Texas Instruments baute den ersten Computer mit Siliziumschaltkreisen, brachte 1979 einen der ersten 16-Bit-Heimcomputer auf den Markt und zog sich im Oktober 1983 nach Belastungen von rund 330 Millionen US-Dollar aus dem Geschäft zurück. Danach trennte sich das Unternehmen Schritt für Schritt von Notebooks, Software, Rüstungselektronik, Speicherchips und Mobilfunk-Basisbändern. Übrig blieben Analog- und Embedded-Chips, und die für 2026 angekündigte Übernahme von Silicon Labs setzt diesen Weg fort. Der neue Beitrag zeichnet diese Entwicklung nach und fragt, ob sich dahinter ein Muster verbirgt: Rückzug auf die Ebene, auf der die eigene Fertigungskompetenz den Ausschlag gibt.
1. Ausgangspunkt: Ein Seismikunternehmen wird Elektronikhersteller
Texas Instruments (TI) entstand nicht als Computerfirma. Das Unternehmen geht auf die 1930 gegründete Geophysical Service Inc. (GSI) zurück, einen Dienstleister für seismische Erdölsuche. Gründer waren der Geophysiker Clarence Karcher und Eugene McDermott. Im Zweiten Weltkrieg fertigte GSI Ortungs- und Radartechnik für die US-Streitkräfte. 1951 erfolgte die Umbenennung in Texas Instruments. Im selben Jahr überzeugte Patrick Haggerty, der spätere Konzernchef, die Führung, in die Transistorfertigung einzusteigen. TI erwarb dafür eine Lizenz von den Bell Labs. 1954 brachte TI Siliziumtransistoren auf den Markt, und 1958 führte der Ingenieur Jack Kilby den ersten funktionierenden integrierten Schaltkreis vor, noch auf Germanium. Der Fairchild-Mitgründer Robert Noyce entwickelte wenig später unabhängig davon die Siliziumvariante mit integrierter Verdrahtung.
Damit liegt die Grundlage für alles Spätere: TI konnte Halbleiter fertigen, bevor es wusste, welche Produkte es damit bauen wollte.
2. Der Computerbau als Verlängerung der Chipkompetenz
Die ersten Computer entstanden nicht aus einem Marktversprechen, sondern als Demonstration des eigenen Bauelements. Unter Kilby baute TI den ersten Computer, der Siliziumschaltkreise verwendete, für die US-Luftwaffe. In den Jahren danach folgten Produkte, die den Chip in ein Endgerät übersetzten: 1967 der erste Prototyp eines Taschenrechners, später Spielzeug wie Speak & Spell und Minicomputer der Reihe TI-990. Für diese Minicomputer entwickelte TI 1975 den Prozessor TMS9900, den ersten 16-Bit-Mikroprozessor am Markt.
Gerade diese Konstellation, ein Prozessor, der zuerst als Bauteil für die eigenen Rechner gedacht war, wurde dem Unternehmen im Heimcomputergeschäft zum Verhängnis.
3. Der Heimcomputer und der Bruch von 1983
Der TI-99/4 kam im Oktober 1979 auf den Markt, der TI-99/4A folgte im Juni 1981. Die Maschine war technisch ambitioniert, wurde jedoch von der Fertigung des Prozessors her gedacht und nicht vom Anwender. Berichte aus der Rückschau beschreiben, dass im Werk in Lubbock zwei Projekte, eine Spielkonsole und ein Personal Computer, zusammengelegt wurden und der Konzern auf die Verwendung des hauseigenen TMS9900 drängte. Der Rechner wurde zu teuer, um im Spielemarkt zu bestehen, und blieb zu eingeschränkt für den Büromarkt.
Im Februar 1983 begann ein Preiskampf mit Commodore. Der TI-99/4A wurde unter Herstellkosten verkauft. Im Oktober 1983 zog TI sich vollständig aus dem Heimcomputergeschäft zurück. Im dritten Quartal 1983 fielen Vorsteuerbelastungen von rund 330 Millionen US-Dollar an, die das Unternehmen im Jahresbericht ausdrücklich auf verfehlte Absatzziele und den Ausstiegsbeschluss zurückführt. Das Jahr schloss mit einem Gesamtverlust, obwohl das Kerngeschäft stark lief.
Der Befund ist für das Gesamtbild wichtig: Der Verlust entstand nicht im Chipgeschäft, sondern dort, wo TI Endkunden direkt bediente.
