Serumtherapie zwischen Wissenschaft, Kapital und Heroenkult

EconLittera – Besprechung zu: Ulrike Enke, Emil von Behring. 1854–1917. Immunologe, Nobelpreisträger, Unternehmer. Wallstein Verlag, Göttingen 2023.


Emil von Behring war der erste Nobelpreisträger für Medizin, Retter von Hunderttausenden Kindern durch die Diphtherie-Serumtherapie — und eine innerlich tief zerrissene Persönlichkeit, die als Geschäftspartner anstrengend bis unangenehm war. Ulrike Enkes Biographie ist mehr als eine Gelehrtengeschichte. Sie ist ein Lehrstück über die strukturellen Bedingungen wissenschaftlicher Kommerzialisierung, das in seinen Grundzügen bis heute nichts an Aktualität verloren hat.


Der Outsider als Strukturproblem

Emil von Behring gehört zu den großen Vergessenen der deutschen Wissenschaftsgeschichte: der erste Nobelpreisträger für Medizin, Retter von Hunderttausenden Kindern — und heute kaum mehr als ein Name auf einem Straßenschild. Die Verleihung des Jahres 1901, in dem die Nobelpreise erstmals vergeben wurden, fiel dabei in eine historische Ausnahmekonstellation: Im selben Jahr erhielten auch Konrad Röntgen den Physiknobelpreis und Jacobus Henricus van ‚t Hoff den Chemienobelpreis. Das war kein Zufall. Es spiegelte Deutschlands herausragende Stellung in den Naturwissenschaften um 1900 wider, die sich in einem einzigartigen Zusammenspiel aus universitärer Forschungsinfrastruktur, staatlicher Förderung und industrieller Anwendungsorientierung begründete. Behring war nicht nur ein individueller Ausnahmefall — er war ein Produkt und zugleich ein Symbol dieser wissenschaftlichen Hochkonjunktur.

Und dennoch war Behring zeitlebens ein Getriebener: sozial unverankert, wissenschaftlich exponiert, in Konkurrenz und Konflikt mit Kollegen und Institutionen. Vor allem aber war er eine innerlich tief zerrissene Persönlichkeit. Die äußere Karrierekurve — Nobelpreis, Nobilitierung, Villen, Weltruhm — verdeckt eine psychische Biographie, die von Selbstzweifeln, Erschöpfung und Krisen geprägt war.

Am deutlichsten trat das in den Jahren 1909 bis 1912 zutage: Nach seinen größten wissenschaftlichen und unternehmerischen Erfolgen erlebte Behring eine schwere persönliche Krise, die drei Jahre andauerte und ihn mit tiefen Selbstzweifeln und Suizidgedanken konfrontierte. Er war für längere Zeit in einer Privatklinik in München untergebracht. Das Paradox ist dabei analytisch bedeutsam: Die Krise traf ihn nicht in Zeiten des Scheiterns, sondern nach dem Triumph — als ob der Erfolg selbst eine innere Leere freigelegt hatte, die zuvor durch Ambition und Arbeit überdeckt worden war.

Materiell freilich war Behring früh auf der Gewinnerseite. Die Farbwerke Hoechst zahlten ihm bereits in den 1890er Jahren rund 350.000 Reichsmark jährlich — für die damalige Zeit eine außerordentliche, kaum mit heutigen Verhältnissen vergleichbare Summe. Behring investierte in eine repräsentative Villa in Marburg, eine Villa auf Capri und umfangreichen Immobilienbesitz in der Region. Seinem sozialen Aufstieg half darüber hinaus die Wahl seiner Ehefrau: Er heiratete die Tochter von Wilhelm Spinola, dem damaligen Direktor der Berliner Charité. Diese Verbindung öffnete ihm Türen in den etablierten Berliner Bildungs- und Wissenschaftskreisen, die einem Mann seiner Herkunft — er stammte aus einer ostpreußischen Lehrerfamilie mit neun Geschwistern — nicht automatisch offenstanden.

