Manchester United und Manchester City zeigen dieselbe Schwäche aus zwei entgegengesetzten Richtungen. Bei United floss über zwei Jahrzehnte Geld aus dem Klub zu den Eigentümern, bei City nach dem Urteil einer unabhängigen Kommission Geld der Eigentümer verdeckt in den Klub. Die Finanzregeln des Fußballs reagieren auf beide Richtungen völlig unterschiedlich – und das sagt mehr über diese Regeln aus als über die beiden Klubs.
Eine Woche, zwei Befunde
Innerhalb von sechs Tagen haben die beiden Manchester-Klubs Ende September 2026 Zahlen und Urteile geliefert, die man nebeneinanderlegen sollte. Am 23. September legte Manchester United seinen Abschluss für das Geschäftsjahr 2025/26 vor: Rekordumsatz von 677,6 Millionen Pfund, zugleich der siebte Jahresverlust in Folge, diesmal 43 Millionen Pfund nach Steuern. Am 29. September veröffentlichte die Premier League das Urteil einer unabhängigen Kommission, wonach Manchester City in den Jahren 2009 bis 2018 schwerwiegend gegen die Finanzregeln der Liga verstoßen hat. Die Liga spricht von einem Schuldspruch in allen 115 Anklagepunkten, einzelne Berichte von 114. Am 1. Oktober legte City Berufung ein.
Im Dezember 2025 wurde an dieser Stelle der Niedergang von Manchester United als Lehrstück über die Grenzen des Finanzkapitalismus im Sport beschrieben: eine Institution, deren Eigengesetzlichkeit von der Renditelogik ihrer Eigentümer überwältigt wird. Das City-Urteil bietet die Gelegenheit, diese Diagnose zu prüfen. Es liefert keine einfache Bestätigung, sondern ein Gegenstück, das die ursprüngliche These zugleich stützt und verschiebt.
Der Abfluss: Was aus United herausging
Zur Erinnerung an die Ausgangslage. Die amerikanische Familie Glazer übernahm Manchester United 2005 durch einen Leveraged Buyout, also einen fremdfinanzierten Kauf, bei dem die Kaufschulden anschließend auf das übernommene Unternehmen übertragen werden. Ein schuldenfreier Klub wurde zum Schuldner, seither sind über 1,5 Milliarden Pfund an Zinsen und Dividenden aus dem Klub abgeflossen. Die Gesamtverschuldung lag zum Halbjahr Ende 2025 bei 1,29 Milliarden Pfund. Der Klub zog in diesem Zeitraum weitere 25 Millionen Pfund aus seiner revolvierenden Kreditlinie, die damit auf 295,7 Millionen Pfund stieg.
An einem Punkt muss die Analyse vom Dezember allerdings korrigiert werden. Dort hieß es, eine Erholung sei unter den gegebenen Bedingungen „mehr als fraglich“. Die Saison 2025/26 endete jedoch auf dem dritten Platz und mit der Rückkehr in die Champions League, nachdem der frühere United-Spieler Michael Carrick im Januar den entlassenen Trainer Ruben Amorim abgelöst hatte. Das operative Ergebnis vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern erreichte mit 216,4 Millionen Pfund einen Rekordwert. Die Kostensenkungen unter dem Minderheitseigner Jim Ratcliffe, darunter rund 450 gestrichene Stellen, haben die Ertragskraft tatsächlich verbessert.
Die Prognose war also zu kategorisch. Die Struktur, auf die sie sich stützte, besteht dagegen fort. Trotz Rekordumsatz und Rekord-Betriebsergebnis bleibt unter dem Strich ein Verlust, weil Schuldendienst, Abfindungen und Finanzierungskosten den operativen Überschuss aufzehren. Dazu kommen 63,5 Millionen Pfund für ein Grundstück neben Old Trafford, auf dem ein neues Stadion mit 100.000 Plätzen entstehen soll, finanziert von einem Klub, der weiterhin an der Schuldenlast seiner Übernahme trägt. Eine gute Saison widerlegt einen strukturellen Befund nicht, sie zeigt nur, dass der Abfluss die sportliche Leistungsfähigkeit nicht vollständig determiniert. Gesteuert wird der Klub weiterhin von außen. Geändert hat sich vorerst nur, dass die Steuerung effizienter geworden ist.
Der Zufluss: Was in City hineinging
Bei City verlief die Geldbewegung nach dem Urteil in die Gegenrichtung. Der Klub gehört seit 2008 Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, dem Bruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Kommission hat festgestellt, dass City über Scheinverträge mit Sponsoren die Einnahmen künstlich erhöht und die Kosten gesenkt hat, insgesamt um rund 900 Millionen Pfund. Als Kern des Falls gilt der Vorwurf, dass Geld der Eigentümer als Sponsoringerlös ausgewiesen wurde, um die Finanzregeln formal einzuhalten. Die Sponsoren waren staatliche Unternehmen aus Abu Dhabi, die Zahlungen lagen über dem, was am Markt üblich gewesen wäre. Dazu kommen verdeckte Zahlungen an Spieler und Trainer, darunter nach den Vorwürfen Zahlungen an den früheren Trainer Roberto Mancini, die als Beraterhonorare eines Vereins aus Abu Dhabi getarnt waren.
Strukturell handelt es sich um ein Problem, das aus der Unternehmensbesteuerung und der Rechnungslegung bekannt ist: Geschäfte mit nahestehenden Parteien. Wenn Zahler und Empfänger letztlich demselben Eigentümerkreis zuzurechnen sind, lässt sich der Preis beliebig festsetzen. Das Steuerrecht begegnet dem mit dem Fremdvergleichsgrundsatz, also der Frage, welchen Preis unabhängige Dritte unter gleichen Bedingungen vereinbart hätten. Genau diese Frage stand im Zentrum des City-Verfahrens. Nach dem Urteil kommt eine zweite hinzu: Der Klub hat falsche Jahresabschlüsse vorgelegt und seine tatsächliche Finanzlage vor Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden verschleiert. Wie es gelingen konnte, eine solche Konstruktion über neun Jahre durch geprüfte Abschlüsse zu tragen, ist eine Frage an die Prüfungspraxis, die über den Fußball hinausreicht.
Im Dezember-Essay wurde die Schwäche von Kennzahlen darin gesehen, dass sie Geldflüsse erfassen, aber nicht Substanz. Der Fall City fügt dem eine zweite Dimension hinzu. Bei United sind die Kennzahlen blind für das, was zählt: unterlassene Instandhaltung, verwässerte Marke, erodierende Fanbindung. Bei City wurden die Kennzahlen selbst zum Instrument, mit dem die Aufsicht getäuscht wurde. Eine Steuerung über Kennzahlen versagt also auf zwei Weisen: Sie übersieht Substanz, und sie lässt sich gezielt gestalten.
Der gekaufte Vorlauf
Eine Frage drängt sich auf: Warum hat City überhaupt den Umweg über überhöhte Verträge gewählt? Ein Klub dieser Größe sollte Sponsoren ohne Mühe finden. Aus heutiger Sicht trifft das zu, für die Ausgangslage von 2008 jedoch nicht. Als Scheich Mansour den Klub übernahm, spielte City im Mittelfeld der Liga, mit begrenzter internationaler Bekanntheit und bescheidenen Vermarktungserlösen. Sponsoren zahlen für Reichweite, Titel und Präsenz in der Champions League, also für das, was City erst werden sollte. Sponsoring folgt dem Erfolg, es geht ihm nicht voraus.
Der Eigentümer wollte einen Aufbau, der üblicherweise Jahrzehnte dauert, in wenige Jahre pressen. Dafür brauchte er Mittel in einer Größenordnung, die der Markt für diesen Klub zu diesem Zeitpunkt nicht bereitgestellt hätte. Zugleich schloss sich der offene Weg: Ab 2011 begrenzte das Financial Fairplay der UEFA, wie viel Eigentümer als Eigenkapital zuschießen dürfen, die Premier League folgte wenig später mit eigenen Verlustgr…
