Die Intralogistikbranche durchläuft eine strukturelle Transformation, die sich äußerlich kaum dramatisch anfühlt, aber in ihrer Tiefe weitreichend ist: Die Grenze zwischen Fahrzeughersteller und Systemintegrator löst sich auf, Software avanciert vom Werkzeug zur eigentlichen Wettbewerbsposition — und im Hintergrund wartet ein neues Paradigma, das die mühsam aufgebaute Komplexitätsprämie der Branche eines Tages wieder in Frage stellen könnte. Ein Versuch, das Muster hinter dem Wandel zu lesen.
I.
Alfred D. Chandler hat in The Visible Hand gezeigt, wie die großen Industrieunternehmen des späten 19. Jahrhunderts ihre Wachstumsdynamik nicht allein aus Produktionsskalierung zogen, sondern aus der vertikalen Integration von Funktionen, die vorher über Märkte koordiniert worden waren. Nicht der billigste Produzent gewann, sondern derjenige, der die vollständigste Kontrolle über die Wertschöpfungskette besaß — vom Rohstoff bis zum Vertrieb. Was Chandler für Stahl und Eisenbahn beschrieb, vollzieht sich heute, in anderem Maßstab und anderem Medium, in der Intralogistik — nur dass die vertikale Integration diesmal keine physischen Produktionsstufen, sondern Datenstufen betrifft.
Die Branche war lange durch eine halbwegs stabile Arbeitsteilung strukturiert: Hersteller von Flurförderzeugen wie Jungheinrich oder Still bauten Stapler und Hubwagen, Systemintegratoren wie SSI Schäfer oder Dematic planten und realisierten komplexe Lagersysteme, Softwareanbieter steuerten Lagerverwaltungssysteme. Drei Typen, drei Logiken, drei Marktpositionen. Diese Ordnung zerfällt gerade — nicht durch eine dramatische Disruption, sondern durch einen schleichenden Prozess strategischer Grenzüberschreitung.
II.
Das empirisch schärfste Beispiel für diesen Prozess ist Jungheinrich. Das Hamburger Unternehmen, traditionell einer der führenden europäischen Flurförderzeughersteller, hat in der Strategie 2025+ und der jüngst vorgelegten Strategie 2030+ eine Neupositionierung vollzogen, die über Produkterweiterung weit hinausgeht. Neben der Akquisition von Storage Solutions in den USA wurden gezielt Software- und Robotikspezialisten wie arculus und Magazino integriert. Auf der LogiMAT 2025 firmierte Jungheinrich nicht mehr als Staplerproduzent mit Automatisierungsangebot, sondern erklärtermaßen als „führender Komplettanbieter für Intralogistiklösungen“ — unter dem Leitmotiv Connected Solutions that fit. From every perspective. Bis 2030 strebt das Unternehmen einen Umsatz von 10 Milliarden Euro an, bei einer EBIT-Rendite von zehn Prozent.
