Was hält ein Unternehmen am Leben, wenn Eigentümer wechseln, Strategien scheitern, das Management rotiert und die Verlustquote seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich des Umsatzes liegt? Die Geschichte von KraussMaffei, Münchens ältestem Industrieunternehmen, lädt zu einer Antwort ein, die in der Unternehmensgeschichtsschreibung gern gegeben wird: der Markenkern. Bei näherer Betrachtung der aktuellen Finanzlage drängt sich jedoch eine weniger schmeichelhafte Diagnose auf.


Institutionelle Instabilität als Normalzustand

KraussMaffei ist kein Erfolgsunternehmen im klassischen Sinn. In seiner fast 190-jährigen Geschichte hat das Unternehmen nahezu jeden institutionellen Stabilitätsfaktor vermissen lassen, den die Managementliteratur als Voraussetzung nachhaltigen Unternehmenserfolgs nennt. Eigentümer kamen und gingen – vom Flick-Konzern über MBB, Mannesmann, KKR, Madison Capital und Onex bis zum heutigen Eigner Sinochem, dem 2021 mit ChemChina fusionierten chinesischen Staatskonzern. Die Führungsebene fluktuierte erheblich. Strategische Kohärenz war die Ausnahme, nicht die Regel.

Die Unternehmensgeschichte liest sich wie ein Lehrstück in strategischer Inkonsequenz: der gescheiterte Versuch im Omnibus-Bau, die zufällige Rettung durch den Leopard-Panzer, die mehrfache Zerlegung und Neuzusammenführung von Geschäftsbereichen. Peter Drucker hätte hier vermutlich von „management by muddling through“ gesprochen – einem Durchwursteln, das nicht auf Vision, sondern auf Opportunität beruht. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Zum 1. Januar 2026 übernahm mit Alex Li bereits der nächste CEO die Führung, sein Vorgänger Chi Zhang kehrte nach zwei Jahren an die Spitze des Aufsichtsrats zurück.

Der Markenkern als stille Kontinuität – eine These unter Vorbehalt

Und dennoch: KraussMaffei existiert. Das Unternehmen gilt nach wie vor als Weltmarktführer im Kunststoffmaschinenbau und präsentiert sich auf Leitmessen wie der K 2025 und der JEC World 2026 mit durchaus innovativen Produkten – von überarbeiteten vollelektrischen Spritzgießmaschinen über neue Composites-Verfahren bis hin zu digitalen Retrofit-Konzepten.

Die Autoren von 180 Jahre KraussMaffei. Geschichte einer Weltmarke werten die Kontinuität des Unternehmens als Beleg für die „Erhaltung eines festen Markenkerns, der selbst durch wechselnde Eigentümer, eine hohe Fluktuation in der Führungsebene und strategische Schwenks über einen Zeitraum von 180 Jahren nicht zerstört wurde.“ Aus systemtheoretischer Perspektive (Luhmann) ließe sich argumentieren, der Markenkern habe eine Funktion der Selbstreferenz erfüllt: Er ermöglichte dem Unternehmen, sich auch unter wechselnden Umweltbedingungen als dasselbe System zu reproduzieren. Der Markenkern war nicht Strategie – er war Identität.

Diese Lesart ist für weite Teile der Unternehmensgeschichte plausibel. Für die Gegenwart reicht sie nicht mehr aus.

Die Finanzlage: Verluste, die unter normalen Bedingungen insolvent machen

Wer die Entwicklung der Verluste der letzten Jahre betrachtet, kommt an einer unbequemen Schlussfolgerung nicht vorbei. Im Jahr 2022 beliefen sich die Nettoverluste auf 215 bis 256 Millionen Euro – bereits das Sechsfache des Wertes von 2021 und einer Verlustquote von 15 bis 18 Prozent des Umsatzes entsprechend. Im Jahr 2023 stiegen die Verluste auf 360 bis 390 Millionen Euro, davon 150 bis 160 Millionen Euro durch Einmalabschreibungen; die operative Verlustquote blieb gleichwohl im zweistelligen Bereich. Im ersten Halbjahr 2024 verbesserte sich die Lage graduell, bereinigt um den Netstal-Verkaufserlös und weggefallene Restrukturierungskosten lagen die Verluste jedoch noch bei 73 bis 88 Millionen Euro.

Ein Unternehmen, das über …