Der deutsche Großanlagenbau gehört zu den wirtschaftshistorisch folgenreichsten, analytisch aber vernachlässigten Industriefeldern der Bundesrepublik. Wer heute die Namen Deutsche Babcock, Lurgi, Gutehoffnungshütte, Uhde, Ferrostaal oder Krupp Polysius hört, begegnet keinem einheitlichen Schicksal, sondern einer Vielfalt institutioneller Auflösungspfade: Insolvenz und Fragmentierung, kollateraler Konzernschaden durch das Versagen der Muttergesellschaft, stille Absorption in Konzernen mit oder ohne Markenerhalt, und — selten — aktive Neupositionierung. Was diese Fälle verbindet, ist nicht ein gemeinsames Versagen, sondern eine gemeinsame Strukturbedingung: der Anlagenbau als institutionell vulnerables Geschäftsmodell in einer volatilen Eigentumslandschaft. Dieser Befund lässt sich mit den Kategorien der Organisationstheorie und der Wirtschaftsgeschichte präzise beschreiben.


I. Anlagenbau als Organisationsform

Bevor man über den Niedergang einzelner Unternehmen urteilt, lohnt eine institutionelle Einordnung: Was ist Großanlagenbau strukturell? Es handelt sich um eine Organisationsform, die auf projektbasierter Komplexitätsbewältigung beruht. Anders als der Serienfertiger, der ein standardisiertes Produkt in großer Stückzahl herstellt, muss der Anlagenbauer für jeden Auftrag eine einmalige technische Konfiguration liefern – ein Ammoniakwerk in Saudi-Arabien, ein Klinkerofen in Indien, ein Dampferzeuger für ein Braunkohle-Kraftwerk in der Lausitz. Das Geschäftsmodell kombiniert Engineering-Kompetenz, Projektmanagement, Lieferkettenkontrolle und oft auch Finanzierungsarrangements.

Alfred Chandler hätte diesen Unternehmenstyp als koordinierenden Intermediär zwischen technologischen Systemen und Kapitalmärkten beschrieben: Der Anlagenbauer internalisiert Transaktionskosten, die anderenfalls auf dezentrale Märkte verteilt wären. Genau diese Internalisierungsleistung macht ihn aber auch abhängig von der Stabilität der Nachfragesektoren – Energieerzeugung, Petrochemie, Metallurgie, Zement. Bricht die Nachfrage in einem Sektor weg oder wandert sie geografisch ab, fehlt dem Anlagenbauer die Möglichkeit des einfachen Produktwechsels. Er ist strukturell immobil.

II. Aufstieg: Die Logik des Nachkriegsbooms

Die Hochzeit des deutschen Großanlagenbaus liegt in den 1950er bis 1980er Jahren. Die Wiederaufbaukonjunktur, der Marshallplan, die Industrialisierung der Entwicklungsländer und nicht zuletzt die Ölpreisschocks der 1970er Jahre, die weltweit Investitionen in Raffinerie- und Petrochemie-Infrastruktur auslösten, schufen eine Nachfragekonstellation, in der deutsche Engineering-Kompetenz zu einem globalen Wettbewerbsvorteil wurde.

Deutsche Babcock — 1898 als britisch-amerikanische Tochtergesellschaft in Oberhausen gegründet, mit einer bis 1975 wirksamen Exportbeschränkung durch die britische Muttergesellschaft — dominierte den Dampfkessel- und Großkraftwerksbau, später auch Umweltanlagen (SCR-Systeme zur NOx-Reduktion). Lurgi — 1897 von der Metallgesellschaft AG als Metallurgische Gesellschaft gegründet, ab 1919 unter dem aus der Telegrammadresse entstandenen Namen — entwickelte sich mit bis zu 300 Einzelverfahren und über 5.000 Mitarbeitern zu einem der technologisch breitesten deutschen Anlagenbauer für Petrochemie, Methanol, Biodiesel und synthetische Treibstoffe; die Fischer-Tropsch-Synthese für Kraftstoffe, heute Grundlage von Power-to-X, stammt aus den Lurgi-Labors der 1920er Jahre. Gutehoffnungshütte (GHH) kombinierte Hütten- und Maschinenbau aus dem Ruhrgebiet zu einem diversifizierten Industriekonzern und war zugleich Muttergesellschaft von Ferrostaal. Uhde — 1921 von Friedrich Uhde in einer Scheune auf dem Hof seiner Schwiegereltern in Dortmund-Bövinghausen gegründet — entwickelte das Mont-Cenis-Uhde-Niederdruck-Ammoniakverfahren und wurde zum zentralen Chemie-Anlagenbauer für Düngemittel und Basischemie. Ferrostaal, ursprünglich 1919 als Handelsgesellschaft in Den Haag zur Vermarktung belgischer Kriegseisenbahnmaterialien gegründet und 1926 vollständig von GHH übernommen, operierte als kommerzieller Intermediär und Projektintegrator: kaufmännische Federführung, technische Ausführung über Konsortialnetzwerke. Krupp Polysius schließlich, 1859 in Dessau gegründet und ab 1971 Teil des Krupp-Konzerns, blieb beim Zement- und Kalkbau — hochspezialisiert, international führend.

Was diese Unternehmen einte, war nicht nur die Branche, sondern eine organisationale Logik: Sie alle verkauften Systeme, nicht Produkte. Ihr Wert lag in der integrierten Problemlösung, nicht im einzelnen Bauteil.

III. Die Zerfallsmuster: Vier Pfade

Betrachtet man die Geschichte dieser Unternehmen seit den 1990er Jahren, lassen sich vier distinkte Auflösungspfade unterscheiden.

1. Insolvenz und Fragmentierung (Deutsche Babcock / Babcock-Borsig)

Deutsche Babcock durchlief den krassesten institutionellen Bruch — und die Geschichte seiner Auflösung ist lehrreicher als die meisten Krisenlehrbücher.

Die Ursprünge liegen 1898: Die US-amerikanische Babcock & Wilcox gründete in Oberhausen die Deutsche Babcock & Wilcox Dampfkessel-Werke AG mit 51 Prozent britischem Kapital. Diese Eigentümerstruktur wurde für Jahrzehnte zur strukturellen Fessel: Die britische Muttergesellschaft behielt sich die wesentlichen Weltmärkte außerhalb Europas vor, was den deutschen Konzern auf den europäischen Raum beschränkte. Erst 1975 kaufte der Iran den Briten eine Beteiligung von 25,02 Prozent ab und öffnete damit den Weg auf internationale Märkte — 77 Jahre nach Gründung. Ein eindrückliches Beispiel für langfristige Pfadabhängigkeit durch Eigentümerkonstellationen.

Das Unternehmen wuchs zu einem der bedeutendsten deutschen Industriekonzerne: Dampfkessel- und Großkraftwerksbau, Umwelttechnik, Maschinenbau. 1970 übernahm es das traditionsreiche Berliner Unternehmen Borsig. Auf dem Höhepunkt war Deutsche Babcock AG im DAX notiert — bis zum 15. September 1995, als das Unternehmen als erster Wert überhaupt aus dem DAX abstieg: Die Marktkapitalisierung war zu gering geworden, SAP verdrängte die Aktie in den MDAX. Dieser Abstieg war kein zufälliges Kapitalmarktereignis, sondern ein messbares Frühwarnsignal für eine strukturelle Erosion der Ertragskraft, das als solches nicht institutionell verarbeitet wurde.

Die finale Krise folgte aus einer Fehlakquisition, die wiederum die Portfolioentscheidung eines anderen Konzerns widerspiegelte. Als die Hannoveraner Preussag sich Ende der 1990er Jahre zum Tourismuskonzern TUI transformierte, musste sie ihre Industriebeteiligungen loswerden — darunter das Industrie- und Werftengeschäft samt der Mehrheitsbeteiligung an der lukrativen Kieler Werft HDW. Deutsche Babcock übernahm dieses Paket 1999, Preussag wurde Großaktionär, und der Konzern firmierte fortan als Babcock-Borsig AG.

Was folgte, war ein systemisches Liquiditätsproblem, das lange verschleiert wurde: Babcock-Borsig hatte die operativen Verluste des Kerngeschäfts mit den Cashflows der HDW-Werft querfinanziert. Als Vorstandschef Klaus-Gerd Lederer die HDW-Anteile an einen US-Investor verkaufte, fiel diese Liquiditätsstütze weg. Lederer räumte später vor dem Duisburger Landgericht ein, bereits im April 2002 erkannt zu haben, dass der Konzern rettungslos überschuldet war — den Insolvenzantrag stellte er jedoch erst im Juli 2002, nach seinem eigenen Ausscheiden. Die Staatsanwaltschaft wertete dies als Insolvenzverschleppung; ermittelt wurde auch gegen Aufsichtsratschef Friedel Neuber (ehemals WestLB) und TUI-Chef Michael Frenzel.

Am 4. Juli 2002, nach 104 Jahren Unternehmensgeschichte, erklärte sich Babcock-Borsig zahlungsunfähig — mit 20.000 betroffenen Mitarbeitern weltweit eine der größten Insolvenzen der deutschen Wirtschaftsgeschichte und das erste große Eigenverwaltungsverfahren nach der damals noch neuen Insolvenzordnung. Die Fragmentierung war vollständig: Der Energietechnikbereich firmierte ab 2004 als Hitachi Power Europe GmbH in Duisburg; der Service- und Instandhaltungsbereich wurde 2005 von Bilfinger übernommen und 2006 als Bilfinger Berger Power Services eigenständig aufgestellt. Die Holdinggesellschaft blieb als juristische Hülle im Insolvenzverfahren zurück.

Was blieb, sind Technologiekompetenzen ohne institutionellen Träger: Dampferzeugungs-Know-how bei einem japanischen Konzern (Hitachi), Kraftwerksservicekompetenz im deutschen Industriedienstleistungsgeschäft (Bilfinger). Der Name Babcock existiert noch in verschiedenen internationalen Gesellschaften — aber als eigenständiger, strategiefähiger deutscher Anlagenbauer ist das Unternehmen mit der Insolvenz 2002 endgültig erloschen.

2. Kollaterale institutionelle Auflösung (Lurgi)

Lurgi ist der analytisch reinste Fall des gesamten Essays — weil die institutionelle Auflösung nicht durch eigenes Scheitern, sondern durch das Scheitern des Mutterkonzerns ausgelöst wurde.

Die Ursprünge liegen 1897: Die Metallgesellschaft AG — 1881 von Wilhelm Merton in Frankfurt gegründet, zunächst rohstofforientierter Handels- und Bergbaukonzern — gründete die Metallurgische Gesellschaft für den Anlagenbau zur Erzaufbereitung und Nichteisenmetallgewinnung. 1919 wurden die Mittelbuchstaben der Telegrammadresse zum Firmennamen: LURGI. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich daraus einer der technologisch breitesten deutschen Anlagenbauer: bis zu 300 Einzelverfahren, über 5.000 Mitarbeiter auf dem Höhepunkt, Weltmarktführerschaft in Biodieselanlagen, Oleochemie, Polymertechnologie und Methanolherstellung. Die Fischer-Tropsch-Synthese für synthetische Treibstoffe — heute die technologische Basis von Power-to-X — wurde bereits in den 1920er bis 1930er Jahren bei Lurgi entwickelt.

Das Schicksal Lurgis wurde 1993 durch eine Entscheidung besiegelt, die mit dem Anlagenbau nichts zu tun hatte: Die New Yorker Tochter MGRM der Metallgesellschaft hatte spekulative Öltermingeschäfte in einem Volumen abgeschlossen, das den Konzern — mit 746 Beteiligungen und der Deutschen Bank sowie Dresdner Bank als Hauptaktionären — an den Rand der Zahlungsunfähigkeit brachte. Der öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Aufsichtsratsvorsitzendem Ronaldo Schmitz (Deutsche Bank) und Vorstandschef Heinz Schimmelbusch verschärfte die Krise. Krisenmanager „Kajo“ Neukirchen konsolidierte das Konglomerat auf 380 Töchter, konzentrierte sich auf vier Kernbereiche — darunter Anlagenbau, wo Lurgi verblieb —, aber das Vertrauen der Kapitalmärkte und der Konzernfokus waren dauerhaft beschädigt.

Was folgte, war ein institutioneller Umweg mit gravierenden Konsequenzen: Die Metallgesellschaft übernahm 1999 die GEA AG (Gesellschaft für Entstaubungsanlagen, Bochum), eine auf Spezialmaschinenbau und Wärmetauscher spezialisierte Gesellschaft, und begann sich schrittweise selbst aufzulösen. 2005 verschmolz die umbenannte mg technologies mit der GEA AG zur GEA Group AG. Lurgi gehörte nun zu einem Konzern, dessen strategisches Herz der Spezialmaschinenbau war — nicht der Großanlagenbau.

Die Konsequenz war folgerichtig, aber nicht zwingend: Neuer GEA-CEO Jürg Oleas stellte 2004 den Anlagenbau zur Disposition. Die profitable Lurgi — 850 Millionen Euro Umsatz, 1.300 Mitarbeiter, volle Auftragsbücher im Biodieselgeschäft — wurde 2007 für 200 Millionen Euro an Air Liquide verkauft. Der defizitäre Schwesteranlagenbauer Lentjes (Rauchgasentschwefelung) wurde im selben Jahr für symbolisch einen Euro abgegeben. GEA konnte sich fortan auf den Spezialmaschinenbau konzentrieren.

Air Liquide übernahm Lurgi nicht wegen der Marke, sondern wegen der Technologiepakete: Zugang zu Coal-to-Liquids und Coal-to-Chemicals-Märkten, Wasserstoffverfahrenstechnik, Methanolsynthese. Die Engineering-Kapazität des Konzerns verdoppelte sich auf 2.800 Mitarbeiter. 2014 wurde die Lurgi GmbH in Air Liquide Global E&C Solutions Germany GmbH umfirmiert — der Markenname formal gelöscht.

Das ist das analytisch prägnante Muster: Lurgi war bei seinem Verkauf kommerziell gesund. Nicht das Unternehmen scheiterte, sondern seine Mutterkonzerne — zweimal nacheinander, aus Gründen, die mit Lurgis eigenem Geschäft nichts zu tun hatten. Man könnte von kollateraler institutioneller Auflösung sprechen: Die Tochter ist strategisch kohärent und profitabel, aber die Portfolioentscheidungen der Mutter machen sie zur Verfügungsmasse. Was blieb, ist die Technologie — unter französischem Markendach, ohne eigenständige institutionelle Identität.

3. Konzernabsorption mit Namenserhalt (Uhde, Krupp Polysius)

Uhde und Krupp Polysius folgen einem dritten Muster: schrittweise Konzernabsorption mit formell erhaltenem Markennamen, aber faktisch stark reduzierter strategischer Autonomie.

Die Eigentümerkette von Uhde ist selbst ein Lehrstück der deutschen Industriegeschichte: Friedrich Uhde (unabhängig, 1921) → Hoesch AG (1952, als Teil der Deutschland-AG-Verflechtung) → Krupp AG (1996, als Hoesch sich im Rahmen seines Konzernauflösungsverfahrens von Randaktivitäten trennte und Uhde der Sparte Anlagenbau zuordnete, die Krupp Polysius und Krupp Koppers umfasste) → thyssenkrupp nach der Krupp-Thyssen-Fusion (1999) → thyssenkrupp Industrial Solutions AG nach Verschmelzung mit Ressource Technologies (2014) → Decarbon Technologies Segment (2023). Fünf Eigentümerwechsel in hundert Jahren, ohne Insolvenz, ohne formalen Markenverlust — und der Hauptsitz ist bis heute Dortmund.

Das analytisch Bemerkenswerte: Als thyssenkrupp die Business Unit 2014 in „Chemical & Process Technologies“ umfirmierte und damit den Namen Uhde intern verschwinden ließ, war das ein klassischer Akt konzerninterner Homogenisierung. Sieben Jahre später — 2021, im Jubiläumsjahr — wurde der Name bewusst reaktiviert. Der Grund ist aufschlussreich: Uhde ist als Marke global geschützt und trägt auf internationalen Märkten einen Technologieruf, den kein Konzernakronym ersetzen kann. Die Marke überlebte die institutionelle Auflösung, weil sie einen Kompetenzruf kodiert, der kommerziell wirksam bleibt.

Noch analytisch bedeutsamer ist eine technologische Kontinuität: Uhdes historische Kompetenz in der Chlor-Alkali-Elektrolyse — über Jahrzehnte ein Nebengeschäft der Chemieanlagentechnik — ist heute die Grundlage für das Joint Venture thyssenkrupp Uhde Chlorine Engineers (tk UCE) mit Industrie De Nora, das als Weltmarktführer in der industriellen Großelektrolyse positioniert ist. Die Ammoniaksynthese, mit der Uhde 1921 begann, und die Elektrolyse, die heute grünen Wasserstoff erzeugen soll, sind verfahrenstechnisch verwandt: beide basieren auf katalytischen Hochdruckprozessen. Die Dekarbonisierungsagenda reaktiviert damit einen Technologiekern, den Uhde seit seinen Anfängen trägt — eine seltene Form institutioneller Pfadkontinuität im deutschen Anlagenbau.

thyssenkrupp Polysius vollzieht aktuell eine Schwerpunktverlagerung weg vom klassischen Neuanlagengeschäft hin zu Service, Modernisierung und Dekarbonisierung — betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, solange der Zement- und Baustoffsektor Investitionsentscheidungen verzögert. Drei Pfade stehen dabei offen: ein defensiver Schrumpfkurs, bei dem Engineeringkapazitäten abgebaut werden und der Standort Neubeckum schleichend an Bedeutung verliert; ein Service-Champion-Modell auf Basis der weltweiten Installed Base, das zwar Beschäftigungsvolumina reduziert, aber Wertschöpfungstiefe durch Datenkompetenz und Performance-Verträge erhält; und schließlich eine Dekarbonisierungs- und Technologieplattform, die das Upgrade bestehender Zementwerke — Oxyfuel-Systeme, CCS/CCU-Integration, Clinker-Substitute — als strategische Offensive nutzt.

Wahrscheinlich ist eine Mischung aus allen drei — und genau darin liegt die eigentliche Konfliktlinie: Der kurzfristige Druck zur Reduktion von Personalkosten (2024 bereits 150 Stellen, knapp ein Drittel der Belegschaft) steht in direktem Widerspruch zum Bedarf, genau die Kompetenzen zu halten und aufzubauen, die für datengetriebene Services und technologisch anspruchsvolle Dekarbonisierungslösungen erforderlich wären. Wer die falschen Köpfe verliert, verspielt die Technologieoption für später. Das ist kein Polysius-spezifisches Problem — es ist das strukturelle Dilemma des konzernabsorbierten Spezialanlagenbauers generell.

4. Neupositionierung als Integrator (Ferrostaal)

Ferrostaal ist unter den hier betrachteten Unternehmen der analytisch interessanteste Fall — weil er zeigt, dass institutionelle Identität nicht nur durch Technologie, sondern durch Eigentumskonstellationen zerstört werden kann.

Die Ursprünge liegen 1919, als Ruhrgebiet-Unternehmer belgische Fronteisenbahnen aus dem Weltkrieg vermarkten wollten und dafür eine Handelsgesellschaft in Den Haag gründeten. Aus dem Eisenbahnschrotthandel wurde ein Stahlhändler, aus dem Stahlhändler ein Projektintegrator: Die Gutehoffnungshütte (GHH) übernahm Ferrostaal 1921 und 1926 vollständig und machte die Essener Gesellschaft zur kommerziellen Außenhand der GHH-Konzernstruktur — kaufmännische Federführung und Finanzierungsarrangements, während die technische Ausführung bei GHH-Schwesterngesellschaften lag. Ferrostaal war also von Beginn an kein Ausrüster, sondern ein koordinierender Intermediär: ein institutionalisierter Transaktionskostenminimierer.

Dieser Charakter prägte das Geschäftsmodell in der Hochzeit der 1960er bis 1980er Jahre, als Ferrostaal als Konsortialführer schlüsselfertige Hüttenwerke in Peru, Argentinien, Venezuela, Brasilien und Mexiko errichtete. Das berühmteste Projekt: das Elektrostahlwerk SIDOR am Orinoco in Venezuela, damals das größte seiner Art weltweit. Das Ferrostaal-Prinzip lautete dabei explizit: „bauen und bleiben“ — nach der Anlagenlieferung blieb man als Stahlhändler Kunde des eigenen Werks und sicherte sich so Handelserträge über den Zyklus des Anlagenbaugeschäfts hinaus. Eine institutionell elegante Lösung des Diskontinuitätsproblems des Projektgeschäfts.

Mit dem Ende des großen Stahlwerk-Ausbaubedarfs in Lateinamerika Ende der 1980er Jahre war dieser Pfad erschöpft. Ferrostaal diversifizierte in Petrochemie, Kraftwerke, Erneuerbare Energien (Biodiesel, Solaranlagen, Windparks) und übernahm 1990 die bundeseigene Deutsche Industrieanlagen GmbH sowie 1997 die DSD Dillinger Stahlbau. Aus dem Handelsarm wurde schrittweise ein echter Anlagenbaukonzern mit über 5.000 Mitarbeitern.

Das institutionelle Scheitern kam nicht durch technologische Diskontinuität, sondern durch Eigentümerwechsel und Korruption. MAN verkaufte 2009 70 Prozent an die Abu Dhabi-Staatsinvestmentgesellschaft IPIC — ein Jahrzehnt-Deal, der Milliardenumsätze versprach. Stattdessen erzwangen die Araber die Rückabwicklung, weil Ferrostaal in Korruptionsermittlungen (U-Boot-Gegengeschäfte) verwickelt war. Nach dem IPIC-Debakel übernahm 2012 die MPC Industries (Hamburg), stabilisierte das Kerngeschäft und konzentrierte 2017 alle Anlagenbauaktivitäten in der Ferrostaal Industrieanlagen GmbH, die 2023 mit der Trading GmbH zur heutigen FERROSTAAL Germany verschmolzen wurde.

Seit März 2024 — unter neuem Eigentümer Münchmeyer Petersen & Co. und neuem Markauftritt — positioniert sich Ferrostaal explizit als Projektintegrator für den Wasserstoffsektor: downstream der erneuerbaren Energieerzeugung, Power-to-X, Dekarbonisierungslösungen für traditionelle Industrien. Die Logik ist dieselbe wie 1970 in Venezuela: kaufmännische Federführung und Finanzierungsarrangements, technische Ausführung über Partnernetze.

IV. Strukturelle Erklärungen: Warum dieser Zerfall?

Personalistische Erklärungen – schlechte Manager, verpasste Chancen, zu wenig Innovationsgeist – greifen hier zu kurz. Die Erosion des deutschen Großanlagenbaus folgt tieferen Strukturzwängen:

Erstens trifft die Projektnatur des Geschäfts die Firmen in Konjunkturzyklen besonders hart. Anlagenbauaufträge sind diskretionäre Investitionsentscheidungen, die in Krisenzeiten sofort aufgeschoben werden. Wer keine Serienproduktion hat, hat in der Flaute keine Puffer.

Zweitens erzeugt der technologische Wandel in den Abnehmerbranchen strukturelle Diskontinuitäten. Die Energiewende entzog der konventionellen Kraftwerkssparte die Nachfragebasis. Die Dekarbonisierungsagenda verlagert die Investitionen in Richtungen, die zwar neue Märkte öffnen, aber andere Technologiekerne erfordern.

Drittens wirkt die Konzernlogik als institutionelle Auflösungsmaschine. Wenn ein spezialisierter Anlagenbauer in einen Diversifikationskonzern integriert wird, gelten andere Renditenormen, andere Investitionslogiken, andere Zeithorizonte. Was für den Anlagenbauer ein langfristiges Technologieprojekt wäre, erscheint dem Konzerncontrolling als Renditeproblem.

Viertens – und das ist der Chandler’sche Befund – fehlt es dem deutschen Anlagenbau an einer eigenen Kapitalmarktpräsenz als eigenständige Unternehmenskategorie. Die US-amerikanische Anlagenbauindustrie (Bechtel, Fluor, KBR) operiert weitgehend als eigenständige Börsenwerte mit direktem Kapitalmarktzugang. Der deutsche Anlagenbau wurde stattdessen systematisch in industrielle Mischkonzerne integriert, wo er als Randsegment behandelt wird.

Fünftens — und das ist der vielleicht unterschätzteste Befund — wirkt die kollaterale Eigentümerkrise als eigenständiger Auflösungsmechanismus. Lurgi scheiterte nicht an seiner Anlagenbaustrategie, sondern an den Öltermingeschäften der New Yorker Tochter seiner Muttergesellschaft Metallgesellschaft. Babcock-Borsig scheiterte nicht primär an technologischer Obsoleszenz, sondern daran, dass Preussag zum Tourismuskonzern TUI werden wollte und seine Industriebeteiligungen loswerden musste. In beiden Fällen wurde der Anlagenbauer zur Verfügungsmasse von Portfolioentscheidungen, die mit seinem eigenen Geschäft nichts zu tun hatten. Diese Form der kollateralen institutionellen Auflösung ist für den deutschen Anlagenbau strukturell typischer als das direkte Marktversagen.

V. Die aktuelle Transformationsrunde

Die 2020er Jahre eröffnen eine neue Investitionswelle: Elektrolyseure, grüner Wasserstoff, Power-to-X-Anlagen, CO₂-Abscheidung. thyssenkrupp Uhde ist hier mit dem Joint Venture tk UCE (Weltmarktführer in der industriellen Großelektrolyse) besonders gut positioniert — und kann dabei auf eine Elektrolysekompetenz zurückgreifen, die das Unternehmen seit seinen Anfängen in der Chlor-Alkali-Elektrolyse entwickelt hat. Ferrostaal positioniert sich seit 2024 explizit als Projektintegrator für den Wasserstoffsektor. Krupp Polysius entwickelt Oxyfuel-Systeme und CCS/CCU-Lösungen für klimaneutrale Zementwerke. Von Babcocks Energietechnik-Erbe profitiert heute Hitachi Power Europe in Duisburg — deutsche Technologiekompetenz unter japanischer Konzernflagge.

Das strukturelle Problem bleibt: Diese Investitionswelle hängt stark von politischen Förderprogrammen ab. Ohne staatliche Rückendeckung – ob über H2-Global, EU-Taxonomie oder nationale Industriepolitik – ist die privatwirtschaftliche Nachfrage nach grünem Wasserstoff noch schwach. Der Anlagenbauer, der heute in Elektrolyseure investiert, wettet auf einen regulatorischen Rahmen, der noch nicht stabil ist. Es ist eine bekannte Konstellation: Der Anlagenbau als nachgelagerter Investor in politische Entscheidungen.

VI. Fazit: Institutionelles Gedächtnis und strategische Amnesie

Die Geschichte des deutschen Großanlagenbaus ist keine Geschichte des Scheiterns im emphatischen Sinn — aber auch keine Geschichte homogener Erosion. Die Recherche zeigt vier distinkte Pfade: Insolvenz und Fragmentierung (Babcock-Borsig, Technologiekompetenzen heute bei Hitachi und Bilfinger), kollaterale institutionelle Auflösung durch Mutterkonzernversagen (Lurgi, Technologie heute unter Air-Liquide-Dach), Konzernabsorption mit partiellem Markenerhalt (Uhde, Polysius — mit der charakteristischen Spannung zwischen Kostensenkungsdruck und Kompetenzerhalt), und aktive Neupositionierung auf Basis institutioneller Ursprungslogik (Ferrostaal, wieder koordinierender Intermediär wie 1919).

Was alle vier Pfade verbindet: Die technische Kompetenz ist nicht verschwunden. Das Engineering-Wissen für Ammoniak-, Zement-, Dampferzeugungs- oder Elektrolyseanlagen existiert weiter — verteilt auf deutsche, japanische und französische Konzernstrukturen, auf Subbrands und Joint Ventures, auf Nischenanbieter und Projektintegratoren. Was nicht überlebt hat, ist die organisationale Eigenständigkeit als Voraussetzung strategischer Handlungsfähigkeit. Wer als Randsegment in einen Mischkonzern eingebettet ist, verliert die Fähigkeit, technologische Brüche im eigenen Tempo zu navigieren.

Das ist kein moralisches Urteil. Es ist ein struktureller Befund — und zugleich eine offene Frage für die Dekarbonisierungsrunde der 2020er Jahre: Ob die fragmentierten Technologiekompetenzen des deutschen Großanlagenbaus unter den institutionellen Bedingungen ihrer jeweiligen Konzernmütter schnell genug mobilisiert werden können, um in einem global wettbewerbsintensiven Wasserstoff- und Dekarbonisierungsmarkt relevant zu bleiben.

Ralf Keuper 


Weiterführende Literatur: Alfred D. Chandler, „Scale and Scope“ (1990); Ulrich Wengenroth (Hg.), „Unternehmensgeschichte“ (1997); Werner Plumpe, „Das kalte Herz“ (2019); zu Projektorganisation und Engineering: Roger Miller / Donald Lessard, „The Strategic Management of Large Engineering Projects“ (2000).