger selbst veröffentlichte Zusammenfassung, auch eine Korrektur an einem Punkt, den die deutsche Sekundärberichterstattung nicht abbildete.


Die Bedingung ist das Ergebnis, nicht die Einschränkung

Roland Berger benennt selbst drei Voraussetzungen, ohne die aus dem Marktpotenzial kein Marktanteil wird: bessere Finanzierungsbedingungen für Technologieprojekte, effizientere Wege zur Marktreife und gezielte Anreize, damit außereuropäische Unternehmen Produktions- oder Entwicklungsaktivität in Europa ansiedeln. In der medialen Verkürzung wird daraus ein Nebensatz. Tatsächlich ist diese Bedingung der eigentliche Befund der Studie – der Teil, der eine Aussage über die Gegenwart trifft, während die Drei-Billionen-Zahl eine Aussage über eine mögliche Zukunft ist, die von genau dieser Bedingung abhängt. Wer die Konditionalität zur Fußnote macht, kehrt die Beweislast um: aus „Europa könnte, wenn…“ wird „Europa wird“.

Fünf Felder, zwei Geschwindigkeiten

Roland Berger selbst unterteilt die 14 Schlüsseltechnologien in zwei Gruppen: „Act Now“ umfasst neun Trends, deren Märkte bereits heute in großem Maßstab entstehen und deren Wettbewerbspositionen sich rasch verfestigen – darunter KI-Systeme, Halbleiter, Rechenzentren und, mit einer für 2050 projizierten vier Billionen US-Dollar Marktgröße ausdrücklich benannt, humanoide Roboter. „Scout & Prepare“ umfasst fünf Trends mit längerem Entwicklungshorizont, aber erheblichem kommerziellen Potenzial: Quantentechnologien, Biomaterialien, CO₂-Abscheidung, Medizintechnik und fortgeschrittene Raumfahrttechnik.

Auffällig ist, wie sich Europas eigene Stärkefelder auf diese beiden Gruppen verteilen. Microgrids gehören zur schnelllebigen „Act Now“-Gruppe – hier bestehen jedoch europäische Netzanschluss- und Speicherprobleme, die die behauptete Führungsposition relativieren. Die übrigen vier Stärkefelder – Quantentechnologien, CO₂-Abscheidung, Biomaterialien, Medizintechnik – liegen fast vollständig in der langsameren „Scout & Prepare“-Gruppe. Genau in den drei größten und am schnellsten wachsenden Märkten – KI-Systeme, Halbleiter, Rechenzentren, zusammen mehr als die Hälfte der 16-Billionen-Summe – räumt die Studie selbst ein, dass Europa deutlich zurückliegt: weniger als 3 Prozent der globalen Halbleiterumsätze, 9 Prozent der Wafer-Fertigungskapazität, ein für 2030 auf 58 Prozent geschätzter nordamerikanischer Anteil an globaler Rechenzentrumskapazität, nur drei europäische gegenüber 40 US-amerikanischen relevanten KI-Modellveröffentlichungen 2024.

Das relativiert die Grundaussage der Studie erheblich, ohne sie zu widerlegen: Europas reale Stärke konzentriert sich auf die Technologiefelder mit dem längeren Zeithorizont und dem – gemessen am Gesamtvolumen – kleineren Anteil an den 16 Billionen Euro. In den wertmäßig entscheidenden, schnell wachsenden Feldern ist die Ausgangslage nach Roland Bergers eigener Darstellung eine andere.

Ein altes Problem, neu beziffert

Die von Roland Berger genannte Finanzierungslücke ist keine neue Erkenntnis. Der Wettbewerbsbericht von Mario Draghi hatte bereits 2024 einen zusätzlichen Investitionsbedarf von jährlich 750 bis 800 Milliarden Euro für Europa beziffert und die fragmentierten europäischen Kapitalmärkte als zentrales Hindernis benannt. Konkreter wird die Lücke in der Wachstumsphase (Later Stage) sichtbar: Während US-Unternehmen dort im Schnitt rund 13,7 Millionen Euro pro Finanzierungsrunde einsammeln, kommen europäische Unternehmen im Mittel auf etwa 5,8 Millionen Euro – bei einem US-Venture-Capital-Volumen, das insgesamt rund zweieinhalbmal so hoch liegt wie das europäische. Die Berger-Studie liefert für dieses Problem eine neue, technologiespezifische Bezifferung. Sie liefert keine neue Erklärung, warum sich an dieser seit Jahren dokumentierten Struktur etwas ändern sollte. Bemerkenswert ist allerdings eine eigene Kennzahl der Studie zur internen Fragmentierung des EU-Binnenmarkts: Die verbleibenden Handelshemmnisse zwischen den Mitgliedstaaten entsprächen bei Industriegütern einem Zoll-Äquivalent von rund 44 Prozentpunkten – eine sehr konkrete Illustration dessen, was „fragmentierte Kapitalmärkte“ in der Draghi-Diktion tatsächlich bedeutet, auch wenn auch diese Zahl das Grundproblem nur schärfer beziffert, nicht löst.

Der Vergleichsfall, der nicht gezogen wird

Auffällig ist zudem, was die Studie – jedenfalls in der bisherigen Berichterstattung – nicht mit früheren, strukturell ähnlichen Potenzialrechnungen für Europa vergleicht. Auch bei Batteriezellen, bei Solarmodulen, teilweise bei Wasserstofftechnologien gab es vor Jahren vergleichbare Zielbilder: vorhandene Forschungsstärke, ambitionierte Marktanteilsziele, dieselbe Diagnose fehlender Finanzierung und Skalierung. In mehreren dieser Fälle ist der prognostizierte Marktanteil nicht eingetreten, während die Finanzierungs- und Skalierungslücke im Kern bestehen blieb. Das entwertet die Berger-Studie nicht – Microgrids, Quantentechnologie, Medizintechnik, Biomaterialien und CO₂-Abscheidung unterscheiden sich in ihrer Ausgangslage durchaus von der Batteriezelle. Es begründet aber, warum die Beweislast bei der Bedingung liegt und nicht bei der Zahl: Die entscheidende Frage ist nicht, wie groß das Marktpotenzial ist, sondern was diesmal anders sein soll als bei den gescheiterten Vorgängerwetten.

Warum dieselbe Diagnose immer zur selben Verordnung führt

Eine mögliche Antwort auf diese Frage liegt in den Kategorien selbst, mit denen Roland Berger arbeitet. Finanzierung, Marktreife, Ansiedlungsanreize sind sämtlich markt- und unternehmensbezogene Variablen: Sie fragen, ob genug Kapital fließt, ob der regulatorische Weg zur Marktreife schnell genug ist, ob sich einzelne ausländische Unternehmen zur Standortverlagerung bewegen lassen. Zwei Fragen kommen in dieser Kategorienlogik nicht vor – und das erklärt, warum Beratungsstudien zu Europas Technologiewettbewerbsfähigkeit über Sektoren und Jahre hinweg (Batteriezellen, Solar, Wasserstoff, jetzt die Top-14-Technologien) bei einer weitgehend zutreffenden Symptomdiagnose auf strukturell dieselbe Verordnung kommen.

Die erste Frage betrifft die Kontrolle über Schnittstellen und Standards innerhalb der jeweiligen Wertschöpfungskette – Architekturmacht im Sinne von Henderson und Clark. Kapital allein verschafft keinen Zugriff auf Systemintegrationswissen, das bereits von etablierten Akteuren gehalten wird: Die Halbleiterfabrik ist der reinste Fall dafür – Zeiss SMT und Trumpf halten Weltmarktführerschaft bei EUV-Optik und -Laser, ohne dass daraus je eine europäische Architekturmacht über die Fab selbst wurde. Bei KI-Basismodellen zeigt sich dasselbe Muster: drei relevante europäische Modellveröffentlichungen 2024 gegenüber vierzig US-amerikanischen, laut der hier besprochenen Studie selbst. Wenn Schnittstellen und Standards bereits von Nvidia, TSMC, OpenAI oder Google kontrolliert werden, ändert eine bessere Finanzierungsrunde für europäische Start-ups an dieser Kontrollverteilung wenig – das Kapital fließt in ein Ökosystem, dessen Architektur andernorts entschieden wird.

Die zweite Frage betrifft eine kohärente, EU-weite Industriepolitik als eigenständige Kategorie, nicht bloß als Rahmenbedingung für einzelne Unternehmensentscheidungen. Bergers dritter Lösungspfad – die Ansiedlung außereuropäischer Unternehmen – behandelt Industriepolitik im Kern als Anreizproblem für einzelne Standortentscheidungen, vergleichbar mit dem Subventionswettbewerb um einzelne Werke, nicht als strategische Steuerung ganzer Wertschöpfungsketten, wie sie etwa Chinas staatlich koordinierte Skalierung der Batteriezellindustrie oder seine Ost-West-Computing-Strategie für Rechenzentren zeigt.

Solange Finanzierung, Marktreife und Ansiedlung die einzigen Kategorien bleiben, ohne dass Architekturmacht und kohärente Industriepolitik als eigenständige Variablen hinzukommen, wird jede neue Studie zu strukturell demselben Befund kommen: eine im Kern richtige Diagnose der Symptome, gefolgt von einer Verordnung, die seit Jahren dieselbe ist und dieselbe begrenzte Wirkung zeigt.

