In Hyderabad entstehen jeden Monat fast eine Milliarde Tabletten für den amerikanischen Markt. Washington will diese Produktion mit Zöllen zurückholen, doch selbst ein Satz von 200 Prozent dürfte den indischen Kostenvorsprung kaum aufheben. Deutschland steht vor demselben Problem, hat es aber auf anderem Weg erzeugt: nicht durch fehlende Zölle, sondern durch die eigene Einkaufslogik.

Chinesische Industriepolitik hat das Angebot subventioniert, das deutsche Vergabesystem hat ihm den Markt geöffnet. Das Muster ist von Solarmodulen und Wärmepumpen bekannt. Bei Generika läuft es in umgekehrter Preisrichtung ab, mit demselben Ergebnis.

Während Brüssel mit dem Critical Medicines Act Resilienzkriterien in die Arzneimittelvergabe schreibt, plant Berlin die Rückkehr zu Ausschreibungen bei Krebsmedikamenten, die 2017 wegen Versorgungsproblemen verboten worden waren. Indien zeigt derweil, wie ein Staat mit niedrigen Kosten das Problem angeht: nicht über den Preis, sondern über abgesicherte Dauer.


Ein Werk in Hyderabad

Die New York Times hat Anfang Oktober eine Fabrik beschrieben, deren Namen kaum jemand kennt: das Werk F.T.O. U-3 von Dr. Reddy’s Laboratories in Hyderabad. Rund 1.900 Beschäftigte stellen dort mehr als hundert Generika her, also Nachahmerpräparate von Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist – Antihistaminika, Statine, Antidepressiva, Betablocker. Von den fast eine Milliarde Dosen, die das Werk monatlich verlässt, gehen drei Viertel an Patienten in den USA. Generika machen 90 Prozent der amerikanischen Verordnungen aus, 40 Prozent davon kommen aus Indien.

Donald Trump hat im Juli angekündigt, importierte Generika ab August 2028 mit 100 Prozent und ein Jahr später mit 200 Prozent zu verzollen. Sudarshan Jain, Generalsekretär der Indian Pharmaceutical Alliance, des Verbands der großen indischen Pharmahersteller, hält dagegen: Die meisten in Indien gefertigten Tabletten und Flüssigarzneien würden in den USA mindestens das Vierfache kosten.

Bemerkenswerter als die Lohndifferenz ist, was der Bericht über die Struktur des Vorsprungs sagt. Peter DeYoung, in den USA geborener Chef von Piramal Global Pharma mit Werken in Indien, Europa und den USA, beschreibt eine umgekehrte Kostenstruktur. In Amerika sei Arbeit der mit Abstand größte Kostenblock, gefolgt von Energie und Material. In Indien sei es umgekehrt. Hinzu kommt die Zeit: Werke und Prozesse, die in den USA, Europa oder Israel vier Jahre bis zur Inbetriebnahme brauchten, ließen sich in Indien in einem Jahr fertigstellen. Spezialanlagen seien in der halben Zeit verfügbar, die man in Deutschland oder Österreich benötige.

Jain fügt ein drittes Element hinzu, das über Kostenvergleiche hinausgeht. Im Westen verliere ein Wirkstoff nach Ablauf des Patents das unternehmerische Interesse, weil die großen Gewinne mit patentierten Medikamenten erzielt werden. In Indien beginne dann erst die eigentliche Prozessentwicklung, und bei den dortigen Volumina werde man mit jedem Jahr besser. Der indische Vorsprung wäre demnach nicht nur ein Lohnvorteil, sondern kumulierte Herstellungserfahrung in einem Segment, das westliche Hersteller aufgegeben haben.

Welches Problem soll gelöst werden?

DeYoung stellt im Gespräch mit der Zeitung eine Gegenfrage, die über die amerikanische Zolldebatte hinausreicht: „So what problem are you trying to solve?“ Geht es darum, Arbeitsplätze in der Pharmaproduktion zurückzuholen? Oder darum, die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten zu sichern? Es sind zwei Ziele mit verschiedenen Instrumenten. Für sein eigenes Unternehmen beantwortet DeYoung die Frage eindeutig: Piramal betreibt Doppelstandorte in Indien und den USA für Präparate wie das Narkosemittel Sevofluran, die auch dann verfügbar bleiben müssen, wenn internationale Lieferketten vollständig zusammenbrechen. Das ist Versorgungssicherheit, keine Beschäftigungspolitik.

In Deutschland stehen sich dieselben zwei Problemdefinitionen gegenüber, nur unter anderen Vorzeichen. Generika sichern hier nach Angaben des Herstellerverbands Pro Generika 81 Prozent der Arzneimittelversorgung, verursachen aber nur knapp sechs Prozent der Kosten. Etwa drei Viertel des Generikamarkts laufen über Rabattverträge. Das sind Exklusivverträge, die gesetzliche Krankenkassen per Ausschreibung mit dem günstigsten Anbieter eines Wirkstoffs schließen. Dazu kommen Festbeträge, also Erstattungsobergrenzen für Gruppen vergleichbarer Medikamente, sowie gesetzliche Herstellerabschläge.

Nach den Engpässen bei Kinderarzneimitteln im Winter 2022/23 verabschiedete die Ampel-Koalition 2023 unter Gesundheitsminister Karl Lauterbach das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz, kurz ALBVVG. Generische Kinderarzneimittel wurden aus den Rabattverträgen herausgenommen, bei Ausschreibungen muss nun auch ein Hersteller aus der EU zum Zug kommen, und für versorgungskritische Wirkstoffe gilt eine sechsmonatige Vorratspflicht.

Die Bilanz fällt je nach Absender unterschiedlich aus. Ein Jahr nach Inkrafttreten plante laut Pro Generika keines der befragten Mitgliedsunternehmen, die Produktion von Antibiotika oder Krebsmedikamenten auszuweiten. Eine vom Verband beauftragte Auswertung des IGES-Instituts sah Ende 2025 leichte Verbesserungen bei Kinderarzneimitteln, in anderen Bereichen aber keine Wirkung. Der GKV-Spitzenverband kommt in seiner eigenen Evaluierung zu einem anderen Schluss: Die Ausgaben für Mittel mit Lieferengpässen seien durch das Gesetz jährlich um…