Nachts, neben dem Tagesgeschäft, baut ein Softwarearchitekt sein eigenes, seit 18 Jahren genutztes Administrationssystem neu – und liefert damit einen der belastbareren Erfahrungsberichte zur zweiten KI-Rationalisierungswelle. Das Ergebnis übertraf selbst seine eigene, bereits nach oben korrigierte Erwartung so deutlich, dass es ihn seither um den Schlaf bringt. Was der Fall David Tielke über den Übergang von der generativen zur agentischen KI verrät – gemessen an zwei älteren Kontrastfolien, Model Driven Architecture und Frederick Brooks‘ „No Silver Bullet“ – und warum die eigentliche Geschichte nicht die Geschwindigkeit ist, sondern die Frage, wer künftig die Architektur bestimmt.


Ein Softwarearchitekt entwickelt über einen Zeitraum von vier Monaten, an effektiv 45 Arbeitstagen – meist nachts, neben laufenden Kundenprojekten – eine Anwendung neu, die er seit 18 Jahren im eigenen Betrieb nutzt[1]Der Moment, der die Softwareentwicklung geändert hat!: ein System, das ihn von administrativen Aufgaben wie Buchungen, Backoffice und E-Mail-Kommunikation entlastet. Neu entsteht dabei kein bloßer Nachbau, sondern ein Enterprise-System mit Microservice-Architektur, lokaler KI, Workflow-Engine, vollständiger Spezifikation, Tests und Dokumentation – mit demselben Anspruch, den er sonst in Kundenprojekten ansetzt – und mit einem gegenüber dem Original deutlich höheren Funktionsumfang: neu hinzugekommen sind unter anderem eine Homepage, über die Kunden Workshops direkt buchen können, sowie eine Customer Area, in der Kunden Anfragen stellen oder eigenständig Buchungen vornehmen können. Nach eigener Rechnung erreicht er dabei das 93-Fache der üblichen Entwicklungsgeschwindigkeit. Das ist die Schlagzeile, mit der David Tielke sein Experiment vorstellt, das ihn nach eigener Aussage seit Wochen nicht schlafen lässt. Für die ökonomische Einordnung interessanter als die Zahl selbst ist jedoch, warum sich dieser Bericht als belastbare Referenz behandeln lässt – und was er über den Übergang von der ersten zur zweiten KI-Rationalisierungswelle verrät.

Der Kronzeuge

Ein Erfahrungsbericht wiegt schwerer, wenn das Ergebnis über die eigene Erwartung hinausgeht, statt sie nur zu bestätigen. Tielke hatte bereits in vorangegangenen Videos darauf hingewiesen, dass sich seit Anfang 2026 durch KI-Agenten etwas Grundlegendes in der Softwareentwicklung verändert habe – konkret die Richtlinientreue der Modelle: Erst ab der Modellgeneration Opus 4.56, so seine Angabe, hielten sich die Systeme zuverlässig genug an vorgegebene Guidelines und Guardrails, um einen Harness-Mechanismus wie den beschriebenen überhaupt tragfähig zu machen. Vorherige Modellgenerationen lieferten demnach zwar brauchbaren Code, wichen aber zu häufig von Architekturvorgaben ab, um die toolgestützte Konformitätsprüfung sinnvoll zu automatisieren. Tielke ging also keineswegs unvoreingenommen oder gar skept…