Die deutsche Schuhindustrie gehört zu den Branchen, deren Transformation die großen Verwerfungen der globalisierten Wirtschaft exemplarisch abbildet. Von den über 300 Schuhfabriken, die noch in den 1960er Jahren allein in Pirmasens produzierten, sind heute kaum mehr als 30 übrig. Seit 1970 ist die mengenmäßige Schuhproduktion in Deutschland um rund 87 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Beschäftigten in vergleichbarem Maß. Gleichzeitig entstand ein hochkonzentrierter Schuheinzelhandel, in dem ein einziges Familienunternehmen aus Essen – Deichmann – im Jahr 2023 weltweit 184 Millionen Paar Schuhe verkaufte und 8,7 Milliarden Euro umsetzte, während ein Berliner Startup namens Zalando ab 2008 den Vertriebskanal selbst revolutionierte.
Diese Analyse untersucht den Strukturwandel der deutschen Schuhbranche über die letzten Jahrzehnte entlang mehrerer Achsen: die Veränderung der Unternehmenslandschaft am Beispiel von Salamander, Deichmann, Wortmann und Zalando; den wirtschaftsgeographischen Niedergang und Wandel der Produktionsstandorte mit Schwerpunkt auf Pirmasens; die Transformation der Produktionsmethoden; den Umbruch im Marketing; sowie das Schicksal der Zulieferindustrie am Beispiel des Nähmaschinen-Herstellers Pfaff.
1. Die Unternehmenslandschaft: Aufstieg, Niedergang und Neuformierung
1.1 Salamander – Aufstieg und Zerfall eines industriellen Komplexes
Die Salamander-Geschichte liest sich als Parabel auf den Strukturwandel einer ganzen Branche. 1885 eröffnete der Schuhmachermeister Jakob Sigle in Kornwestheim seine Werkstatt; gemeinsam mit dem Lederreisenden Max Levi und dem Berliner Kaufmann Rudolf Moos entstand daraus einer der größten Schuhhersteller Europas. Die „Salamander Schuhgesellschaft GmbH“ wurde 1905 gegründet, bereits zehn Jahre später produzierte das Unternehmen über zwei Millionen Paar Schuhe jährlich.
Der Kern des Salamander-Modells war die vertikale Integration: eigene Produktion, eigene Marke, eigenes Filialnetz. In der B…

