Die europäische Penicillin-Produktion hängt an einem einzigen Standort in Tirol. Dass er noch besteht, verdankt sich einer öffentlichen Förderung von 2020 und einer Zusage, die nicht ewig gilt. Die Dokumentation „Verlorene Heilkraft“ erzählt das als Verlust durch Globalisierung und niedrige Arzneimittelpreise. Die Lage ist nüchterner und zugleich unbequemer: Gerettet wurde Zeit, nicht Souveränität.
Ein Erfolg, der sich nicht wiederholen lässt
Die 3sat-Dokumentation „Verlorene Heilkraft – Europas fatale Penicillin-Abhängigkeit“ von Christian Kugler spannt den Bogen von der Medizingeschichte bis zur Industriepolitik. Penicillin ist eine europäische Entwicklung. In Kundl entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einer ehemaligen Brauerei die erste Penicillinfabrik des Kontinents, und zwei Tiroler Forscher, Ernst Margreiter und Hans Brandl, entwickelten dort das oral verfügbare Penicillin. Heute ist das Werk, nach Angaben des Betreibers Sandoz, die letzte vollständig integrierte Antibiotikaproduktion der westlichen Welt, in der Wirkstoff und Fertigarzneimittel am selben Standort entstehen.
Dass dieses Werk noch existiert, war keine Selbstverständlichkeit. Novartis, die Muttergesellschaft von Sandoz, hatte erwogen, die Penicillinproduktion nach Asien zu verlagern. 2020 einigten sich Sandoz und die österreichische Regierung auf ein Investitionsprogramm: Das Unternehmen investiert mehr als 150 Millionen Euro, die öffentliche Hand steuert rund 50 Millionen bei. Im Gegenzug verpflichtete sich Sandoz, die relevante Penicillin-Wirkstoffproduktion zehn Jahre in Europa zu halten.
Die Frist
Die Zusage läuft damit voraussichtlich um 2030 aus. Das ändert den Charakter der Rettung. Der Staat hat sich Zeit gekauft, keine Dauer. Ob danach produziert wird, hängt davon ab, ob sich die Wirtschaftlichkeit bis dahin grundlegend geändert hat. Bisher spricht wenig dafür.
Sandoz selbst legt den Finger auf den wunden Punkt. Zum 80-jährigen Bestehen des Werks hat das Unternehmen bei der EU-Kommission den Entwurf einer Anti-Dumping-Beschwerde gegen chinesische Amoxicillin-Wirkstoffe eingereicht. Die Wirkstoffe würden teils unter Produktionskosten verkauft und staatlich gestützt. Das ist die Position des Unternehmens, keine festgestellte Tatsache. Sie zeigt aber, dass auch nach der Förderung der Preisabstand das Problem bleibt. Der Novartis-Europabetriebsrat hatte schon früher gewarnt, dass Preisrabatte auf Antibiotika, wie sie in einigen europäischen Ländern üblich sind, die Verlagerung verstärkt haben.
Zu viel Gewicht für die Preise?
Die Dokumentation argumentiert, dass der hohe Lebensstandard in Europa auch dadurch entstanden sei, dass Arzneimittel billig waren, und dass dies die Verlagerung nach Asien und in die USA begünstigt habe. Bei Antibiotika trägt der erste Teil nur eingeschränkt. Generika sichern nach Angaben des Herstellerverbands Pro Generika 81 Prozent der Arzneimittelversorgung in Deutschland, verursachen aber nur knapp sechs Prozent der Kosten. Der Anteil, den billige Arzneimittel am Lebensstandard hatten, dürfte entsprechend klein sein. Wesentlich plausibler ist ein anderer Mechanismus, den ich in einem früheren Beitrag auf diesem Blog beschrieben habe: Die Einkaufslogik der Krankenkassen, also Rabattverträge mit dem jeweils günstigsten Anbieter, hat staatlich geförderten Wettbewerbern aus China den Markt geöffnet.
