Jedes Jahr wächst die Zahl der Ungelernten in Deutschland um 100.000 – während gleichzeitig jedes dritte Unternehmen offene Stellen nicht besetzen kann. Eine neue Bertelsmann-Studie präsentiert das als Paradox, lösbar durch gezielte Nachqualifizierung. Der Beitrag zeigt: Diese Lösung setzt voraus, dass die Zielberufe von heute auch morgen noch existieren – eine Annahme, die angesichts dreier überlappender KI-Rationalisierungswellen und selbst nach Einschätzung ihrer schärfsten früheren Kritiker zunehmend fraglich wird.
Die Meldung klingt zunächst eindeutig: 4,57 Millionen Beschäftigte zwischen 25 und 64 Jahren haben keinen Berufsabschluss, Tendenz seit Jahren steigend, plus 100.000 pro Jahr. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei 21,3 Prozent – sechsmal so hoch wie bei Menschen mit Berufsausbildung. Zugleich meldet die DIHK, dass mehr als jedes dritte Unternehmen offene Stellen nicht besetzen kann. Die Bertelsmann-Stiftung, deren Studie dem Handelsblatt vorlag, liest das als Menetekel: Der Arbeitsmarkt spaltet sich, und die Kluft könnte sich durch den Einsatz von KI noch vertiefen.
Diese Lesart ist plausibel – aber sie ist nicht die einzig mögliche, und sie sollte nicht unwidersprochen bleiben.
Eine methodische Vorbemerkung
Studien der Bertelsmann-Stiftung sind im deutschen Diskurs omnipräsent, und das allein ist schon ein Befund wert. Die Stiftung finanziert und beauftragt in erheblichem Umfang eigene Untersuchungen zu Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialthemen, deren Ergebnisse dann über exklusive Vorab-Weitergabe an Leitmedien – hier: das Handelsblatt – in den öffentlichen Diskurs eingespeist werden. Das ist kein Vorwurf an die handwerkliche Qualität der Studien, die in der Regel von renommierten Instituten (IAW, IW Köln) durchgeführt werden. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass die Bertelsmann-Stiftung als Trägerin eines bestimmten reformpolitischen Grundtons agiert – tendenziell in Richtung Aktivierung, Qualifizierung, Weiterbildung als Lösungsformel. Wer mit dieser Denkschule an die Zahlen herangeht, wird fast zwangsläufig auch die Lösung „mehr Nachqualifizierung“ finden. Das muss nicht falsch sein, aber es ist eine Setzung, keine zwingende Ableitung aus den Rohdaten. Diese Einordnung bleibt vorläufig – eine systematische Prüfung der Auftragsstudien-Praxis der Stiftung über mehrere Themenfelder hinweg steht noch aus.
Was die Zahlen tatsächlich hergeben
Der Anstieg wird unterschiedlich datiert – im Handelsblatt-Artikel ab 2017, in der Agenturmeldung, die auf derselben Studie beruht, ab 2019 mit einem Plus von 650.000 (17 Prozent) seit dem „Vor-Corona-Jahr“. Diese Uneinheitlichkeit in der Berichterstattung ist ein kleines, aber typisches Beispiel dafür, wie eine einzelne Kennzahl je nach Bezugsjahr unterschiedliche Dramatik erzeugt. Das ist keine Fälschung, aber es zeigt, wie voraussetzungsvoll die scheinbar objektive Zahl „100.000 pro Jahr“ ist.
Wichtiger ist die Kategorie selbst: „Ohne Berufsabschluss“ ist eine formale, keine faktische Qualifikationsaussage. Die Stiftung hat in früheren Publikationen selbst darauf hingewiesen, dass ein erheblicher Teil dieser Gruppe über informell erworbene, teils hohe Kompetenzen verfügt – nur eben ohne Zertifikat, und damit unternehmensübergreifend unsichtbar. Wenn das zutrifft, misst die Studie nicht in erster Linie einen Qualifikationsverlust der Erwerbsbevölkerung, sondern eine Lücke im Anerkennungssystem. Das ist ein relevanter Unterschied: Die Diagnose „Deutschland verliert Qualifikation“ und die Diagnose „Deutschland kann vorhandene Qualifikation nicht sichtbar machen“ führen zu ganz verschiedenen Politikempfehlungen.
