Peter Druckers 1980 erschienenes Werk Managing in Turbulent Times (deutsche Ausgabe: Management in turbulenter Zeit) ist ein Buch, das seinen Entstehungskontext nicht verleugnet: die zweite Ölpreiskrise, stagnierende Produktivität in den westlichen Industrieländern, wachsende Konkurrenz aus Japan, das Ende der keynesianischen Nachfragesteuerung als Konsensinstrument. Und doch liest sich das Buch heute mit einer gewissen Frische – nicht weil Drucker alles richtig vorhergesehen hätte, sondern weil die Problemstruktur, die er beschreibt, in verblüffend vielen Punkten der Gegenwart ähnelt.
Liquidität schlägt Gewinn
Druckers erster und vielleicht wichtigster Befund: In unsicheren Zeiten bewertet der Markt Unternehmen zunehmend nach ihrer Liquidität, nicht nach ihren ausgewiesenen Gewinnen. Die Börsen, schreibt er, korrelieren die Kurse an allen großen Handelsplätzen stärker mit dem Cash Flow und der Liquidität als mit den nominal aufgeblähten Gewinnzahlen. Wer Inflationseffekte herausrechnet, stellt fest, dass viele Gewinne sich in Verluste verkehren – was als niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis erscheint, erweist sich dann als Ausdruck real erodierter Ertragskraft.
In turbulenter Zeit wird, so Drucker, die Bilanz wichtiger als die Gewinn- und Verlustrechnung. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie hoch ist der Gewinn? Sondern: Wie hoch ist das Arbeitskapital, mit dem die Firma eine neunzig- oder hundertzwanzigtägige Krise überdauern kann?
Diese Argumentation hat an Aktualität nichts eingebüßt. Die deutschen Insolvenzzahlen 2024/2025 zeigen ein bekanntes Muster: Unternehmen mit soliden Auftragsbüchern, aber fragiler Liquiditätsstruktur – oft durch Vorkasse-Lieferanten, lange Zahlungsziele und hohe Energiekosten in die Klemme geraten – kollabieren schneller als ihre GuV erwarten ließ. Die PR-Schere zwischen kommunizierter Ertragsstärke und operativer Realität ist ein strukturelles Phänomen, das Drucker schon für seine Zeit präzise beschreibt.
Produktivität als genuine Managementaufgabe
Druckers zweiter Kerngedanke richtet sich gegen Marx‘ „Gesetz der abnehmenden Kapitalproduktivität“, das er – zu Recht – als empirisch widerlegtes Axiom behandelt. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, argumentiert Drucker, ist in weiten Teilen eine Geschichte steigender Gesamtfaktorproduktivität: in der Landwirtschaft, in der Industrie, in Dienstleistungen. Diese Steigerung fällt nicht vom Himmel, sie ist das Ergebnis von Managemententscheidungen – und das, was Manager tun oder unterlassen, macht den Unterschied.
Dabei greift Drucker Frederick Winslow Taylor auf und über ihn hinaus: Taylor entdeckte um 1875, dass manuelle Arbeit produktiver gemacht werden kann durch systematische Analyse und Verbesserung der Arbeitsprozesse. Was Taylor aber noch nicht sah, war die Produktivität des Wissens und des Humankapitals – jener Faktor, der im 20. Jahrhundert zum eigentlichen Treib…
