Xerox erfand an einem Ort, was die Computerindustrie der folgenden Jahrzehnte prägte, und verdiente an einem anderen sein Geld. Dass beides nie zusammenfand, wird meist als Managementversagen erzählt. Die Geschichte des Unternehmens, vom Haloid-Patent bis zum Kartellverfahren, legt eine andere Lesart nahe: Ein Monopol bringt eine Organisation hervor, die dafür gebaut ist, eine Rente zu verwalten, und nicht dafür, Neues aufzunehmen. Das Wissen von PARC fand deshalb einen anderen Weg, über die Techniker, die gingen und Firmen wie 3Com und Adobe gründeten. Ähnliches geschah bei Deutz und Fresenius, doch dort war der Weg über Personen ein anderer als bei Xerox.


Haloid, Rank und der Weg nach Europa

Xerox ist keine Gründung aus dem Silicon Valley, sondern ein Gewächs der Provinz. Haloid, 1906 in Rochester gegründet, stellte Fotopapier her. 1947 schloss das Unternehmen mit dem Battelle-Institut einen Vertrag zur Entwicklung der Xerographie, 1958 nannte es sich Haloid Xerox, 1961 dann Xerox Corporation. Den Weg nach Europa ebnete ein Zufall: Thomas Law, bei der britischen Rank Organisation für ein kleines Linsengeschäft zuständig, suchte 1956 ein Produkt, das dazu passte, und stieß in einer Fachzeitschrift auf die Xerographie. Rank brachte 600.000 Pfund für die Hälfte der neuen Gesellschaft Rank Xerox ein. 1962 kam das Gemeinschaftsunternehmen Fuji Xerox mit Fuji Photo Film für Japan hinzu.

Diese Konstruktion prägt alles Spätere. Xerox besaß die Technologie, hielt aber den Zugang zu zwei der drei großen Märkte über Partner. Erst 1995 erhöhte es seinen Anteil an Rank Xerox von 67 auf 80 Prozent und zahlte dafür 620 Millionen Pfund. 1997 kaufte es die restlichen 20 Prozent für 940 Millionen Pfund, etwa 1,5 Milliarden Dollar, und der Name Rank Xerox verschwand.

Ein Monopol und sein Vergleich

In den sechziger Jahren beherrschte Xerox den Markt für Normalpapierkopierer fast vollständig. Als die amerikanische Handelsbehörde FTC 1972 Klage erhob, lag der Marktanteil nahe bei 95 Prozent. Der Vorwurf lautete auf Monopolisierung durch den strategischen Einsatz des Patentsystems. 1975 endete das Verfahren mit einem Vergleich: Xerox musste sein gesamtes Portfolio von mehr als 2.000 Patenten zu angemessenen Bedingungen lizenzieren. Die zusätzlichen Patentanmeldungen danach kamen überwiegend von japanischen Neueinsteigern, nicht von amerikanischen Konkurrenten. Canon, Konica, Minolta, Ricoh und Sharp setzten zunächst bei kleinen Geräten für das untere Marktsegment an.

Warum ein Kopiererkonzern Computer baute

Wie kam ein Unternehmen mit einem solchen Geschäft auf die Idee, Computer zu bauen? Charles Morris und Charles Ferguson erzählen es in ihrem Buch „Computerschlachten“ (1993), einer Studie über Wettbewerbsstrategien in der Computerindustrie, als Tragikomödie. Mitte der sechziger Jahre wusste Xerox, dass seine wichtigsten Kopierpatente langsam ausliefen, und kam zu der Überzeugung, das Geschäft mit kommerziellen Computern biete eine Marktchance mit Spitzenwachstum, die die eigene Position bei Kopierern ideal ergänzen würde. Also kaufte es eine EDV-Tochtergesellschaft, Scientific Data Systems, die sich nicht recht in den Konzern einfügte und schnell unrentabel wurde. Danach legte sich Xerox eine Forschungseinrichtung zu, die die „Informationsarchitektur der Zukunft“ erdenken sollte. Die Informationsstrategie selbst, so die Autoren, wurde nie richtig in die Tat umgesetzt.

Das auslaufende Patent erklärt also das Motiv des Computervorstoßes, aber nicht, warum er scheiterte. Auch der Kartellvergleich erklärt ihn nicht, denn die Klage von 1972 kam zwei Jahre nach der Gründung des Forschungszentrums. Er erklärt etwas anderes: Von 1975 an stand das Kopiergeschäft, aus dem der Vorstoß finanziert werden musste, von zwei Seiten unter Druck, durch das Ende des Patentschutzes und durch die Lizenzpflicht. Der Vorstoß musste also in einem Unternehmen gelingen, dessen Vertrieb, Preislogik und Denkweise auf ein geschütztes Produkt zugeschnitten waren, und dessen Kerngeschäft gerade seinen Schutz verlor.

Das Labor am anderen Ende des Kontinents

Am 1. Juli 1970 eröffnete Xerox in Palo Alto das Forschungszentrum PARC. Gründer war Jacob Goldman, den Standort wählte George Pake. Das Labor lag rund 3.000 Meilen von der Konzernzentrale in Rochester entfernt, und diese Distanz gab den Forschern Freiheit, erschwerte aber die Verbindung zum Mutterhaus. Was dort ent…