Das BIS zeigt, warum Störungen an zentralen Knoten der Weltwirtschaft anders wirken als gewöhnliche Lieferkettenprobleme. Und warum die Mengen oft halten, während die Rechnung steigt.

Am 15. Oktober 2026 hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) ihr Bulletin Nr. 138 veröffentlicht. Es trägt den Titel „Chokepoint disruptions and their macroeconomic consequences“ und stammt von Ibrahim Alshehri, Ryan Banerjee, Michael Chui, Anna Maddux, Ko Munakata und Fabrizio Zampolli. Anlass sind Covid, die zunehmende Zahl von Handelsbeschränkungen und die aktuellen Störungen rund um die Straße von Hormus. Das Papier ist mit sechs Seiten kurz, aber es verschiebt den Blick: weg von der Frage, ob Lieferketten reißen, hin zu der Frage, wo sie reißen und was es kostet, wenn man ausweicht.


Was ein Chokepoint ist

Die Autoren definieren einen Chokepoint als wirtschaftlich wichtiges Produkt oder wichtigen Knoten, für den es keine oder nur langsam aktivierbare Ersatzlösungen gibt. Das kann eine Firma sein, die Branche eines Landes, ein Produktionsstandort oder eine Transportroute. Die wirtschaftliche Bedeutung speist sich aus zwei Quellen. Entweder wird ein Produkt direkt in vielen Sektoren gebraucht, wie raffinierte Ölprodukte. Oder es wirkt indirekt über die Verknüpfungen der Produktion, wie Halbleiter, die vom Auto bis zur Lebensmittelproduktion in vieles eingehen.

Als Maß für die Stellung eines Knotens im Netz verwendet das Bulletin die Betweenness-Zentralität. Sie misst, wie oft ein Knoten auf den kürzesten Wegen zwischen anderen Knoten liegt. Ein Land-Sektor mit hohem Wert ist also ein Durchgangsort, über den viele Produktionspfade laufen. Solche Knoten sitzen laut BIS überwiegend in großen Volkswirtschaften und im verarbeitenden Gewerbe. Als Beispiele, die über die Zeit zentraler geworden sind, nennt das Papier den deutschen Maschinenbau, die chinesische Elektrotechnik und die Düngemittelproduktion im Nahen Osten.

Hinzu kommt die Frage der Ersetzbarkeit. Energie und Bergbauprodukte haben einen großen Anteil am Welthandel, lassen sich aber relativ gut bei anderen Lieferanten beziehen. Elektronik einschließlich Halbleitern ist ebenso kritisch und deutlich schwerer zu ersetzen. Basismetalle, zu denen einige Seltene Erden zählen, sind ebenfalls schwer zu ersetzen, machen aber einen kleineren Anteil am Handel aus. Dazu passt die Beobachtung, dass die Exportkonzentration bei Vorprodukten seit rund drei Jahrzehnten steigt. Bei Metallen für die Elektrifizierung hat sich nach Darstellung des BIS eine Nabe-Speichen-Struktur um China herausgebildet, getragen von dauerhaften Investitionen und industriepolitischen Maßnahmen.

Die Mehrwirkung der zentralen Knoten

Das Kernergebnis ist quantitativ. Eine Störung an einem Schlüsselknoten, die um eine Standardabweichung über dem Üblichen liegt, geht nach den Schätzungen der Autoren mit einem um etwa 50 Prozent stärkeren Rückgang des globalen Industrieproduktionswachstums einher als eine gleich große Störung an weniger zentralen Knoten. Binnen eines Jahres steigen zudem die Erzeugerpreise nachgelagerter Firmen um etwa 70 Basispunkte. Bei unwichtigeren Knoten ist der Preiseffekt kaum messbar.

Die Datengrundlage verdient eine Einordnung. Die Autoren haben Telefonkonferenzen börsennotierter Firmen zur Quartalsberichterstattung (Earnings Calls) mit Sprachmodellen ausgewertet und daraus Störungen, deren Ursachen und die Reaktionen der Firmen abgeleitet. Das ist eine ungewöhnlich breite Quelle, aber sie zeigt, was Firmen sagen, nicht unmittelbar, was sie tun. Die genannten Größenordnungen sind deshalb als Schätzungen mit Unsicherheitsband zu lesen.

