Ludwig Bölkows Erinnerungen lesen sich wie eine Abfolge von Stationen, an denen sich jeweils dieselbe Konstellation wiederholt: eine technische Fragestellung, die niemand zuvor gelöst hat, ein knapper werdendes Kapital, das die Firma an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringt, und ein Staat, der zugleich Auftraggeber, Regulator und einziger verlässlicher Kunde ist. Diese drei Ebenen – technisch, wirtschaftlich, politisch – lassen sich an fast jeder Station seiner Firmengeschichte einzeln nachzeichnen, angefangen bei der aerodynamischen Mitarbeit an der Me 262 bei Messerschmitt, über den zehnjährigen Umweg durch den Baumaschinenbau bis zur Rückkehr in die Luftfahrt 1954. Zusammengenommen ergeben sie das Muster, aus dem am Ende ein Konzern von der Größe der MBB entstand.


Vor Ottobrunn: Messerschmitt, Me 262 und die Nachkriegsjahre bis 1954

Nach dem Abitur 1932 in seiner Geburtsstadt Schwerin studierte Bölkow von 1933 bis 1939 Maschinenbau mit Fachrichtung Flugzeugbau an der TH Charlottenburg in Berlin. Ab März 1939 arbeitete er in der Aerodynamik-Abteilung des Projektbüros der Messerschmitt AG in Augsburg – jener Firma, mit der er zwei Jahrzehnte später im Entwicklungsring Süd wieder verhandeln, streiten und schließlich fusionieren sollte. Dort war er an der Überarbeitung der Bf 109 G und der Me 210 beteiligt und, nach eigener Aussage mit sichtlichem Stolz, an der aerodynamischen Formgebung der Me 262 – des ersten serienreifen Düsenjägers der Welt: Flügelprofile, Rumpfprofile, Leitwerkslagen. Mit einer kleinen, improvisierten Mannschaft und ohne Computer habe man 1943 mit der veralteten Bf 109 rechnerisch mit den neuesten amerikanischen Entwicklungen mithalten können – eine Erfahrung, die sich in seiner späteren Arbeitsweise als Firmengründer wiederfindet: kleine, hochmotivierte Teams, die mit intuitiven Lösungen große Rechenprobleme umgehen.

1943 übernahm er in Wiener Neustadt die Leitung eines Entwicklungsbüros für die Bf 109 K, im Januar 1944 zog das Projektbüro nach Oberammergau um, wo Bölkow bis Kriegsende blieb. Diese Zeit bleibt in den Erinnerungen selbst nur gestreift; die öffentliche Nachkriegsdebatte um seine Person hat hier allerdings einen eigenen, kontroversen Kern: 2017 beriet die Stadtvertretung Schwerins über eine Streichung Bölkows von der Ehrenbürgerliste, nachdem Erkenntnisse aufgetaucht waren, wonach er 1945 als Passfälscher für Angehörige der Waffen-SS tätig gewesen sei – der Antrag wurde abgelehnt, doch die Debatte selbst zeigt, wie unvollständig das Bild bleibt, das die eigene Autobiografie von dieser Übergangsphase zwischen Kriegsende und Neuanfang zeichnet.

1948 gründete Bölkow sein eigenes Ingenieurbüro in Stuttgart-Degerloch – zunächst denkbar weit weg von der Luftfahrt: Arbeitsstudien für moderne Bauweisen, Entwicklungen für Baumaschinen und Förderanlagen für Baustoffe. Erst 1954, mit der Gründung der Bölkow-Entwicklungen KG, wandte er sich wieder der Luftfahrt zu – jenem Punkt, an dem die eigenen Erinnerungen mit der COBRA-Entwicklung einsetzen. Der zehnjährige Umweg über den Baumaschinensektor ist dabei keine Randnotiz: Er erklärt, weshalb die junge Firma 1955 ohne jede Reputation im Rüstungssektor und ohne bestehende Kundenbeziehungen zum Verteidigungsministerium antrat – ein Neuanfang, der die spätere Systemkompetenz erst recht als Eigenleistung erscheinen lässt.

Nabern und Stuttgart: die COBRA und das Rüstungstabu

Was war die COBRA überhaupt? Es handelte sich um eine der ersten europäischen Panzerabwehrlenkraketen der Nachkriegszeit – einen tragbaren, drahtgelenkten Flugkörper, der von einem Soldaten aus der Distanz auf einen anfahrenden Panzer gesteuert werden konnte, während ein zweiter das Steuergerät und ein dritter weitere Ersatzraketen trug. Anders als eine klassische Panzerabwehrkanone brauchte die COBRA keine schwere, unbewegliche Lafette; ihr Gefechtskopf war eine Hohlladung, die ihre Durchschlagskraft nicht aus roher Wucht, sondern aus einem gezielt geformten Sprengeffekt bezog. Diese Konstruktion – leicht, tragbar, von wenigen Mann bedienbar – machte die COBRA zum Prototyp dessen, was später unter Namen wie MILAN und HOT zur festen Ausrüstung westeuropäischer Armeen wurde, und zugleich zum ersten Produkt, an dem Bölkows Firma lernte, was er selbst später als „Waffensystem“ bezeichnete: nicht nur die Rakete selbst, sondern Ersatzteilbeschaffung, Logistik, Wiederholungsprüfungen, Schulungsgeräte …