Chemnitz trägt seit Generationen den Beinamen „Wiege des deutschen Maschinenbaus“. Der Titel ist mehr als Stadtmarketing: Ab den 1840er Jahren entstand hier, in wenigen Jahrzehnten, die dichteste Konzentration von Werkzeugmaschinen-, Lokomotiv- und Textilmaschinenfabriken auf dem europäischen Kontinent. Bemerkenswert daran ist weniger der Befund selbst als seine Haltbarkeit: Zwischen der Gründerzeit und heute liegen die Enteignungswelle der Nachkriegsjahre, vierzig Jahre Planwirtschaft unter neuem Stadtnamen und der abrupte Systemwechsel von 1990 – drei tiefe Brüche in Eigentumsordnung und politischem System, von denen jeder einzelne für sich genommen hätte ausreichen können, eine industrielle Tradition zu beenden. Sie hat es nicht getan. Der folgende Essay geht der Frage nach, was an Chemnitz tatsächlich persistierte – und was nicht.
Textilwirtschaft als Ursprung: abgeleitete statt originäre Nachfrage
Der Maschinenbau war in Chemnitz kein Ausgangspunkt, sondern eine Folge. Die Stadt war bereits im 17. und 18. Jahrhundert ein Zentrum der Textilwirtschaft; nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) etablierte sich hier zusätzlich die Kattundruckerei, der Druck bunter Muster auf Baumwollgewebe. 1798 gründeten die Gebrüder Bernhard in Harthau bei Chemnitz die erste mechanische Baumwollspinnerei nach englischem Vorbild – einer der frühesten Startpunkte der Industrialisierung in Sachsen überhaupt.
Diese frühe Textilkonjunktur erzeugte etwas, das für das Spätere entscheidend war: abgeleitete Nachfrage. Spinnereien und Webereien brauchten Spinn-, Web- und Druckmaschinen, die zunächst importiert oder in Werkstätten notdürftig nachgebaut wurden. Wer diese Maschinen instand hielt, verbesserte oder in Serie fertigte, häufte technisches Wissen, Kapital und ein Netz aus Gießereien, Schlossereien und Facharbeitern an – die Grundausstattung für einen eigenständigen Maschinenbau. Derselbe Übertragungsmechanismus – eine vorgelagerte Branche erzeugt die Fertigungskompetenz für eine nachgelagerte – findet sich, in anderer Konstellation, auch beim Übergang von der Nähmaschinen- zur Automobilindustrie; in Chemnitz war es die Textilindustrie, die diese Rolle übernahm.
Die Gründerphase: von der Werkstatt zur eigenständigen Industrie
Aus dieser Ausgangslage heraus entstanden binnen weniger Jahrzehnte mehrere Betriebe, die den Übergang vom Textilmaschinen-Zulieferer zum exportfähigen, eigenständigen Maschinenbau markierten:
Johann von Zimmermann kam 1839 nach Chemnitz und errichtete dort 1848 die erste Werkzeugmaschinenfabrik des europäischen Kontinents – eine Werkzeugmaschine ist eine Maschine, die nicht Endprodukte, sondern selbst wieder Maschinenteile fertigt, also gewissermaßen das Werkzeug der Industrie herstellt. Damit gilt Chemnitz als Ausgangspunkt des deutschen Werkzeugmaschinenbaus im engeren Sinn.
Parallel dazu begann Richard Hartmann 1840 mit dem Bau von Dampfmaschinen; 1848 lieferte sein Unternehmen zusammen mit dem Ingenieur Theodor Steinmetz die erste in Chemnitz gebaute Dampflokomotive, „Glück auf“, unterstützt durch einen Kredit der sächsischen Regierung über 30.000 Taler. Aus dem Betrieb wurde die Sächsische Maschinenfabrik vormals Richard Hartmann, zeitweise das größte Unternehmen des Königreichs Sachsen und maßgeblich dafür verantwortlich, dass sächsischer Lokomotivbau international – auch gegenüber Großbritannien – konkurrenzfähig wurde.
1852 gründete David Gustav Diehl ein drittes Unternehmen, das 1872 zur Aktiengesellschaft „Werkzeugmaschinenfabrik Union, vormals Diehl“ wurde und 1875 sein erstes Bohrwerk präsentierte. Hinzu kam Louis Ferdinand Schönherr, der gemeinsam mit einem Partner namens Seidler die Webstuhlproduktion vorantrieb; aus „Schönherr & Seidler“ wurde später die Sächsische Webstuhlfabrik AG – ein Beleg dafür, dass auch die textilnahe Maschinenbausparte selbst zu einem eigenständigen Industriezweig wurde, nicht nur ihr Ausgangspunkt blieb.
Der Effekt dieser Gründungswelle war eine ungewöhnlich hohe regionale Konzentration von Maschinenbaukompetenz auf engstem Raum: Wissen, Facharbeiter und Zulieferer sammelten sich an einem Ort, was Neugründungen und Ausgründungen begünstigte – ein Mechanismus, den die Wirtschaftsgeographie als externe Skalenerträge bezeichnet: Vorteile, die nicht aus der Größe der einzelnen Firma, sondern aus der Dichte des gesamten Standorts entstehen. Der Beiname „Sächsisches Manchester“, den Chemnitz wegen seiner zahlreichen Fabrikschornsteine und der damit verbundenen Rauch- und Schmutzentwicklung erhielt, war die sichtbare Kehrseite dieser Verdichtung. Um die Jahrhundertwende galt Chemnitz zeitweise als eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands; 1883 überschritt die Stadt die Schwelle von 100.000 Einwohnern und wurde damit Großstadt, Anfang der 1930er Jahre lag der Bevölkerungshöchststand bei über 361.000 Personen.
Der erste Bruch: Enteignung und Kombinatsbildung
Der erste tiefe Einschnitt kam nach 1945. Die historischen Gründerfirmen wurden in der sowjetischen Besatzungszone enteignet – im Fall der Union-Werkzeugmaschinenfabrik geschah dies 1946 – und in volkseigene Betriebe (VEB) überführt. 1953 wurde Chemnitz selbst in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Die einzelnen Werke verloren damit nicht nur ihre privaten Eigentümer, sondern auch ihre rechtliche und häufig ihre räumliche Eigenständigkeit: Sie wurden, zusammen mit zahlreichen weiteren Betrieben der Branche, im Werkzeugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“ zusammengefasst, einem der zentralen Industriekombinate der DDR für Werkzeugmaschinenbau.
Entscheidend für die spätere Einordnung ist, was in diesem Bruch erhalten blieb und was nicht: Die Firmen als Rechtssubjekte und als eigenständig am Markt agierende Unternehmen verschwanden. Die Fertigungsstätten, das eingeübte technische Wissen und – vor allem – die räumliche Konzentration der Branche in und um Karl-Marx-Stadt blieben bestehen und wurden von der Planwirtschaft sogar bewusst genutzt, indem sie die vorhandene Kompetenz zu einem zentralen Industriestandort für Werkzeugmaschinen im gesamten RGW-Raum ausbaute.
Der zweite Bruch: Treuhand, Privatisierung – und die Wanderung der Substanz
1990 folgte der zweite, ökonomisch einschneidendere Bruch: die Auflösung der Kombinatsstruktur und die Privatisierung der Einzelbetriebe durch die Treuhandanstalt, verbunden mit dem allgemeinen Zusammenbruch der ostdeutschen Industrieproduktion in den frühen 1990er Jahren. Am Beispiel der Union-Werkzeugmaschinenfabrik lässt sich zeigen, wie uneinheitlich dieser Übergang verlief: Nach der Wende wurde der Betrieb privatisiert, 1994 schloss der zwischenzeitlich angegliederte Standort Gera, 1996 entstand aus dem Chemnitzer Werk eine Mitarbeitergesellschaft unter dem Namen „Neue Union“. 2009 übernahm die Investorengruppe Nimbus das Unternehmen, seit 2011 gehört es zur inhabergeführten Schweizer Herkules-Gruppe. Die eigentliche Fertigung wurde in der Folge auf andere Standorte der Unternehmensgruppe verlagert; in Chemnitz verblieben im Wesentlichen Service- und Ersatzteilgeschäft.