Ausweichen kostet

Der vielleicht wichtigste Befund des Bulletins betrifft das Verhältnis von Menge und Preis. Wo Firmen Ersatz finden, bleibt die Produktion eher erhalten, aber zu höheren Einkaufspreisen. Besonders deutlich ist das nach Exportbeschränkungen: Fehlende Lieferungen aus dem beschränkenden Land werden im Durchschnitt weitgehend durch Importe desselben Produkts aus anderen Ländern ersetzt.

Das Bulletin illustriert das am Beispiel Japans. Als China Exporte Seltener Erden beschränkte, senkte Japan zwischen 2012 und 2014 den Anteil Chinas an seinen Importen dieser Güter von etwa 80 auf rund 45 Prozent. Die Ware kam, doch die Käufe bei anderen Lieferanten waren erheblich teurer. Wer die Abhängigkeit verringert, bezahlt also zunächst eine Prämie für die Ausweichroute.

Die Zeit arbeitet allerdings für die Käufer. Handelselastizitäten, also die Reaktion der Handelsströme auf Preisunterschiede, sind kurzfristig deutlich niedriger als langfristig. Das BIS rechnet ein Szenario durch, in dem die Handelskosten für Hightech-Elektronik weltweit um 150 Prozent steigen. Kurzfristig ergeben sich BIP-Verluste von rund einem Prozent in den meisten Ländern und bis zu vier Prozent in Volkswirtschaften, die stark von diesen Sektoren abhängen. Langfristig sinken die Verluste im Schnitt auf etwa 0,3 Prozent, im ungünstigsten Fall auf höchstens ein Prozent. Der Unterschied zwischen kurzer und langer Frist ist die Zeit, die Firmen brauchen, um Lieferanten zu qualifizieren, Prozesse umzustellen und Kapazitäten aufzubauen.

Auch die Art der Störung spielt eine Rolle. Firmen suchen laut Earnings-Call-Auswertung eher nach Ersatz oder verlagern Produktion, wenn die Ursache in Handelsbeschränkungen oder anderen geopolitischen Entwicklungen liegt, als bei Naturkatastrophen oder Gesundheitskrisen. Die Autoren vermuten, dass geopolitische Störungen als dauerhafter gelten. Bei logistischen Problemen weichen Firmen meist nur auf gleichwertige Lieferanten aus.

Puffer: Lager, Zinsen, Margen

Zwei Puffer verschaffen Zeit. Der erste sind Lagerbestände. Im Ölmarkt zeigt sich das nach den Schätzungen des BIS deutlich: Wenn die kommerziellen Vorräte hoch sind, schlägt ein Rückgang des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus viel schwächer auf den Rohölpreis durch als bei niedrigen Vorräten. Die aktuelle Lage beschreibt das Bulletin entsprechend vorsichtig. Die starke Entnahme aus den Reserven habe die Preiswirkung bisher begrenzt, aber die Vorräte seien niedrig und der Transit eingeschränkt, sodass das Risiko schärferer Preisanstiege gewachsen sei. Auch außerhalb des Öls haben Firmen ihre Lager im Verhältnis zum Umsatz seit zwei Jahrzehnten ausgebaut. Das war in einer Phase niedriger Zinsen günstig. Bei höheren Zinsen kostet der Aufbau von Resilienz mehr.

Der zweite Puffer sind Margen. Firmen mit hohen Gewinnspannen, häufig Hersteller schwer ersetzbarer Zwischenprodukte, geben höhere Kosten zunächst seltener an ihre Kunden weiter. Dieser Effekt verfliegt aber nach etwa vier Quartalen. Die Dämpfung ist damit eine Verschiebung, keine Beseitigung.

Was das für die Geldpolitik bedeutet

Die Standardempfehlung bei Angebotsschocks lautet, die ersten Preiseffekte zu „durchschauen“, solange die Inflationserwartungen verankert bleiben. Das BIS hält daran fest, verweist aber darauf, dass Störungen an zentralen Knoten größer, hartnäckiger und möglicherweise nichtlinear wirken können. Wenn Kostenanstiege so groß werden, dass viele Firmen gleichzeitig ihre Preise anpassen, entstehen Preiskaskaden, und niedrige Lager sowie knappe freie Kapazitäten verstärken das.