Robotik: genannt, aber nicht verortet

Ein früherer Arbeitsstand dieses Essays vermutete auf Basis der deutschen Sekundärberichterstattung, dass die Gameplan-Studie Robotik mit keinem Wort erwähnt – ein auffälliger Kontrast zu Roland Bergers eigener Studie vom April 2026, die humanoiden Robotern ein langfristiges Marktvolumen von bis zu vier Billionen US-Dollar zusprach. Die Einsicht in die von Roland Berger selbst veröffentlichte Zusammenfassung korrigiert das: Humanoide Roboter werden explizit als eines der Beispiele für die Marktgröße der „Act Now“-Gruppe genannt, mit derselben Vier-Billionen-Dollar-Zahl aus der April-Studie – nun allerdings mit dem Zusatz, dass dieser Wert erst 2050 erreicht werden soll, nicht 2040 (der Zeithorizont der Gesamtstudie).

Was die öffentlich zugängliche Zusammenfassung dagegen nicht liefert, ist eine explizite Verortung, wo Europa bei Robotik steht. Die Studie benennt für Europa fünf Stärkefelder und drei Schwächefelder (KI, Halbleiter, Rechenzentren) namentlich – Robotik erscheint in keiner der beiden Aufzählungen, obwohl sie als einer der wertvollsten Einzeltrends der „Act Now“-Gruppe eigens hervorgehoben wird. Das kann redaktionelle Kürzung der öffentlichen Zusammenfassung sein – die vollständige Studie ist nur gegen Registrierung als PDF erhältlich und dürfte differenzierter sein. Es fällt aber auf, dass ausgerechnet das Feld, in dem Roland Berger selbst im April die größte Dringlichkeit beschworen hatte, in der eigenen Positionsbestimmung „wo steht Europa“ öffentlich unkommentiert bleibt – während die eigene, in diesem Essay bereits an anderer Stelle entwickelte Analyse zur strukturellen Kompatibilität nahelegt, warum das so sein könnte: Die entscheidenden Ökosystemschichten der humanoiden Robotik (Trainingsdaten, Basismodelle, Chip-Lieferkette, Skalierungskapital) liegen außerhalb Europas, europäische Hardwarekompetenz allein übersetzt sich nicht in Marktanteil. Eine unbequeme Einordnung in die eigene Fünf-Felder-Erfolgsliste hätte diesen Befund sichtbar gemacht.

Vorläufiger Befund

Die Berger-Studie beschreibt einen realen Möglichkeitsraum, keine Prognose. Ob Europa 2040 tatsächlich einen nennenswerten Anteil der 16-Billionen-Euro-Technologiemärkte bedient, hängt nicht von der Qualität der europäischen Forschung ab – die wird von der Studie selbst nicht infrage gestellt. Die seit Draghi dokumentierte Finanzierungslücke ist dabei der am besten belegte, aber nicht der einzige offene Punkt: Sie beantwortet nicht, wie aus einer erfolgreich finanzierten Technologie ein skalierbares Geschäftsmodell wird, und sie beantwortet erst recht nicht, wie außereuropäische Unternehmen dazu bewegt werden sollen, Produktion oder Entwicklung tatsächlich nach Europa zu verlagern, statt umgekehrt europäische Start-ups samt Kapitalbedarf ins Ausland abwandern zu lassen. Hinzu kommt die in diesem Essay herausgearbeitete Konzentration von Europas realen Stärken auf die langsamer wachsenden „Scout & Prepare“-Felder, während die wertmäßig dominierenden „Act Now“-Märkte – KI, Halbleiter, Rechenzentren, und mit ungeklärter Positionierung auch Robotik – strukturell außereuropäisch besetzt sind. Diese Verteilung folgt einem Muster, das sich nicht allein mit Finanzierungslücken erklären lässt: In den Feldern, in denen Europa zurückliegt, liegt die Kontrolle über die entscheidenden Schnittstellen und Standards bereits bei außereuropäischen Akteuren – ein Zustand, den zusätzliches Kapital allein nicht verändert, solange Architekturmacht und eine kohärente Industriepolitik nicht als eigene Kategorien neben Finanzierung, Marktreife und Ansiedlung treten. Alle drei von der Studie selbst genannten Bedingungen müssten greifen, nicht nur die am häufigsten zitierte, und sie müssten ausgerechnet in den Feldern greifen, in denen die Ausgangslage am schwächsten ist. Solange das offen ist, bleibt auch die Drei-Billionen-Zahl das, was sie im Kern ist: eine gut begründete Möglichkeit, keine Ankündigung.

Ralf Keuper


Quellen: