2007 feierte ein Bestseller den mutigen, unangepassten Mitarbeiter als Rettung der deutschen Wirtschaft – mit Porsche und BMW als Vorbildern. Im selben Jahr warnte ein BMW-Insider vor genau den strukturellen Schwächen dieser Branche, die zwei Jahrzehnte später zur Transformationsfalle wurden. Ein Blick zurück auf zwei gegensätzliche Diagnosen aus derselben Zeitschicht – und auf die Frage, was von beiden heute trägt.
Ein Buch als Zeitkapsel
Anja Försters und Peter Kreuz‘ Alles, außer gewöhnlich (2007) liest sich heute weniger als Managementratgeber denn als Dokument einer bestimmten Zeitschicht des deutschen Wirtschaftsdenkens. Die Autoren attackieren mit hohem Tempo das Lebensarbeitsverhältnis, die Propheten der Prozessoptimierung und die chronische Innovationsphobie deutscher Unternehmen – und setzen dem einen neuen Typus des mutigen, flexiblen, marktaffinen Mitarbeiters entgegen. Das Buch ist unterhaltsam, streckenweise polemisch und, wie jede Streitschrift, auf Zuspitzung angelegt.
Der Begriff „Zeitschicht“ ist hier zu präzisieren, um Missverständnissen vorzubeugen. Gemeint ist nicht das Erscheinungsjahr als chronologisches Datum, sondern eine historisch begrenzte Konfiguration von Grundüberzeugungen, die zum jeweiligen Zeitpunkt dominant ist – im Fall von 2007: der weitgehend ungebrochene Glaube an deutsche Exportstärke, an günstige Energie als Normalzustand, an stabile globale Lieferketten und eine kaum hinterfragte technologische Führungsposition deutscher OEMs. Von Koselleck übernommen wird dabei lediglich die Systematik, nicht das Konzept in seiner vollen theoretischen Breite: die Beobachtung, dass gesellschaftliche und ökonomische Wirklichkeit aus mehreren, unterschiedlich schnell sich verändernden Ebenen besteht, die gleichzeitig nebeneinander bestehen – von der schnellen Ebene tagesaktueller Entscheidungen bis zu trägen institutionellen und mentalen Grundordnungen. Diese Übertragung erfolgt bewusst selektiv und werkzeughaft, nicht als Übernahme der gesamten historisch-hermeneutischen Theoriearchitektur Kosellecks, die an anderen Gegenständen und mit anderer Reichweite entwickelt wurde. Wo im Folgenden von „Zeitschicht“ die Rede ist, ist ausschließlich diese eine, hier definierte Verwendung gemeint – nicht ein allgemeines Etikett, das sich beliebig auf andere Sachverhalte übertragen ließe.
Auch der Begriff „Architekturmacht“ bedarf einer kurzen Erläuterung. Er entlehnt sich der Unterscheidung von Henderson und Clark zwischen komponentenbezogenem Wissen (Kenntnis einzelner Bauteile) und architektonischem Wissen (Kenntnis darüber, wie Komponenten zu einem Gesamtsystem verbunden werden, welche Schnittstellen gelten, wer diese Schnittstellen definiert). Architekturmacht besitzt demnach, wer über die Systemarchitektur bestimmt – nicht zwangsläufig, wer die einzelnen Bauteile am besten beherrscht. Deutsche OEMs im Automobil- und Maschinenbau hielten 2007 diese Position: Sie definierten die Schnittstellen (Antriebsstrang, Steuergeräte-Architektur, mechanische Systemintegration), an denen sich Zulieferer auszurichten hatten. Die Übertragung des Henderson/Clark-Konzepts – ursprünglich an der Festplattenindustrie entwickelt – auf den Automobil- und Maschinenbau ist hier zulässig, weil beide Bereiche dieselbe Grundstruktur aufweisen, die dem Konzept zugrunde liegt: komplexe Systeme aus vielen Komponenten, verbunden durch eine von wenigen Akteuren kontrollierte Schnittstellenarchitektur. Genau diese Position gerät unter Druck, sobald sich – wie im Übergang zu Elektroantrieb und Softwarearchitektur – die Schnittstellen selbst verschieben, unabhängig von der Kompetenz bei den einzelnen Komponenten.
Interessant ist das Buch heute nicht wegen seiner Thesen, sondern wegen seiner stillschweigenden Voraussetzungen. Es lohnt sich, diese freizulegen – nicht um das Buch nachträglich zu verurteilen, sondern um an ihm einen Wandel der Erklärungslogik sichtbar zu machen, der für die Diagnose der gegenwärtigen Transformationsfalle aufschlussreich ist.
Die Erklärungslast von 2007: Akteur statt Struktur
Försters und Kreuz‘ Argumentation folgt einer impliziten Kausalkette: Mentalitätswandel führt zu Verhaltensänderung, Verhaltensänderung zu Unternehmenserfolg, Unternehmenserfolg zu volkswirtschaftlicher Erneuerung. Das Hindernis wird bei Personen verortet – ängstlichen Managern, unmutigen Mitarbeitern, Propheten falscher Effizienzreligionen. Strukturen, Kapitalbindung, Branchenlogik, institutionelle Pfadabhängigkeit kommen kaum vor.
Bezeichnend ist zudem der unhinterfragte Marktbegriff. Der Markt fungiert als Korrektiv, das Mut belohnt und Ängstlichkeit aussortiert – eine schumpeterianische Restfigur, der jedoch die Bruchstellen fehlen, die Schumpeter selbst mitgedacht hat. Schöpferische Zerstörung hat Verlierer, nicht nur Gewinner; wer die Verliererseite strukturell überproportional besetzt, wird von einem reinen Mut-Appell nicht erreicht.
Diese Lesart war 2007 nicht unplausibel. Sie war es deshalb nicht, weil die institutionellen Rahmenbedingungen – das deutsche Exportmodell, günstige Energie, stabile globale Lieferketten, eine kaum in Frage gestellte Architekturmacht deutscher OEMs im Automobil- und Maschinenbau – als gegeben unterstellt werden konnten. Das eigentliche Spielfeld stand nicht zur Debatte; diskutiert wurde nur, wie sich Akteure innerhalb dieses Spielfelds verhalten sollten.
Bemerkenswert ist dabei der genaue Erscheinungszeitpunkt. 2007 liegt nicht nach, sondern unmittelbar vor einem Bruch: der globalen Finanzkrise 2008. Das Buch feiert Risikofreude, Silicon-Valley-Scheiternskultur und Seed-Capital-Euphorie just in dem Moment, in dem sich – unsichtbar für die zeitgenössische Wahrnehmung, aber im Rückblick bereits angelegt – genau jene Risikokultur im Finanzsektor auf eine Krise zubewegte, die sie mit auslöste. Das ist keine nachträgliche Häme, sondern ein instruktiver Fall dafür, wie schwer sich Zeitschichten-Brüche antizipieren lassen: Die vermeintlich stabile Rahmenordnung war zum Zeitpunkt des Schreibens bereits brüchiger, als sie erschien.
Konkret wird das am Beispiel, das die Autoren selbst als Beleg für mutigen Perspektivenwechsel anführen: Thomas Middelhoff, der als neuer Vorstandsvorsitzender der KarstadtQuelle AG (später Arcandor) 2005 hergebrachte Gewissheiten in Frage stellte und dafür im Buch positiv gewürdigt wird. Die weitere Geschichte ist bekannt: Arcandor meldete 2009 Insolvenz an, Middelhoff wurde später wegen Untreue verurteilt. Das ist ein Lehrbuchfall für die von Rosenzweig beschriebene Gefahr des Halo-Effekts – der 2007 als Tugend gefeierte Mut zum Bruch mit Konventionen erweist sich rückblickend als schwer von Selbstüberschätzung zu unterscheiden. Wichtig ist dabei die methodische Lehre, nicht die moralische: Ex-ante-Mut und Ex-post-Erfolg sind zwei unabhängige Größen, die sich erst im Nachhinein – und dann oft in die eine oder andere Richtung überzeichnet – zur Deckung bringen lassen.
Ein Gegenfall aus demselben Jahr: Helmut Beckers Warnung
An dieser Stelle ist eine Korrektur der bisherigen Zeitschicht-Beschreibung angebracht. Die Rede von „der“ ungebrochenen Zeitschicht des Jahres 2007 wäre selbst eine Übervereinfachung, wie ein zeitgenössischer Gegenfall zeigt: Im selben Jahr veröffentlichte Helmut Becker, ehemaliger Chefvolkswirt von BMW, mit Ausgebremst. Wie die Autoindustrie Deutschland in die Krise fährt eine scharfe Strukturkritik an derselben Branche und teils denselben Unternehmen – Porsche, BMW –, die Förster/Kreuz als Vorbilder anführen. Becker beschrieb bereits damals eine einseitige Shareholder-Value-Fixierung, eine harte, strukturell weitergereichte Preispolitik gegenüber Zulieferern und ein Versäumnis, den chinesischen Markt rechtzeitig zu bedienen – Befunde, die zwei Jahrzehnte später in der Transformationsfalle-Diagnose wiederkehren.
Optimismus und Strukturkritik existierten 2007 also nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, aus derselben Branche heraus. Die dominante öffentliche Zeitschicht war mithin keine Abwesenheit von Gegenwissen, sondern das Ergebnis einer selektiven Rezeption: Der bestsellerträchtige Optimismus setzte sich in Wahrnehmung und öffentlichem Diskurs durch, während die informierte Insider-Kritik an den Rand gedrängt blieb – ein PR-Schere-artiges Auseinanderfallen von Faktenlage und öffentlichem Bild. Für die Zeitschichten-Analyse folgt daraus eine wichtige Einschränkung: Solche Aussagen sollten sich auf die dominante, öffentlich wirksame Deutungsebene beziehen, nicht auf einen unterstellten Konsens aller zeitgenössischen Beobachter.
Die Transformationsfalle: Struktur statt Akteur
Die spätere Diagnose der Transformationsfalle verschiebt die Erklärungslast fundamental. Der VW-Fall zeigt eine Politikverflechtungsfalle, in der unternehmerische Entscheidungen durch institutionelle Verflechtung mit staatlichen Akteuren gebunden sind – unabhängig vom individuellen Mut des Managements. Die Architekturmacht-Analyse bei deutschen Automobilzulieferern zeigt, wie eine technologische Umwälzung (Henderson/Clark: architektonische statt inkrementelle Innovation) die bisherige Kompetenzbasis ganzer Zulieferstrukturen entwertet – ein Bosch, ein Schaeffler scheitert nicht an fehlender Innovationsfreude, sondern an einer Verschiebung der Systemarchitektur, die die eigene Position im Wertschöpfungsnetz strukturell entwertet.
Hier liegt die Erklärungslast bei Konstellationen, nicht bei Individuen. Und Konstellationen gehören, in der hier definierten Verwendung, einer trägeren Zeitschicht an als individuelles Verhalten. Ein Manager kann binnen Monaten mutiger werden; eine über Jahrzehnte gewachsene Zulieferarchitektur, ein Regulierungsregime, eine geopolitische Abhängigkeitsstruktur verändert sich nicht in vergleichbarem Tempo. Genau diese Diskrepanz der Zeitschichten macht den reinen Mentalitätsappell wirkungslos: Er adressiert die falsche Zeitschicht.
Zwei komplementäre Fehlerquellen
Bemerkenswert ist, dass beide Diagnosen – die von 2007 und die der Transformationsfalle – aus entgegengesetzter Richtung demselben methodischen Risiko ausgesetzt sind.
Der Techno-Optimismus von 2007 personalisiert zu stark: Kulturkritik ersetzt Strukturanalyse, und der Markt wird zur unhinterfragten Idealtypus-Instanz erhoben – ein Fall von Modell-Platonismus (Hans Albert), der die friktionsreichen Realitäten von Standortbindung, Fachkräftemangel und regionaler Mittelstandsstruktur wegabstrahiert.
Eine reine Transformationsfalle-Lesart läuft umgekehrt Gefahr, in Strukturdeterminismus zu kippen, der Akteuren keinerlei Gestaltungsspielraum mehr zugesteht. Das wäre ebenso unterkomplex wie der Voluntarismus, den sie kritisiert. Konstellationen werden schließlich auch von Akteurskoalitionen reproduziert oder verändert – Politikverflechtung etwa entsteht nicht ohne handelnde Personen, sie verselbständigt sich lediglich gegenüber dem einzelnen Akteur.
Die abduktive Herangehensweise (Peirce), die Konstellationsanalysen angemessener ist als eine strikt deduktiv-falsifikatorische, legt daher nahe, beide Ebenen zusammenzudenken: Akteure agieren innerhalb von Konstellationen, die ihrerseits historisch von Akteurskoalitionen erzeugt wurden und sich nur langsam, in eigener Zeitschicht, verändern lassen.
Ein möglicher Einwand: Die Startup-Szene als Gegenbeweis?
