Das Ruhrgebiet versucht sich zu erfinden. Wieder. Die aktuelle Initiative – KI statt Kohle, Startups statt Zechen, Risikokapital statt Subventionen – wird von ihren Protagonisten als Aufbruch erzählt. Für den wirtschaftshistorisch geschulten Beobachter ist sie zunächst etwas anderes: ein weiterer Durchgang in einem langen Muster institutioneller Pfadabhängigkeit. Und diesmal beginnt er mit einer unerledigten Rechnung aus dem letzten Anlauf.


Chandler und die Logik der Großorganisation

Alfred Chandlers Grundthese – „structure follows strategy“, und beide folgen den technologischen Möglichkeiten ihrer Zeit – liefert den ersten Analyserahmen. Chandler zeigte, wie das amerikanische Großunternehmen des 20. Jahrhunderts seine Organisationsform aus den Erfordernissen der Eisenbahn, der Stahlindustrie und der Massenproduktion entwickelte: Hierarchie, Divisionalisierung, vertikale Integration. Die institutionellen Formen waren nicht beliebig, sie waren Lösungen für konkrete Koordinationsprobleme.

Das Ruhrgebiet war ein europäisches Pendant. Zechen, Stahlkonzerne, Chemieindustrie – ihre Organisationsformen entstanden nicht aus Tradition, sondern aus funktionaler Notwendigkeit: Kapitalbindung, Infrastrukturkosten, Arbeitskräftekoordination im Schichtbetrieb. Was Chandler für Amerika beschrieb, vollzog sich hier mit rheinisch-westfälischer Prägung: konzentrierte Eigentumsstrukturen, enge Verflechtung mit Banken und Kommunen, korporatistische Aushandlung.

Plumpe: Warum Wandel scheitert – und welche Hypotheken er hinterlässt

Werner Plumpe ergänzt Chandler um die entscheidende historische Dimension: Institutionen überleben die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Der Wandel von der einen Wirtschaftsepoche zur nächsten ist kein linearer Fortschritt, sondern ein Konflikt zwischen eingeschriebenen Pfaden und neuen Anforderungen.

Der Strukturwandel weg von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet ist in dieser Hinsicht lehrreich – aber nicht auf die Weise, die das aktuelle Transformationsnarrativ suggeriert. Denn dieser Wandel hat das, was verschwand, nie vollständig ersetzt. Die Beschäftigungsverluste der Montanindustrie wurden durch Dienstleistungs- und Industriearbeitsplätze nur zum Teil kompensiert. Strukturelle Transferabhängigkeit, demographischer Abfluss, anhaltende Disparitäten zwischen dem Ruhrgebiet und anderen deutschen Wirtschaftsregionen: Das sind die unerledigten Positionen auf der Rechnung des ersten Wandels.

Wer heute „von Kohle zu KI“ als Erfolgsmodell eines zweiten Aufbruchs ankündigt, muss sich fragen lassen, warum das gleiche institutionelle Arrangement – Konsortien aus Universitäten, Stiftungen, Industrieankern – diesmal vollenden soll, was es zuletzt nicht konnte.

Die schrumpfende Industriebasis als Argument gegen sich selbst

Der Welt-Artikel Wie das Industrieland Nummer eins zum KI-Standort mutieren möchte, der den aktuellen Aufbruch beschreibt, begründet NRWs KI-Standortvorteil mit der „breiten Industriestruktur des Landes“. Das ist eine Prämisse, die einer historisch-strukturellen Prüfung nicht standhält.

Die Chemieindustrie, einer der verbliebenen industriellen Anker NRWs und Nachfolgerin der Montanindustrie als regionaler Leitbranche, befindet sich unter anhaltendem Strukturdruck. Energiekosten, internationale Wettbewerbsnachteile und Nachfragerückgang zwingen Konzerne wie Evonik und BASF zu massiven Kapazitätsrückbauten. Damit erodiert ein wesentlicher Teil jener Industriekundschaft, die B2B-KI-Startups im BRYCK-Modell als Abnehmer benötigen.

Verschärft wird dieser Prozess durch einen Faktor, der im Transformationsnarrativ systematisch ausgeblendet wird: die Energiekosten. Die Energiewende, in ihrer bisherigen Umsetzung zumindest teilweise gescheitert, hat die Standortkosten energieintensiver Industrien in Deutschland strukturell angehoben. Für die Grundchemie, die Metallverarbeitung und weite Teile der industriellen Produktion sind hohe Energiepreise kein temporäres Problem, sondern ein dauerhafter Wettbewerbsnachteil gegenüber amerikanischen, asiatischen und zunehmend auch osteuropäischen Standorten. Was als ökologische Transformation konzipiert wurde, wirkt in der Praxis als zusätzlicher Beschleuniger der Deindustrialisierung.

Im Lichte von Chandler und Plumpe ist das nicht überraschend: Industriestrukturen, die für eine Ära energieintensiver Massenproduktion optimiert wurden, passen nur begrenzt in eine Wirtschaftsordnung, die von Plattformen, Software und globalisierten Lieferketten bestimmt wird. Die gestiegenen Energiekosten verschärfen diesen Strukturbruch zusätzlich: Sie treffen genau jene Branchen am härtesten, die ohnehin unter Anpassungsdruck stehen, und beschleunigen damit einen Rückzug, der strukturell bereits angelegt war. Die institutionellen Formen überleben – aber die ökonomischen Grundlagen, die sie trugen, lösen sich auf. Die Deindustrialisierung entzieht dem Transformationsnarrativ schrittweise seinen Boden.

Das Transferdefizit als strukturelles Problem

Dass das Ruhrgebiet trotz beachtlicher Wissenschaftsdichte – drei Universitäten der Universitätsallianz Ruhr, zahlreiche Fraunhofer-Institute, über 14.000 Wissenschaftler im BRYCK-Einzugsbereich – keinen eigenständigen Technologiecluster produziert hat, ist kein Zufallsergebnis. Es ist die Folge einer institutionellen Konfiguration, die Wissenserzeugung und Wissenskommerzialisierung in getrennten Welten organisiert.

Die Beobachtung, die Philippa Köhnk von BRYCK selbst macht – Wissenschaft und Unternehmen sprechen unterschiedliche Sprachen –, ist keine Kommunikationsstörung. Sie ist der Ausdruck struktureller Differenz, die Simon als bounded rationality beschreiben würde: Jede Welt optimiert innerhalb ihrer eigenen Rationalitätsgrenzen. Hochschulkarrieren werden nicht durch Startups gemacht. Industrieentscheider im Ruhrgebiet belohnen keine Experimente mit unreifen Technologien. Und Startups, die in der Region tatsächlich skalieren, werden – wie Cognigy zeigt – von amerikanischen Käufern aufgenommen, bevor sie ein regionales Ökosystem nähren können.

Die Hypotheken des ersten Wandels

Plumpe betont, dass Transformationsprozesse ihre Folgekosten in die nächste Runde mitschleppen. Der zweite Strukturwandel im Ruhrgebiet startet nicht auf neutralem Boden. Er startet mit einer Region, die im ersten Wandel Beschäftigungsverluste nie vollständig kompensiert hat, mit einer Chemieindustrie im Rückzug, mit administrativer Zersplitterung auf über 50 Kommunen im Kerngebiet und mit institutionellen Akteuren, deren Legitimationsgrundlage auf dem Versprechen des letzten Aufbruchs beruht.

Das erfolgreichste KI-Unternehmen im aktuellen Narrativ, die Logistikbude, entstand ohne Förderprogramm, gegen den Institutionenstrom. Das zweite NRW-Einhorn, Cognigy, ist heute amerikanisch. Beide Datenpunkte passen besser in das Chandler/Plumpe-Modell als in die BRYCK-Präsentation.

Ralf Keuper 


Strukturwandel ist möglich. Er folgt aber selten dem Pfad, den seine institutionellen Gestalter vorzeichnen – und er gelingt nie ohne Bilanz der vorangegangenen Versuche. Diese Bilanz fällt für das Ruhrgebiet ernüchternd aus. Das ist kein Argument gegen den nächsten Anlauf. Es ist ein Argument gegen die Erzählung, dass dieser Anlauf grundlegend anders ist als die vorangegangenen.

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