Das Bulletin diskutiert außerdem die Phillips-Kurve, also den Zusammenhang zwischen Inflation und der Auslastung der Wirtschaft. Bei einem Schock im Ausland hängen importierte Vorleistungspreise vor allem von der globalen Lage ab. Die Inflation reagiert dann kaum auf inländische Unterauslastung, und es bräuchte hohe heimische Produktionsverluste, um sie zu drücken. Wird der Schock groß genug, um breite Neubepreisung auszulösen, kann die Kurve steiler werden. Dann ist die Inflation anfälliger für Schocks und zugleich besser durch eine Dämpfung der Nachfrage steuerbar, und die Disinflation wird weniger kostspielig.

Interessant ist der finanzielle Teil der Empfehlungen. Lager aufbauen, Lieferanten ersetzen und Kapazität erweitern braucht in aller Regel externe Finanzierung. Eine zu straffe Politik kann deshalb die Normalisierung des Angebots verzögern. Gezielte Fiskalmaßnahmen wie Kreditgarantien können die Reparatur der Lieferketten stützen, ohne die Nachfrage anzuheizen. Subventionen, die Preisanstiege abfedern, können dagegen kontraproduktiv sein, weil sie den Anreiz zur Substitution schwächen. Und das BIS rät dazu, klar zwischen der unvermeidlichen Anpassung relativer Preise und einer dauerhaften, allgemeinen Inflation zu unterscheiden, gegen die Politik ansteuern soll.

Deutschland: Knoten und Abnehmer zugleich

Für Deutschland ergibt sich aus dem Bulletin eine doppelte Stellung, die das Papier selbst nur andeutet. Der deutsche Maschinenbau zählt laut BIS zu den Knoten, die über die Jahre zentraler geworden sind. Zugleich ist die deutsche Industrie auf Güter angewiesen, die das Bulletin als schwer ersetzbar beschreibt: Elektronik, Halbleiter, bestimmte Metalle. Wer Knoten ist, hat Gewicht. Wer von anderen Knoten abhängt, zahlt im Störungsfall die Ausweichprämie.

Diese Doppelstellung bleibt eine Folgerung aus dem Bulletin, kein Befund des Bulletins. Ob sie sich in den Daten für Deutschland tatsächlich so zeigt, müsste eigens geprüft werden. Als Arbeitshypothese erscheint sie plausibel, empirisch gesichert ist sie damit nicht.

Sie knüpft an zwei frühere Beiträge auf EconLittera an. In „Der Vorsprung, der keiner mehr ist“ ging es um die Frage, ob der deutsche Maschinenbau seinen Rang aus technischer Hardware-Exzellenz oder aus der Kontrolle über die Systemebene bezieht. Die Zentralitätslogik des BIS legt nahe, dass Zentralität im Netz und technische Überlegenheit zwei verschiedene Dinge sind: Ein Knoten kann zentral sein und trotzdem seinen Preisvorteil verlieren. In „Der Knoten, der andere mitreißt“ ging es um Leuna und die Kaskadeneffekte am Verbundstandort. Das ist die kleine, physische Version derselben Logik: Dort, wo wenige Anlagen viele andere versorgen, trifft der Ausfall eines Teils den Rest, und je fremder die Betroffenen einander sind, desto weniger fängt ein gemeinsamer Eigentümer die Wirkung ab.

Offene Fragen

Drei Punkte bleiben offen, und sie bestimmen, wie weit man das Bulletin tragen kann.

Erstens die Messung. Zentralität nach Betweenness beruht auf Input-Output-Tabellen und damit auf Durchschnitten über Sektoren. Ein einzelnes Unternehmen oder ein einzelnes Produkt kann ein weit schärferer Engpass sein als sein Sektor. Das Bulletin erfasst die Struktur, nicht die einzelne Schwachstelle.