Förster und Kreuz könnten heute einwenden, ihre Diagnose habe sich bestätigt: Die geforderte Mentalität sei durchaus erschienen – in der deutschen Startup-Szene –, habe sich aber gerade nicht gegen die etablierten Strukturen durchsetzen können. Das ließe sich sogar als Bestätigung lesen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Nicht der Mangel an mutigen Individuen sei das Problem, sondern eine sich seither eher verstärkende Pfadabhängigkeit, die auch mutige Akteure abgewehrt oder marginalisiert hat.
Dieser Einwand verdient Ernstnahme, spricht bei genauerer Betrachtung aber eher für als gegen die hier vertretene These. Auffällig ist die Verteilung: Deutsche Startup-Mentalität war dort am erfolgreichsten, wo geringe Kapitalbindung, keine Legacy-Belegschaft und keine bestehenden Zulieferverflechtungen vorlagen – Software, Plattformen, Fintech. In der Domäne der Architekturmacht-These – Automobil- und Maschinenbau – kam die disruptive Kraft dagegen nicht aus der deutschen Startup-Szene, sondern von außen (Tesla, chinesische OEMs). Das lässt sich als struktureller Befund lesen: Mentalität konnte sich entfalten, wo träge Zeitschichten (Kapitalstock, Zulieferverflechtung, Politikverflechtung) nicht im Weg standen, und blieb dort wirkungslos, wo diese Zeitschichten dominieren.
Hinzu kommt ein Halo-Effekt-Verdacht in umgekehrter Richtung: Der Erfolg einzelner Gründer lässt sich ebenso gut durch ihre strukturelle Ausgangsposition erklären – Greenfield-Situation, Zugang zu Risikokapital, fehlender Legacy-Ballast – wie durch ihre Mentalität; wer strukturell wenig zu verlieren hat, erscheint fast zwangsläufig mutiger, ohne dass Mut die eigentliche Ursache wäre. Nach der Lakatos-Schwelle handelt es sich zudem bislang um einen einzelnen, wenn auch gewichtigen Gegenfall, nicht um gehäuft auftretende unabhängige Fälle, die die These insgesamt korrekturbedürftig machten. Näherliegend als beide Extrempositionen – reiner Mentalitätsdeterminismus bei Förster/Kreuz, reiner Strukturdeterminismus bei einer zu simplen Transformationsfalle-Lesart – ist ein Interaktionseffekt: Mentalität als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, deren Wirksamkeit vom strukturellen Möglichkeitsraum abhängt, in dem sie auftritt.
These
Der Techno-Optimismus von 2007 war deshalb tragfähig, weil er implizit von der Fortschreibung des damaligen institutionellen Rahmens ausging – er diskutierte Verhalten innerhalb stabiler Spielregeln. Bemerkenswert ist, dass dieser Rahmen gleich zweifach und in unterschiedlichem Tempo widerlegt wurde. Zunächst die schnelle, disruptive Erschütterung der Finanzkrise 2008/09, die die im Buch gefeierte Risikokultur selbst mit in Frage stellte und exemplarisch am Middelhoff/Arcandor-Fall sichtbar wurde. Danach, in einer deutlich trägeren Zeitschicht, die strukturelle Erosion, die diesem Essay als Transformationsfalle firmiert: Exportmodell, Energiepreise, Lieferkettenarchitektur und geopolitische Abhängigkeiten geraten nicht schlagartig, sondern über Jahre und Jahrzehnte gleichzeitig unter Druck. Ein solcher Wandel der Spielregeln lässt sich mit Mentalitätsappellen – so berechtigt die Kritik an tatsächlicher organisatorischer Erstarrung im Einzelfall sein mag – nicht bewältigen, weil er eine andere, trägere Zeitschicht betrifft als die, auf die sich Mut- und Flexibilitätsrhetorik richtet. Der Fall zeigt zugleich: Auch scharfe, schnelle Brüche (2008) und langsame, strukturelle Erosionen (Transformationsfalle) sind selbst wieder unterschiedliche Zeitschichten, die nicht miteinander verwechselt werden sollten.
Die eigentliche Lehre liegt daher nicht in der Entscheidung für die eine oder andere Diagnose, sondern in der Frage, welche Zeitschicht ein gegebenes Problem tatsächlich betrifft – und ob die vorgeschlagene Lösung auf der richtigen Ebene ansetzt.
Ralf Keuper
