BASF hat in Zhanjiang für 8,7 Milliarden Euro den drittgrößten Verbundstandort seiner Geschichte eröffnet – ein Bekenntnis zum chinesischen Markt, das der Vorstand selbst als Investition mit späterer Amortisation einordnet. Die These, der Konzern werde über kurz oder lang aus Ludwigshafen abwandern, greift zu kurz. Die eigentliche Frage ist eine andere: ob eine Verbundinvestition dieser Größenordnung in einem Markt Bestand haben kann, dessen Grundstoffsegment auf dieselbe Substitutionsbahn einschwenkt, die zuvor Batterien, Solarmodule und – aktuell mit voller Wucht – die Automobilindustrie erfasst hat.


Am 26. März 2026 hat BASF im südchinesischen Zhanjiang seinen siebten Verbundstandort weltweit eingeweiht: vier Quadratkilometer, 8,7 Milliarden Euro, ein Steamcracker mit einer Million Tonnen Ethylen-Jahreskapazität, vollständig aus erneuerbarem Strom versorgt. Der Vorstandsvorsitzende Markus Kamieth nannte den Standort ein Beispiel dafür, „wie die Zukunft der Chemie aussieht“. In der öffentlichen Wahrnehmung hat das Projekt eine simplere Lesart provoziert: BASF verlasse Deutschland, der Umzug nach China sei nur eine Frage der Zeit.

Diese Lesart lässt sich mit den vorliegenden Fakten kaum stützen. Zhanjiang bleibt, auch nach Fertigstellung, der drittgrößte Verbundstandort des Konzerns – hinter Ludwigshafen und Antwerpen. Der überwiegende Teil der dort hergestellten Produkte ist zudem für den chinesischen Markt selbst bestimmt, folgt also einer Lokal-für-lokal-Logik, die aus Marktzugangs- und Logistikgründen entsteht, nicht aus einer Substitution des Stammsitzes. Die Exodus-These verwechselt einen realen, schmerzhaften relativen Bedeutungsverlust Ludwigshafens mit einem vollständigen Rückzug, für den es keine belastbare Evidenz gibt.

Die falsche Analogie – und die richtige

Wer vor der China-Investition warnt, verweist gern auf VW, BMW und Mercedes: Die drei Konzerne setzten 2025 zusammen deutlich weniger Fahrzeuge in China ab als im Vorjahr, VW liegt inzwischen nur noch auf Rang drei hinter lokalen Wettbewerbern, im batterieelektrischen Segment kommen die deutschen Premiumhersteller nur noch auf rund fünf Prozent Marktanteil. Die Ursache liegt, folgt man den vorliegenden Analysen, nicht allein im Preis, sondern in einem technologischen Rückstand bei Fahrerassistenzsystemen und Software – einem Innovationsdefizit im Endkundenprodukt selbst.

Die Übertragung dieses Musters auf BASF liegt nahe, trägt aber nur bedingt. Automobilkonzerne verkaufen ein Markenprodukt an Endkunden, das im direkten Vergleich – Preis, Software, Ästhetik – gegen chinesische Anbieter antritt. BASF verkauft Grundstoffe und Vorprodukte an Industriekunden, in einem Geschäft, in dem lokale Präsenz zunächst Logistik- und Lieferzeitvorteile bedeutet, nicht Markenwettbewerb im Sinne von BYD gegen Volkswagen. Die naheliegende Analogie ist also die falsche, oder zumindest eine, die zu schnell greift.

Die richtige Analogie liegt einen Schritt weiter zurück: nicht bei Fahrzeugen, sondern bei Batteriezellen. CATL hat sich innerhalb weniger Jahre nicht nur in der Fertigungsskala, sondern auch in der Zellchemie selbst – Elektrolyte, Kathodenmaterialien – an die Weltspitze gesetzt. Das ist der Präzedenzfall, der Beachtung verdient: ein Feld, das lange als zu wissensintensiv für schnelle Substitution galt, ist binnen einer Dekade gekippt.

Die eigentliche Verwundbarkeit

Der Steamcracker ist das technologische Herzstück von Zhanjiang – und ausgerechnet in diesem Commodity-Segment, Ethylen, Propylen, Basispolymere, ist chinesische Selbstversorgung am weitesten fortgeschritten. Sinopec, Wanhua und vergleichbare Konzerne bauen seit Jahren integrierte Petrochemie-Komplexe, finanziert zu Kapitalkosten, die ein börsennotierter westlicher Konzern nicht erreicht. BASF investiert damit in exakt dem Teilsegment am stärksten, in dem die strukturelle Konkurrenzfähigkeit chinesischer Anbieter am wenigsten Erklärungsbedarf hat.

Die Spezialchemie – Formulierungen für Beschichtungen, Katalysatoren, Halbleiterchemikalien, Wirkstoffe mit langer Zulassungshistorie – gilt gemeinhin als der Bereich, in dem westliche Konzerne ihren Vorsprung länger verteidigen können, weil er stärker von kumulierten Anwendungsbibliotheken und Ko-Entwicklung mit Kunden abhängt als von Fertigungsskala allein. Diese Unterscheidung ist analytisch berechtigt – aber sie ist kein Naturgesetz, und der Batteriezell-Präzedenzfall mahnt zur Vorsicht gegenüber jeder Annahme dauerhafter Nichtübertragbarkeit. Wenn China in einem chemisch anspruchsvollen Feld wie der Zellchemie die Führung übernehmen konnte, ist die Erwartung, Spezialchemie sei prinzipiell zu komplex, eher eine Frage der Zeitspanne als eine belastbare Grenze. Zehn bis fünfzehn Jahre erscheinen als plausiblerer Zeithorizont als „nie“.

Verzögerungsstrategie statt Wachstumswette

Kamieth selbst hat eingeräumt, dass sich die Investition später rechnen werde als ursprünglich geplant – ein Eingeständnis, das im Kontext der Überkapazitätsdiskussion in der chinesischen Chemieindustrie zu lesen ist, die der Konzern selbst als Risiko benennt. Daraus ergibt sich eine schärfere These, als die öffentliche Debatte um „Exodus oder nicht“ nahelegt: Zhanjiang sichert im günstigsten Fall einen befristeten Vorsprung in einem Markt, dessen Grundstoffsegment sich der lokalen Selbstversorgung bereits deutlich angenähert hat – und dessen Spezialsegment demselben Pfad, zeitversetzt, folgen dürfte. Die 8,7 Milliarden Euro wären dann weniger eine Wachstumsinvestition mit offenem Zeithorizont als eine Verzögerungsstrategie mit eingebautem Verfallsdatum.

Diese These ist, im Sinne des hier verwendeten Kernansatzes, vorläufig korroboriert, nicht verifiziert. Sie beruht auf einem einzigen tragenden Präzedenzfall – der Batteriezellchemie – und bedürfte weiterer Fallvergleiche, etwa aus der Halbleiterchemie oder der Agrarwirkstoffindustrie, bevor sie als strukturelles Muster gelten kann. Was sich aber bereits jetzt sagen lässt: Die Frage, die BASF beantworten müsste, ist nicht „Verlassen wir Deutschland?“, sondern ob ein Verbundstandort, der auf eine zehnjährige Kostenführerschaft im Commodity-Segment kalkuliert ist, in einem Markt Bestand hat, der genau dieses Segment am schnellsten selbst besetzt.

Ralf Keuper


Quellen:

BASF / Zhanjiang: