Eine neue Studie der Universität Münster und der Fraunhofer FFB zeigt, wo weltweit Batterie-Start-ups entstehen – und wo nicht. Der Befund bestätigt, was sich in der Wertschöpfungskette der Branche schon länger andeutet: Gründungsaktivität folgt nicht dem industriepolitischen Bedarf, sondern dem Verhältnis von Kapitalbedarf zu Wissensvorsprung. Die Studie selbst benennt dafür bereits die entscheidende Unterscheidung zwischen Kapitalmangel und Lernkurve – die eigentliche Frage ist, ob sich diese Unterscheidung durchhält, wenn man sie an konkreten Fällen und an der eigenen institutionellen Praxis misst.


Über 400 Unternehmen hat das Forscherteam um David Bendig, Linda Brüss, Florian Degen und Thomas Schäper für die im Fachjournal Energy Strategy Reviews veröffentlichte Studie zunächst identifiziert und manuell geprüft; die eigentliche Analyse-Stichprobe umfasst 144 zwischen 2014 und 2024 gegründete Start-ups, die über ein stufenbasiertes Mapping-Verfahren den Kettenstufen und Regionen zugeordnet wurden. Datenbasis ist Crunchbase, ergänzt um die Politikmaßnahmen-Datenbank der Internationalen Energieagentur; nachgelagerte Produkthersteller und branchenübergreifende digitale Anbieter (Analytics, Software, IoT) wurden bewusst ausgeschlossen. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die meisten Gründungen konzentrieren sich auf den sogenannten Midstream – fortschrittliche Materialien, spezialisierte Komponenten, Zellfertigung. Hier trifft hohes technologisches Anforderungsniveau auf einen Kapitalbedarf, der für Investoren noch überschaubar bleibt. Deutlich seltener werden Unternehmen dort gegründet, wo die Wertschöpfungskette beginnt oder endet: bei der Rohstoffgewinnung, im Recycling, bei Second-Life-Anwendungen. Und selbst dort, wo Start-ups in diesen Bereichen entstehen, bleibt der Übergang zur industriellen Skalierung nach den Worten der Autoren eine zentrale Hürde.

Florian Degen von der Fraunhofer FFB fasst das in der Pressemitteilung zugespitzt zusammen: Wenn Europa seine Batteriewertschöpfung stärken wolle, müssten Gründungen gezielter dort unterstützt werden, wo heute noch Engpässe bestehen. Das klingt nach einer einfachen Förderfrage – ist es nach dem tatsächlichen Schluss des Papers aber nicht. Dort empfehlen die Autoren eine Kombination aus Supply-Push-Instrumenten, glaubwürdigen Demand-Pull-Maßnahmen, schlankeren Genehmigungs- und Zertifizierungsverfahren sowie branchengetragener, geteilter Qualifizierungsinfrastruktur – deutlich mehr als „mehr Geld an der richtigen Stelle“. Drei Punkte lohnen sich trotzdem, gegen die Studie selbst zu halten.

Auch der vermeintlich attraktive Mittelbau ist bereits besetzt

Die Studie erklärt die Konzentration der Gründungsaktivität auf den Midstream damit, dass dort hohes technologisches Anforderungsniveau auf einen für Investoren noch überschaubaren Kapitalbedarf trifft. Das beschreibt, warum sich dort leichter gründen lässt – es sagt aber nichts darüber aus, ob dort auch etwas zu gewinnen ist. Im eigenen Hintergrundteil der Studie findet sich dazu eine Zahl, die im Fazit nicht mehr auftaucht: China hält bereits rund 70 Prozent der weltweiten Kathoden- und 85 Prozent der Anodenproduktionskapazität – exakt jene Midstream-Stufe, in der laut den Autoren die meisten Start-ups entstehen. Bei der Rohstoffraffination sieht es mit über 50 Prozent chinesischem Anteil bei Lithium, Kobalt und Graphit kaum anders aus.

Das bedeutet: Der Bereich, in den westliche Gründungsaktivität vorrangig fließt, weil der Einstieg dort am ehesten finanzierbar erscheint, ist auf der Kapazitätsebene bereits genauso chinesisch dominiert wie die Rohstoffstufe, deren Aufholbarkeit ohnehin als gering gilt. Die Konzentration der Start-ups auf den Midstream ist damit kein Signal für eine noch offene, gewinnbare Position, sondern eher der Beleg dafür, dass Gründerinnen und Gründer dorthin gehen, wo der Marktzugang am wenigsten voraussetzungsreich ist – unabhängig davon, ob am Ende überhaupt eine wettbewerbsfähige Stellung erreichbar ist. Die Studie misst also korrekt, wo Gründungsaktivität stattfindet, beantwortet aber nicht die eigentlich entscheidende Frage, ob diese Aktivität auf ein Feld trifft, das noch zu besetzen ist, oder ob sie in eine bereits abgeschlossene Kapazitätsverteilung hineingründet.

Die Lernkurve benennt die Studie selbst – die Fälle geben ihr ein Gesicht

Anders als eine erste Lesart der Pressemitteilung nahelegt, führt das Paper die Lücke in den kapitalintensiven Segmenten nicht allein auf fehlendes Geld zurück. Im Fazit benennen die Autoren explizit ein „mismatch between venture capital horizons and multi-year asset cycles“, das Learning-by-doing und Kundenqualifizierung ausbremse – also genau die Unterscheidung zwischen Kapitalmangel und Lernkurve, die sich an konkreten Fällen längst zeigen lässt. ACC in Kaiserslautern, Northvolt und die Porsche-Zelltochter Cellforce sind nicht an fehlendem Startkapital gescheitert, sondern am Übergang von der Pilotanlage zur industriellen Serienfertigung – exakt jenem mehrjährigen Qualifizierungszyklus, den VC-typische Finanzierungshorizonte laut der Studie strukturell verfehlen. Cellforce verfolgte zudem bereits die kleine, margenstarke Nischenstrategie, die als Ausweg aus der Kapitalintensitätsfalle oft empfohlen wird, und scheiterte trotzdem an der Serienreife. Die drei Fälle bestätigen damit weniger eine Lücke der Studie als ihre eigene These – nur dass die Studie diese These auf der Abstraktionsebene von „Horizont-Mismatch“ belässt, während die Fälle zeigen, wie das konkret aussieht: mehr und gezieltere Gründungsförderung erzeugt unter diesen Bedingungen zwar mehr Versuche, aber nicht notwendigerweise mehr Erfolge – möglicherweise nur mehr Fälle wie Cellforce.

Wer zählt hier eigentlich mit?

Die zweite Frage betrifft die Zählweise selbst. Die Studie erfasst ihre Stichprobe über Crunchbase – eine Datenbank, die auf kapitalsuchende, eigenständige Start-ups ausgelegt ist. In der Rohstoffgewinnung und im Recycling agieren aber gerade jene Akteure, die tatsächlich Kapazität aufbauen, häufig nicht als eigenständiges, Crunchbase-sichtbares Start-up, sondern als Geschäftsbereich etablierter Konzerne oder als Joint Venture: BASF und Stena betreiben in Schwarzheide seit 2023 eine Anlage zur direkten Verarbeitung von Schwarzer Masse zu Kathodenmaterial, die nach eigenen Angaben auf Jahre ausverkauft ist. Remondis und TSR bündeln ihre Batterierecycling-Aktivitäten mit Rhenus Automotive und Bosch-Rexroth-Technik in einem Joint Venture in Magdeburg. Keiner dieser Fälle würde in einer Crunchbase-basierten Zählung von „neuen Batterieunternehmen“ auftauchen, obwohl hier genau die Kapazität entsteht, deren Fehlen die Studie beklagt.

Das relativiert den Befund nicht grundsätzlich – die grundsätzliche Richtung, dass kapitalintensive Kettenstufen schwerer zu besetzen sind als der Midstream, bleibt plausibel. Es bedeutet aber, dass eine reine Gründungszählung die tatsächliche Aktivität in diesen Segmenten systematisch unterschätzen könnte, weil sie dort misst, wo die etablierten Akteure gar nicht als Gründung erscheinen.

Zwei Enden derselben Kette, aber nicht dieselbe Position

Die Studie fasst Rohstoffgewinnung, Recycling und Second-Life unter dem gemeinsamen Etikett „kapitalintensiv und regulatorisch anspruchsvoll“ zusammen. Das verwischt einen Unterschied, der für die Frage entscheidend ist, ob Förderung überhaupt etwas ausrichten kann.

Bei der Rohstoffraffination und Precursor-Produktion ist die Position tatsächlich kaum aufholbar. Die Studie selbst benennt diese Stufe – nicht die Rohstoffgewinnung im weiteren Sinne – als die eigentlich eintrittsbeschränkte: hohe Fixkosten, lange Qualifizierungszyklen und Lock-in bei etablierten Akteuren hielten Neueinsteiger fern, trotz hoher strategischer Relevanz. China kontrolliert bereits über 50 Prozent der globalen Raffinationskapazität für Lithium, Kobalt und Graphit, bei Seltenen Erden liegt der chinesische Anteil an der Wertschöpfung laut TAB-Bundestagsstudie bei über 90 Prozent – und selbst europäisches Recyclingmaterial muss zur finalen Trennung erst nach China exportiert werden, mangels eigener Raffinationskapazität. Das ist exakt jene Kettenstufe, die sich schon in „Zwei Enden der Batteriekette“ als arithmetisch kaum aufholbar erwiesen hatte: Es fehlt nicht an Kapital, sondern an einer über Jahrzehnte aufgebauten Prozess- und Infrastrukturbasis, die sich nicht zukaufen lässt.

Beim Recycling ist der Befund anders. BASF und Stena verarbeiten in Schwarzheide seit 2023 Schwarze Masse direkt zu Kathodenmaterial und sind nach eigenen Angaben auf Jahre ausverkauft. HyProMag recycelt in Pforzheim Seltenerdmagnete über ein an der University of Birmingham entwickeltes Verfahren, das den chinesischen Trennschritt umgeht. Die Studie selbst benennt Europas Stärke in Recycling und Kreislaufwirtschaft als regionales Muster – bei gleichzeitiger Schwäche in Raffination und einzelnen Komponenten. Was beim Recycling fehlt, ist nach IFRI-Zahlen in erster Linie Volumen – Europa und Nordamerika kommen zusammen nur auf rund 4 Prozent der weltweiten Nachbehandlungskapazität, Schwarze-Masse-Exporte gehen überwiegend nach Südkorea. Das ist ein Skalierungsproblem, kein Souveränitätsproblem wie bei der Raffination – und ein Skalierungsproblem lässt sich, anders als eine fehlende Lernkurve, durch Kapital und Förderung durchaus adressieren.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, wo die Fraunhofer FFB selbst ansetzt: Die Ausrichtung des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen auf Batteriechemie und Seltene-Erden-Verarbeitung zielt genau auf jenes Segment, das strukturell am wenigsten aufholbar ist. Wenn ausgerechnet dort mehr Gründungsförderung gefordert wird, wo Prozesswissen und Infrastrukturvorsprung über Jahrzehnte gewachsen sind, dann verspricht die Empfehlung mehr, als die eigene Datenlage hergibt.

Die eigene Ausgründungsbilanz als Testfall

Wer mehr gezielte Gründungsförderung als Lösung vorschlägt, muss sich auch an der eigenen Transferbilanz messen lassen. Fraunhofer-weit kamen 2024 21 Spin-offs zustande, 2023 waren es 23, 2021 30 – bei 76 Instituten und einem milliardenschweren Jahresbudget macht das seit dem Jahr 2000 im Schnitt etwa 20 Ausgründungen pro Jahr über die gesamte Organisation. Das ist überschaubar, gemessen an der Größe des Apparats.

Aufschlussreicher ist eine zweite Zahl, die Fraunhofer selbst als Erfolgsbeleg anführt: Fast 96 Prozent der Spin-offs sind nach drei Jahren noch am Markt, nach zehn Jahren immer noch 82,5 Prozent. Verglichen mit der üblichen Sterblichkeitsrate VC-finanzierter Start-ups, von denen die meisten innerhalb weniger Jahre scheitern, ist das ungewöhnlich hoch. Genuin disruptive, technologisch riskante Gründungen scheitern häufig gerade deshalb, weil sie etwas versuchen, das noch nicht erprobt ist – das ist der Preis für die Chance auf einen echten Durchbruch. Eine derart hohe Überlebensrate spricht eher für ein Portfolio konservativer, risikoarmer Ausgründungen als für den unternehmerischen Wagemut, den man mit Systemwechseln wie der Batteriezelle verbinden würde. Das fügt sich zu einer Anreizstruktur, die im Kern auf Vertragsforschung und Drittmitteleinwerbung ausgerichtet ist, nicht auf unternehmerisches Risiko: Wissenschaftler werden über Publikationen und Projektakquise bewertet, nicht über Ausgründungserfolg, und die Institute selbst finanzieren sich überwiegend über wiederkehrende Industrieaufträge statt über Erlöse aus riskanten Beteiligungen.

Damit schließt sich der Kreis zur Münster/FFB-Studie: Eine Einrichtung, deren eigene Ausgründungspraxis strukturell auf Sicherheit statt auf Disruption angelegt ist, ist an der Formulierung einer Studie beteiligt, die für die am wenigsten aufholbaren Kettenstufen der Batterieindustrie – ausgerechnet dort, wo nur disruptive Durchbrüche den Rückstand überhaupt verändern könnten – Gründungsförderung als einen von mehreren Hebeln benennt. Die akademische Diagnose selbst ist differenzierter, als es die eigene Pressemitteilung nahelegt; sie fordert Demand-Pull-Instrumente und geteilte Qualifizierungsinfrastruktur neben der Förderung. Doch genau diese anspruchsvollere Kombination aus Instrumenten setzt eine institutionelle Praxis voraus, die selbst bereit ist, riskantere Ausgründungen zuzulassen – und daran lässt sich die eigene Transferbilanz der beteiligten Einrichtung messen.

Fazit

Die Studie liefert einen soliden empirischen Baustein: Gründungsaktivität folgt dem Verhältnis von Kapitalbedarf zu Wissensvorsprung, nicht dem industriepolitischen Bedarf. Selbst das Feld, in dem sich diese Aktivität konzentriert, ist auf Kapazitätsebene bereits mehrheitlich chinesisch besetzt – der Midstream ist attraktiv für Gründungen, aber nicht notwendigerweise gewinnbar. Für Raffination und Precursor-Produktion bestätigt der Befund eine bereits belegte strukturelle Grenze, die sich mit keiner Fördersumme verschieben lässt – ein Punkt, den die Autoren selbst mit dem Hinweis auf den Mismatch zwischen VC-Finanzierungshorizonten und mehrjährigen Qualifizierungszyklen unterlegen. Für das Recycling ist die Lage differenzierter – hier geht es um Kapazität, nicht um eine verlorene Wissensposition. Und die Institution, die an der differenzierten akademischen Empfehlung mitgewirkt hat, könnte an der eigenen Ausgründungspraxis zeigen, ob sie selbst zu der riskanteren Gründungskultur fähig ist, die diese Empfehlung voraussetzt.

Ralf Keuper


Quellen: