Warum die schlesische Leinenindustrie kein Beleg für die tröstliche Erzählung vom schmerzlosen Strukturwandel ist

Wer an die schlesischen Weber denkt, denkt an das Elend des 19. Jahrhunderts: an Handarbeit, die von Maschinen verdrängt wurde, und an Gerhart Hauptmanns Drama, das diese Not zum Gegenstand gemacht hat. Wer heute über die Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Künstliche Intelligenz nachdenkt, zieht daraus gern einen Trost: Damals, so die Hoffnung, habe sich parallel zum Niedergang des Alten bereits Neues gebildet, das den Wohlstand der nächsten Generation begründete. Die Historikerin Anka Steffen hat der vorindustriellen Leinweberei Schlesiens eine Studie gewidmet: „Am leinenen Faden. Schlesiens Wirtschaft im globalen Kontext der frühen Neuzeit“ (Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2025). Sie scheint diese Hoffnung zu stützen. Eine Rezension auf H-Soz-Kult, dem Fachportal der Geschichtswissenschaft, nimmt der Erzählung allerdings gerade an der Stelle den Boden, an der sie am bequemsten ist. Das ist der Anlass für diesen Beitrag.


Ein Gewerbe, das mehr war als Randlage

Steffens Befund ist zunächst ein Gegenbefund zu einem alten Bild. Schlesien galt der älteren Forschung als rückständige Randregion. Steffen zeigt dagegen, wie fest das Gewerbe um Hirschberg (Jelenia Góra) am Fuß des Riesengebirges in den Weltmarkt eingebunden war. Betrachtet wird das „lange“ 18. Jahrhundert, vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zu den Napoleonischen Kriegen. Die Leinwandkaufleute der Region dominierten den Überseehandel, und ihre Waren gaben unter der Bezeichnung „Silesias“ bestimmten Stoffsorten und -qualitäten den Namen.

Die Trägergruppe nennt Steffen, einer zeitgenössischen Beschreibung folgend, die „Merkurpriester“: eine überschaubare Zahl von Familien, die auswärtige Konkurrenten verdrängten oder in die eigene Verwandtschaft einbanden. Zugleich brachten sie den gesamten Herstellungsprozess unter ihre Kontrolle, vom Flachsanbau über Spinnen und Weben bis zum Bleichen und Färben. Das erlaubte es ihnen, rasch auf Marktanforderungen zu reagieren. Im transatlantischen Geschäft waren sie über Kommissionäre in den Hafenstädten vertreten, also über Mittelsleute, die für sie verkauften. So blieb das Risiko begrenzt, und die Gewinne flossen, wie die Studie darlegt, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verlässlich.

Bemerkenswert ist die Quellenarbeit. Direkte Selbstzeugnisse frühneuzeitlicher Kaufleute sind rar. Steffen stützt sich deshalb auf Handelsbücher, Ladungslisten, Zollregister und Geschäftskorrespondenzen aus einer Vielzahl von Archiven in Europa und den USA.

Die weiße Ware und der unfreie Weber

Zwei Befunde machen die Studie unbequem. Der erste betrifft das Produkt. Die ältere Forschung nahm überwiegend an, aus Schlesien seien vor allem billige, grobe Stoffe zur Einkleidung versklavter Menschen in Amerika gekommen. Steffen weist dagegen nach, dass hochwertige Ware, leicht, haltbar und vor allem besonders weiß, einen Großteil des Umsatzes ausmachte. Rein weiße Stoffe waren in Afrika aus rituellen Gründen gefragt. In den Kolonialgesellschaften dienten sie der Distinktion gegenüber den Versklavten, die ungebleichte, bräunliche Kleidung trugen.

Der zweite Befund betrifft die Arbeit. Die niedrigen Preise, mit denen Schlesien konkurrenzlos blieb, beruhten auf außerökonomischem Zwang gegenüber der erbuntertänigen Landbevölkerung. Erbuntertänigkeit bedeutet, dass die Landbewohner rechtlich an die Herrschaft gebunden waren und ihre Arbeitskraft nicht frei am Markt anbieten konnten. Die Lohnkosten blieben dadurch besonders niedrig. Der Erfolg eines Gewerbes mit unfreier Arbeit am einen Ende der Kette fand seinen Absatz in Märkten, die ihrerseits von unfreier Arbeit geprägt waren.

Der Hirschberger Aufstieg war also kein Zufall der Standortgunst. Er war das Ergebnis einer Kaufmannschaft, die Marktbeherrschung mit Zwang an der Basis kombinierte. Dass dieses Zusammenspiel eine Region mehr als hundert Jahre lang gegen vielfältige Konkurrenz behauptete, ist die eigentliche Leistung der Studie.

Wo die Rezension ansetzt

Die Rezension würdigt die Arbeit als gelungene Verbindung von Regional- und Globalgeschichte sowie von Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Sie erhebt aber zwei Einwände, die weit über das Fach hinausreichen.

Der erste betrifft die Größenordnung. Es fehlen weitgehend vergleichende Angaben, die erkennen ließen, welche Bedeutung der Leinwandexport für Schlesien insgesamt hatte. Aus der überragenden Rolle der Leinwand im schlesischen Export folgt noch nicht ihre zentrale Rolle für die schlesische Wirtschaft. Als Indiz nennt der Rezensent Breslau, das am Leinenexport kaum beteiligt war und mehr Einwohner hatte als alle fünf untersuchten Gebirgsstädte zusammen. Auch die von Steffen angeführten Gewinne der Hirschberger Handelshäuser erscheinen ihm moderat und mit denen anderer Städte der Region Mitte des 18. Jahrhunderts vergleichbar. Er stellt sie neben die Millionengewinne preußischer Großkaufleute wie Sigmund von Treskow und Ernst Jacob Eckardt am Ende des Jahrhunderts. Zur Einordnung hätte er Seitenblicke auf die Woll- und Baumwollverarbeitung für wünschenswert gehalten, die parallel zur Leinwand zeitweise ebenfalls einen Aufschwung erlebten.

Der zweite Einwand ist grundsätzlicher. Steffen schreibt dem Exportgewerbe in den letzten Abschnitten langfristige Rückwirkungen auf die Entwicklung der ganzen Region zu und stellt eine Kontinuität zwischen frühneuzeitlichem Export und dem industriellen Aufschwung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts her. Nach dem Rezensenten fehlt dafür das entscheidende Glied. Die Studie nennt die durch Erbuntertänigkeit erzwungenen niedrigen Einkommen als Grundlage des Exporterfolgs, fragt aber nicht, wie sie auf nachhaltiges modernes Wachstum wirkten. Auch die Debatte darüber, wie bedeutsam der Atlantikhandel für die europäische Wirtschaftsentwicklung überhaupt war, wird nur gestreift. Die abschließende Kontinuitätsthese überzeugt ihn deshalb nicht ganz, „so erfreulich dieser Gedanke auch wäre“.

Die Gegenprobe: Lengers Atlantik

Der Hinweis auf die Atlantikdebatte lässt sich an einem Gegenstück prüfen, das hier schon einmal besprochen wurde: Friedrich Lengers Globalgeschichte des Kapitalismus „Der Preis der Welt“. Lenger erklärt den britischen Vorsprung aus der Verbindung von Macht und Kapital. Großbritannien verfügte aufgrund seiner Stellung im atlantischen Raum, im Dreieckshandel mit versklavter Arbeit und Baumwolle, über Rohstoffquellen und Absatzmärkte, ohne die die Industrielle Revolution laut Lenger kaum denkbar ist. Zugleich gehört zu seinem Bild das durchgängige Interesse an Monopolprofiten, die sich auf politische und militärische Rückendeckung stützen.

