„Die Regierung, die durch eine Revolution vernichtet wird, ist fast stets besser als die unmittelbar voraufgegangene, und die Erfahrung lehrt, dass der gefährlichste Augenblick für eine schlechte Regierung der ist, wo sie sich zu reformieren beginnt.“ (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution)
Sie haben alles richtig gemacht. Studiert, als es noch eine Auszeichnung war. Loyal geblieben, als Loyalität noch belohnt wurde. In Immobilien investiert, als Immobilien noch stiegen. Ihre Kinder ins Ausland geschickt, weil das Ausland noch eine Zukunft versprach. Und jetzt, mit Anfang bis Mitte fünfzig, stehen sie vor verschlossenen Türen – nicht nur des Arbeitsmarkts, sondern eines Gesellschaftsvertrags, dessen Gültigkeit still abgelaufen ist.
Chinas „Reformgeneration“ – grob die Jahrgänge um 1970, die mit Dengs Öffnungspolitik aufgewachsen sind – galt lange als Paradebeispiel für das, was kollektiver Aufstieg bedeuten kann. Zugang zu Hochschulbildung in einem System, das diesen Zugang zuvor verweigert hatte. Einstieg in multinationale Konzerne und die entstehenden Internetgiganten. Immobilienerwerb als Vermögensaufbau und Statussymbol zugleich. Investitionen in die nächste Generation, die das Erreichte sichern und ausbauen sollte. Das Modell schien zu funktionieren – solange das Wachstum es trug.
Mit dem Ende der Boomjahre beginnt sich das Bild zu drehen. Die Immobilienkrise erodiert Vermögen, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Private Investitionen schwächeln, Multis ziehen sich zurück, und die Entlassungswellen in Tech, Bildung, Medien und allem, was Immobilien nahesteht, erfassen genau jene Sektoren, in denen die Reformgeneration überproportional vertreten war. Die offiziellen Arbeitslosenquoten bleiben stabil – was über die tatsächliche Beschäftigungslage kaum etwas aussagt, über die politische Kommunikationsstrategie umso mehr.
Was dabei besonders auffällt, ist der institutionalisierte Charakter der Ausgrenzung. Altersdiskriminierung in China ist kein kulturelles Randphänomen, sondern eine strukturelle Realität: Selbst Supermärkte und Lagerhäuser lehnen Bewerber über fünfzig ab. Das ist nicht zufällig so, sondern das nachgelagerte Ergebnis eines Arbeitsmarkts, der über Jahrzehnte auf permanente Neubesetzung durch junge, formbare, günstige Arbeitskräfte ausgelegt war. Ein System, das nie auf Kontinuität gebaut wurde, produziert nun Menschen, für die es keine Kontinuität mehr gibt.
Krise der Erwartungssicherheit
Die Legitimationsfrage ist dabei subtiler als sie auf den ersten Blick erscheint. Der implizite Gesellschaftsvertrag hatte in China nicht nur einen ökonomischen, sondern einen epistemischen Kern: Wer die Spielregeln versteht und befolgt, wird belohnt. Die Reformgeneration hat dieses Kausalmodell nicht nur akzeptiert, sondern verinnerlicht – als Handlungsanleitung, als Lebensplan, als Wirklichkeitsbeschreibung. Wenn dieses Modell empirisch widerlegt wird, entsteht keine bloße Enttäuschung, sondern eine tiefere Erschütterung. Im Sinne Luhmanns: eine Krise der Erwartungssicherheit. Das System hat nicht nur versagt, es hat die Prognosefähigkeit seiner treuesten Nutzer disqualifiziert.
Ökonomisch betrachtet sitzt diese Kohorte im Zentrum einer dreifachen Belastung. Auf der Vermögensseite trifft die Immobilienkrise genau diejenigen, die am stärksten in Immobilien investiert haben. Auf der Einkommensseite führt der strukturelle Stellenabbau zu Erwerbslosigkeit, die durch eigene Anstrengung kaum kompensierbar ist. Und auf der Ausgabenseite erhöht die Unsicherheit das Vorsichtssparmotiv: laufende Kreditbelastungen, Bildungsausgaben für Kinder, Pflege der Elterngeneration – alles gleichzeitig, alles unter wachsendem Druck. Das Ergebnis ist eine konsumwirtschaftliche Blockade, die jede Strategie einer Rebalancierung der chinesischen Wirtschaft von Investitionen hin zu Konsum strukturell untergräbt. Man kann nicht auf eine Mittelschicht als Wachstumsmotor setzen, die mit ihrem eigenen Abstieg beschäftigt ist.
Das Japan-Szenario – und warum es nicht passt
Der Vergleich mit Japans verlorenen Dekaden liegt nahe und ist instruktiv – aber er ist asymmetrisch. Japan durchlief seine Stagnationsphase mit einem bereits entwickelten Sozialstaat, etablierten Institutionen und einer langen Tradition von Vertrauen in staatliche Beständigkeit. China steht vor einem analogen Szenario, aber mit schwächeren sozialen Abfederungsmechanismen, höherer Legitimationsabhängigkeit vom Wachstumsversprechen und – das ist der entscheidende Unterschied – ohne die Option parlamentarischer Kanalisierung von Frustration. Der soziale Frust findet keinen institutionellen Abfluss. Er akkumuliert.
Besonders politisch brisant ist, dass es sich hier nicht um marginalisierte Randgruppen handelt. Die Reformgeneration ist gebildet, urban…
