Über Weltmarktführer, Spezialisten und die Annahme einer ruhenden Reserve im deutschen Mittelstand
In der wirtschaftspolitischen Debatte kehrt eine Annahme mit großer Regelmäßigkeit wieder: Der deutsche Mittelstand verfüge über eine intakte, nur gebremste Leistungsfähigkeit. Man müsse ihn lediglich von Bürokratie, hohen Abgaben und teurer Energie befreien, dann werde er die Wirtschaft wieder in Gang bringen. Gestützt wird diese Erwartung gern mit dem Hinweis auf die vielen deutschen „Weltmarktführer“, die als Beleg für eine Substanz gelten, die nur auf ihre Freisetzung wartet. Beide Teile dieser Erzählung halten einer genaueren Betrachtung nur eingeschränkt stand.
Der Rückenwind, der als Politikerfolg verbucht wurde
Die Vorstellung einer abrufbaren Reserve speist sich wesentlich aus der Erinnerung an die Jahre nach der Agenda 2010, dem Reformpaket der Regierung Schröder, das ab 2003 vor allem den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme umbaute. Auf die Reformen folgte ein Aufschwung, und die Kausalität schien eindeutig. Übersehen wird dabei, dass dieser Aufschwung mit dem chinesischen Investitionsboom zusammenfiel. China baute in großem Tempo Fabriken, Infrastruktur und eine Mittelschicht auf und fragte genau das nach, was der deutsche Mittelstand herstellte: Werkzeugmaschinen, Anlagen, Komponenten, Fahrzeuge. Ein erheblicher Teil der Erholung war externer Rückenwind, der im Nachhinein der Politik gutgeschrieben wurde.
Dieser Rückenwind hat sich gedreht. In vielen Segmenten, die das Rückgrat des industriellen Mittelstands bildeten, ist China vom Abnehmer zum Wettbewerber geworden, im Maschinenbau ebenso wie bei Autozulieferern oder in der Medizintechnik. Keine deutsche Steuer- oder Regulierungsreform kann diese Verschiebung rückgängig machen. Hinzu kommen Entwicklungen, die gegen das Bild einer ruhenden Kraft sprechen: Zahlreiche Inhaber suchen in den kommenden Jahren vergeblich nach einer Nachfolge, Forschung und Entwicklung werden zunehmend ins Ausland verlagert, und der Fachkräftemangel ist demografisch bedingt. Kompetenz, die einmal abgewandert oder mit einem geschlossenen Betrieb verloren gegangen ist, kehrt nicht automatisch zurück, wenn sich die Bedingungen bessern. Die Substanz ruht nicht, sie erodiert.
Damit ist nicht gesagt, dass Rahmenbedingungen bedeutungslos wären. Bürokratiekosten, lange Genehmigungsverfahren und hohe Energiepreise treffen kleinere Unternehmen überproportional, weil ihnen die Abteilungen fehlen, die Großkonzerne für Recht und Regulierung unterhalten. Bessere Politik kann Verluste bremsen und den Umbau erleichtern. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass der Mittelstand wieder wächst.
Ein Titel, den man sich selbst verleiht
Besonders aufschlussreich ist der Begriff des Weltmarktführers selbst. Er geht wesentlich auf den Unternehmensberater Hermann Simon zurück, der in seinem Buch „Hidden Champions“ jene wenig bekannten Mittelständler beschrieb, die in ihrem Markt weltweit unter den ersten drei oder auf ihrem Kontinent an erster Stelle stehen. Deutschland stellt nach seiner Zählung einen weit überproportionalen Anteil dieser Unternehmen, und diese Zahl ist zu einem festen Bestandteil der Selbstbeschreibung des Standorts geworden.
Das Problem liegt in der Marktabgrenzung. Ein Marktanteil ist immer relativ zur Definition des Marktes, und diese Definition trifft in der Praxis das Unternehmen selbst. Je enger der Markt geschnitten wird, desto leichter lässt sich die Führung darin beanspruchen. Wer seinen Markt als Etikettiermaschinen für Mehrwegglasflaschen in der Getränkeindustrie bestimmt, kann mit einem bescheidenen Umsatz Weltmarktführer sein. Viele der kursierenden Listen beruhen zudem auf Selbstauskünften. Der Titel ist deshalb auch ein Marketinginstrument, das Unternehmen, Kammern und Regionen gleichermaßen gern einsetzen.
Nüchtern betrachtet handelt es sich bei den meisten dieser Unternehmen um Spezialisten, die ihre Produkte auf der ganzen Welt verkaufen. Das ist eine respektable Leistung, aber nicht mehr und nicht weniger. Der Begriff „Weltmarktführer“ legt dagegen eine Marktmacht nahe, die in den seltensten Fällen gegeben ist.
Wenige Abnehmer, enge Decke
Ein Weltmarkt, der nur aus wenigen Anbietern und wenigen Abnehmern besteht, taugt kaum als Maßstab für Führerschaft. Ein Anbieter, der sechzig Prozent eines Marktes mit fünf Kunden bedient, beherrscht diesen Markt nicht. In der Regel ist er ein abhängiger Lieferant. Die Ökonomie spricht hier von einem Oligopson, einem Markt mit wenigen Nachfragern, in dem die Verhandlungsmacht bei den Käufern liegt. Jeder Autozulieferer kennt diese Lage aus den jährlichen Preisrunden mit den Herstellern.
Dazu kommt eine Wachstumsdecke. Ein Unternehmen kann in seiner Nische nicht größer werden als die Nische selbst. Selbst ein hoher Anteil an einem kleinen Markt ergibt nur einen begrenzten Umsatz, und die Möglichkeiten, über diesen Markt hinauszuwachsen, sind oft gering, weil die Kompetenz gerade in der Spezialisierung liegt. Das erklärt, weshalb eine große Zahl an Weltmarktführern volkswirtschaftlich weniger Gewicht hat, als die Zahl vermuten lässt, und weshalb sie keine Gewähr gegen Stagnation bietet.
Die seltene Ausnahme des Engpasses
Es gibt Fälle, in denen der Begriff seine Berechtigung hat. Sie liegen dort vor, wo ein Spezialist eine Engpassstelle in einer kritischen Wertschöpfungskette besetzt. Die bekanntesten Beispiele sind Zeiss SMT und Trumpf, die Optiken und Laserquellen für die EUV-Lithografie des niederländischen Herstellers ASML liefern. Diese Belichtungstechnik mit extrem ultraviolettem Licht ist Voraussetzung für die Fertigung der leistungsfähigsten Halbleiter. Der Markt für diese Komponenten ist winzig, doch ohne sie stünde die Chipproduktion an der technologischen Spitze still. Die Macht dieser Unternehmen entsteht nicht aus der Größe ihres Marktes, sondern aus ihrer Unersetzbarkeit.
Solche Konstellationen sind jedoch die seltene Ausnahme. Und selbst sie sind weniger robust, als es scheint. Zum einen ist ihre Stellung häufig abgeleitet: Zeiss und Trumpf verdanken ihre Bedeutung dem Monopol ihres Abnehmers ASML, nicht einer eigenständigen Marktposition. Zum anderen erodieren Engpässe, sobald sie sichtbar werden. Als Japan im Jahr 2019 die Ausfuhr von Fluorwasserstoff, Fotolacken und fluoriertem Polyimid nach Südkorea beschränkte, galten diese Vorprodukte der Halbleiterfertigung als klassische Engpässe. Südkorea baute daraufhin eigene Kapazitäten auf und verringerte seine Abhängigkeit beim Fluorwasserstoff binnen weniger Jahre erheblich. Ein Engpass, der als Hebel eingesetzt oder auch nur als Risiko erkannt wird, erzeugt den Anreiz zu seiner Umgehung gleich mit.
Der Schutz, der auf dem Desinteresse anderer beruhte
Für die große Mehrheit der Spezialisten gilt etwas anderes. Sie konkurrieren über Qualität, Zuverlässigkeit und Service in Märkten, in die ein entschlossener Wettbewerber mit genügend Zeit und Kapital eintreten kann. Ihr Vorsprung ist ein Erfahrungsvorsprung, kein struktureller. Erfahrungsvorsprünge lassen sich aufholen, offen ist nur, wie schnell.
Lange schützte diese Unternehmen ein Umstand, der nie auf eigener Stärke beruhte: Eine enge Nische war für große Wettbewerber zu klein, um den Eintritt zu lohnen. Dieser Schutz verliert an Wirkung. Chinesische Anbieter, die mit staatlicher Rückendeckung gezielt Importabhängigkeiten abbauen sollen, kalkulieren nicht in erster Linie mit der Rendite einer einzelnen Nische. Für sie ist entscheidend, dass eine Lücke in der heimischen Lieferkette geschlossen wird. Damit entfällt die Barriere, auf die sich viele Spezialisten stillschweigend verlassen haben.
Was aus der Unterscheidung folgt
Die Zahl der Weltmarktführer ist daher ein schlechter Indikator für die Widerstandsfähigkeit des Mittelstands. Aufschlussreicher wäre es, drei Fälle zu unterscheiden: den Spezialisten mit weltweitem Vertrieb, den von wenigen Großkunden abhängigen Zulieferer und den Inhaber einer echten Engpassposition. Nur der letzte Fall rechtfertigt annähernd, was der Titel verspricht, und er ist deutlich seltener, als die Listen nahelegen.
Die These, dass der deutsche Mittelstand weniger eine gebremste Reserve als eine Ansammlung aufholbarer Erfahrungsvorsprünge darstellt, ist vorläufig, aber sie hat Folgen für die Wirtschaftspolitik. Wer auf die bloße Freisetzung einer vermeintlich vorhandenen Stärke setzt, unterschätzt, wie viel davon unter veränderten Bedingungen gar nicht mehr abrufbar ist. Die ergiebigere Frage lautet, welcher Teil des Mittelstands unter diesen Bedingungen anschlussfähig ist und was er für seinen Umbau braucht. Ein Softwarehaus, ein Spezialmaschinenbauer mit weltweitem Absatz und ein Zulieferer für Verbrennungsmotoren haben kaum gemeinsame Bedürfnisse. Der Sammelbegriff „Mittelstand“ verdeckt diese Unterschiede ebenso, wie der Titel „Weltmarktführer“ die Grenzen der Spezialisierung verdeckt.
Ralf Keuper