Audi gibt dem Werk Neckarsulm bis zum 30. Juni 2027 Zeit, ein wettbewerbsfähiges Konzept vorzulegen. Zugleich kommt im vierten Quartal das neue Spitzenmodell der Marke auf den Markt, ein SUV, das in Bratislava gebaut wird. Der Essay fragt, ob die Flucht in das obere Preissegment die Marge der Marke trägt und was sie für ein Werk bedeutet, das jahrzehntelang die Oberklasse gebaut hat.


Am 3. September einigte sich der Aufsichtsrat von Volkswagen überraschend auf einen Sparplan. Für das Audi-Werk Neckarsulm, mit über 15.500 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Region Heilbronn-Franken, bedeutet er vor allem eine Frist: Bis zum 30. Juni 2027 soll ein nachhaltiges und wettbewerbsfähiges Produktionskonzept vorliegen. Eine Schließung ist nicht beschlossen, der Betriebsrat betont ausdrücklich, dass der Gesamtbeschluss keine Schließung enthält. Sicherheit gibt es dennoch nicht.

Eine Frist ohne Gegenleistung

Volkswagen-Chef Oliver Blume hatte zuvor bestätigt, dass er für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den 2030er-Jahren noch keine wettbewerbsgerechte Belegung benennen könne. Schließungen nannte er die letzte und teuerste Lösung. Von den vier Werken gehört nur Neckarsulm zur Marke Audi, die anderen drei sind Volkswagen-Standorte. Das spricht dafür, dass hier eine Frage der Konzernallokation verhandelt wird und nicht in erster Linie ein Problem der Marke.

Auffällig ist die Reihenfolge. Das Werk soll Kosten senken, bevor der Konzern sagt, welche Modelle es bekommt. Neu ist das nicht. Die Zukunftsvereinbarung von 2025, ein Standortsicherungspakt zwischen Audi und dem Betriebsrat, folgte demselben Muster: Beschäftigungssicherung bis Ende 2033, Verbrennerfertigung in Neckarsulm bis 2032 bestätigt, ein Zukunftsfonds von 250 Millionen Euro. Im Gegenzug gab es deutliche Einschnitte bei der Ergebnisbeteiligung. Vorgesehen war zudem ein volumenstarkes Elektromodell für Neckarsulm. Es ist bis heute nicht zugewiesen, der Betriebsrat fordert es weiter. Für den Nachfolger des A8 nennen Berichte Leipzig als bevorzugten Standort, eine endgültige Entscheidung gibt es dazu nicht.

Die Marge, die aus den Kosten kommt

Die operative Umsatzrendite, also das operative Ergebnis in Prozent vom Umsatz, lag beim Audi Konzern 2023 bei 9,0 Prozent, 2024 bei 6,0 und 2025 bei 5,1 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 betrug sie 3,8 Prozent, nach 3,3 Prozent im Vorjahreszeitraum. Das operative Ergebnis stieg leicht auf 1,12 Milliarden Euro, während der Umsatz von 32,6 auf 29,2 Milliarden Euro fiel, ein Minus von rund zehn Prozent. Die Auslieferungen der Marke Audi sanken um 7,2 Prozent auf 727.245 Fahrzeuge. Audi selbst nennt strikte Kostendisziplin als Grund für das stabile Ergebnis und führt negative Produktmix-Effekte als Belastung an. Realisierte Preise weist die Halbjahresmeldung nicht aus.

Die Prognose für 2026 wurde auf eine Umsatzrendite von 5 bis 7 Prozent gesenkt, zuvor waren es 6 bis 8 Prozent. Die Umsatzerwartung sank auf 58 bis 63 Milliarden Euro. Zudem bildet die operative Marge die China-Schwäche nur teilweise ab: Der Beitrag des China-Geschäfts im Finanzergebnis fiel von 279 auf 73 Millionen Euro.

Ein Audi-spezifischer Abstieg lässt sich daraus nicht ableiten. BMW weist im Segment Automobile für das erste Halbjahr eine EBIT-Marge von 3,6 Prozent aus, im zweiten Quartal nur 2,3 Prozent, und hat die Jahresprognose von 4 bis 6 auf 1 bis 3 Prozent gesenkt. Mercedes-Benz Cars kam im zweiten Quartal auf eine bereinigte Umsatzrendite von 4,0 Prozent nach 5,1 Prozent und erwartet für das Jahr 3 bis 5 Prozent. Die Kennzahlen sind nicht deckungsgleich, die Richtung ist aber dieselbe. China und die US-Zölle belasten alle drei.

Die Flucht nach oben

Der A8 hat sich als Flaggschiff erschöpft. Sein Absatz fiel von rund 40.000 Fahrzeugen im Jahr 2014 auf unter 12.000. Die Fertigung in Neckarsulm endet 2026, zum genauen Zeitpunkt sind die Angaben uneinheitlich. Ein neuer A8 ist grundsätzlich bestätigt, soll aber erst um 2030 erscheinen.

Die Spitze der Modellpalette übernimmt der Q9, ein SUV oberhalb des Q7. Sein Preis steigt von 87.900 auf 108.400 Euro, die Auslieferung beginnt im vierten Quartal in Nordamerika und Europa. Gebaut wird er in Bratislava.

Das ist das bekannte Muster der deutschen Premiumhersteller: weniger Fahrzeuge zu höheren Preisen, Marge je Fahrzeug über Größe und Leistung. Es verteidigt die Marke und verschärft zugleich die Auslastung der Werke. Neckarsulm arbeitet nach Angaben von Finanzvorstand Jürgen Rittersberger derzeit mit einer jährlichen Kapazität von 225.000 Fahrzeugen, rund 75.000 weniger als in den Vorjahren.

Was Porsche zeigt

Dass die Flucht nach oben trägt, ist damit nicht belegt. Porsche, die Marke mit der größten Preismacht im Konzern, lieferte im ersten Halbjahr 122.306 Fahrzeuge aus, 16 Prozent weniger als im Vorjahr. In China sank der Absatz um 32 Prozent, in Nordamerika um 13 Prozent. Der Taycan verlor rund ein Viertel, und selbst der Cayenne, das große SUV und meistverkaufte Modell, gab um 9 Prozent nach. Beim Macan nennt Porsche in China eine zeitweise Produktlücke, das relativiert den Einbruch dort. Die Annahme, ein großes Luxus-SUV trage sich von selbst, steht damit auf schwachem Grund.

Für den Q9 kommt der Zoll hinzu. Maßgeblich ist die Herkunft in der EU, nicht in Deutschland: Auf Fahrzeuge mit EU-Ursprung erheben die USA nach dem Handelsabkommen von 2025 15 Prozent, der in Bratislava gebaute Q9 fällt also darunter. Anfang Mai 2026 kündigte Präsident Trump an, den Satz auf 25 Prozent anzuheben, ausgenommen sollen in den USA gebaute Fahrzeuge sein. Ob die Erhöhung in Kraft getreten ist, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht klären. BMW fertigt rund die Hälfte seiner US-Verkäufe im Werk Spartanburg und gibt die Zollkosten kaum über die Preise weiter, was die Marge direkt trifft. Audi hat nach vorliegenden Angaben kein US-Werk, belastet haben die Zölle das Ergebnis 2025 mit 1,2 Milliarden Euro. Verkaufszahlen zum Q9 gibt es noch nicht.

Das Werk als Wette anderer

Daraus ergibt sich eine These: Die Rolle des Flaggschiffs wandert von der Limousine in Neckarsulm zum SUV in Bratislava, und das Werk trägt die Kostenlast einer Wette, die anderswo gebaut wird. Diese These ist vorläufig korroboriert, nicht verifiziert. Dafür sprechen Blumes Aussage zu vier Werken, die Abfolge von Vorleistung und späterer Belegung sowie der Fertigungsort des Q9. Dagegen sprechen, dass über Leipzig nichts entschieden ist, dass der Q9 sich durchsetzen könnte und dass die Politik und der Betriebsrat Neckarsulm mit Elektronik, Digitalisierung und KI am Innovationspark in Heilbronn neu positionieren wollen.

Widerlegt wäre die These, wenn Neckarsulm vor dem 30. Juni 2027 verbindlich ein volumenstarkes Modell zugesprochen bekäme. Bestätigt würde sie, wenn der A8-Nachfolger tatsächlich nach Leipzig geht und für das Werk nur das Auslaufen von A5 und A6 bleibt.

Ralf Keuper


Quellen

Die Angaben stützen sich auf Unternehmensmitteilungen, Geschäfts- und Quartalsberichte sowie Agenturmeldungen.