Auch der zweite Teil ist verkürzt. Die USA gehören nicht in dieselbe Erzählung. Dort sind Arzneimittelpreise hoch, und Produktion und Forschung sind dennoch teilweise anderswo entstanden. Für Antibiotika-Wirkstoffe liegt der Schwerpunkt in Asien: Nach einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft von 2025 befinden sich 47 Prozent der weltweiten Produktionsstandorte für Antibiotika in China, 27 Prozent in Indien und 23 Prozent in Europa.
Was die Rettung nicht leistet
Kundl sichert Wirkstoff und Fertigform für Penicillin. Es sichert nicht die Vorprodukte vor der Fermentation, und es sichert nicht die übrigen Antibiotika. Eine Studie im Auftrag von Pro Generika kam zu dem Ergebnis, dass bei 20 von 56 untersuchten versorgungskritischen Wirkstoffen die Versorgung in Deutschland gefährdet wäre, wenn chinesische Lieferungen ausfielen. Ein einzelnes Werk verändert diese Struktur nicht.
Was Kundl dagegen zeigt, ist der Wert von Herstellungskompetenz, die nie abgerissen ist. Wer eine Fermentation seit Jahrzehnten betreibt, muss die Lernkurve nicht neu durchlaufen. Wer sie aufgegeben hat, müsste das tun, während andere sie seit zwei Jahrzehnten hinter sich haben. Das ist das stärkste Argument dafür, bestehende Standorte zu erhalten, statt später neue aufzubauen.
Was die Politik daraus macht
Der Critical Medicines Act, auf den sich Parlament und Rat am 12. Mai 2026 vorläufig geeinigt haben, soll Resilienzkriterien in die öffentliche Vergabe bringen. Nach dem, was bisher bekannt ist, bleibt der Kompromiss in den strittigen Punkten hinter der Position des Parlaments zurück. Neue EU-Bevorratungspflichten sind nicht vorgesehen, und bei der Beschaffung verweist er auf bestehende Vergaberegeln. Ob das reicht, um eine Zusage wie die von Kundl nach 2030 zu ersetzen, ist offen. Parallel plant die Bundesregierung, Ausschreibungen für Krebsmedikamente wieder einzuführen, die 2017 untersagt worden waren.
Was offen bleibt
Dass punktuelle Rettungen ohne dauerhaften Rahmen nur Zeit kaufen, ist eine vorläufige Annahme. Sie wäre zu verwerfen, wenn Kundl nach 2030 ohne neue Förderung am Markt bestehen kann, etwa weil sich Wirkstoffpreise durch Anti-Dumping-Maßnahmen oder Resilienzkriterien dauerhaft verschieben. Ebenfalls offen ist, ob eine Dauergarantie nach indischem Vorbild, mit produktionsgebundener Förderung und Mindestimportpreisen, unter europäischen Kostenbedingungen dieselbe Wirkung hätte.
Bis dahin gilt: Die Frage, wer die Kosten für Versorgungssicherheit trägt, ist nicht geklärt. Versicherte, Steuerzahler und Hersteller kommen als Träger in Betracht, mit sehr unterschiedlichen Folgen. Eine Rettung, die nach zehn Jahren ausläuft, stellt diese Frage nur auf Wiedervorlage.
Ralf Keuper
Quellen
- 3sat: Verlorene Heilkraft – Europas fatale Penicillin-Abhängigkeit (Sendungsbeschreibung)
- EconLittera: Generika-Abhängigkeit, Rabattverträge und die deutsche Variante eines bekannten Musters
- dpa-AFX: Sandoz investiert in europäische Penicillin-Produktion
- Industriemagazin: Novartis belässt Penicillinproduktion in Tirol
- BioSpectrum Asia: Novartis to strengthen future of antibiotics manufacturing in Europe
- Moneycab: Sandoz kämpft gegen China-Dumping bei Antibiotika
- Tiroler Tageszeitung: Brandbrief aus Kundl
- Ärzteblatt: Abhängigkeit von China wachsendes Risiko für Arzneimittelversorgung
- McCann FitzGerald: EU Critical Medicines Act: Political agreement reached
