Es gibt Krisenerzählungen, die auf einem Ereignis beruhen – einem Crash, einem Zahlungsausfall, einem politischen Bruch. Und es gibt Krisenerzählungen, die auf einer Rechnung beruhen. Die gegenwärtige Debatte um chinesische Überkapazitäten gehört in die zweite Kategorie, und gerade das macht sie schwerer zu ignorieren als die erste. Wenn eine Volkswirtschaft, die knapp 30 Prozent der globalen Industrieproduktion stellt und bis 2030 auf 45 Prozent zusteuern soll, ihr Wachstum weiterhin zu zwei- bis dreifacher Rate des globalen Handels erzielen will, stößt sie irgendwann nicht an einen politischen, sondern an einen arithmetischen Widerstand: Es gibt schlicht nicht genug Nachfrage auf der Welt, die das Angebot absorbieren könnte. Das ist die Kernthese der jüngeren Foreign-Affairs-Analyse zum „nächsten China-Schock“ – und sie verdient eine genauere Betrachtung, weil sie einen Mechanismus beschreibt, der sich in den Zahlen aus der deutschen Industrie bereits seit Monaten abzeichnet.

Die außenwirtschaftliche Rechnung ist dabei nur der Ausgangspunkt. Sie trifft auf eine binnenwirtschaftliche Parallelrechnung – niedrige Konsumquote, überschuldete Haushalte, eine schrumpfende und alternde Bevölkerung –, die in dieselbe Richtung wirkt statt sie auszugleichen. Peking ist dieser Konstellation nicht tatenlos ausgeliefert: Eine Anti-Involutions-Kampagne nach innen und eine Diversifizierung der Absatzmärkte und Produktionsstandorte nach außen sind reale, aber bislang nur begrenzt wirksame Gegenmaßnahmen, begleitet von einer offiziellen Rhetorik, die das Problem nach außen bestreitet und nach innen zugleich bekämpft. Und schließlich gibt es historische Vorläufer – Japan in den 1980er Jahren, Südkorea 1997 –, die zeigen, dass exportgetriebene Modelle an vergleichbare Grenzen stoßen können, aber über unterschiedliche und auf China nur eingeschränkt übertragbare Mechanismen kollabieren. Alle vier Ebenen werden im Folgenden nacheinander entwickelt.


Die deutsche Volkswirtschaft als Frühwarnsystem

Was in der Analyse als globales Problem beschrieben wird, lässt sich am deutschen Fall in seiner konkretesten Form beobachten. Die deutschen Warenexporte nach China fielen 2025 auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt – ein Rückgang von 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr und von 23 Prozent gegenüber dem Höchststand 2022. Gleichzeitig stiegen die Importe aus China in zahlreichen Produktkategorien, darunter Chemie und Fahrzeugbau, um mindestens zehn Prozent. Am deutlichsten zeigt sich die Verschiebung in der Automobilindustrie: Zwischen 2022 und 2025 brachen die deutschen Autoexporte nach China um 66 Prozent ein, während Chinas gesamte Fahrzeugexporte sich mehr als verdoppelten und das Land zum weltgrößten Autoexporteur machten.

Diese Zahlen decken sich mit einem Muster, das sich in den hier bereits behandelten Einzelfällen wiederholt – etwa im Rückgang der BMW-Auslieferungen in China oder im Aufstieg von Xiaomi und anderen chinesischen Premiummarken, die deutsche Hersteller zunehmend als „Elternmarke“ statt als technologischen Maßstab erscheinen lassen. Was dort als Verlust von Architekturmacht im Antriebsstrangwechsel zur Elektromobilität beschrieben wurde, erscheint im Licht der Foreign-Affairs-Analyse als Symptom eines größeren Problems: Es handelt sich nicht allein um einen technologischen Rückstand, sondern um die Kollisionsstelle zweier unvereinbarer Wachstumslogiken – eines exportgetriebenen chinesischen Modells, das strukturell nicht bremsen kann, und einer Weltwirtschaft, die es nicht mehr aufnehmen kann.

Warum die naheliegende Lösung politisch blockiert bleibt

Die naheliegende Antwort – eine graduelle Umsteuerung der chinesischen Volkswirtschaft hin zu mehr Konsum und weniger exportgetriebener Industriepolitik – ist seit Jahren bekannt und wird von chinesischen wie internationalen Ökonomen gleichermaßen empfohlen. Dass sie bislang ausblieb, liegt nicht an fehlender Einsicht, sondern an der Fiskalarchitektur der chinesischen Kommunalverwaltungen: Provinzen und Kommunen finanzieren sich über Landverkäufe, subventionierte Industrieflächen und lokal vergebene Kredite – ein System, das strukturell auf immer neue Fabriken angewiesen ist, unabhängig davon, ob deren Produktion noch profitabel ist. Nahezu 30 Prozent der chinesischen Industrieunternehmen operieren inzwischen mit Verlust, in den am stärksten priorisierten Sektoren sogar bis zu 34 Prozent. Der Befund erinnert an ein wiederkehrendes Muster in der Organisationsanalyse: Wenn die Anreizstruktur einer Institution nicht mit ihrem offiziellen Ziel übereinstimmt, setzt sich langfristig die Anreizstruktur durch – nicht die Zielverkündigung.

Die Kehrseite: Eine Volkswirtschaft, die ihre eigenen Haushalte nicht trägt

Die außenwirtschaftliche Betrachtung – Exportüberkapazität trifft auf globale Absorptionsgrenze – ist nur eine Hälfte des Bildes. Die andere Hälfte liegt im Inneren der chinesischen Volkswirtschaft selbst, und sie ist mindestens ebenso gut dokumentiert, auch wenn sie in der westlichen Wirtschaftsberichterstattung kaum Beachtung findet. Der private Konsum liegt in China bei knapp 40 Prozent des BIP – deutlich unter dem eigenen langjährigen Durchschnitt seit 1952 von rund 49 Prozent und weit unter dem Niveau vergleichbarer Volkswirtschaften. Dieser niedrige Konsumanteil ist keine Momentaufnahme, sondern das Resultat eines jahrzehntelangen Systems aus günstigen Krediten für Staatsunternehmen, einer gezielt niedrig gehaltenen Währung, gedrückten Löhnen und einer massiven Umlenkung von Ressourcen in Infrastruktur und Industrieproduktion – zulasten der privaten Haushalte.

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