Zum Bild des sozialen Aufsteigers gehört auch Behrings persönliches Auftreten: Er war ausgesprochen weltmännisch, legte großen Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild und kultivierte den Habitus eines arrivierten Wissenschaftlers mit europäischem Format. Dieser Habitus war kein bloßes Ornament — er war Teil seiner Kommunikationsstrategie. In einer Zeit, in der wissenschaftliche Autorität auch körperlich und repräsentativ verkörpert werden musste, war das gepflegte Erscheinungsbild eines Gelehrten ein Signal an Investoren, Ministerialbeamte und Kongressteilnehmer zugleich. Besonders aufschlussreich ist dabei Behrings Verhältnis zu Frankreich und zur Pasteur-Schule. Er war ein großer Bewunderer Louis Pasteurs — was angesichts des deutsch-französischen Nationalismus der Gründerzeit und der Rivalität zwischen Koch und Pasteur keine Selbstverständlichkeit war. Behring pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Pasteurs Mitarbeitern, darunter Élie Metchnikoff, und war häufig zu Gast am Institut Pasteur in Paris. Wer in Paris verkehrte, signalisierte europäischen Rang, nicht nur deutschen Provinzialismus.

Was ihn gleichwohl verwundbar machte, war nicht der Mangel an Geld oder gesellschaftlicher Stellung — seine Nobilitierung zum Emil von Behring krönte schließlich einen sozialen Aufstieg, der in der deutschen Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts seinesgleichen sucht. Verwundbar machte ihn die Fragilität seiner wissenschaftlichen Reputation: Er war kein Ordinarius im klassischen Sinne, kein Klinikchef mit gesichertem akademischen Rückhalt. Sein entscheidendes Kapital war sein Name — und der musste permanent verteidigt werden.

Die Frage, die Behrings Lebenswerk aufwirft, ist keine historische Kuriosität. Sie ist eine analytische Dauerfrage: Unter welchen Bedingungen gelingt die Transformation wissenschaftlichen Wissens in wirtschaftliche Wertschöpfung — und wer kontrolliert diesen Prozess?


Denkkollektiv und tacit knowledge

Behrings Entdeckung entstand nicht im Vakuum. Die Sektion um Robert Koch in Berlin bildete ein dichtes epistemisches Netzwerk — ein Denkkollektiv im Sinne Ludwik Flecks —, das Wissen nicht nur produzierte, sondern auch normierte, weitergab und kontrollierte. Behring, Kitasato, Ehrlich, Wernicke: Sie arbeiteten in räumlicher Nähe, aber unter ungleichen institutionellen Bedingungen.

Kitasatos Beitrag zur Tetanus-Immunisierung, die gemeinsame Publikation mit Behring 1890, markiert einen Wendepunkt: Hier wurde erstmals gezeigt, dass Immunität übertragbar ist — dass das Blut eines immunisierten Tieres ein anderes Tier schützen kann. Das war nicht nur eine medizinische Erkenntnis. Es war eine kommerzielle Möglichkeit. Entscheidend ist dabei das Element des tacit knowing im Sinne Michael Polanyis: Behring erwarb im Koch-Institut nicht nur Wissen, das man aufschreiben kann. Er erwarb Fertigkeiten, Urteilsvermögen, Laborpraxis — ein Wissenskapital, das nicht delegierbar war und das ihn von seinen Zeitgenossen unterschied.

Zugleich prägte die Koch-Sektion Behrings wissenschaftliche Identität auf eine widersprüchliche Weise. Zu Koch verband ihn eine Art Hassliebe: Er erkannte dessen überragende Verdienste an — Koch war der Übervater der deutschen Bakteriologie, an dem man nicht vorbeikam. Gleichzeitig verstand Behring sich als Rivale, nicht nur als Schüler. Der Wunsch, aus dem Schatten Kochs herauszutreten, eigene Prioritäten zu markieren und eine unabhängige wissenschaftliche Identität zu behaupten, zog sich als Leitmotiv durch seine Karriere.

Dass dieser Weg überhaupt gelang, verdankte Behring nicht zuletzt einem einflussreichen Fürsprecher im Hintergrund: Friedrich Althoff, Leiter des Universitätsreferats im preußischen Kultusministerium und Begründer des sogenannten Systems Althoff. Althoff war der mächtigste Wissenschaftsmanager des Wilhelminischen Deutschland — ein Netzwerker und Machtmensch, der Karrieren bauen und zerstören konnte und die preußische Hochschullandschaft nach eigenen Vorstellungen formte. Die Notwendigkeit dieser Förderung wird deutlich, wenn man Behrings institutionelle Vorgeschichte kennt: Als Vertreter einer Professur an der Universität Halle hatte Behring seinen Ruf durch sein Verhalten schwer beschädigt. Ohne Althoffs aktives Eingreifen wäre eine ordentliche Professur kaum erreichbar gewesen. Althoff installierte ihn schließlich gegen den ausdrücklichen Widerstand des Senats und der Professorenschaft der Universität Marburg als Ordinarius â€â€¦