Legt man beides nebeneinander, so ergibt sich eine Spannung, die Steffens Buch nicht auflöst. Die Hirschberger Kaufleute belieferten denselben atlantischen Markt, und sie taten es zu „nahezu konkurrenzlosen Preisen“. Aber sie waren dort nur über Kommissionäre in den Hafenstädten präsent. Weder Schiffe noch Kolonien noch militärische Macht standen hinter ihnen. Dass der Atlantik Großbritannien in die Industrialisierung trug, Schlesien dagegen nach Steffens eigenem Befund lediglich ein risikoarmes, lange währendes Geschäft einbrachte, spricht vorläufig dafür, dass nicht die Beteiligung am Atlantikhandel den Unterschied machte, sondern die Position darin. Wer Rohstoffe, Transport und Kapital kontrollierte, konnte die Erträge in neue Produktion lenken. Wer als Lieferant am Rand stand, tat es vermutlich seltener. Das ist eine Lesart, kein Beleg. Sie bliebe zu prüfen, etwa an den Handelsbüchern, die Steffen ausgewertet hat: Wohin floss das verdiente Geld, in Land, Häuser, Repräsentation oder in neue Gewerbe?

Was daraus folgt

Der Rezensent sagt es höflich. Man kann es schärfer fassen: Ein Exporterfolg, der auf niedrigen Einkommen der Produzenten beruht, schafft seine eigene Wachstumsbremse. Wo die Löhne erzwungen niedrig gehalten werden, entsteht kaum Kaufkraft im Inland, und wo Kaufkraft fehlt, fehlt der Binnenmarkt, aus dem sich eine breitere Gewerbestruktur speisen könnte. Wo die Gewinne bei wenigen Familien und in der Hand von Kommissionären an fernen Hafenplätzen liegen, ist der Anreiz zu Investitionen in neue Produktionsformen begrenzt, solange das alte Modell trägt. Auf Hirschberg angewandt: Der Erfolg ist belegt, die Fortsetzung in die Industrialisierung dagegen vorerst nicht.

Dieser Zusammenhang ist eine Deutung und nicht bewiesen. Er lässt sich aus den Argumenten der Rezension plausibel ableiten, aber nicht aus Steffens Material. Als vorläufig gestützte Lesart reicht er jedoch, um die tröstliche Erzählung unter Vorbehalt zu stellen. Dass am Ende des 19. Jahrhunderts schlesische Leinwaren aus Fabriken weltweit vertrieben wurden, belegt keinen Kausalzusammenhang. Zeitliche Parallelität ist kein Beweis. Der Niedergang der Handelshäuser hatte nach Steffen eigene Ursachen: Konkurrenten, auch aus der Baumwollverarbeitung, stellten vergleichbare Stoffe her, und Kriege sowie die napoleonische Kontinentalsperre behinderten den Export.

Daraus ergibt sich auch ein nüchterner Blick auf die heutige Debatte. Wer aus der Geschichte schließt, Verdrängung gehe immer mit dem Aufstieg Neuen einher, übersieht zweierlei. Erstens sagt die zeitliche Koinzidenz nichts darüber, ob die Menschen, die das Alte trugen, am Neuen teilhatten. Zweitens sind die Bedingungen, unter denen ein altes Gewerbe florierte, selten dieselben, unter denen ein neues entsteht. Gerade Regionen, die vom Export billiger, in Zwang oder Abhängigkeit hergestellter Waren lebten, stehen vor dem Problem, dass ihre Stärke zugleich ihre Anpassungsfähigkeit begrenzt.

Offen bleibt, wie stark der Leinwandexport die Region tatsächlich prägte. Hier hat der Rezensent recht: Ohne vergleichende Größen bleibt die Reichweite der Befunde schwer zu ermessen. Die Studie stellt eine überzeugende Geschichte des Kaufmannsverhaltens vor. Ob sie die Geschichte der schlesischen Wirtschaft ist, hängt von Zahlen ab, die erst noch zusammengetragen werden müssen.

Ralf Keuper 


Quellen