Im Januar 2026 beschrieb dieser Blog die „stille Erosion“ der ostwestfälischen Automatisierungsbranche: Phoenix Contact, Wago, Weidmüller, Harting, Beckhoff und KEB kämpften mit rückläufigen Umsätzen, während ihre Kommunikation von „Zuversicht“ und „Marktkorrektur“ sprach. Acht Monate später zeigt sich, wohin diese Erosion führen kann, wenn sie andauert: in die Insolvenz – bei WEZEK, DALEX und Antriebstechnik Saftig im rheinland-pfälzischen Westerwald, bei Engmatec am Bodensee, bei B&R Industrial Automation in Österreich. Die Erosion beschränkt sich weder auf Ostwestfalen noch auf Deutschland, und sie erfasst inzwischen auch die Sensorik (Balluff, SICK) und größere, finanziell robustere Mittelständler wie Lenze. Zugleich zeigt sich: Die Kontraktion verläuft selektiv, nicht gleichmäßig – wo Umsatzwachstum gemeldet wird, muss zwischen echter Erholung und bloßem Nachholeffekt unterschieden werden, und einzelne Endmärkte wie die Windenergie-Automatisierung entziehen sich dem Abwärtstrend, ohne ihn auf Branchenebene aufzuwiegen.
Der Westerwald-Cluster
Zwischen Mai und August 2026 rutschten drei mittelständische Automatisierungsspezialisten aus dem rheinland-pfälzischen Westerwald in die Insolvenz – in auffälliger räumlicher und zeitlicher Nähe.
Den Anfang machte im Mai die Antriebstechnik Saftig GmbH aus Plaidt, ein familiengeführter Maschinen- und Elektromaschinenbauer mit rund 110 Beschäftigten an drei Standorten. Als Gründe wurden schwache Nachfrage aus Automotive, Stahlbau und Bauwesen sowie hohe Energie- und Personalkosten genannt – eine Kombination, die sich in praktisch jedem der folgenden Fälle wiederholt.
Ende April folgte die DALEX Automation & Welding GmbH aus Wissen, ein über 100 Jahre altes Unternehmen der Widerstandsschweiß- und Automatisierungstechnik. Der Fall ist doppelt aufschlussreich, weil er bereits eine Vorgeschichte hat: 2023 war DALEX schon einmal insolvent und sanierte sich in Eigenverwaltung. 2025 folgte die Schließung der eigenen Fertigung mit 55 Stellenabbau – die Produktion wurde an externe Nachunternehmer ausgelagert, das Unternehmen sollte sich auf Entwicklung und Automatisierung konzentrieren. 2026, mit nur noch rund 50 verbliebenen Mitarbeitern, folgte der zweite Insolvenzantrag. Der vorläufige Insolvenzverwalter Dirk Obermüller sucht seit Mai einen strategischen Investor, mit erklärtem Fokus auf Fügetechnik, Industrieautomatisierung und Sondermaschinenbau.
Anfang August schließlich die WEZEK GmbH aus Steinebach an der Sieg, 1973 gegründet, rund 70 Mitarbeiter an zwei Standorten (Steinebach, Leverkusen). Auch hier: verschobene Kundenaufträge als Auslöser eines Finanzierungsproblems, Insolvenzgeld für Juli bis September, ab Oktober soll das Unternehmen die Lohnzahlungen wieder selbst tragen.
Alle drei Fälle folgen demselben Drehbuch: traditionsreiches, familiengeführtes Unternehmen; Spezialisierung auf Automatisierungs-, Antriebs- oder Schweißtechnik; verschobene oder stornierte Kundenaufträge als unmittelbarer Auslöser; vorläufiges Verfahren mit Fortführung des Geschäftsbetriebs; Investorenprozess parallel zur Insolvenzgeld-Phase. Die Lokalpresse hat die Verbindung selbst gezogen – ein Artikel zu DALEX erwähnt WEZEK im selben Beitrag.
Die Eskalationsstufe: Engmatec
Was aus einem solchen vorläufigen Verfahren werden kann, wenn der Investorenprozess scheitert, zeigt ein vierter Fall, geografisch außerhalb des Westerwald-Clusters, aber im selben Zeitfenster: die Engmatec GmbH aus Radolfzell am Bodensee, seit 1994 Spezialist für Automatisierungsprozesse, Prüftechnik und Montageanlagen, mit starkem Automotive-Kundenanteil.
Anfang März 2026 stellte Engmatec einen Antrag auf Eigenverwaltung, mit der für diese Fälle typischen Beschwichtigungsrhetorik: Geschäftsführer Peter Sauter versprach, für Geschäftspartner und Mitarbeitende ändere sich „im Tagesgeschäft nichts“. Fünf Monate später, Mitte August 2026, das andere Ende der Skala: Es fand sich kein Investor. Der Betrieb wird zum 31. Oktober 2026 vollständig eingestellt, rund 150 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze.
Engmatec markiert damit den Unterschied zwischen den Fällen, die in der öffentlichen Wahrnehmung als „vorläufiges Verfahren mit Sanierungschance“ beginnen, und dem tatsächlichen Ausgang. Bei WEZEK, DALEX und Saftig ist dieser Ausgang zum jetzigen Zeitpunkt noch offen – Engmatec zeigt, dass die verwalterseitig kommunizierte Zuversicht keine verlässliche Prognose ist.
Die Bestätigung außerhalb der Region
Dass es sich nicht um ein Westerwald- oder Bodensee-Spezifikum handelt, bestätigen mehrere Fälle außerhalb dieser beiden Cluster – und außerhalb Deutschlands.
In Österreich baute B&R Industrial Automation, seit 2017 Teil von ABB und mit 873 Millionen Euro Umsatz 2024 rückläufig, seit anderthalb Jahren mehr als 200 Stellen ab, schloss das Werk Gilgenberg und meldete im Dezember 2025 weitere 40 bis 60 Beschäftigte beim österreichischen Frühwarnsystem AMS. ABB trennte sich im November 2025 von CEO Jörg Theis.
Bei Dürr AG kündigte die Tochter BBS Automation (Garching, Automatisierungslösungen für Lackiererei und Montage in der Automobilindustrie) im Juli 2026 den Abbau von 500 Stellen weltweit an, 200 davon in Deutschland – als direkte Reaktion auf Umsatzrückgänge, Auslastungsdefizite und eine Wertminderung von 90 bis 100 Millionen Euro auf den Firmenwert.
Und bereits im März 2025, ein Jahr vor der aktuellen Welle, hatte Siemens im Automat…