Der Fall ist aufschlussreich, weil er zeigt, dass „Persistenz“ hier nicht bedeutet, dass die einzelne Firma unverändert überdauerte. Der Name Union blieb über 170 Jahre bestehen, doch Eigentümer, Konzernzugehörigkeit und zuletzt auch der Ort der eigentlichen Wertschöpfung wechselten mehrfach. Was an diesem und vergleichbaren Fällen tatsächlich durchgehend war, ist nicht die Kontinuität der Firma, sondern die Kontinuität des Standorts als Ort, an dem sich – ungeachtet des jeweiligen Eigentümers – Werkzeugmaschinenkompetenz hielt oder neu ansiedelte.
Der Standort heute: neu zusammengesetzt, nicht neu erfunden
Sachsens Maschinenbau umfasst heute rund 1.000 Unternehmen mit etwa 45.000 Beschäftigten und trägt gut ein Zehntel zum industriellen Umsatz des Landes bei. In Chemnitz selbst finden sich sowohl Nachfahren der historischen Struktur als auch genuine Neugründungen: Niles-Simmons-Hegenscheidt zählt zu den weltweit dreißig größten Werkzeugmaschinenherstellern und beschäftigt am Chemnitzer Stammsitz rund 330 Mitarbeiter; die Schweizer Starrag-Gruppe fertigt am Standort seit über hundert Jahren im Bereich Großmaschinen – dieselbe Unternehmensgruppe, die 2011 auch die historische Bielefelder Werkzeugmaschinentradition Droop & Rein übernahm; Sitec Industrietechnologie, ein Automatisierungsspezialist, wurde erst 1991 gegründet und steht damit für eine tatsächlich neue Gründungsgeneration nach der Wende. Hinzu kommen Vernetzungsinitiativen wie der Innovationscluster Robotics Saxony und das Netzwerk VEMASinnovativ sowie die TU Chemnitz als technische Hochschule vor Ort – also genau jene Infrastrukturelemente (Wissenstransfer, Fachkräfteausbildung, Zulieferdichte), die schon im 19. Jahrhundert den ursprünglichen Cluster-Effekt trugen.
Damit lässt sich die eingangs gestellte Frage präzisieren: Was an Chemnitz drei politische Systeme überdauerte, war nicht eine bestimmte Firma, ein bestimmtes Eigentumsverhältnis oder gar eine bestimmte Wirtschaftsordnung. Es war eine ortsgebundene Kombination aus technischem Wissen, Facharbeiterangebot, Zulieferdichte und – seit der Nachwendezeit zunehmend – Forschungsinfrastruktur, die sich nach jedem Bruch neu um denselben geografischen Kern herum zusammensetzte, auch wenn die einzelnen Bausteine (Firmen, Eigentümer, sogar der Stadtname) wechselten.
Einordnung
Die These stützt sich auf eine begrenzte Zahl exemplarisch untersuchter Fälle (namentlich Zimmermann, Hartmann und die Union-Werkzeugmaschinenfabrik) sowie allgemeine Bevölkerungs- und Branchendaten und ist entsprechend als vorläufig korroboriert zu verstehen, nicht als belegt: Eine systematische Untersuchung, wie viele der ursprünglichen Chemnitzer Gründerbetriebe tatsächlich in durchgehender institutioneller Linie bis heute nachwirken und wie viele Fertigungskapazitäten seit 1990 tatsächlich neu und ohne Bezug zur historischen Struktur entstanden, liegt dem Essay nicht zugrunde. Auch einzelne quantitative Angaben aus älteren Darstellungen zur Chemnitzer Industriegeschichte – etwa zu Konzentrationsanteilen am sächsischen Maschinenbau um 1850 oder zu Weltmarktanteilen einzelner Textilsparten um 1900 – ließen sich im Rahmen dieser Recherche nicht belastbar verifizieren und wurden deshalb bewusst nicht übernommen.
Ralf Keuper
Quellen
- Johann von Zimmermann – Wikipedia
- Richard Hartmann (Maschinenfabrikant) – Wikipedia
- Union Werkzeugmaschinen – Wikipedia
- Chemnitz – Wikipedia
- Werkzeugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“ – Wikipedia
- Chemnitz – „Sächsisches Manchester“, „Sozialistisches Karl-Marx-Stadt“ (Universität Leipzig)
- Maschinen- und Anlagenbau in Sachsen – Wirtschaftsförderung Sachsen