Zweitens die Zeitachse. Die Befunde zur Substitution sind in der Spanne zwischen kurzer und langer Frist formuliert. Wie lang die kurze Frist im Einzelfall ist, wissen die Betroffenen besser als jedes Modell. Bei Halbleitern und Seltenen Erden dürfte sie in Jahren zu messen sein, nicht in Quartalen.

Drittens die Verteilung. Das Bulletin spricht von der Rechnung, die höhere Einkaufspreise bedeuten, aber nicht davon, wer sie trägt: die Vorlieferer, die Hersteller, die Endkunden, der Staat über Garantien. Das ist die Frage, an der aus einer makroökonomischen Beobachtung eine industriepolitische wird.

Die These dieses Beitrags lässt sich vorläufig so formulieren: Resilienz in vernetzten Lieferketten bedeutet weniger Unabhängigkeit als die Fähigkeit, eine Ausweichroute bezahlen zu können, und diese Fähigkeit hängt an Lagern, Margen und Finanzierung. Das Bulletin stützt diese These in ihrer ersten Hälfte gut, in der zweiten teilweise. Als vorläufig korroboriert ist sie damit höchstens zu bezeichnen.

Tragende, aber strittige Zahlen

Die folgenden Zahlen tragen die Argumentation, sind aber Schätzungen des BIS auf Basis von Earnings-Call-Auswertungen und Modellrechnungen. Sie sind im Beitrag mit offener Zuschreibung verwendet. Über den Umbau oder die Streichung entscheidest du:

  • Etwa 50 Prozent stärkerer Rückgang des globalen Industrieproduktionswachstums bei Störungen an Schlüsselknoten gegenüber weniger zentralen Knoten (Ergebnis eines Panelmodells auf Earnings-Call-Basis, Unsicherheitsband laut BIS 90 Prozent).
  • Rund 70 Basispunkte höhere Erzeugerpreise nachgelagerter Firmen binnen eines Jahres (gleiche Datenbasis).
  • BIP-Verluste von etwa 1 Prozent, in Einzelfällen bis zu 4 Prozent, kurzfristig; im Schnitt rund 0,3 Prozent, höchstens 1 Prozent, langfristig im Szenario mit 150 Prozent höheren Handelskosten bei Hightech-Elektronik (Modellsimulation, stark von den unterstellten Elastizitäten abhängig).
  • Japans Anteil Chinas an Seltenen-Erden-Importen von etwa 80 auf rund 45 Prozent (2012–2014) ist eine Beobachtung aus Handelsdaten, und die Höhe des Preisaufschlags lässt sich nur der Grafik des Bulletins entnehmen, die im Text nicht in Zahlen wiedergegeben ist.

Nur illustrativ sind die genannten Beispiele für zentrale Knoten (deutscher Maschinenbau, chinesische Elektrotechnik, Düngemittel im Nahen Osten). Sie hängen an der Grafik 1.B des Bulletins, deren Werte hier nicht ausgewiesen werden.

Ralf Keuper


Quellen

  • Alshehri, I., Banerjee, R., Chui, M., Maddux, A., Munakata, K., Zampolli, F. (2026): Chokepoint disruptions and their macroeconomic consequences, BIS Bulletin Nr. 138, 15. Oktober 2026. PDF
  • Vom BIS-Bulletin selbst herangezogen und hier nur über das Bulletin zitiert (keine eigene Einsicht, daher ohne Link): Baqaee, D. und Farhi, E. (2024): „Networks, barriers, and trade“, Econometrica; Baqaee, D. et al. (2024): „What if? The effects of a hard decoupling from China on the German economy“, in: Paris Report 2: Europe’s economic security, CEPR Press; Caliendo, L. und Parro, F. (2015): „Estimates of the trade and welfare effects of NAFTA“, Review of Economic Studies; Kharroubi, E. (2026): „Maritime chokepoints and the global economy: evidence from the Strait of Hormuz“, BIS Working Papers Nr. 1378; Kirk, J., Passari, E., Rey, H. (2026): „Exorbitant privilege of the periodic table?“, NBER Working Papers Nr. 35497.
  • Frühere eigene Beiträge auf EconLittera: „Der Vorsprung, der keiner mehr ist“; „Der Knoten, der andere mitreißt“.