Geld, Kredit und Wechsel gab es im Salzhandel lange vor dem Kapitalismus. Der französische Historiker Jean-Claude Hocquet zeigt in seinem Buch „Weißes Gold“, warum das noch nichts beweist: Der Feudalismus nahm den Handel auf, verband sich mit ihm und baute aus Salzsteuer, Staatsanleihe und Ämterkauf einen Kreislauf, der die Rente der Privilegierten speiste. Das Kapital wanderte dorthin, wo der sicherste Ertrag lag, in Land, Ämter und Titel statt in Produktion. Ob sich daraus etwas für heutige Fragen lernen lässt, bleibt offen. Das Salz stellt sie aber.


Wer wissen will, wie sich eine Wirtschaftsordnung verhält, wenn sie mit Märkten, Geld und Kredit in Berührung kommt, sollte ein Gut wählen, das alle brauchten, das überall hin musste und das zugleich leicht zu kontrollieren war. Jean-Claude Hocquet, Historiker und Kenner der europäischen Salzwirtschaft, hat dafür das Salz gewählt. In den Schlusskapiteln seines Buches „Weißes Gold. Das Salz und die Macht in Europa von 800 bis 1800″ fragt er, ob sich das Salz als Testprodukt für eine historische Annäherung an den Feudalismus eignet. Seine Antwort lautet nicht, dass der Feudalismus vom Handel zersetzt wurde. Sie lautet, dass er den Handel in sich aufnahm.

Begriffe, die zu weit sind

Hocquet beginnt mit einer Absage. Unter Lehnswesen versteht er das Gefüge von Bindungen innerhalb der herrschenden Klassen, getragen von Lehnseid und Lehen. Das Verhältnis von Grundherren und Bauern erfasst der Begriff nicht, die Bewirtschaftung der Güter ebenso wenig, und Stadt, Handel und Geld bleiben ganz draußen. Der Begriff des Präkapitalismus sagt nur, was vor dem Kapitalismus lag, nicht, wie es aufgebaut war. Beide sind nach seinem Urteil so weit gesteckt, dass die Vielfalt der Geschichte durch die Maschen schlüpft.

Das ist mehr als Begriffskritik. Mit zu weiten Kategorien sieht man entweder einen geschlossenen agrarischen Block oder einen bloßen Vorläufer des Späteren. Beides verstellt den Blick auf das, was das Salz zeigt: eine Ordnung in Bewegung, die ihre Form behielt.

Besitz, der kein Eigentum war

Salinen waren, unabhängig von der Technik, große Besitztümer. Zunächst gehörten sie Herrschern, die sie an ihre Getreuen weitergaben, an Erzbischöfe, Bischöfe, mitunter Grafen, und Klöster mit Solerenten bedachten. Die Eigentümer setzten ihre Amtsleute, die Ministerialen, an die Schlüsselstellen vom Schacht bis zur Siederei.

Bemerkenswert ist die Rechtsform. Der Feudalismus kannte keine präzise Eigentumsvorstellung. Pachten wurden faktisch dauerhaft, und nach der ersten Verlängerung konnte der Pächter fast alle Eigentumsrechte ausüben, bis hin zur Veräußerung, sofern er den Zins zahlte, den Besitz instand hielt und beim Wechsel Gebühren entrichtete. An die Stelle des Eigentums trat eine Pyramide von Abgaben und Renten, denn den Menschen ging es um das konkrete Einkommen, nicht um das abstrakte Grundkapital.

Die Salineure, die Siedeunternehmer, waren damit weder Lohnarbeiter noch freie Kapitalisten, sondern abhängige Kleinunternehmer. Sie verkauften ihr Produkt selbst und suchten das Recht auf Erblichkeit ihres Arbeitsplatzes zu festigen. Seit dem 11. Jahrhundert war das Lehen die zeitgemäße Form des Arbeitsentgelts. Wer ein Amtslehen hielt, musste nicht selbst arbeiten, er konnte es an Berufsfremde abtreten, die ihrerseits Lohnempfänger anwarben. Lohnarbeit gab es also, ohne dass eine Geldwirtschaft sie trug. Das …