In der Handelsblatt-Serie „Zukunftsgestalter“ beginnt Trumpfs KI-Geschichte mit einem großen Wort: Revolution. Doch das zentrale Beispiel dieser Revolution ist zwei Jahre alt, die entscheidende Software kommt von einem Alphabet-Konzern – und ausgerechnet dessen führender Wissenschaftler räumt ein, wie früh diese Entwicklung tatsächlich steht.
In der Entwicklungshalle von Trumpf in Ditzingen beginnt, folgt man der Handelsblatt-Serie „Zukunftsgestalter“, nichts weniger als die Revolution der Robotik. Maschinen hörten auf, jede Bewegung vorgegeben zu bekommen, und begännen, selbst zu entscheiden. Es ist eine große Erzählung, getragen von Zitaten des Robotik-Chefs Ralph Lange und der KI-Verantwortlichen Sarah Engel, unterlegt mit beeindruckenden Zahlen zu Entwicklerteams und vernetzten Maschinen. Wer sich das zentrale Anschauungsbeispiel dieser Erzählung genauer ansieht, findet allerdings eine deutlich bescheidenere Geschichte – und die stammt größtenteils von Trumpf selbst.
Ein Produkt, zwei Jahre, immer dieselben Sätze
Das im Handelsblatt-Artikel vorgeführte Beispiel für den Wandel ist der SortMaster Vision: ein kamerabasiertes System, das geschnittene Blechteile erkennt, ihre Lage berechnet und sie sortiert ablegt. Vorgestellt wurde dieses Produkt bereits auf der Euroblech-Messe 2024. Seither taucht es in praktisch identischer Formulierung in einer Reihe von Fachartikeln auf, die sich inhaltlich stark überschneiden – dieselbe Formulierung vom „Durchbruch beim automatisierten Absortieren“, dieselbe Beschreibung der Funktionsweise, dieselben Ansprechpartner. Ende 2026, mehr als zwei Jahre nach der ersten Vorstellung, ist der SortMaster Vision im Handelsblatt-Stück immer noch das Beispiel, mit dem die „Revolution“ illustriert wird.
Das ist zunächst kein Vorwurf gegen das Produkt selbst – ob es funktioniert, lässt sich von außen kaum beurteilen. Es ist aber ein Befund zum Erzähltempo: Eine Branche, die sich nach eigener Darstellung gerade grundlegend wandelt, sollte nach zwei Jahren mehr als ein einziges, wiederholt vermarktetes Vorzeigebeispiel vorweisen können. Wiederholte PR-Verwertung eines Einzelfalls ist etwas anderes als ein sich beschleunigender Wandel mit wachsender Zahl an Anwendungen.
Die eigentliche Kompetenz liegt woanders
Auffälliger noch ist, wie offen Trumpf in eigenen Fachinterviews zugibt, woher die entscheidenden Fähigkeiten stammen. Auf die Frage, worauf die aktuelle Robotik-Offensive technisch beruhe, verweist Paul Stumpf, verantwortlich für globale Robotik im Werkzeugmaschinenbereich, auf ein Netz externer Partner: für Software und Robotersteuerung auf Intrinsic, die Robotik-Tochter des Alphabet-Konzerns, für Greiftechnik auf Schmalz und Schunk, für die Roboterhardware selbst auf KUKA und Fanuc. Trumpfs eigene Rolle besteht darin, diese Bausteine in die eigene Domäne der Blechbearbeitung zu integrieren – was durchaus wertvoll sein kann, aber etwas anderes ist als der Aufbau einer eigenen KI-Kernkompetenz.
Dieses Muster fügt sich in eine Beobachtung, die sich bereits an anderer Stelle zeigte, etwa bei der Frage nach Architekturmacht in der Halbleiterfertigung: Die alte, komponentenbasierte Stärke (bei Trumpf: der Laser) bleibt in deutscher Hand, während die neue, softwarebasierte Schicht bei einem außereuropäischen Plattformanbieter entsteht. Ob sich dieses Muster auch in der industriellen Robotik wiederholt, ist mit einem Einzelfall nicht belegt – aber der Trumpf-Fall liefert dafür einen weiteren Beleg.
Das Eingeständnis des eigenen Partners
Der aufschlussreichste Fund stammt nicht von einem externen Kritiker, sondern von einem der zentralen Träger der Trumpf-Erzählung selbst. Torsten Kröger, Chief Science Officer bei Intrinsic und zugleich Professor am Karlsruher Institut für Technologie, wurde in einem Trumpf-eigenen Interview gefragt, wie weit KI-basierte Robotik tatsächlich sei. Seine Antwort zu selbstständig lernenden Robotern im realen Raum: man stecke da „noch in den Kinderschuhen“. Das ist bemerkenswert, weil es exakt die Person ist, deren Unternehmen die technische Grundlage für Trumpfs Vorzeigeprodukt liefert – und die trotzdem die Grenzen der eigenen Technologie unumwunden benennt.
Diese Einschätzung deckt sich mit einer Aussage von Ralph Lange selbst im Handelsblatt-Artikel, wonach moderne Roboter „noch nicht ständig selbst dazu“ lernten, sondern Daten sammelten, die Entwickler anschließend offline auswerten und in neue Softwarestände übersetzen. Intern wird also deutlich vorsichtiger gesprochen als in der öffentlichen Rahmung als „Revolution“.
Was dagegen spricht
Eine differenzierende Gegenprobe ist nötig. Trumpf betreibt neben der Produktvermarktung auch tatsächliche Grundlagenarbeit: Im Forschungsprojekt „Kognitive Automation für die Produktion“ arbeitet das Unternehmen in Sachsen mit weiteren Partnern an einem modularen Softwarebaukasten für kognitive Automatisierungsfunktionen – ein mehrjähriges, öffentlich weniger sichtbares Vorhaben, das für eine über reine PR hinausgehende Substanz spricht. Auch der zwölfprozentige Entwicklungsanteil am Umsatz, den Trumpf trotz Sparkurs beibehält, deutet nicht auf ein Unternehmen hin, das nur Rhetorik produziert.
Schluss
Die Frage, die sich aus alldem ergibt, ist nicht, ob Trumpf über KI-Know-how verfügt, sondern über welches: eher Integrations- und Anwendungskompetenz in der eigenen Domäne als eigenständige KI-Grundlagenforschung, eher ein einzelnes, wiederholt vorgezeigtes Produkt als eine breite Erneuerungswelle. Das ist vorläufig markiert – ein einzelner Fall, so aufschlussreich er auch ist, belegt kein branchenweites Muster. Aber die auffällige Distanz zwischen dem Erzähltempo der PR-Serie und dem Eingeständnis des eigenen Technologiepartners ist ein Befund, der bei künftigen Trumpf-Ankündigungen zur KI-Robotik mitgedacht werden sollte.
Ralf Keuper
Quellenliste
- Trumpf auf dem Weg zum Maschinen-Menschen
- Trumpf profitiert von Intrinsics KI-Robot-Vision-Technologie, automationspraxis.industrie.de: https://automationspraxis.industrie.de/ki/trumpf-profitiert-von-intrinsics-ki-robot-vision-technologie/
- Wie Trumpf die intelligente Robotik vorantreibt (Interview Paul Stumpf), automationspraxis.industrie.de: https://automationspraxis.industrie.de/ki/wie-trumpf-die-intelligente-robotik-vorantreibt/
- Was KI-gesteuerte Robotik für den Mittelstand bedeutet, cyberforum.de: https://www.cyberforum.de/newsroom/was-ki-gesteuerte-robotik-fuer-den-mittelstand-bedeutet
- Forschungsprojekt: TRUMPF rüstet große Werkzeugmaschinen mit Robotik und KI, schneidforum.de: https://www.schneidforum.de/news/trumpf-robotik-und-ki/
- Robotik neu gedacht (Interview Lange/Stumpf), vdi-wissensforum.de: https://www.vdi-wissensforum.de/presse/robotik-neu-gedacht/
- Interview: Mit KI programmieren sich Maschinen selbst (Schäfer/Kröger), trumpf.com: https://www.trumpf.com/de_DE/newsroom/stories/interview-mit-ki-programmieren-sich-maschinen-selbst/
