In der deutschen China-Debatte kehrt in unregelmäßigen Abständen ein Argument wieder: Man solle pragmatischer werden, die eigenen wirtschaftlichen Interessen stärker in den Vordergrund stellen und sich von sicherheitspolitischen Bedenken nicht die ökonomische Handlungsfähigkeit nehmen lassen. Die japanische Sicherheitsexpertin Yoko Iwama, die am National Graduate Institute for Policy Studies in Tokio lehrt und sich seit Jahrzehnten mit Deutschland beschäftigt, hat diesem Argument in einem Interview widersprochen – nicht mit einem moralischen, sondern mit einem strukturellen Einwand: Wirtschaftliche Effizienz und nationale Sicherheit fielen nicht automatisch zusammen. Eine Abhängigkeit könne lange profitabel wirken, bis sie kippe – und dann habe man sich selbst die Handlungsoptionen genommen.
Das ist zunächst keine neue Beobachtung. Interessant wird sie durch den Vergleichsfall, den Iwama mitbringt. Japan hat, ihrer Darstellung nach, einen ähnlichen Weg wie Deutschland durchlaufen und ist an einem anderen Punkt herausgekommen. Bis etwa 2010, so ihre Erzählung, überwog in Tokio eine mit dem heutigen Deutschland vergleichbare Erwartung: Austauschprogramme, Wirtschaftskooperation, die Hoffnung auf eine Zukunft enger Verflechtung. Erst als Chinas militärischer Aufstieg sichtbar wurde, verschob sich die Stimmung – Iwama zieht selbst den Vergleich zum Deutschland des späten 19. Jahrhunderts und der ungeklärten Frage, was ein aufstrebender Akteur mit seiner neuen Macht eigentlich vorhat.
Diese Datierung auf „etwa 2010“ verkürzt allerdings einen sehr viel älteren Befund. Das japanisch-chinesische Verhältnis ist spätestens seit der Mandschurei-Krise 1931 und dem anschließenden Krieg belastet, und die historische Rechnung – Nanjing, die ungeklärte Erinnerungspolitik, wiederkehrende Schulbuch- und Schreinbesuchskontroversen – ist bis heute nicht befriedet. Dasselbe Muster wiederholt sich, mit anderen Vorzeichen, im Verhältnis zu Südkorea (Kolonialzeit 1910–1945, Territorialstreit um Dokdo/Takeshima). Die von Iwama genannten 80 bis 90 Prozent China-kritischer Japaner lassen sich damit ebenso gut als Reaktivierung eines seit Jahrzehnten vorhandenen, latenten Misstrauens lesen wie als frische strategische Neubewertung ab 2010. Das ist ein Unterschied: Eine reaktivierbare historische Vorprägung ist etwas anderes als eine im Zeitverlauf neu erlernte Lektion – und Deutschland verfügt gegenüber China über keine vergleichbare historische Vorprägung, auf die eine öffentliche Meinung im Ernstfall zurückgreifen könnte.
Aus der (wie auch immer datierten) Verschiebung folgte in Japan jedenfalls tatsächliche Politik: staatlich geförderte Rückverlagerung von Produktion, Diversifizierung nach Südostasien, engere Beziehungen zu Indien und den Philippinen. Deutschland hat die rhetorische Verschiebung – von „Wandel durch Handel“ zu „De-Risking“ seit 2022 – ebenfalls vollzogen. Die praktische Konsequenz blieb nach Iwamas Einschätzung aus.
Die Erklärung, die sie dafür anbietet, ist bemerkenswert, weil sie nicht bei einzelnen Unternehmen oder Politikern ansetzt, sondern bei zwei strukturellen Bedingungen. Erstens: In Japan sehen 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung China kritisch. Diese Geschlossenheit gibt der Regierung einen Handlungsspielraum, den eine gespaltene Öffentlichkeit nicht hergibt. In Deutschland dominiert nach Iwamas Beobachtung die Russland-Frage die gesellschaftliche Debatte; China gerate dabei aus dem Blick, obwohl es geopolitisch – auch als Voraussetzung für Russlands Kriegsführung – die schwerere Frage sei. Zweitens: Der Abstimmungsmodus zwischen Staat und Wirtschaft unterscheide sich. In Japan sei die strategische Abstimmung zwischen Regierung und Unternehmen enger; deutsche Unternehmen zeigten sich deutlich weniger bereit, sich vom Staat strategische Grenzen setzen zu lassen, weil kurzfristige Erträge im chinesischen Markt Vorrang hätten.
Diese beiden Faktoren sind im Interview benannt, aber vermutlich nicht die einzigen und möglicherweise nicht die wichtigsten. Mindestens drei weitere strukturelle Unterschiede zwischen Japan und Deutschland verdienen Berücksichtigung, bevor man Iwamas Erklärung übernimmt. Erstens die demografische und kulturelle Homogenität Japans: Eine Gesellschaft mit geringerer ethnischer und kultureller Diversität dürfte es strukturell leichter haben, außenpolitischen Konsens zu bilden, unabhängig davon, worum es inhaltlich geht – das wäre dann kein China-spezifischer Befund, sondern ein allgemeiner Mechanismus, der sich bei Japan auch auf andere außenpolitische Fragen übertragen ließe. Zweitens die geografische Lage: Japan ist ein Inselstaat, dessen China-Exposition primär über maritime und territoriale Szenarien läuft (Senkaku/Diaoyu, eine mögliche Taiwan-Kontingenz), während Deutschlands unmittelbarste sicherheitspolitische Exposition – Russland, die europäische Kontinentalordnung – geografisch näher liegt als China. Dass China in der deutschen Öffentlichkeit hinter Russland zurücktritt, ist dann nicht nur ein Aufmerksamkeitsdefizit, sondern auch eine bis zu einem gewissen Grad rationale Reaktion auf eine andere Bedrohungsgeometrie. Drittens die unterschiedliche Erfahrung mit strukturellem Wandel: Japan durchläuft seit den frühen 1990er-Jahren einen mehrere Jahrzehnte umfassenden Schrumpfungs- und Anpassungsprozess (demografischer Rückgang, Deflation, institutionelle Reaktionen darauf), während Deutschland mit vergleichbaren Anpassungszwängen – Energiepreisschock 2022, aktuelle Industriekrise – erst seit kurzem konfrontiert ist. Was bei Iwama als überlegene politische Kohärenz erscheint, könnte ebenso gut schlicht angesammelte institutionelle Übung im Umgang mit Schrumpfung sein.
Damit trifft das Interview auf eine Frage, die auch mit Blick auf die Debatte um Michael Miebachs Auftragsbestand-Optimismus und Brad Setsers Warnung vor einem „China-Schock 2.0“ offen geblieben war: Warum wird eine Diagnose, die in Teilen der deutschen Wirtschaftspolitik längst geteilt wird, so selten in verbindliche Konsequenzen übersetzt? Iwamas Antwort verschiebt den Fokus von der Frage, ob die Diagnose stimmt, zur Frage, ob die institutionellen Voraussetzungen für ihre Umsetzung vorhanden sind. Setser beschreibt eine technologische Aufholbewegung in genau jenen Sektoren – Maschinenbau, Automobil, Spitzentechnologie –, die Deutschland und Japan lange vor dem China-Schock geschützt hatten, den die USA in weniger komplexen Industrien bereits durchlaufen haben. Iwama beschreibt, warum Japan darauf reagieren konnte und Deutschland – ihrer Einschätzung nach – bislang nicht in vergleichbarem Maß.
Zur Einordnung gehört allerdings, dass Iwama Sicherheitsexpertin ist, keine Industrieökonomin. Ihre wirtschaftspolitischen Urteile – etwa die Bemerkung, der europäische Markt sei für Volkswagens gegenwärtige Größe womöglich nicht mehr ausreichend, oder ihr Plädoyer für differenzierte Schutzzölle – sind aus einer sicherheitspolitischen Priorisierung heraus formuliert, nicht aus einer originär ökonomischen Analyse der Automobilindustrie. Das schmälert nicht den Wert ihrer strukturellen Beobachtung zu Japans Kohärenzvorteil, macht aber ihre wirtschaftspolitischen Einzelurteile zu einer zweiten, separat zu prüfenden Kategorie von Aussage.
Auch die von ihr angebotene Zukunftsperspektive – eine an die „Finnlandisierung“ des Kalten Krieges angelehnte Strategie der Interessenwahrung gegenüber einer übermächtigen Nachbarmacht, sollte harte Entkopplung nicht durchsetzbar sein – ist als Szenario zu lesen, nicht als Prognose. Iwama benennt sie selbst als ungewünschten, aber vorzubereitenden Fall.
Was von diesem Interview vorläufig korroboriert bleibt, ist die These, dass der Abstand zwischen einer in Teilen geteilten strategischen Diagnose und ihrer politischen Umsetzung nicht allein aus fehlender Erkenntnis erklärt werden kann, sondern aus der unterschiedlichen institutionellen Fähigkeit zweier Länder, aus einer vergleichbaren Ausgangslage heraus tatsächlich zu handeln. Welche Variable dabei den größten Erklärungsanteil trägt, bleibt offen. Iwamas eigene Kandidaten – Geschlossenheit der öffentlichen Meinung, Enge der Staat-Wirtschafts-Abstimmung – konkurrieren mit mindestens ebenso plausiblen Alternativen: einer historisch tief verwurzelten, seit den 1930er-Jahren angelegten Vorprägung des japanisch-chinesischen (und japanisch-koreanischen) Verhältnisses, die 2010 eher reaktiviert als neu geschaffen wurde; der größeren demografischen Homogenität Japans als generellem Konsensfaktor jenseits der China-Frage; einer andersartigen geografischen Bedrohungsgeometrie, die Chinas Priorität in der japanischen im Vergleich zur deutschen Sicherheitswahrnehmung ohnehin erhöht; und einer seit den 1990er-Jahren angesammelten institutionellen Erfahrung im Umgang mit wirtschaftlicher Schrumpfung, die Deutschland erst seit kurzem sammelt. Aus einem einzelnen Interview lässt sich nicht entscheiden, welche dieser Erklärungen trägt – am wahrscheinlichsten ist ein Zusammenwirken mehrerer. Dafür wären vergleichende Daten nötig: tatsächliche Diversifizierungsströme (FDI-Flüsse, Lieferkettenverlagerungen), eine Zeitreihe japanischer und deutscher Umfragedaten zu China seit den 1970er-Jahren, sowie eine genauere Rekonstruktion, wann genau die 80-bis-90-Prozent-Kritik in Japan tatsächlich entstanden ist.
Ralf Keuper
