Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) hat seine Prognose für 2026 von Stagnation auf ein reales Produktionsminus von 2 Prozent gesenkt und erwartet für 2027 ein Wachstum von 3 Prozent. Die Zahlen dahinter zeichnen ein gespaltenes Bild: In den ersten sieben Monaten 2026 lag die reale Produktion 4,1 Prozent unter Vorjahresniveau, die Kapazitäten blieben deutlich unterausgelastet. Gleichzeitig stiegen die preisbereinigten Auftragseingänge um 5 Prozent, mit einem besonders kräftigen Zuwachs aus Nicht-Euro-Ländern von 14 Prozent – während der deutsche Binnenmarkt merklich schwächer blieb als das Ausland.
Ein Fluss, der dem anderen vorauseilt
Diese Konstellation ist eine engere, mechanistischere Variante einer Spannung, die sich bereits an anderer Stelle beobachten ließ: der Gegenüberstellung von Michael Miebachs Auftragsbestand-Optimismus und Brad Setsers Warnung vor einem „China-Schock 2.0″. Dort ging es um Bestandsgröße gegen strukturelle Kapazitätsverschiebung – zwei unterschiedliche Zeithorizonte, die sich nicht zwangsläufig widersprechen. Die VDMA-Zahlen zum Maschinenbau verschieben diese Figur noch einmal: Hier stehen sich zwei Fluss-Indikatoren gegenüber, nicht Bestand gegen Fluss. Der Auftragseingang ist ein Frühindikator, der der Produktion vorauseilt; dass er positiv ausschlägt, während die laufende Produktion weiter schrumpft, ist zunächst kein Widerspruch, sondern die normale zeitliche Verzögerung zwischen Bestellung und Fertigung. Die offene Frage ist, ob und wann sich der eine Fluss in den anderen übersetzt – und ob die geografische Zusammensetzung des Auftragswachstums (Nicht-Euro-Länder deutlich stärker als der Binnenmarkt) überhaupt für eine binnenwirtschaftlich getragene Erholung spricht oder für eine importierte, die an anderer Stelle bereits an ihre Grenzen stoßen könnte.
Ein wiederkehrendes Muster
Die Erzählstruktur der aktuellen Meldung – schwaches laufendes Jahr, Verweis auf Auftragseingänge und externe Faktoren als Hoffnungsanker, Verschiebung der Trendwende ins Folgejahr – ist keine neue Figur, sondern lässt sich über mehrere Jahre zurückverfolgen.
Im Dezember 2023 erwartete der VDMA für 2024 zunächst ein Produktionsminus von 4 Prozent, gestützt auf die Beobachtung, dass die Produktion bis Oktober 2023 noch ein reales Plus von 0,9 Prozent erreicht hatte, während der sinkende Auftragsbestand die Produktion zunehmend weniger stützen konnte. Die Auftragseingänge lagen zu diesem Zeitpunkt bereits real 13 Prozent unter Vorjahr, die Auftragsreichweite in 60 Prozent der Unternehmen unter dem langjährigen Durchschnitt.
Diese Prognose hielt nicht: Im September 2024 senkte der VDMA die Erwartung für das laufende Jahr auf ein Minus von 8 Prozent, nachdem die Produktion in den ersten sieben Monaten um 6,8 Prozent geschrumpft war. Der VDMA-Chefvolkswirt räumte ein, man habe zwar noch nicht mit einer moderaten Erholung gerechnet, wohl aber mit einer nachhaltigen Stabilisierung auf niedrigem Niveau – auch das traf nicht ein. Die Trendwende wurde auf 2025 verschoben, mit einer Prognose von minus 2 Prozent, verbunden mit der Hoffnung auf sinkende Zinsen als konjunkturellem Auslöser. Im Dezember 2024 bestätigte der VDMA sowohl die Acht-Prozent-Zahl für 2024 als auch die Zwei-Prozent-Erwartung für 2025.
2025 war die Prognose ungewöhnlich genau: Die Produktion schrumpfte nach vorläufiger Berechnung um real 2,6 Prozent, die Exporte gingen preisbereinigt um 3,3 Prozent zurück, verschärft durch US-Zölle und Protektionismus. Der Jahresschluss fiel dabei deutlich holpriger aus als der Durchschnittswert vermuten lässt: Im Dezember 2025 brach die Industrieproduktion gegenüber dem Vormonat um 1,9 Prozent ein, mit einem Rückgang im Maschinenbau von 6,8 Prozent allein in diesem Monat.
Drei Jahre in Folge – 2023 auf 2024, 2024 auf 2025, jetzt 2025 auf 2026/27 – folgt die Prognosekommunikation damit derselben Grundstruktur. Der Unterschied zu den Vorjahren: Die aktuelle 2026er-Zahl wurde nicht im Jahresverlauf mehrfach nach unten korrigiert, sondern in einem Schritt von Stagnation auf minus 2 Prozent gesenkt. Und die überraschend treffsichere 2025er-Prognose verschafft dem Verband einen gewissen Vertrauensvorschuss für die 2027er-Zahl – der sich allerdings ebenso als Zufallstreffer nach zwei Jahren deutlicher Fehleinschätzung lesen lässt wie als Zeichen verbesserter Prognosefähigkeit.
Der geldpolitische Gegenwind
Der VDMA verbindet die für 2027 erwartete Erholung ausdrücklich mit drei Bedingungen: einer robusteren Weltwirtschaft, steigenden Investitionen in Ausrüstung und staatlichen Konjunkturimpulsen in Deutschland. Zum Zeitpunkt der Prognose selbst laufen alle drei Bedingungen bereits unter Druck.
Die Europäische Zentralbank hat am 10. September 2026 zum zweiten Mal in Folge die Leitzinsen angehoben – der Einlagensatz stieg von 2,25 auf 2,50 Prozent, nach der ersten Erhöhung im Juni von 2,00 auf 2,25 Prozent. Nach zwei Jahren Senkungskurs (Höchststand 4,00 Prozent 2023, Tiefpunkt 2,00 Prozent im Sommer 2025) ist die Zinswende damit nach oben vollzogen, ausdrücklich als Reaktion auf geopolitisch bedingte Teuerung statt auf eine überhitzte Binnennachfrage: Die Inflation im Euroraum stieg im August 2026 auf 3,3 Prozent, mit dem Energiesektor als Haupttreiber (plus 14 Prozent im Jahresvergleich), ausgelöst durch die Lage im Nahen Osten.
Die US-Notenbank zog wenige Tage später nach: Am 16./17. September 2026 hob die Fed den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent an – die erste Erhöhung seit 2023, ebenfalls als Reaktion auf durch den Iran-Krieg und geopolitische Schocks getriebene Energiepreise. Der aktualisierte Dot-Plot signalisiert, dass ein Großteil der Notenbanker im laufenden Jahr noch mindestens eine weitere Erhöhung erwartet; die Inflationsprognose wurde gleichzeitig nach oben korrigiert, eine Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel wird frühestens nach 2028 erwartet. Damit verteuert sich Investitionskapital nahezu zeitgleich beiderseits des Atlantiks – nicht nur im europäischen Binnenmarkt, sondern auch im wichtigsten Nicht-Euro-Absatzmarkt des deutschen Maschinenbaus.
Zur Zollfrage zeigt sich über das Jahr 2026 kein stabileres Bild, sondern ein fortgesetztes Muster aus Drohung, kurzem Aufschub und neuer Drohung: neue sektorale Zölle auf Metalle und Pharmazeutika im April 2026, wiederholte Zollandrohungen gegen die EU im Mai und Juni, ein im Sommer 2025 vereinbarter Rahmendeal (Turnberry), dessen Umsetzung im Sommer 2026 erneut infrage stand. Eine belastbare, tarifsenkende Entspannung zwischen EU und USA zeichnet sich zum Zeitpunkt der VDMA-Prognose nicht ab.
Anders liegt der Fall bei der dritten Bedingung, den staatlichen Konjunkturimpulsen. Hier lässt sich die vom VDMA erhoffte Wirkung bereits gesamtwirtschaftlich nachweisen, nicht nur erhoffen. Mit dem 2025 beschlossenen 500-Milliarden-Sondervermögen (300 Milliarden für Bundesinvestitionen in Infrastruktur, 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds, 100 Milliarden für Länder und Kommunen) sowie den über die gelockerte Schuldenbremse finanzierten Verteidigungsausgaben schaltet die deutsche Finanzpolitik nach Einschätzung des IMK (Hans-Böckler-Stiftung) 2026 erstmals seit Jahren von fiskalischer Kontraktion auf Expansion um, mit Impulsen in der Größenordnung von rund einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für 2026 plant der Bund einen Investitionshochlauf von rund 120 Milliarden Euro, davon 58 Milliarden aus dem Sondervermögen; die Ausrüstungsinvestitionen sollen laut IMK im Jahresdurchschnitt um 4,4 Prozent zulegen, nach einem Rückgang von 2,2 Prozent im Vorjahr. Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute (IMK, KfW, Bundesbank) erwarten für 2026 ein Bruttoinlandsprodukt-Wachstum zwischen 0,8 und 1,5 Prozent – erstmals seit der Wiedervereinigung rein binnenwirtschaftlich statt exportgetrieben.
Von den drei vom Verband genannten Bedingungen für die 2027er-Erholung ist damit nur eine bereits messbar erfüllt: die staatlichen Konjunkturimpulse laufen an und zeigen gesamtwirtschaftlich Wirkung. Die beiden anderen – robustere Weltwirtschaft, steigende Investitionsbereitschaft über den staatlichen Impuls hinaus – stehen weiterhin unter dem Druck synchroner geldpolitischer Straffung und anhaltender Zollunsicherheit.
Damit verschiebt sich die eigentlich interessante Frage: Warum schlägt ein bereits laufender, binnenwirtschaftlich kräftiger Investitionsimpuls – Ausrüstungsinvestitionen mit einem für 2026 erwarteten Plus von 4,4 Prozent – bislang kaum in der VDMA-eigenen Produktionsstatistik durch, die für denselben Zeitraum ein Minus von 4,1 Prozent (Jan.–Jul.) zeigt? Drei Erklärungen wären zu prüfen, ohne dass die vorliegenden Daten bereits zwischen ihnen entscheiden: Ein Teil der Sondervermögen-Mittel fließt in Bau- und Infrastrukturleistungen statt in Maschinenkäufe; ein Teil der zusätzlichen Ausrüstungsinvestitionen bedient sich importierter statt inländisch produzierter Maschinen; oder es besteht schlicht eine zeitliche Verzögerung zwischen Haushaltsmittelfreigabe, Auftragsvergabe und tatsächlicher Produktionswirkung, die sich erst 2027 zeigt – was der VDMA-eigenen Erwartung einer erst im Folgejahr ankommenden Erholung entsprechen würde.
Einordnung
Die 2027-Prognose des VDMA ist damit weniger eine gesicherte Trendwende als ein Erholungsszenario unter gemischten Bedingungen: Der staatliche Konjunkturimpuls läuft bereits an und ist gesamtwirtschaftlich nachweisbar, während Weltwirtschaft und Investitionsklima durch synchrone geldpolitische Straffung und anhaltende Zollunsicherheit belastet bleiben. Dass der Verband in den vergangenen Jahren wiederholt dieselbe Erzählstruktur – schwaches Jahr, Verweis auf externe Hoffnungsfaktoren, Verschiebung der Wende – verwendet hat, macht die aktuelle Zahl nicht falsch, aber sie verlangt eine differenzierte Lesart, als die Pressemitteilung selbst nahelegt. Die eigentlich offene Frage liegt nicht mehr darin, ob es überhaupt binnenwirtschaftliche Impulse gibt, sondern warum diese bislang kaum in der Produktionsstatistik des Maschinenbaus ankommen. Ob sich der positive Auftragseingang tatsächlich in Produktion übersetzt, bleibt vorläufig korroboriert, nicht verifiziert.
Ralf Keuper
Quellen
- VDMA-Jahresprognose 2024/2025 (produktion.de)
- Maschinenbau in der Krise? 2024 drastischer Produktionsrückgang erwartet (deutsche-wirtschafts-nachrichten.de)
- Maschinenbauer senken Produktions-Prognose, Reuters/onvista.de
- VDMA: Produktionsminus von 2 % im nächsten Jahr (computer-automation.de)
- Maschinenbau wartet auf die Trendwende (produktion.de)
- VDMA zur Lage im laufenden Jahr: Produktion deutlich schwächer als erwartet (produktion.de)
- VDMA: Maschinenexporte sinken 2025 um 1,8 Prozent (industrial-production.de)
- Produzierendes Gewerbe bricht im Dezember 2025 ein (produktion.de)
- US-Zollpolitik: Trump gewährt EU bei angedrohten neuen Zöllen Aufschub (stuttgarter-zeitung.de)
- taz.de: Chronik der EU-US-Zollauseinandersetzung 2026
- EZB-Leitzinserhöhung: Einlagensatz steigt auf 2,5 Prozent (cash-online.de)
- EZB-Zinsprognose 10. September 2026 (raisin.com)
- Fed rate decision September 2026: Rates rise to 3.75%-4% (cnbc.com)
- Fed raises interest rates for the first time since 2023 (cnn.com)
- Fed raises rates, signals another 2026 hike could follow (thestreet.com)
- IMK-Jahresausblick: Wirtschaftspolitik 2026 (boeckler.de)
- Bundesbank: Wachstum zieht ab dem Frühjahr 2026 an (boersen-zeitung.de)
- Deutschland wächst wieder – aber zu langsam (stock3.com)
- IMK Böckler Impuls: Konjunktur – Erholung in Sicht (boeckler.de)
- KfW Research: Wachstum trotz Gegenwind (retail-news.de)
