Am 9. Oktober hat die EU-Kommission 46 weitere strategische Rohstoffprojekte benannt, insgesamt sind es nun 106. Das klingt nach Fortschritt, und auf dem Papier ist es das auch. Doch eine Projektliste ist noch keine Lieferkette, und ein Vorrat ist noch keine Unabhängigkeit. Eine neue Studie der Universität der Vereinten Nationen liest die Rohstofffrage aus der Sicht der Förderländer und hält Europa dabei einen Spiegel vor: Was die EU für sich in Anspruch nimmt, steht dort als Forderung der Produzenten. Ob Brüssels Maßnahmen die Abhängigkeit bis 2029 spürbar senken, entscheidet sich weniger in Brüssel als in den Magnetwerken Estlands und Frankreichs.
Hundertsechs Projekte
Die Zahl hat Gewicht. Nach Angaben der Kommission könnte das gesamte Portfolio die Förderziele des Critical Raw Materials Act (CRMA) für Lithium, Nickel, Seltene Erden, Magnesium und Wolfram erfüllen, bei der Verarbeitung die Ziele für Lithium und Seltene Erden. Bei Kobalt wären es 89 Prozent des Verarbeitungsziels. Das Gesetz von 2024 verlangt bis 2030, dass die EU zehn Prozent ihres Verbrauchs strategischer Rohstoffe selbst fördert, vierzig Prozent selbst verarbeitet und fünfundzwanzig Prozent aus Recycling deckt. Kein einzelnes Drittland soll mehr als 65 Prozent der Versorgung auf einer Stufe stellen.
Entscheidend ist das Wort „könnte“. Von den Projekten der ersten Runde von 2025 haben 25 die Umweltprüfung abgeschlossen, 17 verfügen über eine Baugenehmigung. Der Status als strategisches Projekt beschleunigt Genehmigungen, bringt aber nicht automatisch Geld. Eine Liste benennt, was entstehen soll. Eine Lieferkette liefert erst, wenn die Mine fördert, die Raffinerie läuft und ein Abnehmer das Material zu einem Preis nimmt, der das Projekt trägt.
Verwundbarkeit ist nicht Abhängigkeit
In der Debatte laufen zwei Dinge ineinander, die man trennen sollte. Verwundbarkeit beschreibt, wie hart ein Lieferausfall trifft. Abhängigkeit beschreibt, wie groß der Anteil eines einzelnen Lieferanten ist. Gegen Verwundbarkeit helfen Vorräte, gemeinsamer Einkauf und Notfallpläne. Der Aktionsplan RESourceEU vom Dezember 2025 setzt genau dort an: ein Zentrum für kritische Rohstoffe, eine Plattform zur Bündelung der Nachfrage, ein Pilotprojekt zur Bevorratung. Gegen Abhängigkeit helfen nur eigene oder andere Lieferketten, und die brauchen Jahre.
Die Kommission selbst beziffert das Potenzial ihrer Maßnahmen auf bis zu 50 Prozent weniger Abhängigkeit von einzelnen Herkunftsländern bis 2029. Das ist eine Obergrenze des Möglichen, keine Prognose. Wie der Pilot zur Bevorratung tatsächlich arbeitet, habe ich nicht belegen können. Die Maßnahmen dürften vor allem dort wirken, wo sie die Verwundbarkeit senken. Beim Anteil Chinas an Raffination und Magneten dürften sie in diesem Zeitraum wenig verändern. Das ist eine Arbeitsthese.
Der Magnet als Testfall
Am deutlichsten zeigt sich das bei Seltene-Erden-Magneten. China liefert nach Angaben der Kommission rund 98 Prozent des EU-Bedarfs. Die Gemeinsame Forschungsstelle der Kommission schätzt, dass der Bedarf von etwa 12.000 Tonnen im Jahr 2020 auf etwa 36.000 Tonnen im Jahr 2030 steigt, getrieben von Elektroautos, E-Bikes und Windkraftanlagen. Das neue Werk des Unternehmens Neo Performance Materials im estnischen Narva soll nach Firmenangaben etwa zehn Prozent des EU-Bedarfs decken. Der Chemiekonzern Solvay will in La Rochelle bis 2030 rund dreißig Prozent des europäischen Bedarfs an aufbereiteten Seltenen Erden für Magnete liefern. Die European Raw Materials Alliance, ein Zusammenschluss von Industrie und Politik, hat Investitionsbedarf von etwa 1,7 Milliarden Euro ausgemacht, mit dem rund zwanzig Prozent des Bedarfs abgedeckt werden sollen.
Selbst im besten Fall bleibt also der größere Teil des Magnetbedarfs offen, und europäische Magnete kosten mehr als chinesische. Ohne gesicherte Abnahme bleiben auch tech…
