Der DSGV-Präsident sieht einen Mittelstand, der wieder investiert. Die eigenen Zahlen des Verbands erzählen eine differenziertere Geschichte: Wachsende Kreditzusagen bei gleichzeitig rekordhoher Kredithürde, ein Gewinnsprung im Baugewerbe, das selbst tief gespalten ist. Beide Risse laufen auf dieselbe Linie hinaus — Nähe zu staatlich gestützter Nachfrage statt eines mittelstandsweiten Aufschwungs.
Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) hat seine jährliche Bilanzauswertung des Mittelstands vorgelegt, gestützt auf Daten von rund 40 Prozent aller Unternehmensumsätze in Deutschland. Verbandspräsident Ulrich Reuter zieht daraus eine optimistische Lesart: Die Wirtschaft nutze ihre Reserven, um ihr Niveau zu halten, und beginne wieder zu investieren — „die Lage ist besser als die Stimmung“. Ein Blick auf zwei Teilbefunde der Analyse selbst zeigt jedoch, dass das aggregierte Bild zwei innere Bruchlinien überdeckt, die sich beide entlang derselben Variable sortieren: der Nähe zu staatlich gestützter Nachfrage.
Der erste Riss: Wachsendes Kreditvolumen bei wachsendem Risiko in denselben Branchen
Beide Zahlen schließen sich nicht gegenseitig aus, verdecken aber eine Verteilungsfrage: Wo genau fließt das zusätzliche Kreditvolumen hin? Die KfW-ifo-Kredithürde, die vierteljährlich auf Basis der ifo-Konjunkturumfragen erhoben wird, zeigt hierzu einen deutlichen Trend: Bereits für das vierte Quartal 2024 hatten 32 Prozent der kreditsuchenden Mittelständler ein restriktives Bankverhalten beklagt — der bis dahin höchste Wert seit Beginn der Erhebung 2017. Im zweiten Quartal 2026 ist dieser Anteil auf 40,5 Prozent gestiegen, ein Plus von 6,5 Prozentpunkten zum Vorquartal und ein neuer Rekordwert. Auch unter Großunternehmen beklagten 32,9 Prozent strenge Maßstäbe — der zweithöchste je gemessene Anteil. Gleichzeitig ist die Kreditnachfrage selbst eingebrochen: Nur noch 19,3 Prozent der Mittelständler führten im zweiten Quartal 2026 überhaupt Kreditgespräche, der niedrigste Stand seit dem vierten Quartal 2023.
Der Deloitte NPL-Marketbeat 2026 liefert dazu die sektorale Auflösung: 60 Prozent der befragten Bankmanager erwarten im Maschinenbau steigende Kreditausfälle, 59 Prozent im verarbeitenden Gewerbe insgesamt, 81 Prozent im Automobilsektor. Die NPL-Quote im Automobilsektor ist laut European Banking Authority bereits von 4,2 Prozent (Q1 2023) auf 5 Prozent (Q4 2024) gestiegen. Steigende erwartete Ausfallquoten sind in der Kreditvergabepraxis der übliche Auslöser für restriktivere Konditionen und schärfere Prüfungen — in genau den Segmenten, die die DSGV-Analyse selbst als Verlustzone benennt. Dass die Sparkassen-Kreditzusagen dennoch aggregiert wachsen, während der Gesamtmarkt einen Rekordwert bei der Kredithürde erreicht und die Kreditnachfrage selbst schrumpft, macht eine Konzentration dieses Wachstums auf bestimmte, vermutlich risikoärmere Segmente eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher.
Selbst ein DSGV-eigener Branchenanalyst, Ingmar Lehmann, zeichnet an anderer Stelle ein differenzierteres Bild als der Verbandspräsident: Er benennt den gewerblich-industriellen Zulieferbereich — Metall, Elektromaschinenbau, Werkzeug- und Formenbau — als von der Industriekrise unmittelbar und besonders hart getroffen. Das aggregierte Kreditwachstum des Verbands und der sektorspezifische Befund des eigenen Branchenanalysten passen nur zusammen, wenn man annimmt, dass das zusätzliche Volumen überwiegend außerhalb der notleidenden Industriesegmente vergeben wird. Diese Verteilungsfrage beantwortet die DSGV-Pressemitteilung nicht; sie bleibt vorläufig offen, auch wenn die verfügbaren Teildaten in diese Richtung weisen.
Der zweite Riss: Das Baugewerbe ist selbst gespalten
Reuters zweiter Beleg für den beginnenden Aufschwung ist der Gewinnsprung des Baugewerbes von knapp 30 Prozent. Auch hier lohnt der Blick unter das Aggregat, denn „Baugewerbe“ bezeichnet in der amtlichen wie in der Verbandsstatistik zwei strukturell sehr verschiedene Teilbranchen.
Der Wohnungs- und Hochbau steckt weiterhin in der Krise: Die Zinswende hat private Baufinanzierungen von unter einem Prozent (2021) auf über vier Prozent verteuert, die Baugenehmigungen fielen von 328.600 (2021) auf 147.600 (2024), und das Baugewerbe verzeichnete zwischen Januar und Oktober 2025 einen Anstieg der Insolvenzen um 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, mit einem Rekord bei Großinsolvenzen. Der ifo-Index bewertet die Auftragslage im Hochbau weiterhin als schwach, die Erwartungen bleiben pessimistisch.
Der Tiefbau dagegen gilt in Branchenprognosen (ZDB, Bauindustrie) als stabilster Wachstumstreiber — getragen von öffentlichen Infrastrukturausgaben, insbesondere dem rund 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Schiene, Energienetze und Digitalisierung. Für 2026 wird ein reales Umsatzplus von 2,5 Prozent im Bauhauptgewerbe erwartet, mit dem deutlichsten Zuwachs im Wirtschaftsbau — ausdrücklich dank Großprojekten im Bahn- und Kabelleitungsbau, nicht im Wohnungsbau.
Der von Reuter zitierte Gewinnsprung dürfte damit überwiegend aus dem öffentlich finanzierten Tiefbau-Segment stammen, während der notleidende Wohnungsbau denselben Verbandsbegriff „Baugewerbe“ mitträgt, ohne an seinem Aufschwung teilzuhaben. Auch die parallel gemeldete Zunahme privater Immobilienfinanzierungen (in Baden-Württemberg beispielsweise +21,5 Prozent) entfällt laut den Sparkassen-eigenen Zahlen ganz überwiegend auf den Kauf von Bestandsimmobilien (8,7 von 10,4 Milliarden Euro), kaum auf Neubau (1,4 Milliarden Euro) — eine Nachfrageverschiebung weg vom teurer gewordenen Neubau, kein Zeichen von Erholung des Wohnungsbaus selbst.
Eine gemeinsame Variable statt eines einheitlichen Narrativs
Beide Risse — der zwischen kreditrestriktiven und kreditgroßzügig behandelten Branchen, der zwischen Tiefbau und Wohnungsbau — laufen auf dieselbe Unterscheidung hinaus: nicht Branchenzugehörigkeit im Sinne von „Industrie“ versus „Bau“, sondern Nähe zu öffentlich finanzierter oder öffentlich abgesicherter Nachfrage. Wo der Staat als Auftraggeber oder Investor auftritt (Tiefbau, Bahninfrastruktur), zeigen sich Gewinnzuwächse. Wo private Nachfrage unter Zinsdruck und internationalem Wettbewerbsdruck steht (Wohnungsbau, Automobilzulieferer, Maschinenbau), verschlechtern sich Erträge und Kreditkonditionen gleichzeitig.
Reuters eigene Forderung — zukunftsfeste Sozialsysteme, Widerstandskraft gegen Klimafolgen, europäische Stärke bei Künstlicher Intelligenz — mag politisch begründbar sein. Als Schlussfolgerung aus den eigenen Zahlen der Bilanzauswertung trägt sie aber nur bedingt: Die Daten legen eher eine Bifurkation zwischen staatsnahen und staatsfernen Marktsegmenten nahe als einen mittelstandsweiten Stimmungsumschwung.
Ralf Keuper
Quellen:
- DSGV-Bilanzauswertung Mittelstand, Reuter-Zitate (Ausgangsmeldung, Reuters)
- DSGV-Halbjahreszahlen Kreditgeschäft: https://www.dsgv.de/newsroom/presse/250804-halbjahreszahlen-kreditgeschaeft-44.html
- KfW-Kredithürde Q4 2024: https://www.handwerksblatt.de/betriebsfuehrung/32-prozent-der-mittelstaendler-banken-erschweren-kreditvergabe
- KfW-ifo-Kredithürde Q2 2026 (Rekordwert 40,5 %): https://www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_900736.html
- Deloitte NPL-Marketbeat 2026: https://www.der-bank-blog.de/banking2026-kreditrisiken-im-wandel/firmenkunden/37728184/
- Differenzierte Sparkassen-Branchenanalyse (Ingmar Lehmann): https://www.handwerk-magazin.de/kredit-was-tun-wenn-die-bank-den-geldhahn-zudreht-350604/
- Sparkassen Baden-Württemberg, Kreditvergabe/Immobilienfinanzierung: https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/wirtschaft/sparkassen-vergeben-mehr-kredite-an-unternehmen-und-selbststaendige/
- Bauindustrie/ZDB-Konjunkturzahlen: https://www.bauindustrie.de/fileadmin/bauindustrie.de/Zahlen_Fakten/Eingangsseite_Zahlen_Fakten/Baukonjunkturelle_Entwicklung_in_Deutschland.pdf, https://www.zdb.de/baukonjunktur/konjunkturprognose-20252026
- Insolvenzentwicklung Baugewerbe: https://www.nevaris.com/blog/wie-geht-es-der-baubranche/, https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/bauwirtschaft-2026-grossinsolvenzen-und-wohnungsbau-krise-belasten/68555405
- Baufinanzierungszinsen/Baugenehmigungen: https://invareo.de/blog/insolvenzen-baubranche-2026/, https://www.squarevest.ag/blog/prognose-fuer-die-bauwirtschaft-2024-bis-2030-in-deutschland-oesterreich-und-schweiz