Das eigentliche Paradox ist keins
Fachkräftemangel und wachsende Zahl Ungelernter widersprechen sich nicht, sie sind zwei Symptome derselben Fehlpassung. Der Mangel konzentriert sich auf spezifische, oft regulierte Berufsbilder (Pflege, Handwerk, Technik), während das Wachstum der Ungelernten-Gruppe andere Treiber hat: Zuwanderung ohne anerkannte Abschlüsse, Ausbildungsabbrüche, unzureichende Weiterbildungsbeteiligung im Erwerbsverlauf. Eine ergänzende, ebenfalls aktuelle Bertelsmann-Untersuchung liefert hierzu einen aufschlussreichen Baustein: Zugewanderte arbeiten selbst mit anerkanntem höherem Abschluss häufig unter ihrem Qualifikationsniveau – wegen Sprachhürden, komplizierter Anerkennungsverfahren und Diskriminierung. Das stützt die These, dass es sich um ein Zuordnungs-, nicht um ein Mengenproblem handelt: Trotz Stellenabbaus in einzelnen Branchen gibt es weiterhin über eine Million offene Stellen in Deutschland.
Der demografische Hintergrund verschärft die Lage strukturell: Jeder vierte deutsche Beschäftigte ist über 55 und scheidet in den kommenden zehn Jahren aus dem Erwerbsleben aus – bei ausländischen Beschäftigten liegt dieser Anteil nur bei rund zwölf Prozent. Das heißt: Die demografische Entlastung, die eigentlich durch Zuwanderung kommen müsste, wird durch genau die Anerkennungsprobleme konterkariert, die die zweite Studie beschreibt.
Dabei ist selbst die Prämisse, Pflege und Handwerk seien die stabilen Zielberufe einer Nachqualifizierungsstrategie, nicht so gesichert, wie sie in der Debatte behandelt wird. Schon in einer früheren Analyse auf EconLittera wurde darauf hingewiesen, dass ausgerechnet in der Pflege – gemeinhin als Bastion menschlicher, nicht automatisierbarer Arbeit gehandelt – Assistenzsysteme längst Routineaufgaben in Verwaltung und Dokumentation übernehmen und Pflegeroboter Grundpflegeaufgaben unterstützen. Ein Pflegeroboter ersetzt keine menschliche Zuwendung, wohl aber die Routinetätigkeiten, für die bislang mehrere Vollzeitstellen nötig waren. Wer Ungelernte gezielt in Richtung Pflege nachqualifizieren will, sollte also mitbedenken, dass genau dieses Zielfeld selbst in Bewegung ist – nicht nur demografisch wachsend, sondern gleichzeitig technologisch schrumpfend im Routineanteil.
Die KI-Warnung: richtig gedacht, aber am falschen Ende
Die Studie warnt, KI könne die Kluft zwischen Qualifizierten und Ungelernten vergrößern, weil einfache Tätigkeiten stärker automatisierbar seien. In dieser pauschalen Form bleibt die Warnung unbelegt – es fehlt jede Angabe dazu, welche der von Ungelernten ausgeübten Tätigkeiten (Verkauf, Gartenbau werden als Beispiele genannt) tatsächlich durch generative KI substituiert werden könnten. Gegenüber der ersten Rationalisierungswelle – generativer KI, die vor allem wissensintensive, formalisierbare Mittelschichtstätigkeiten trifft – sind Verkauf und Gartenbau mit ihrem hohen physischen und interaktiven Anteil tatsächlich vergleichsweise resistent, wie an anderer Stelle auf EconLittera anhand der drei technologischen Rationalisierungswellen (GenAI, agentenbasierte Systeme, humanoide Robotik) dargelegt. Insofern trifft die Studie mit ihrer KI-Warnung die falsche Zielgruppe zur falschen Zeit: Nicht die Ungelernten in personennahen und manuellen Tätigkeiten sind kurzfristig am stärksten gefährdet, sondern die formal qualifizierten Fachkräfte im mittleren Segment.
Der Zeithorizont, den die Studie ausblendet
Genau hier liegt die eigentliche Leerstelle des Bertelsmann-Befunds: Er behandelt Fachkräftemangel und Ungelernten-Wachstum als stabile, gegeneinander verschiebbare Größen – als handle es sich um ein Zuordnungsproblem, das sich durch Nachqualifizierung lösen lässt, sofern man nur die richtigen Ungelernten in die richtigen Engpassberufe bringt. Diese Annahme unterstellt implizit, dass die heutigen Engpassberufe auch morgen noch als Zielberufe existieren.
Das ist die Prämisse, die die Drei-Wellen-Analyse in Frage stellt: Wenn die zweite Welle (agentenbasierte Systeme) das Mittelmanagement und regelgebundene Facharbeit erodiert, und die dritte Welle (humanoide Robotik) mit zeitlichem Vorlauf, aber absehbar auch körperlich-manuelle Tätigkeiten erreicht, dann verkürzt sich das Zeitfenster, in dem eine Nachqualifizierungsstrategie überhaupt greifen kann – deutlich stärker, als die Planungshorizonte von Berufsbildungssystem und Sozialpolitik es vorsehen. Die Bertelsmann-Studie rechnet mit einem Arbeitsmarkt, der in seiner Grundstruktur so bleibt, wie er heute ist, nur mit anderer Verteilung der Köpfe. Genau diese Stabilitätsannahme ist die eigentlich prüfbedürftige Setzung – und sie bleibt vorläufig unbestätigt, nicht widerlegt.
Dass diese Annahme fragwürdig geworden ist, zeigt sich mittlerweile nicht nur an technologischen Prognosen, sondern an einer bemerkenswerten Positionsänderung im ökonomischen Mainstream selbst. Im Juli 2026 unterzeichneten rund 200 Ökonomen, darunter 16 Nobelpreisträger, einen Aufruf zum sofortigen Handeln bei den Beschäftigungsfolgen von KI – darunter auch Daron Acemoğlu, der über Jahre die differenzierteste Verteidigung der klassischen Kompensationslogik geliefert hatte: Automatisierung verdränge zwar Arbeit, schaffe aber an anderer Stelle neue Aufgaben. Dass ausgerechnet er nun zur Eile mahnt, ist informativer als der Aufruf selbst. Der entscheidende Unterschied, den der Appell benennt: KI ist die erste Basistechnologie, die sich selbst verbessert – Dampfmaschine, Elektrizität und Computer blieben dagegen an menschliche Erfindungstätigkeit und Kapitalinvestition gebunden. Entfällt dieser Flaschenhals, verkürzen und überlappen sich die Anpassungszyklen stärker, als es frühere Automatisierungswellen kannten. Für die Bertelsmann-Studie heißt das: Selbst wenn ihr Zuordnungsmodell heute noch stimmt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das in fünf Jahren noch tut, geringer, als die ökonomische Standardliteratur bislang unterstellt hat.
Fazit ohne Schlusspunkt
Die Zahlen sind ernst zu nehmen, ihre Dramatisierung nicht unbedingt. Bevor aus „100.000 mehr Ungelernte pro Jahr“ eine gesellschaftspolitische Alarmglocke wird, lohnt sich die nüchterne Rückfrage: Wie viele dieser Menschen sind tatsächlich unterqualifiziert – und wie viele sind lediglich unzertifiziert? Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob die richtige Antwort „mehr Nachqualifizierung“ heißt, wie es die Stiftung nahelegt, oder eher „bessere Anerkennung vorhandener Kompetenzen“ – ein deutlich unbequemeres Politikfeld, weil es an Zertifizierungsmonopole, Kammerstrukturen und Anerkennungsbürokratie rührt. Doch selbst diese Alternative bleibt an eine Bedingung geknüpft, die die Studie nicht diskutiert: dass die Zielberufe, in die nachqualifiziert oder anerkannt werden soll, in fünf oder zehn Jahren noch in nennenswertem Umfang existieren. Die Bertelsmann-Zahlen liefern für die kurzfristige Einordnung einen Anstoß – für die mittelfristige Frage, ob das gesamte Zuordnungsmodell noch trägt, keine abschließende Antwort.
Ralf Keuper
Quellen:
Primärberichterstattung
- Handelsblatt: Arbeitsmarkt: Studie – Zahl der Ungelernten wächst pro Jahr um 100.000, 20. Juli 2026
- dts Nachrichtenagentur (Zweitverwertung, u. a. via finanznachrichten.de): Immer mehr Ungelernte in Deutschland
Bertelsmann-Stiftung
- Bertelsmann Stiftung: Zuwanderung stützt den deutschen Arbeitsmarkt – doch die Integration muss besser werden, 2. Juli 2026
- Bertelsmann Stiftung: Ungelernte Fachkräfte (Grundlagenpublikation zum Konzept der informellen/verdeckten Kompetenzen)
DIHK
Eigene Vorarbeiten (EconLittera)
- Ralf Keuper: Das Ende des Fachkräftemangel-Narrativs — und warum es zu früh für Entwarnung ist, 4. Mai 2026
- Ralf Keuper: Der Mythos vom großen Personalmangel, 26. September 2025
- Ralf Keuper: Auswirkungen der KI auf die Beschäftigung: Wenn Acemoğlu die Seiten wechselt, 17. Juli 2026
