Bruce Nussbaum war 1983, als sein Buch The World After Oil: The Shifting Axis of Power and Wealth erschien (deutsch unter dem Titel Das Ende unserer Zukunft), Mitherausgeber und Redakteur von BusinessWeek. Im dritten Kapitel, „Der Niedergang der Bundesrepublik und die Auflösung Europas“, entwirft er ein Bild der Bundesrepublik, das in seiner Schärfe ungewöhnlich ist für einen amerikanischen Wirtschaftsjournalisten jener Jahre: ein Land, dessen Wohlstand auf den Leitindustrien des 19. Jahrhunderts ruht – Stahl, Chemie, Maschinenbau –, während in den Vereinigten Staaten und in Japan die neuen Leitindustrien entstehen: Halbleiter, Biotechnologie, Computertechnik. Nussbaum eröffnet das Kapitel mit einem Verweis auf den Film Das Boot, der 1982 in den USA zum erfolgreichsten fremdsprachigen Film wurde, und liest ihn als Symptom: Ein wiedererwachender deutscher Nationalismus verknüpfe sich erneut mit einer Technologie-Erzählung – diesmal jedoch mit einer absteigenden Technologie (S. 91).
Der Befund, den Nussbaum in den folgenden Kapiteln entfaltet, ist nicht impressionistisch, sondern empirisch unterlegt, und er lässt sich in drei Stränge auflösen, die sich vierzig Jahre später erstaunlich unverändert wiederfinden lassen.
Die technologische Lücke
Nussbaum beschreibt eine Bundesrepublik, die im Rechnermarkt IBM ein Monopol von rund 60 Prozent überlässt, deren Vorzeigekonzern Siemens im Wettbewerb mit japanischen Herstellern wie Fujitsu ins Hintertreffen gerät, und deren Konsumenten – trotz nationalen Stolzes auf deutsches Design – bei Autos, Kameras und Unterhaltungselektronik zunehmend zu japanischen und amerikanischen Produkten greifen (S. 98f.). Die eigentliche Ursache sieht er nicht in einzelnen Managemententscheidungen, sondern in einer verzögerten Modernisierungsinvestition: Deutschland habe den Sprung zu Automatisierung, Robotik und Mikroelektronik später und zögerlicher vollzogen als Japan, während das Land zugleich am eigenen Nachkriegserfolg festhielt, der genau auf jenen Industrien beruhte, die nun an Bedeutung verloren (S. 100f.).
Über vier Jahrzehnte später lässt sich dieselbe Passung in der Halbleiterindustrie beobachten – nur mit vertauschten Vorzeichen bei den handelnden Akteuren. Die Chipfabrik von ESMC (European Semiconductor Manufacturing Company, ein Gemeinschaftsunternehmen aus TSMC, Bosch, Infineon und NXP) in Dresden macht Fortschritte: Richtfest war im Januar 2026, die Anlageninstallation läuft im zweiten Halbjahr, Produktionsstart ist für Ende 2027 vorgesehen. Doch die über 10 Milliarden Euro teure Fabrik konzentriert sich bewusst auf ausgereifte 28/22- und 16/12-Nanometer-Prozesse für die Automobil- und Industrieelektronik – nicht auf die führenden Fertigungsknoten, auf denen die modernste Chipgeneration entsteht. Parallel dazu stornierte Intel im Juli 2025 sein geplantes Werk in Magdeburg endgültig; die zuvor zugesagten 9,9 Milliarden Euro Förderung – die höchste Einzelsubvention der deutschen Geschichte – wurden nie ausgezahlt, weil sie an den tatsächlichen Baufortschritt gekoppelt waren. Vier von fünf großen, seit 2022 angekündigten Fabrikprojekten in Europa sind inzwischen gestrichen oder pausiert, was das Ziel des EU Chips Act, den europäischen Weltmarktanteil von rund 10 auf 20 Prozent bis 2030 zu verdoppeln, zunehmend unrealistisch erscheinen lässt. Das Muster gleicht dem von Nussbaum beschriebenen: Substanz und Kapazität entstehen dort, wo sich reife, bereits abgesicherte Technologie mit vorhandener industrieller Kundschaft verbindet – nicht an der technologischen Front.
Die Falle der Präzision
Ein Erklärungsmuster, das bei Nussbaum nur angedeutet wird, lässt sich heute deutlicher benennen. Die Präzisions- und Perfektionskultur, die im Maschinenbau einen genuinen Vorteil darstellt – ausgereifte, nahezu fehlerfreie Produkte, die über Jahrzehnte verlässlich im Feld arbeiten –, wird in Bereichen zum Hindernis, die weniger hundertprozentige Genauigkeit als Geschwindigkeit und Iterationsfähigkeit verlangen. Genau das gilt für die Software-Schicht der Halbleiterindustrie: Der Markt für Chipdesign-Software (Electronic Design Automation, kurz EDA – die Werkzeuge, mit denen die Schaltpläne moderner Chips entworfen werden, bevor sie überhaupt gefertigt werden) wird von einem Oligopol dominiert, in dem die amerikanischen Anbieter Cadence und Synopsys praktisch jeden Chip mitentwerfen. Der einzige nennenswerte europäische Name in diesem Markt, Siemens EDA, entstand nicht aus einer eigenen Neugründung, sondern aus der 2017 abgeschlossenen Übernahme des amerikanischen Unternehmens Mentor Graphics.
