Im Jahr 2003 beschrieb der Betriebswirt Christian Scholz eine Arbeitswelt, in der Unternehmen nach Marktlogik selektieren, Loyalität nicht mehr belohnt wird und jeder sein Wissen als persönliches Kapital behandeln muss. Mit generativer KI, wachsender Arbeitsverdichtung und schrumpfenden Einstiegsstellen liest sich das Buch heute wie ein Vorgriff. Seine Diagnose trägt weit, sein Gegenmittel, der individuelle Fokus, stößt an Grenzen, die er nicht sehen konnte: beim Berufseinstieg, bei der Verdichtung der Arbeit und bei dem Wissen, das niemand mehr teilen will.
Im Jahr 2003 legte Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes, ein Buch vor, das sich heute wie ein Vorgriff auf die Gegenwart liest: „Spieler ohne Stammplatzgarantie. Darwiportunismus in der neuen Arbeitswelt“. Seine Ausgangsfrage lautet, wie der Einzelne in einer Arbeitswelt überlebt, in der Unternehmen nach marktradikalen Maßstäben selektieren und Loyalität nicht mehr belohnen. Der Begriff, der dem Buch den Namen gibt, verbindet zwei Dinge: die darwinistische Selektion durch den Markt und den Opportunismus, mit dem sich Beschäftigte darauf einstellen.
Scholz schrieb für eine Arbeitswelt, in der die Selbstverständlichkeiten der Festanstellung erodierten und Tätigkeiten an externe Dienstleister oder ins Ausland wanderten. Generative KI kam darin nicht vor. Gerade deshalb lohnt der Abgleich. Wenn seine Überlebensstrategien für die Beschäftigten von 2003 etwas taugen, sollten sie auch für die von 2026 etwas taugen, für eine Arbeitswelt, in der Sprachmodelle Texte, Code und Kundenkontakt erledigen und sich die Arbeit der Verbleibenden spürbar verdichtet. Die Antwort fällt gemischt aus. Seine Diagnose von Selektion und Nachfragemacht trägt weit. Sein Gegenmittel, der individuelle Fokus, trifft auf Probleme, die er nicht sehen konnte.
Was Scholz empfiehlt
Das Kapitel über die individuellen Überlebensstrategien baut auf drei Schritten auf.
Der erste ist der Lebensentwurf. Scholz unterscheidet drei Wertesysteme, die er ausdrücklich als Idealtypen und nicht als Jahrgänge versteht: den Babyboomer, der Loyalität erwartet und belohnt sehen will, die Generation X, die resignierend die Schultern zuckt, und die Generation Y, die hohe Leistungsorientierung mit geringer Unternehmensbindung verbindet. Am Beispiel eines IT-Managers, dessen Bereich während seines Urlaubs aufgelöst wird, zeigt er drei Reaktionen. Nur die dritte hält er für realistisch: sich kurz ärgern und die Leistungsbereitschaft zügig auf ein anderes Unternehmen richten. Die Leitidee der Babyboomer scheide aus, weil sie Fairness und Loyalität auf Unternehmensseite unterstelle, die es so nicht gebe. Die der Generation X habe in einer Welt dominanter Selektion nur eine geringe Überlebenswahrscheinlichkeit. Der Gen-Y-Typ lebt in einer kleinen, vertrauensbasierten Bezugsgruppe, teilt sein Berufsleben in Abschnitte und richtet sich bewusst auf sich bietende Chancen aus, mit hoher, aber selbst definierter Messlatte für Leistung und Genuss.
Der zweite Schritt ist die Kernkompetenz unter dem Motto „survival of the focused“ statt „survival of the fittest“. Scholz grenzt sie scharf von der „Schlüsselqualifikation“ ab. Diese werde allein von der Abnehmerseite definiert, und es sei dem Unternehmen gleichgültig, wenn der Beschäftigte, dessen Schlüsselqualifikation niemand mehr nachfragt, auf der Straße steht. Eine tragfähige Kernkompetenz erfüllt drei Merkmale: originäre Nähe (Herkunft, Neigung, bisherige Vergangenheit), nachweisbare Überlegenheit gegenüber Mitbewerbern und tatsächliche Nachfrage. Sie ist zu erkennen, zu entwickeln und zu verteidigen, und sie hat ein Verfallsdatum.
Der dritte Schritt ist das Portfolio. Die „Ich-Aktie“ wird wie ein Produktprogramm geführt: Milchkuh-, Star-, Fragezeichen- und „Arme-Hunde-Kompetenzen“, die permanent zu prüfen, auszubauen oder aus dem Lebenslauf zu nehmen sind. Dazu kommt die Unterscheidung zwischen der Karriere-Aktie, bei der die materielle Seite im Vordergrund steht, und der Sinn-Aktie, bei der es um selbst geschaffenen Sinn geht. Am Ende steht ein Hinweis, der leicht überlesen wird: Überleben im Darwiportunismus berühre auch Strategieinhalte, die man nicht offen kommuniziert, weil sie als „unethisch“ oder „unfair“ gelten. Sie machten aber den Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Strategie.
Wo die Diagnose trägt
Die Nachfrageseite definiert. Scholz‘ Beispiele für das Opfer der Selektion lesen sich heute fast wie eine Liste exponierter Berufe: der 08/15-Programmierer, die Allround-Beraterin für Routineanfragen, die durch ein Help-Desk-System ersetzt wird, die einfache Schreibkraft. Die Stanford-Ökonomen Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen finden in Lohnabrechnungsdaten des Dienstleisters ADP genau dort die Spur, wo Softwareentwicklung und Kundenservice liegen. Beschäftigte zwischen 22 und 25 Jahren in stark KI-exponierten Berufen liegen in der im August 2026 überarbeiteten Fassung der Studie rund 19 Prozent unter dem Pfad, den sie bei gleicher Entwicklung wie in weniger exponierten Berufen genommen hätten. Erfahrene zeigen keine vergleichbare Lücke. Die Anpassung läuft vor allem über ausbleibende Einstellungen, nicht über Entlassungen, und sie konzentriert sich auf Berufe, in denen KI Tätigkeiten ersetzt statt ergänzt. Von flächendeckender Verdrängung sprechen die Autoren ausdrück…

