Wilhelm Ostwald wollte aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ein Gebot für alles Handeln machen: Vergeude keine Energie. Ein Zeitgenosse sah den Ingenieur Frederick W. Taylor als dessen Vollstrecker, obwohl der die Formel nie gekannt hat. Max Weber hielt dagegen, dass ein Wirkungsgrad nichts darüber sagt, wofür sich der Aufwand lohnt. Der Streit von 1909 ist unerledigt, und er erklärt, warum Effizienzdenken so leicht in Betriebsamkeit umschlägt.


Wilhelm Ostwald, Chemiker in Leipzig und 1909 Nobelpreisträger für seine Arbeiten zur Katalyse, hielt den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik für mehr als ein Naturgesetz. Er besagt, dass in jedem Vorgang nutzbare Energie verloren geht, ein Teil zerstreut sich in unbrauchbare Wärme. Ostwald machte daraus eine Pflicht. Der „energetische Imperativ“, in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ gebildet, lautet: „Vergeude keine Energie, verwerte sie.“ Sein Buch gleichen Titels erschien 1912.

Ein Gebot für alles

Ostwald meinte das nicht nur physikalisch. Als Maßstab diente ihm das Güteverhältnis, also der Anteil der eingesetzten Energie, der als Nutzen ankommt, in der Technik der Wirkungsgrad. In seiner Autobiografie beschreibt er, wie er daraus die Aufgabe der gesamten Kultur ableitete: Niedere Energien sollen möglichst verlustarm in höhere umgewandelt werden. Die Richtlinien vernünftigen Tuns reichten für ihn, in der Wiedergabe der Ostwald-Gesellschaft, vom Nadeleinfädeln bis zur Regierung eines Staates.

Bei Ostwald blieb das nicht Theorie. Mit der „Brücke“, einem 1911 gegründeten Institut zur Organisation der geistigen Arbeit, trieb er Weltsprache, Kalenderreform und einheitliche Maße voran. Seine „Weltformate“ für Papier gelten als Vorlage der späteren DIN-Normung. Viele Unternehmer wehrten sich gegen die Vereinheitlichung. 1914 wurde die Brücke aufgelöst, die Normen aber setzten sich durch.

Der Ingenieur, der es angeblich schon tat

Auf der anderen Seite des Atlantiks arbeitete der Ingenieur Frederick W. Taylor, ohne Ostwald zu kennen. Seine „wissenschaftliche Betriebsführung“ zerlegte Arbeit in kleinste Handgriffe, maß Bewegungen und Zeiten und baute daraus ein Verfahren, das den geringsten Aufwand verspricht. Als Taylor im März 1915 starb, würdigte ihn der Ingenieur W. Speiser im Polytechnischen Journal. Taylor habe, schrieb Speiser, den energetischen Imperativ „kategorisch“ in die Wirklichkeit umgesetzt. Im selben Satz räumt er ein, dass Taylor die Formel gar nicht kennen konnte, weil Ostwald sie erst nach dessen Arbeiten aussprach.

Die Zuschreibung ist also nachträglich, und sie sagt mehr über die Zeit als über die beiden Männer. Speiser verteidigt Taylor in der Sprache der Kraftökonomie: Es gehe um Ausnutzung der Arbeitskraft, nicht um ihre Ausbeutung, Übermüdung sei zu vermeiden. Die menschliche Arbeitskraft ist für ihn das kostbarste Betriebsmittel, deren Vergeudung zu steuern.

Der Historiker Anson Rabinbach hat diese Sprache in „The Human Motor“ beschrieben. Seit Hermann von Helmholtz die Thermodynamik auf den Menschen übertrug, galt der Arbeiter als Motor, dessen Ermüdung sich messen und senken lässt. Von der Arbeitsphysiologie führt eine Linie zu Taylorismus und Fordismus, quer durch alle politischen Lager. Ostwald ist in dieser Geschichte eine Spielart, wenn auch die ehrgeizigste: Er wollte den Maßstab nicht auf die Fabrik beschränken, sondern auf die Kultur ausdehnen.

Webers Einspruch

Max Weber, der Soziologe und Nationalökonom, nahm Ostwalds „Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft“ 1909 in einer vernichtenden Besprechung auseinander. Seine Kritik, wie sie die Forschung wiedergibt: Ostwald verabsolutiere die Begriffsbildung der Naturwissenschaften und verwandle ein Weltbild in eine Weltanschauung. Er führe zudem seine praktischen Lieblingsforderungen in eine Untersuchung ein, die sich auf die kausale Tragweite energetischer Beziehungen beschränken müsste.

Im Kern lässt sich der Einwand so lesen: Ein Wirkungsgrad misst das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, aber nicht, welcher Ertrag erstrebenswert ist. Wer den Zweck schon voraussetzt, kann ihn effizient verfolgen, bewerten kann er ihn mit dem Wirkungsgrad nicht. Die neuere Forschung (Matthias Neuber) hält Ostwalds Gedanken einer natürlichen Grundlage der Kultur immerhin als methodisches Hilfsmittel für rettbar, seine stoffliche Auffassung von Energie dagegen für überholt.

Das Fundament fiel, das Bauwerk blieb

Das Fundament, auf das Ostwald baute, hielt nicht. Die physikalische Energetik als Weltdeutung verlor gegen die Atomlehre, und auch Ostwald räumte die Atome ein. Was blieb, waren die Einrichtungen: Normung, Betriebswissenschaft, Zeit- und Bewegungsstudien. Sie funktionierten ohne die Begründung, auf die ihre Vordenker sie stützen wollten. Dass sie dabei ihren Zweck mitverloren, ist die Lesart, die hier vorgeschlagen wird. Sie ist vorläufig gestützt, nicht belegt.

Ostwalds Imperativ zeigt zugleich, wie leicht die Sparsamkeit zum Selbstzweck wird. Kritiker verspotten, dass er das Esperanto auch mit der gesparten Energie begründete und eine Rechtschreibreform forderte, damit beim Tippen keine Energie an der Wortteilung am Zeilenende verloren geht. Hier gibt es keinen Wirkungsgrad mehr, der sich auf einen Zweck bezieht, nur die Vermeidung von Verlust.

Peter Drucker hat in „Die ideale Führungskraft“ die Unterscheidung von Effizienz und Effektivität zum Kern der Managementlehre gemacht: das Richtige tun statt nur die Dinge richtig. Den Wirkungsgrad hatten Ingenieure schon lange. Was fehlte, war eine Instanz, die über den Zweck entscheidet. Weber hat sie 1909 gefordert, Ostwald hat sie nicht geliefert, und vermutlich ist sie bis heute das Schwierige am Effizienzdenken: Man kann den Aufwand messen, den Sinn nicht.

Ralf Keuper


Quellen