In dieser Woche tagte die Stiftung Familienunternehmen im Berliner Hotel Adlon. Die Palette der Themen war breiter als ein erster Blick vermuten lässt – Standortbedingungen, Investitionszurückhaltung, Fachkräftemangel und geopolitische Risiken kamen durchaus zur Sprache. Und doch griff die mediale Rahmung mit auffälliger Regelmäßigkeit auf einen Aufhänger zurück: die Erbschaftssteuer. Das ist keine Zufälligkeit, sondern Medienlogik – das Thema ist konfliktträchtig, politisch anschlussfähig, und es bedient eine Erzählung, die sich bewährt hat.
Diese Erzählung lautet: Der deutsche Familienunternehmer kämpft um sein Lebenswerk. Sie ist nicht falsch – aber sie verfehlt die eigentliche Frage. Denn hinter der Steuerdebatte liegt eine tiefere Haltung, die selten explizit wird: die Überzeugung, dass die gesellschaftliche Stellung des Familienunternehmers quasi naturgegebenen Charakter hat – und dass der Staat dafür zu sorgen hat, sie zu erhalten. Die Struktur dieser Überzeugung ist feudal. Wie einst der Adel und der Junker ihre Privilegien nicht aus Leistung ableiteten, sondern aus Stand und Funktion, so formuliert der moderne Familienunternehmer seinen Anspruch auf staatliche Protektion – in der Sprache der Standortpolitik, aber mit derselben inneren Logik.
Es wäre jedoch falsch, daraus ein moralisches Urteil zu machen. Diese Haltung ist menschlich vollkommen nachvollziehbar – die meisten von uns würden in derselben Lage ähnlich verfahren. Wer Jahrzehnte in einem erfolgreichen System sozialisiert wurde, dessen Identität und Kapital daran hängen, handelt rational innerhalb seines Rahmens. Das Problem ist nicht der Mensch. Es ist die Struktur, die diesen Rahmen produziert und aufrechterhält.
Joseph Schumpeter hat beschrieben, was daraus folgt. Kreative Zerstörung braucht nicht nur Innovatoren – sie braucht auch das Weichen alter Strukturen. Wie der Adel seinerzeit den Aufstieg der industriellen Bourgeoisie behinderte, stemmen sich heute weite Teile des etablierten Mittelstands gegen die nächste Transformationswelle – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihre Position davon abhängt, dass die alte Architektur gilt. Das verlangsamt den Prozess und verzerrt ihn – auf Kosten der Gesamtwirtschaft.
Christopher Clark und Hermann Broch haben beschrieben, wie Akteure handeln, entscheiden und argumentieren, ohne zu bemerken, dass ihre Wertordnung die Realität längst nicht mehr abbildet. Der deutsche Familienunternehmer der Gegenwart ist ein Kandidat für genau diese Diagnose. Dieser Essay versucht, sie analytisch einzulösen.
I. Adlon als Symptom
Es gibt Orte, die mehr sagen als die Reden, die in ihnen gehalten werden. Das Berliner Hotel Adlon ist einer davon. Wer dort tagt, sendet ein Signal – nicht über die Tagesordnung, sondern über das Selbstbild. Grandeur als Kulisse, Geschichte als Legitimation, Exklusivität als Distinktionsmittel. Das Adlon ist kein neutraler Versammlungsort; es ist eine Inszenierung.
Dass der deutsche Familienunternehmer dort über Erbschaftssteuer debattiert, ist deshalb kein Zufall und kein bloßes Politikthema. Es ist ein kulturelles Dokument. Eine Klasse, die ihren Zenit überschritten hat, versammelt sich in einem Raum, der Bestand suggeriert – und diskutiert, wie das Erreichte gesichert werden kann. Die Frage, ob es noch etwas zu sichern gibt, wird nicht gestellt. Sie passt nicht ins Programm.
Zwei Referenzen drängen sich auf, eine historiographische und eine literarische. Christopher Clark hat in The Sleepwalkers gezeigt, wie Akteure in die Katastrophe tappen, ohne sie als solche zu erkennen – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihre Wahrnehmungsstruktur die entscheidenden Signale systematisch ausfiltert. Hermann Broch hat dasselbe Phänomen früher und tiefer gefasst: In seinem R…

