Wie konnte ein traditionsreicher Weltkonzern in wenigen Jahren ohne erkennbare Not zerlegt werden? Zwei Insider-Bücher dokumentieren das Desaster. Die naheliegende Erklärung – ein fachfremder Manager zerstörte, was er nicht verstand – greift zu kurz. Denn bei BASF und Bayer übernahmen zur selben Zeit ebenfalls Nicht-Naturwissenschaftler das Ruder. Beide Konzerne überlebten. Was machte Hoechst so anfällig für die Zerschlagungsideologie? Und warum ist Bayer zwei Generationen später in dieselbe Falle getappt?


I. Die Quellen

Es kommt zum Glück nur selten vor, dass ein Weltkonzern in nur wenigen Jahren ohne Not von seinem Vorstand und Aufsichtsrat nach allen Regeln der Kunst zerlegt wird. Eben dies ist Hoechst widerfahren. Ein Lehrstück darüber, wie es einem kleinen Personenkreis gelingen kann, ein traditionsreiches Unternehmen auszulöschen, ohne dass sich in den Medien, bei den Gewerkschaften und der Politik nennenswerter Widerstand geregt hätte.

Zwei Bücher von Insidern dokumentieren diesen Vorgang mit der Genauigkeit von Obduktionsberichten. Christoph Wehnelt, langjähriger Manager bei Hoechst, legt in Hoechst. Der Untergang des deutschen Weltkonzerns eine detaillierte Chronologie der Fehlentscheidungen vor. Karl-Gerhard Seifert, ehemaliger Vize-Vorstandsvorsitzender, rechnet in Goodbye Hoechst. Von Könnern, Spielern und Scharlatanen mit dem Hauptverantwortlichen Jürgen Dormann ab. Beide Autoren waren nah genug am Geschehen, um die internen Vorgänge zu kennen, und distanziert genug, um sie zu analysieren.

II. Was Hoechst war

Hoechst in Frankfurt am Main, auch „Rotfabrik“ genannt, gehörte neben Bayer und BASF zur Crème der Chemieunternehmen in Deutschland und in der Welt. Am Anfang standen, wie es in der Festschrift zum 100. Firmenjubiläum heißt, die synthetischen Farbstoffe. Als großer Erfolg stellte sich die Herstellung von synthetischem Indigo heraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Hoechst zu dem zeitweise größten Chemiekonzern der Welt.

Kurt Lanz, der langjährige Vertriebsvorstand, beschreibt in seiner autobiografischen Schrift Weltreisender in Chemie, wie Hoechst in allen Kontinenten in den verschiedensten Chemiesparten – Pharma, Agrar, Farbstoffe, Kunststoffe – erfolgreich tätig war. Zum Schluss seines Buches wagte Lanz einen Blick auf das künftige Anforderungsprofil der Chemie-Manager. Bei der deutschen Chemie sei, im Gegensatz zu anderen Industrieländern, noch vielfach die Meinung anzutreffen, die Unternehmen müssten von Naturwissenschaftlern geleitet werden…