Frederick W. Taylors „Scientific Management“ kam spät nach Deutschland, und es kam verwandelt an. Georg Schlesinger machte daraus an der Technischen Hochschule Berlin keine Beraterlehre, sondern eine Ingenieurwissenschaft. Sie ruhte auf drei Pfeilern: dem Versuchsfeld als Ort der Messung, der Normung als Weg zur Verallgemeinerung und der Lehre als Mittel der Verbreitung. Wie belastbar diese Konstruktion war, zeigte sich 1933, als ein unbequemes Gutachten nachträglich „richtiggestellt“ wurde. Und die Frage, wer heute die Maßstäbe setzt, ist aktueller denn je.


Wer verstehen will, wie die Betriebswissenschaft nach Deutschland kam, findet eine gute Grundlage in dem von Günter Spur und Wolfram Fischer herausgegebenen Band Georg Schlesinger und die Wissenschaft vom Fabrikbetrieb. Er zeichnet die Geschichte des Berliner Lehrstuhls für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe detailliert nach, von der Gründung 1904 bis zur Vertreibung seines Inhabers 1933.

Georg Schlesinger (1874–1949) hatte zuvor als Ingenieur bei der Ludw. Loewe & Co. A.-G. gearbeitet. Dort erlebte er den Umbau einer Werkzeugmaschinenfabrik nach amerikanischem Vorbild aus nächster Nähe. Mit 30 Jahren übernahm er den neu geschaffenen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Charlottenburg, den ersten seiner Art in Deutschland. 1907 gründete er die Zeitschrift Werkstattstechnik, die zwischen technischer Wissenschaft und Betriebspraxis vermitteln sollte. Er gilt als Begründer der Betriebswissenschaft in Deutschland. Damit ist die wissenschaftliche Untersuchung von Fertigung, Werkstattorganisation und Wirtschaftlichkeit des Fabrikbetriebs gemeint, die heute unter dem Begriff Produktionswissenschaft firmiert.

Diese Zuschreibung lässt sich an den Quellen gut prüfen. Dabei zeigt sich, dass Schlesingers eigentliche Leistung weniger in einer einzelnen Theorie lag als in einer Verbindung. Er verknüpfte Messung, Normung und Lehre so, dass betriebliches Erfahrungswissen überprüfbar, übertragbar und lehrbar wurde.

Ein Import mit Verspätung

Den Ausgangspunkt bildet ein amerikanisches Programm. Frederick W. Taylor (1856–1915) hatte seit etwa 1896 ein System entwickelt, das die Fabrik grundlegend neu ordnen sollte. Dazu gehörten Zeitstudien statt Faustregeln, ein Planungsbüro statt des alten Vorarbeitersystems, differenzierte Akkordlöhne und der Anspruch, für jede Verrichtung den „one best way“ zu finden. Taylor selbst wollte „Scientific Management“ ausdrücklich nicht als Bündel von Effizienztechniken verstanden wissen. Er sprach von einer geistigen Revolution, die Arbeiter wie Unternehmer gleichermaßen erfassen müsse.

In Deutschland kam dieses Programm mit erheblicher Verspätung an. Taylors Hauptwerke erschienen erst ab 1908 auf Deutsch. Übersetzt hatte sie überwiegend Adolf Wallichs, Professor an der TH Aachen und neben Schlesinger der zweite frühe Vertreter des Fachs. Shop Management erschien 1909 als Die Betriebsleitung, The Principles of Scientific Management 1913 in der Übertragung von R…