4. Der Rückbau der Neunzigerjahre
1997 trennte sich TI in einem Jahr von drei Geschäftsfeldern, die lange das Selbstbild als breit aufgestellter Elektronikkonzern getragen hatten. Das Geschäft mit mobilen Computern (Notebooks) ging im ersten Quartal an Acer, die Softwaresparte im zweiten Quartal an Sterling Software, und im dritten Quartal verkaufte TI die Verteidigungselektronik für 2,95 Milliarden US-Dollar in bar an Raytheon. Der Notebook-Verkauf ist der eigentliche Abschied vom Computerbau. Die Heimcomputer waren da bereits ein gutes Jahrzehnt Geschichte.
1998 folgte der Rückzug aus dem Speicherchipgeschäft. TI verkaufte seine DRAM-Aktivitäten an Micron und zahlte dabei selbst 550 Millionen US-Dollar in bar, damit Micron die Technik in das übernommene Geschäft überführen konnte. Das war ein Ausstieg mit Mitgift. Der Wettbewerb mit den großen japanischen und koreanischen Anbietern war über Preis und Skalierung entschieden worden.
5. Die Konzentration auf Analog und Embedded
In den 2000er Jahren schärfte TI sein Profil in zwei Richtungen. Zum einen trennte es sich von weiteren Sparten, so 2006 von Sensors & Controls an Bain Capital. Zum anderen gab es das Mobilfunkgeschäft mit Basisbandchips auf. Das Basisband machte 2006 nach Analystenangaben rund ein Fünftel des Umsatzes aus. Der Ausstieg zog sich bis Ende 2012 hin. Parallel baute TI Analogfertigung auf 300-Millimeter-Wafern auf. Analogchips haben lange Produktlebenszyklen, und die Fabriken lassen sich über Jahrzehnte nutzen. Das macht sie zu verlässlichen Cashflow-Quellen.
Am 23. September 2011 schloss TI die Übernahme von National Semiconductor für 6,5 Milliarden US-Dollar ab. Das Zusatzgeschäft lief fortan unter dem Namen Silicon Valley Analog. Nach Angaben von Analysten stieg der Anteil der Kerngeschäfte aus Analog, Embedded Processing und verwandten Linien von 52 Prozent des Umsatzes 2006 auf 78 Prozent im ersten Quartal 2012.
6. Heute
Heute konzentriert sich TI auf Analog- und Embedded-Chips für Industrie, Automobil und weitere Märkte. Seit April 2023 führt Haviv Ilan das Unternehmen. Mit der Ankündigung vom 4. Februar 2026, Silicon Labs für 231 US-Dollar je Aktie in bar zu übernehmen (Unternehmenswert rund 7,5 Milliarden US-Dollar), setzt TI diesen Weg fort. Es ist die größte Übernahme seit National Semiconductor. Der Abschluss wird für die erste Jahreshälfte 2027 erwartet und steht unter dem Vorbehalt der Genehmigungen. TI begründet den Schritt mit der Verlagerung der Fertigung von Silicon Labs aus externen Foundries in die eigenen, hauptsächlich US-amerikanischen Werke und mit der Passung der eigenen Prozesse, darunter 28 nm, zum Funkchip-Portfolio.
7. Deutung (vorläufig)
Über die Jahrzehnte hat TI Stück für Stück jene Ebenen abgegeben, auf denen es Systeme für fremde Märkte baute: Heimcomputer, Notebooks, Software, Rüstungselektronik, Speicher, Basisbänder. Geblieben ist die Ebene, auf der die eigene Fertigungs- und Prozesskompetenz den Ausschlag gibt. Die Silicon-Labs-Übernahme folgt derselben Logik, denn der Kaufpreis wird wesentlich mit der Möglichkeit begründet, fremd gefertigte Chips in eigenen Fabriken herzustellen.
Ralf Keuper
Quellenliste
- TI Jahresberichte 1978–1983 (Auszug im AtariAge-Forum)
- The Texas Instruments 99/4: World’s First 16-Bit Home Computer (IEEE Spectrum)
- The Death of the Texas Instruments Home Computer (Texas Monthly)
- TI-99/4A (Wikipedia)
- Texas Instruments Inc. (Encyclopedia.com)
- Sir Cecil Green gestorben (EDN)
- Texas Instruments (ETHW)
- TI, Form 10-K405/A für 1998 (SEC)
- TI, Form 10-K mit Angaben zu den Veräußerungen 1997
- TI Reports Financial Results for 4Q11 and 2011
- TI Reports Financial Results for 1Q12
- TI shares strategy at Analyst Day (Semiconductor Digest)
- Texas Instruments to acquire Silicon Labs (Pressemitteilung, 4. Februar 2026)
- TI, Form 10-Q für das zweite Quartal 2026 (SEC)
- Texas Instruments to buy Silicon Laboratories (CNBC)
