Reuleaux, Riedler und der Streit um den Ingenieur an der Technischen Hochschule Berlin

Wer heute über die Ausbildung von Ingenieuren streitet, über Praxisnähe, Industriekooperation, Labore und die Frage, wie viel Theorie ein Studium braucht, führt eine Debatte, die in Deutschland vor mehr als einhundert Jahren schon einmal in aller Schärfe geführt wurde. Sie trägt zwei Namen: Franz Reuleaux und Alois Riedler. Beide lehrten Maschinenbau an der Königlich Technischen Hochschule Berlin, und beide wollten dasselbe. Sie stritten darüber, worauf es sich gründen sollte.


Zwei Professoren, ein Ziel

Franz Reuleaux (1829–1905) war der Begründer der modernen Kinematik. Darunter versteht man die Lehre von den Bewegungen der Maschinenteile, wie sie in Getrieben, Gelenken und Mechanismen zusammenwirken. Reuleaux wollte die Maschinenlehre als eigenständige, deduktiv aufgebaute Wissenschaft etablieren: vom Allgemeinen der Maschinen auf den besonderen technischen Fall schließen, nicht umgekehrt. Theorie und Praxis sollten an der Hochschule klar getrennt bleiben, die Hochschule war für ihn der Ort der Systematik.

Alois Riedler (1850–1936) kam 1888 als Professor für Maschinenbau nach Berlin. Er hatte die amerikanische Ingenieurausbildung auf Reisen und Weltausstellungen kennengelernt und sah in ihr das Vorbild. Mathematik war für ihn eine Hilfsdisziplin. Er verlangte Maschinenlaboratorien, Versuchstechnik, Konstruktion an konkreten Maschinen und eine enge Bindung an die Industrie. Die Mathematisierung des Maschinenbaus tat er als akademische Spielerei ab.

Das Bemerkenswerte ist, dass beide Seiten dieselbe Gegnerschaft teilten. Sowohl Reuleaux als auch Riedler wollten die Gleichberechtigung der Technikwissenschaften gegenüber den klassischen Universitätswissenschaften und eine Aufwertung des Ingenieurberufs. Reuleaux hatte schon früh die Qualität der deutschen Industrieprodukte öffentlich kritisiert und selbst Reformen verlangt. Der Streit ging also nicht darum, ob die Ausbildung reformiert werden müsse, sondern darum, was ihr Wissenschaftlichkeit verleiht: das System oder der Versuch.

Ein Methodenstreit, kein bloßer Personenkonflikt

Gern wird die Auseinandersetzung als persönlicher Zwist erzählt, als ein jahrelanger Krieg zwischen zwei Eitelkeiten. Dass sie persönlich geführt wurde, steht außer Frage. Doch dahinter lag ein Methodenstreit der Technikwissenschaften, und die Gegenvorwürfe machen das sichtbar. Riedler hielt Reuleaux vor, die Theorie zu überhöhen und den Anwendungsbezug zu verlieren. Reuleaux hielt Riedler entgegen, die Ausbildung auf Berufspraxis zu verkürzen und damit die wissenschaftliche Tiefe preiszugeben.

Beide Vorwürfe haben ihr Recht. Eine Maschinenlehre, die nur deduziert, riskiert, an den Erfordernissen der Werkstatt und der Fabrik vorbeizulehren. Eine Ausbildung, die nur Versuche und Aufträge kennt, riskiert, dass sie dem Stand der Industrie hinterherläuft, statt ihn zu überschreiten.

Der Ausgang

Riedler setzte sich durch. Mit seiner Unterstützung entstand an der Berliner Hochschule das erste deutsche Maschinenlaboratorium, und Reuleaux verließ die Hochschule resigniert. Die allgemeine Kinematik verlor an institutionellem Gewicht und wurde, so wird berichtet, aus dem Berliner Lehrplan gestrichen. Praxislabore, Versuchstechnik und die Verbindung von Hochschule und Industrie wurden zu tragenden Elementen des deutschen Maschinenbaustudiums.

Man kann das als Fortschritt lesen, und in vieler Hinsicht war es einer. Die Zeit verlangte ihn: In der zweiten Industrialisierung, mit Elektrotechnik, Chemie, Massenproduktion und wissenschaftsbasierter Entwicklung, brauchte die Industrie Ingenieure, die messen, erproben und in Serien denken konnten. Die Laborkultur, die Riedler durchsetzte, hat dem deutschen Maschinenbau über Jahrzehnte einen Vorsprung verschafft, der vorläufig als eine der Grundlagen seines Erfolgs gelten darf.

Was der Sieg gekostet hat

Interessanter ist die andere Seite der Bilanz. Wenn der Gewinner eine ganze Denkrichtung aus dem Lehrplan entfernen kann, dann entscheidet über Wissensbestände nicht allein ihre Leistungsfähigkeit, sondern die Machtverteilung an einer einzelnen Hochschule. Die Kinematik als solche war nicht widerlegt worden. Sie verlor ihren Platz, weil ihr Fürsprecher unterlag.

Vorläufig lässt sich die These vertreten, dass hier ein Muster sichtbar wird, das in der Geschichte technischer Ausbildung wiederkehrt: Reformen setzen sich gegen die Vorgängerlehre durch, indem sie diese nicht integrieren, sondern verdrängen. Die Frage, ob Theorie und Praxis sich ergänzen oder ausschließen, wird dann institutionell entschieden, bevor sie sachlich geklärt ist. Ob das ein allgemeines Muster ist oder ein Zug dieses einen Falls, bleibt offen. Dafür müsste man vergleichbare Reformkonflikte an anderen Technischen Hochschulen heranziehen.

Die Gegenwart des Streits

Die Frage, die Reuleaux und Riedler trennte, ist nicht erledigt. Sie kehrt in jeder Debatte wieder, in der es um das Verhältnis von Grundlagenwissen und Anwendungsnähe geht: bei der Frage, wie viel Mathematik ein Ingenieurstudium braucht, bei dualen Studiengängen, bei Drittmittelabhängigkeit und Industriekooperation, heute auch bei der Frage, wie Hochschulen mit Künstlicher Intelligenz umgehen sollen, einem Feld, in dem die Anwendung der Theorie rasant vorauseilt.

Beide Positionen haben ihr Risiko. Wer wie Riedler die Praxis zum Maßstab erhebt, bindet die Hochschule an den Takt der Industrie und gerät in Abhängigkeit von deren Fragen. Wer wie Reuleaux die Systematik zum Maßstab erhebt, riskiert den Verlust des Kontakts zu dem, was gebaut wird. Dass Riedlers Linie sich damals durchgesetzt hat, spricht dafür, dass die Zeit sie verlangte. Es sagt nichts darüber, ob sie auf Dauer genügt.

Der eigentliche Gewinn der Auseinandersetzung läge womöglich darin, sie nicht als Entweder-oder zu lesen. Beide wollten den Ingenieur als Wissenschaftler. Sie unterschieden sich in der Frage, was ihn dazu macht. Eine Ausbildung, die beide Antworten ernst nimmt, ist anspruchsvoller als jede der beiden allein und wahrscheinlich teurer. Deshalb war sie damals wie heute schwer durchzusetzen.

Ralf Keuper


Quellen